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Melanie Misamer: Machtsensible Praxis in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Nadine Christ, 15.08.2025

Cover Melanie Misamer: Machtsensible Praxis in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-17-044168-2

Melanie Misamer: Machtsensible Praxis in der Sozialen Arbeit. Interdisziplinäre und evidenzbasierte Methoden. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 161 Seiten. ISBN 978-3-17-044168-2. 29,00 EUR.

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Thema

„Machtsensible Praxis in der Sozialen Arbeit – Interdisziplinäre und evidenzbasierte Methoden“ von Melanie Misamer ist ein Buch, das eine praxisorientierten Ansatz im sensiblen Umgang mit dem Thema Macht in der Sozialen Arbeit aufzeigt. Mit einem klaren Fokus auf die Anwendung von evidenzbasierten Methoden stellt Misamer einen umfassenden Methodenkoffer bereit. Dieser kann für Sozialarbeitende eine wertvolle Ressource in der täglichen Ausgestaltung machtsensibler Praxis sein.

Autorin

Melanie Misamer ist Sozialforscherin mit dem Schwerpunkt Machtforschung. Außerdem hat sie eine Professur am Gesundheitscampus Göttingen inne und lehrt dort vordergründig im Studienbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Sie hat im Fach Pädagogische Psychologie promoviert und war in verschiedenen Praxisfeldern tätig. Misamer begründet Macht in ihrer interdisziplinären Forschung als neutrales Potenzial, welches auf verschiedene Art und Weise eingesetzt werden kann. Dies ist die Basis das von ihr entwickelte Handlungskonzept Machtsensibilität. Ihre Machtsensibilitätsscreenings sind hilfreich, um asymmetrische Machtgefüge zu erkennen und den „schwächeren Part“ in seiner Position zu stärken und zu befähigen (Misamer, 2025).

Entstehungshintergrund

Ich bin eine langjährige Praktikerin der Sozialen Arbeit, die sich heute in der Hochschullehre für einen gelingenden Theorie-Praxis-Transfer einsetzt. Durch Erfahrungswerte meine ich einzuschätzen zu können, wie umsetzbar theoretische Konzepte in der Praxis sind. Da ich selbst als Sozialarbeitende zahlreiche berufliche Situationen erlebt habe, in den Macht eine durchaus herausfordernde und gleichsam bedeutsame Rolle spielte und ich häufig auf der Suche einem guten Umgang damit war, habe ich mich bereits 2023 für Misamers Werk „Machtsensibilität in der Sozialen Arbeit“ begeistert. Misamers jetziges Buch stellt insofern einen praxisrelevanten, wertvollen Beitrag dar, indem es evidenzbasierte Theorien ausgezeichnet in praktischen Kontexten methodisch anwendbar macht und so den Theorie-Praxis-Transfer wirkungsvoll fördert.

Aufbau

Durch das vorliegende Buch führt ein aus Sketchnotes bestehender Wegweiser, der Symbole für Definitionen, Empfehlungen, wichtige Informationen und Zusammenfassungen enthält. Dies dient einer guten Übersichtlichkeit und wirkt sich u.a. sehr hilfreich auf das Generieren von Take-Home-Messages aus.

Das Buch besteht aus drei Kapiteln und umfasst 148 Seiten. Misamer schafft eine gute Wissensbasis indem Sie vorerst in das Handlungskonzept Machtsensibilität einführt. Sie definiert das Handlungskonzept an sich und leitet dann über zum multidisziplinären dimensionalen Machtkonzept. Die Autorin beschreibt Machtsensibilität als einen elementaren Part der professionellen Identitätsbildung in der Sozialen Arbeit.

Kapitel zwei ist der empirischen Fundierung gewidmet. Misamer erläutert, warum die Evidenzbasierung von Methoden bedeutsam ist und bezieht diese auf die konstruktive und die destruktive Machtanwendung. Sie geht folgend auf die Evidenzbasierung der berufsethischen Prinzipien und des Handlungskonzeptes Machtsensibilität an sich ein.

Kapitel drei konkretisiert dann in 17 Unterkapiteln die einzelnen Methoden zur konstruktiven Machtanwendung, die von Empowerment bis zur „Neuen Autorität“ reichen.

Inhalte

Misamer führt präzise in die Soziale Arbeit, das Thema Machtsensibilität und die Idee eines Methodenkoffers ein. Sie betont die Besonderheit der Evidenzbasierung dieses Methodenkoffers und beschreibt sehr klar, auf welchen Faktoren die Methodenauswahl basiert (Misamer, 2025).

In Kapitel 1 definiert Misamer, was ein Handlungskonzept ist und welcher Charakteristik Handlungskonzepte unterliegen. Sie bezieht sich dabei vorrangig auf Amthor, James und Kuhlke (2023). Sie informiert darüber hinaus transparent und kritisch zu Unschärfen und Uneinigkeiten der Begriffe Konzept und Methode. Im Folgenden kommt die Autorin zum von ihr entwickelten multidisziplinären dimensionalen Machtkonzept mit Fokus auf die Differenzierung konstruktiver und destruktiver Machtanwendung (Misamer, 2025). Sie betont Macht als neutrales Potenzial, dessen Ausgestaltung in der Verantwortung der Akteur*innen selbst liegt. Für die differenzierte Betrachtung führt sie fünf wissenschaftliche Beispiele verschiedener Disziplinen an. Eine eigene grafische Darstellung zu konstruktiver und destruktiver Machtanwendung sorgt für ein gutes Verständnis des Machtkonzeptes. Misamer definiert außerdem Machtsensibilität umfangreich und erläutert zur Messbarkeit derer das Machtsensibilitätsscreening, das die Lesenden anhand zweier Tabellen anwenden können. Misamer macht eindrücklich klar, dass Machtsensibilität unabdingbar für die Ausprägung einer professionellen Identität in der Sozialen Arbeit ist (ebd.).

In Kapitel 2 liefert Misamer ein schlüssiges Plädoyer für die evidenzbasierte Praxis in der Sozialen Arbeit, die nach Hüttemann (2014) als mehrdimensionaler Diskurs verstanden werden muss. Sie beschreibt Sinnhaftigkeit und Relevanz der Evidenzbasierung von Methoden und spielt klar auf den Benefit sowohl für die Theorie als auch für die Praxis der Sozialen Arbeit an. Bemerkenswert ist, dass Misamer auch den daraus resultierenden Gewinn für Adressierte der Profession mitdenkt. Zum besseren Verständnis liefert sie auf S. 33 eine eigene Darstellung des empirischen Kreislaufs (Misamer, 2025). Sie führt darüber hinaus zur konkreten Evidenzbasierung konstruktiver und destruktiver Macht im Bereich der Sozialen Arbeit allgemein, der Jugendhilfe, der Kindheits-pädagogik und der Schule aus. Dazu nutzt sie die tabellarische Form. Es werden Aspekte konstruktiver Machtanwendung auf der einen Seite und passende Methodenvorschläge aus dem Methodenpool in Kapitel 3 auf der anderen Seite dargestellt. Dabei greift Misamer gelingend auf eigene Darstellungen aus Misamer & Hennecken (2022), Misamer, Hackbart & Thies (2017), Misamer & Scholl (2021) und Misamer (2019) zurück.

Die Autorin schließt Kapitel 2 mit Ausführungen zur Evidenzbasierung (berufsethischer) Prinzipien und des Handlungskonzeptes Machtsensibilität und zeichnet so erneut ein klares Bild förderlicher Konsequenzen der Evidenzbasierung für Mitarbeitende und Adressierte der Sozialen Arbeit.

Kapitel 3 bildet 17 „größtenteils evidenzbasierte Methoden“ (Misamer, 2025, S. 44) ab.

Die Methoden sind

  • Empowerment,
  • Demokratische Partizipation in Kindertageseinrichtungen,
  • Vorbildverhalten,
  • Angehen von Missständen,
  • Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung und Reduzierung von Hilflosigkeit,
  • Authentisches Interesse,
  • Effektives Problemmanagement,
  • Beziehungs- und Vertrauensaufbau,
  • Sich für andere einsetzen
  • Beziehungen für Adressierte spielen lassen
  • Schutzraum schaffen
  • Partizipative Entscheidungsfindung
  • Selbstreflexion,
  • Professionelle Nähe und Distanz,
  • Perspektivwechsel,
  • Stressreduzierung,
  • „Neue Autorität“ (ebd).

Alle Methoden werden definiert und theoretisch fachfundiert begründet. Zudem liefert Misamer für jede der Methoden die spezifische Evidenzbasierung, den Anwendungsbereich und die geeignete Zielgruppe, die konkrete Beschreibung und Umsetzung, die Wirkung und kritische Reflexion. Dabei setzt sie u.a. eigene Grafiken, Tabellen und Abbildungen zum besseren Verständnis ein.

Diskussion

Der Methodenkoffer, der hier geboten wird, ist geeignet, um zahlreichen Situationen und unterschiedlichen Bedürfnissen in der Sozialen Arbeit in puncto Machtsensibilität professionell gerecht zu werden. Es kann aus einem breiten Spektrum an Methoden gewählt werden, um spezifischen Arbeitssituationen fundiert begegnen und so – im besten Fall – die Wirksamkeit sozialarbeiterischer Interventionen erhöhen zu können. Die Schnittstelle von Praxis und Theorie wird im Buch gelungen abgebildet, wobei die vorgestellten Methoden auf valider Basis beruhen und auch praktisch gut umsetzbar sind.

Misamer skizziert in ihrem Buch insgesamt 17 Methoden, die von Empowerment und Stressreduktion, über Beziehungs- und Vertrauensaufbau bis hin zu Selbstreflexion und Perspektivwechsel reichen. Alle Methoden werden Mitarbeitenden der Profession Soziale Arbeit geläufig sein. Misamers Betrachtungen, detailvollen Darstellungen und Einordnungen in das Handlungskonzept Machtsensibilität sind jedoch fachlich innovativ und besonders wertvoll für Praxis, Forschung und das Selbstbild der Sozialen Arbeit.

Jede Methode wird detailliert beschrieben und in einem konsistenten Format präsentiert. Das erleichtert es den Lesenden, die Ganzheitlichkeit theoretischer Grundlagen, praktischer Anwendungen und potenzieller Wirkungen zu erfassen. Diese klare Struktur ermöglicht es, relevante Informationen schnell zu greifen und die Methoden effizient in ihren beruflichen Alltag zu integrieren. Ein weiterer wertvoller Aspekt des Buches ist die praxisnahe Ausrichtung der vorgestellten Methoden. Diese Methoden bedürfen keiner ressourcenverschlingenden materiellen Ausstattung. Diese Methoden bedürfen der Ausprägung klarer machtsensibler Haltung der Ausführenden. Misamer legt daher großen Wert auf die kritische Reflexion der Rolle der Sozialarbeitenden als machtvolle Akteur*innen gegenüber oft vulnerablen Adressierten. Die Methoden sind demzufolge darauf ausgelegt, Machtverhältnisse sensibel, bewusst und konstruktiv zu nutzen, um die Selbstwirksamkeit, Partizipation und Selbstermächtigung der Adressierten zu fördern. Diese Herangehensweise kann in der Konsequenz nicht nur die Adressierten stärken, sondern auch die Fachkräfte in ihrer professionellen Entwicklung stärken, indem sie ihr Verantwortungsbewusstsein, ihre Reflexionsfähigkeit und ihre Fähigkeit zum Perspektivwechsel fördert.

Fazit

Zusammenfassend ist das Buch ein praktischer Leitfaden für alle, die in der Sozialen Arbeit tätig sind (Sozialarbeitende) oder später sein wollen (Studierende). Es dient der Weiter(Entwicklung) ihrer Arbeit durch den gezielten Einsatz gut umsetzbarer evidenzbasierter Methoden und den bewussten Umgang mit Macht. Misamers Buch ist eine gut lesbare Ressource für die Praxis der Sozialen Arbeit, die sowohl theoretische als auch praktische Elemente erfolgreich in Einklang bringt.

Quellen

Amthor, R.-C., James, S. & Kuhlke, D. (2023): Lehrbuch Handlungskonzepte der Sozialen Arbeit. Weinheim, Basel: Beltz.

Hüttemann, M. (2014): Evidenzbasierte Praxis und Qualität. In: Klinische Sozialarbeit, 10 (4), S. 11–12.

Misamer, M. (2025): Machtsensible Praxis in der Sozialen Arbeit – Interdisziplinäre und evidenzbasierte Methoden. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

Misamer, M. & Hennecken, L. (2022): Machtsensibilität in der Praxis der Sozialen Arbeit. Eine explorative Analyse. In: EREV – Fachzeitschrift für evangelische Jugendhilfe, 99, S. 194–201.

Misamer, M. & Scholl, W. (2021): Eingeschätzte Machtanwendungen in der Kindheitspädagogik. Zur Wichtigkeit von Prinzipienorientierung. In: Soziale Arbeit, 5, S. 178–183.

Misamer, M. (2019): Macht und Machtmittel in der Schule: Eine empirische Untersuchung. Lage: Jacobs.

Misamer, M., Hackbart, M. & Thies, B. (2017): Der Umgang mit Macht in der Arbeitspraxis: Ein machtsensibles Fachgespräch mit einer Führungskraft aus der Sozialen Arbeit. In: FORUM sozial, 2, S. 22–26

Rezension von
Nadine Christ
Lehrkraft für besondere Aufgaben, Dipl. Sozialarbeiterin / Sozialpädagogin, Systemische Beraterin und Therapeutin, Systemische Coachin und Supervisorin
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ISSN 2190-9245