Lisa Jenkins, Terri Averi et al.: Diese Drei Dinge
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 21.11.2025
Lisa Jenkins, Terri Averi, Tina Opina: Diese Drei Dinge. Ein Leitfaden für den Umgang mit Demenz. Springer (Berlin) 2025. 76 Seiten. ISBN 978-3-031-92961-8. 29,99 EUR.
Thema
Der Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium wird gegenwärtig fachlich immer noch recht kontrovers erörtert. Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um die Zusammenfassung jahrelanger praktischer Erfahrungen, die beruflich Pflegende und Betreuende in der ambulanten Versorgung Demenzkranker im häuslichen Bereich gemacht haben.
Autorinnen
Lisa Jenkins, Terri Averi und Tina Opina sind u.a. Krankenschwestern und Demenzbetreuerinnen eines ambulanten Pflege- und Betreuungsdienstes in den USA.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in neun Kapitel nebst Vorwort, Prolog und Glossar unterteilt. Es enthält mehrere Abbildungen. Von Interesse mag eventuell der Sachverhalt sein, dass dieser hier vorliegende Text eine KI-Übersetzung aus dem Englischen ist.
Kapitel 1 (Was ist Demenz?) enthält einen kurzen Überblick über Demenzen: Kernsymptome, Demenztypen (u.a. Alzheimerdemenz und Frontallappendemenz) und den neuropathologischen Abbauprozess. Des Weiteren werden die Unterschiede zwischen dem demenziellen Abbau und der Akutphase des Delirs erläutert.
In Kapitel 2 (Demenz und Kommunikation) werden praktische Hinweise bezüglich der verbalen Kommunikation mit Demenzkranken gegeben: u.a. Vermeidung jedweder Diskussion, langsam und konzentriert sprechen, offene Fragen vermeiden, möglichst in Augenhöhe kommunizieren, Ablenkungspotentiale wie Fernsehen ausschalten, Verwendung schriftlicher Notizen und Abbildungen bei Verständnisschwierigkeiten.
Kapitel 3 (Demenz und sensorische Veränderungen) führt u.a. altersbedingte Veränderungen der Sinneswahrnehmungen in Verbindung mit einer Reihe von Empfehlungen bezüglich der Versorgung Demenzkranker auf. Bezüglich der Beeinträchtigung des Geruchs- und Geschmackssinns wird u.a. angeraten, Rauch- und Kohlenmonoxidmelder zu installieren und möglichst haltbare Lebensmittel vorzuhalten. Hinsichtlich der Schwächung der Sehkraft wird auf die Anpassung der Beleuchtung verwiesen: z.B. konstrastierende Farben für Teller und Toilettensitze und Beistelllampen. Bezüglich der Verminderung des Tastsinns einschließlich der Temperaturwahrnehmung gilt es z.B., den Wasserkocher entsprechend zu regulieren.
In Kapitel 4 (Demenz: Verhaltensweisen und Emotionen) werden demenzspezifische Krankheitssymptome aufgelistet: u.a. Aggression, Wut, Angst, Wahnvorstellungen, Furcht, Halluzinationen, Horten, Hyperoralität, unangemessene Sprache und unangemessenes sexuelles Verhalten, Shadowing, Sundowning, Spucken, Dinge wegnehmen und Ruhelosigkeit. Diese Verhaltensweisen werden teils anhand von konkreten Beispielen auch bezüglich ihrer Ursachen kurz erläutert.
Kapitel 5 (Grundlegende Tipps) entfaltet anhand eines Szenarios wesentliche abstrakte Strategien im Umgang mit Demenzkranken: „kritisches Denken“, „Kreativität“ und „Flexibilität“. Dabei gehen sie von folgender Annahme aus: „Demenz kann sich bei jedem Menschen anders zeigen – es gibt hier keinen einheitlichen Ver- oder Ablauf dieser Erkrankung. Jeder macht unterschiedliche Entwicklungen durch und reagiert anders auf Situationen. Was heute funktioniert, funktioniert vielleicht morgen nicht mehr. Und was heute nicht geklappt hat, kann morgen wunderbar funktionieren.“ (Seite 26). Gemäß dieser Einschätzung geben die Autorinnen praktische Tipps zur Entwicklung wirksamer Lösungsstrategien bei problematischen Gegebenheiten.
Kapitel 6 (Techniken) enthält die sechs Haupttechniken im Umgang mit Demenzkranken, die anhand kurzer Beschreibungen angeführt werden:
- Nicht streiten: Vermeidung von Widerworten und Diskussionen
- Betreten Sie die Realität des an Demenz Erkrankten: Akzeptanz der Desorientierungsphänomene mittels der Strategien der „Mitgehens und Mitmachens“
- Fünf Wörter oder weniger: Verwendung kurzer Sätze
- Spiegelbild: Bei der Pflege und Betreuung zur Nachahmung anregen
- Räumliche Wiederholung (RW): Konditionierung verbaler und schriftlicher Nachrichten
- Therapeutische Wahrheiten: Fiktive Aussagen zur Beruhigung und Ablenkung
In Kapitel 7 (Diese Drei Dinge) werden Handlungsempfehlungen zu u.a. folgenden Gegebenheiten aufgeführt: Pflegeverweigerung (u.a. Anregung zur Nachahmung und Ablenkung), Kommunikationsprobleme (u.a. kurze Sätze und Gestik), Aggression (u.a. Ablenkung mittels neuer Reizgefüge, ruhige Musik), unangemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit wie lautes Reden und das Berühren fremder Personen (ruhig bleiben und Ablenkung), Angst und Furcht (u.a. verbale Beruhigung, Lied singen, Babypuppe oder Stofftier in die Hand drücken), Halluzinationen (bei belastenden Halluzinationen Reizimpuls fiktiv entfernen, bei anderen Halluzinationen ignorieren bzw. mitgehen und mitmachen), Wahnvorstellungen (Ablenkung mittels Singen und Bewegungsimpulse wie Spaziergang), starker Bewegungsdrang (sichere Bewegungsflächen, Schaukelstuhl, Ablenkung mittels Fernsehen, Zeitschrift oder einem Gegenstand zum Anfassen), Spucken (Becher oder Tuch zum Hineinspucken, Lutscher oder Bonbons anbieten), depressives Verhalten (u.a. in den Arm nehmen, zusammen sitzen, Medikamente), Verweigerung der Medikamenteneinnahme (u.a. zur Nachahmung anregen, Veränderung der Medikamentenform wie Saft anstelle einer Tablette) und Mahlzeiteneinnahme (u.a. das Nachahmungsverhalten anregen).
Kapitel 8 (Sorge für Dich) enthält eine Reihe praktischer Tipps für Pflegende zur Selbstberuhigung je nach zeitlichem Aufwand: bei einer Minute z.B. fünf langsame und tiefe Atemzüge, bei fünf Minute für die Selbstpflege u.a.: „Legen Sie Ihr Lieblingslied auf und singen Sie laut mit oder tanzen Sie herum.“ (Seite 62). Bei 15 Minuten könnte man eine Tasse Tee trinken oder einen Freund anrufen. Bei 30 Minuten Zeit zur Selbstpflege wird Kreatives empfohlen: Schreiben Sie ein Gedicht oder Malen Sie mit Wasserfarben. Bei längeren Phasen werden dann u.a. Spaziergänge empfohlen.
In Kapitel 9 (Unterstützung der Gehirngesundheit) werden Präventionsmaßnahmen aufgelistet, die den Ausbruch der Erkrankung deutlich hinauszögern oder sogar die Demenz selbst verhindern können. Es handelt sich dabei um körperliche Aktivität, gesunde Ernährung, soziale Kontakte und geistige Beschäftigung (Kreuzworträtsel u.a.). Reduziert werden sollte diesbezüglich Nikotin, Alkohol, Adipositas und Stress. Vermieden werden sollten des Weiteren u.a. belastende Umweltfaktoren wie Schadstoffe in der Luft.
Diskussion
Hier liegt eindeutig ein Buch aus dem Bereich „aus der Praxis für die Praxis“ vor, denn es sind Pflegende und Betreuende, die ihre und die Erfahrungen ihrer Kolleginnen aus jahrelanger Pflege und Betreuung Demenzkranker im schweren Stadium zusammengefasst haben. Das bedeutet u.a. im Umkehrschluss, dass hier nicht Modelle und Konzepte aus dem weiten Spektrum der Demenzversorgung im Vordergrund stehen, sondern ganz konkrete Hinweise und Empfehlungen im Umgang mit Demenzkranken, die in deutschsprachigen Publikationen meist bloß als „individuelle Tricks und Kniffe“ abgetan werden. Das bedeutet aber auch, dass vieles bereits bekannt ist, denn diese intuitiv und spontan praktizierten Interaktionsformen werden universell angewendet, handelt es sich doch hierbei um angeborene Verhaltensmuster, die in großen Teilen auch in der Kinderpflege praktiziert werden (James 2013, Lind 2023). Hervorzuheben gilt besonders das Faktum, dass die zentralen Strategien des Umgangs bei demenzspezifischen Krankheitssymptomen wie Realitätsverlusten und ständiger Unruhe anhand vieler Fallbeispiele expliziert werden. Es handelt sich dabei vor allem um das Ablenken und Beruhigen und des Weiteren um die Beeinflussungsmodalitäten des Mitgehens und Mitmachens. Gilt es z.B. „Aggression zu managen“, heißt es u.a. ganz konkret einen Ablenkungsimpuls einzusetzen: „Lassen Sie etwas fallen, wie ein Buch, ein Kissen oder Ihren Schlüssel.“ (Seite 39). Wenn in einem weiteren Beispiel eine Demenzkranke einen Freund halluziniert (Stabilisierungshalluzination – Lind 2025), wird gemäß der Strategie „Mitgehen und Mitmachen“ empfohlen: „Begrüßen Sie den Freund am Tisch!“ (Seite 41). Auch Beispiele der „therapeutischen Wahrheit“ werden angeführt: „Wenn z.B. eine 84-jährige Frau fragt, wo ihr Vater ist, könnten Sie sagen, dass er bei der Arbeit ist und bald nach Hause kommt.“ (Seite 32). All diese stressreduzierenden und effektiven Interventionen werden tagtäglich auch in Pflegeheimen und in der ambulanten Pflege in Deutschland praktiziert, doch äußerst selten werden sie in Fachbeiträgen publiziert.
Fazit
Das vorliegende Buch enthält viele Erfahrungen aus der Pflege und Betreuung Demenzkranker. Vieles mag vielleicht den Pflegenden und Betreuenden mit längerer Praxis bekannt sein, doch jungen Berufsanfängern in diesem Arbeitsfeld wird es mannigfache Anregungen und Hilfestellungen bieten, denn dieses Handlungswissen wird in der Regel nicht im Rahmen der Ausbildung vermittelt.
Literatur
James, I. A. (2013) Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz, Bern: Verlag Hans Huber
Lind, S. (2023) Wirksam umgehen mit Demenzverkindlichung. Pflegezeitschrift, 76 (3): 31–33
Lind, S. (2025) Selbststabilisierung und Stabilisierung bei Demenz. Pflegezeitschrift 78 (9): 25-27
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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