Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Lucie Kluge, Natalie Hartmann (Hrsg.): Armutsbetroffenheit in Kinder- und Familienzentren

Rezensiert von Lina Außem, 20.11.2025

Cover Lucie Kluge, Natalie Hartmann (Hrsg.): Armutsbetroffenheit in Kinder- und Familienzentren ISBN 978-3-7799-7218-1

Lucie Kluge, Natalie Hartmann (Hrsg.): Armutsbetroffenheit in Kinder- und Familienzentren sozialarbeiterisch begegnen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 186 Seiten. ISBN 978-3-7799-7218-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Reihe: Die Kita im sozialen Raum.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Der Sammelband Armutsbetroffenheit in Kinder- und Familienzentren sozialarbeiterisch begegnen adressiert ein hochaktuelles und theoretisch anspruchsvolles Themenfeld innerhalb der Sozialen Arbeit. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Fachkräfte in Kinder- und Familienzentren Armut, Prekarität und soziale Ungleichheit wahrnehmen, deuten und professionell bearbeiten können. Der Band positioniert sich damit im Schnittfeld von Sozialpolitik, Früher Bildung und Gemeinwesenarbeit. Er greift zentrale Diskurse zu sozialer Gerechtigkeit, Inklusion und Lebensbewältigung auf und fragt, welche fachlichen Konzepte geeignet sind, um Armut nicht lediglich als sozioökonomisches Defizit, sondern als strukturell und kulturell eingebettete Lebenslage zu verstehen. Der theoretische Rahmen des Werkes zeigt, dass die Soziale Arbeit im Feld der Kinder- und Familienzentren sowohl präventive als auch kompensatorische Aufgaben übernimmt und damit ein wesentliches Element sozialräumlicher Armutsbearbeitung darstellt. In einer Zeit wachsender sozialer Polarisierung bietet der Sammelband eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie professionelle Sozialarbeit den Anspruch auf Teilhabe, Bildungsgerechtigkeit und Unterstützung in der frühen Kindheit praktisch umsetzen kann.

Autor*innen

Lucie Kluge, Dr. phil., ist Professorin an der Dualen Hochschule Stuttgart für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Frühe Bildung. Sie erforscht die Verbindung von Sozialpädagogik, Armutsforschung und Professionalität in der frühpädagogischen Praxis. Natalie Hartmann, Dr. rer. soc., ist Professorin für Soziale Arbeit an derselben Hochschule und spezialisiert auf sozialarbeiterische Interventionen in existenziellen Notlagen. Beide Herausgeberinnen verfügen über umfangreiche wissenschaftliche und praxisbezogene Erfahrung und verbinden theoretische Reflexion mit empirischer und konzeptioneller Arbeit im Feld der Frühen Hilfen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband entstand aus der gemeinsamen Lehr- und Forschungspraxis der Herausgeberinnen an der Dualen Hochschule Stuttgart. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Armutslagen von Familien in der akademischen Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern bislang unterrepräsentiert sind. Vor dem Hintergrund aktueller sozialpolitischer Entwicklungen – etwa des Sechsten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung – verfolgen die Beiträge das Ziel, theoretische Zugänge und Praxisbezüge miteinander zu verbinden. Das Werk versteht sich somit als Beitrag zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit in einem Handlungsfeld, das sowohl von struktureller Ungleichheit als auch von hoher konzeptioneller Dynamik geprägt ist.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei große Teile. Der erste Teil eröffnet einen historischen und begrifflichen Zugang zur Thematik der Armut und zur Entwicklung der Kinder- und Familienzentren. Der zweite Teil bietet gesellschaftstheoretische Perspektiven und diskutiert die theoretischen Grundlagen einer armutssensiblen Sozialarbeit. Der dritte Teil richtet den Blick auf aktuelle Herausforderungen wie Intersektionalität, Digitalisierung und Fachkräftemangel. Alle Beiträge sind klar strukturiert und durch eine wissenschaftlich fundierte Argumentationsweise miteinander verbunden.

Inhalt

Im Beitrag von Lucie Kluge wird der Capability Approach nach Amartya Sen als theoretische Grundlage für die Soziale Arbeit in Kinder- und Familienzentren eingeführt. Kluge analysiert, wie Armut nicht als individueller Mangel, sondern als Einschränkung von Verwirklichungschancen zu verstehen ist. Sie überträgt diesen Ansatz auf die pädagogische Praxis, indem sie betont, dass Fachkräfte die realen Möglichkeiten von Familien berücksichtigen müssen, um Teilhabe und Selbstbestimmung zu fördern. Damit stellt Kluge eine Verbindung zwischen sozialphilosophischen Gerechtigkeitstheorien und der lebensweltorientierten Sozialarbeit her. Ihr Beitrag liefert einen bedeutsamen theoretischen Rahmen, um soziale Ungleichheit analytisch zu fassen und Handlungsperspektiven für Institutionen zu eröffnen.

Natalie Hartmann vertieft in ihrem Beitrag “Wie fühlt sich Armut an?” die subjektive Perspektive armutsbetroffener Familien. Anhand qualitativer Erhebungen zeigt sie, wie Armutserfahrungen emotional, sozial und kulturell verarbeitet werden und wie diese Deutungsmuster das Interaktionsgeschehen in Kinder- und Familienzentren prägen. Die Autorin verbindet empirische Ergebnisse mit dem Konzept der Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch und formuliert daraus Anforderungen an eine armutssensible Sozialarbeit. Sie argumentiert, dass professionelle Unterstützung die biografischen Deutungsmuster der Betroffenen respektieren und diese als Ressource begreifen muss, um nachhaltige Hilfeprozesse zu ermöglichen.

Anika Schwenk untersucht schließlich die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die Qualität der Arbeit in Kinder- und Familienzentren. Ihre Analyse zeigt, dass strukturelle Engpässe nicht nur organisatorische, sondern auch sozialpädagogische Konsequenzen haben. Sie verweist auf den Zusammenhang zwischen Personalausstattung, Arbeitsbedingungen und der Fähigkeit von Fachkräften, auf Armutslagen sensibel zu reagieren. Schwenk argumentiert, dass der Fachkräftemangel eine Gefahr für die Realisierung des sozialräumlichen Bildungsauftrags darstellt und entwickelt strategische Ansätze, wie Einrichtungen durch Kooperation, Supervision und Weiterqualifizierung Stabilität gewinnen können.

Diskussion

Der Sammelband überzeugt durch die Verbindung theoretischer Präzision und praxisrelevanter Orientierung. Er verdeutlicht, dass Armutsbekämpfung im Kontext von Kinder- und Familienzentren nur durch eine Verschränkung von Sozialpolitik, Organisationsentwicklung und professioneller Haltung gelingen kann. Besonders hervorzuheben ist der theoretische Anspruch, Armut als relationales und dynamisches Phänomen zu verstehen, das in institutionellen Strukturen ebenso wie in individuellen Biografien verankert ist. Damit leistet das Werk einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des sozialarbeiterischen Professionsverständnisses. Die Autorinnen positionieren sich klar innerhalb einer kritischen Sozialarbeitsforschung, die gesellschaftliche Machtverhältnisse, Klassenzugehörigkeit und institutionelle Selektionsmechanismen als zentrale Analyseebenen begreift. Bemerkenswert ist, dass der Band es schafft, Mikro- und Makroperspektive produktiv miteinander zu verknüpfen: Während individuelle Lebenslagen und Deutungen ernst genommen werden, wird zugleich auf strukturelle Determinanten wie Sozialpolitik, Bildungssteuerung und Arbeitsmarktlogiken verwiesen. Diese Mehrdimensionalität ist eine seiner größten Stärken. Methodisch ist der Band durch eine deutliche Nähe zu qualitativen und interpretativen Forschungsansätzen gekennzeichnet. Er bleibt damit der Tradition einer verstehenden Sozialarbeitswissenschaft verpflichtet, die Erfahrungswissen, subjektive Sinnstrukturen und institutionelle Kontexte in Beziehung setzt. Diese Haltung spiegelt sich insbesondere in den Beiträgen von Hartmann und Kluge wider, die sich durch hohe Reflexivität und theoretische Konsistenz auszeichnen. Gleichwohl wäre eine noch stärkere systematische Auswertung der empirischen Daten hilfreich gewesen, um die theoretischen Befunde zu untermauern und deren Geltungsbereich zu erweitern.
Der Sammelband trägt insgesamt zu einer Re-Politisierung der Armutsdiskussion in der Sozialen Arbeit bei. Er betont, dass Professionalisierung nicht nur eine Frage methodischer Kompetenz ist, sondern auch der Fähigkeit, gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse kritisch zu reflektieren. Damit schließt er an neuere Diskurse zu sozialer Gerechtigkeit, Anerkennung und Empowerment an. Die Beiträge regen an, Armut als Herausforderung sozialer Teilhabe zu verstehen und Sozialarbeit in Kinder- und Familienzentren als Ort sozialer Innovation zu begreifen. Die theoretische Dichte und die interdisziplinäre Perspektive machen das Werk zu einer wichtigen Referenz im deutschsprachigen Diskurs über Armut und Soziale Arbeit.

Der Sammelband bietet eine differenzierte und theoriegeleitete Auseinandersetzung mit der Armutsbetroffenheit von Familien im Kontext sozialräumlicher Einrichtungen. Er verbindet sozialphilosophische Ansätze, empirische Befunde und praxisnahe Reflexionen zu einem kohärenten Gesamtbild. Besonders hervorzuheben ist der Versuch, den Capability Approach und das Konzept der Lebensbewältigung in einen gemeinsamen theoretischen Bezugsrahmen zu stellen. Damit wird ein substantieller Beitrag zur Weiterentwicklung einer reflexiven und armutssensiblen Sozialarbeit geleistet, die strukturelle wie subjektive Dimensionen gleichermaßen berücksichtigt. Das Werk ist für Forschende, Lehrende und Praktikerinnen der Sozialen Arbeit gleichermaßen relevant und trägt zur theoretischen Fundierung sozialarbeiterischer Armutsdiskurse bei. Es schärft das Bewusstsein dafür, dass Armutsbearbeitung eine dauerhafte gesellschaftliche und professionelle Aufgabe ist, die nur in der Verbindung von Theorie, Empirie und institutioneller Verantwortung bewältigt werden kann.

Fazit

Der Sammelband bietet einen fundierten und zugleich praxisrelevanten Einblick in die komplexe Bearbeitung von Armut in Kinder- und Familienzentren. Besonders überzeugend ist die Verbindung theoretischer Ansätze mit konkreten Anforderungen an eine armutssensible professionelle Praxis. Insgesamt stellt das Werk einen wichtigen Beitrag dar, um soziale Ungleichheit differenziert zu verstehen und fachlich angemessen darauf zu reagieren.

Rezension von
Lina Außem
Mailformular

Es gibt 1 Rezension von Lina Außem.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245