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Nadja Habibi: Prostitution versus Sexarbeit

Rezensiert von Susanne Kock, 21.07.2025

Cover Nadja Habibi: Prostitution versus Sexarbeit ISBN 978-3-948731-08-3

Nadja Habibi: Prostitution versus Sexarbeit. Feministische Debatten und Implikationen für die Soziale Arbeit. MARTA PRESS (Hamburg) 2022. 129 Seiten. ISBN 978-3-948731-08-3. D: 12,00 EUR, A: 14,00 EUR, CH: 16,00 sFr.
Reihe: Aspekte.

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Thema

Sexarbeit und Prostitution werden insbesondere in feministischen Debatten ambivalent und oft moralisch aufgeladen diskutiert. Dabei stehen sich vor allem zwei Positionen gegenüber: die abolitionistische, die sexuelle Dienstleistungen a priori als Gewalt gegen Frauen versteht, und die liberale, die Sexarbeit als Arbeit anerkennt. Habibi untersucht diese gegensätzlichen Ansichten und deren Implikationen für die Soziale Arbeit.

Autor:in und Entstehungsgeschichte

Nadja Habibi ist Sozialarbeiterin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin und engagiert sich eigenen Angaben zufolge als politische Aktivistin in marxistischen Kontexten. Das Buch basiert auf ihrer Bachelorarbeit.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung nimmt Habibi in Kapitel 2 zunächst eine Begriffsklärung vor, indem sie die Ausdrücke Prostitution und Sexarbeit gegenübergestellt und diskutiert. Letzterer wird dabei als neoliberales, euphemistisches Konstrukt interpretiert, das ein ausbeuterisches System normalisiere. Weiter wird die strikte Unterscheidung zwischen Zwang und Freiwilligkeit als problematisch gewertet, da so eine anerkennenswerte, konsensuelle Form von Sexarbeit suggeriert würde, die jedoch der Realität widerspräche. Durch (z.B. ökonomische) Zwänge und strukturelle Ungleichheiten, könne eine freiwillige Entscheidung für die Sexarbeit ebenso als unfreiwillig gedeutet werden.

Kapitel 3 skizziert die historische Entwicklung: von der religiös-kulturellen Praxis zur staatlich regulierten Tätigkeit im antiken Griechenland, über Bordellschließungen im römischen Reich bis zur Wiederaufnahme im Mittelalter. Dem folgen Ausführungen zur Neuzeit hinsichtlich Sperrgebietsverordnungen, medizinischen Kontrollpflichten und der Einführung der Sittenwidrigkeit.

Kapitel 4 behandelt die heutige Situation in Deutschland insb. mit Blick auf das Prostituiertenschutzgesetz und der Debatte um „Deutschland als Bordell Europas“ im Zuge der Globalisierung und EU-Osterweiterung. Die Themen Menschenhandel und Kriminalitätsbekämpfung werden mit der derzeit geltenden liberalen Gesetzgebung verknüpft und in Anlehnung an Cho et al. Verbindungen zwischen der Liberalisierung und einer Zunahme von Menschenhandel angedeutet. Weiter wird der Staat als ökonomischer Akteur diskutiert, der durch Abgaben und Sanktionen zur Abhängigkeit und dem Verbleiben in der Sexarbeit beitrüge.

Kapitel 5 widmet sich den feministischen Perspektiven: Sowohl die ablehnende als auch die liberale Haltung werden historisch nachgezeichnet und eingehend beschrieben, ergänzt durch Themen wie Unterdrückung, Stigmatisierung und ökonomische Zwänge. Historische Positionen aus der Arbeiter*innenbewegung (Marx, Engels, Lenin, Bebel und Kollontai) werden einbezogen.

Kapitel 6 fokussiert die Soziale Arbeit, in der sich ebenfalls die widersprüchlichen Haltungen auffinden ließen. Es beginnt mit einem Zitat, in dem Sozialarbeitende in die Nähe der sog. „Prostitutionslobby“ gerückt werden und eine Verschleierung von Gewalt durch die Nutzung anderer Begriffe (z.B. Sexarbeit statt Prostitution) thematisiert wird. Daraufhin skizziert Habibi das Spannungsfeld zwischen den individuellen Anliegen der Adressierten und dem politischen Auftrag der Sozialen Arbeit, um dann auf die Parteilichkeit als zentrales Prinzip der Sozialen Arbeit einzugehen, die sie mit Blick auf liberale Haltungen in Frage stellt. Hinsichtlich eines weiteren Prinzips Sozialer Arbeit, der Wertschätzung, wird auf Basis eines anekdotischen Beispiels formuliert, dass eine Entproblematisierung sowie das Verkennen von Täter- und Opferrollen eine wertschätzende Haltung gegenüber den Adressierten unmöglich machen. Letztlich wird die Vermutung angestellt, dass bestimmte liberale Positionen in der Praxis strukturelle Gewalt verharmlosen und ein frauenfeindliches, ausbeuterisches System stützen.

Im Fazit betont Habibi, dass die (im Großteil liberal ausgerichteten) Beratungsstellen zwar am Individuum ausgerichtet arbeiten, aber – so die Vermutung der Autorin – strukturelle Bedingungen vernachlässigen. Weiter appelliert sie an die Soziale Arbeit, sich auf die Belange der Betreffenden zu konzentrieren, statt das Gewerbe zu stabilisieren. Schlussendlich wird im Buch die Haltung vertreten, dass Sexarbeit Ausdruck weiblicher Unterdrückung sei, welche die Gleichstellung der Geschlechter konterkariere.

Diskussion

Habibi unternimmt den engagierten Versuch, ein moralisch aufgeladenes und gesellschaftlich umstrittenes Feld kritisch zu beleuchten und verfolgt dabei den Anspruch, wissenschaftlich fundiert vorzugehen. Dabei geben der solide historische Abriss, die Gegenüberstellung feministischer Positionen und die Darstellung relevanter Stimmen aus der Arbeiter*innenbewegung einen guten deskriptiven Überblick. Jedoch lässt sich stellenweise die wissenschaftliche Tragfähigkeit der Arbeit in Zweifel ziehen.

Bei der anfänglichen Begriffsklärung stellt sich z.B. die Frage, weshalb gerade einer der titelgebenden und wichtigsten Begriffe der Arbeit, Prostitution, keine etymologische Herleitung erfährt („prostituere“ = herabwürdigen, bloßstellen) und tiefergehende Analysen zu seinem reduzierenden und stigmatisierenden Charakter ausgespart werden. Zum Begriff Sexarbeit fehlen ebenfalls hilfreiche Beschreibungen, z.B. zum Selbstbezeichnungscharakter des Begriffs durch Betreffende. Ob ihrer generellen Relevanz, aber auch aufgrund der Stigmatisierung, welche in der Arbeit mehrmals aufgegriffen wird, sind dies bedeutende Informationen für eine umfassende Begriffsbestimmung. Zudem hätten die Themen Zwangsprostitution, Menschenhandel oder die sog. Armutsprostitution definiert und voneinander abgegrenzt werden müssen; auch, da sie im weiteren Verlauf der Arbeit verwendet werden.

Weiter wird die wissenschaftliche Tragfähigkeit des Werkes durch eine selektive Quellenwahl und den Rückgriff auf nicht-wissenschaftliche oder tendenziöse Quellen (z.B. Alice Schwarzer) beeinträchtigt, wobei dies vor allem auf abolitionistische Stimmen zutrifft. Die Verwendung grauer Literatur begründet Habibi u.a. damit, dass die ablehnende Haltung nur wenige Anhänger:innen in der Wissenschaft aufweist, während liberal-feministische Überzeugungen dominieren. Damit drängt sich jedoch die Frage auf, weshalb die ablehnende Haltung in wissenschaftlichen Kreisen (sowie in der Praxis) kaum vertreten wird: Eine mögliche Schlussfolgerung könnte sein, dass Wissenschaft sich nicht auf persönliche Meinungen stützt und sich vor allem solche Thesen halten, die sich auch belegen lassen. Die Verwendung grauer Literatur scheint hier also lediglich zweckmäßig, nicht aber ausreichend hinterfragt. Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Autorin bestimmte Quellen des liberalen Spektrums explizit kritisch einordnet, während abolitionistisch geprägte oftmals nicht kontextualisiert werden. Indes fehlen viele relevante und etablierte Akteur*innen aus der Sexarbeits- und Prostitutionsforschung sowie aktuelle Literatur. Leider findet auch die Diskussion zentraler Thesen, etwa zum Menschenhandel, nicht immer unter Einbezug relevanter Daten statt (hier z.B. vom BKA), die teils zu abweichenden Ergebnissen gelangen. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum die dazu rezipierte Studie von Cho et al. ob ihrer dichotomen Vereinfachungen und methodischen Fehlerquellen nicht kritisch eingeordnet wird. So verhält es sich auch bei der Verwendung der als umstritten geltenden Farley-Studien, ohne auf ihre methodischen Schwächen hinzuweisen. Ferner werden oftmals wichtige Informationen ausgespart, die für eine umfängliche Analyse relevant erscheinen; z.B. bei der Darstellung staatlicher Verantwortung, die sich im Buch auf fiskalische Aspekte beschränkt, während Förderungen von Beratungs- und Ausstiegsangeboten unerwähnt bleiben. Daneben fällt auf, dass zwar bestimmte Auswirkungen der liberalen Gesetzgebung thematisiert werden, die Folgen des sog. Sexkaufverbots (Nordisches Modell) hingegen nicht, obwohl hier bereits eine solide Datenbasis besteht.

Habibi formuliert den unterstützenswerten Anspruch, bestimmte Mythen rund um Sexarbeit zu dekonstruieren, greift dabei jedoch selbst leider wiederholt auf vereinfachende Narrative zurück. So werden z.B. sexuelle Dienstleistungen überwiegend als leidvolle Erfahrung beschrieben (Viktimisierungsnarrativ), ohne empirische Belege dafür zu liefern oder widersprechende Daten zu berücksichtigen. Auch entzieht sich die pauschale Annahme fehlender Freiwilligkeit wissenschaftlichen Standards: da keine belastbaren Daten zur Grundgesamtheit der Betreffenden vorliegen, kann aus wissenschaftlicher Perspektive nicht von der „Realität in der Prostitution“ gesprochen werden. Die pauschale Gleichsetzung von z.B. ökonomischem Druck mit Unfreiheit ist streitbar, greift aber zu kurz.

In der Arbeit werden insbesondere auch Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit fokussiert. Das ist begrüßenswert, da Sexarbeit und Prostitution häufig eine nur marginale Rolle in der Sozialen Arbeit und in den Sozialwissenschaften einnehmen. Habibi wirft hier insbesondere einen kritischen Blick auf Beratungsstellen des liberalen Spektrums, die im Vergleich zu abolitionistisch geprägten Organisationen dominieren. Ihre Kritik stützt sich dabei jedoch abermals häufig auf selektive Quellen, nicht vollständig kontextualisierte Beiträge des liberalen Spektrums und ein anekdotisches Negativ-Beispiel aus zweiter Hand. So wird z.B. eine Forderung des Bündnisses der Fachberatungsstellen (bufaS e.V.) angeführt, dass die Konkurrenzfähigkeit kleiner und mittelständischer Prostitutionsgewerbe fokussiert. Das diese vor allem durch Sexarbeitende selbst betrieben werden, die damit geschützt werden sollten, bleibt unerwähnt. Dem hingegen wird in Anlehnung an Mühlberger die Vermutung formuliert, dass dadurch „(…) ein jahrhundertealtes, frauenverachtendes und ausbeuterisches System – bei welchem Männer profitieren und Frauen verlieren – um jeden Preis aufrechterhalten werden soll“ (Mühlberger 2019: 52 f.). Weiter wird formuliert, dass Sozialarbeitende Gewalterfahrungen und strukturelle Bedingungen aufgrund einer Entproblematisierung von Sexarbeit ignorierten. Gleichsam stellt Habibi bestimmte Grundprinzipien der Sozialen Arbeit, die Wertschätzung und die Parteilichkeit liberal ausgerichteter Beratungsstellen aufgrund zweier, nicht ausreichend kontextualisierter Beispiele infrage und deutet die Anerkennung individueller Entscheidungsspielräume als neoliberale Ideologie. Dabei werden jedoch weitere Prinzipien der Sozialen Arbeit nicht umfänglich berücksichtigt; darunter Autonomie, Akzeptanz und Anerkennung subjektiver Wirklichkeitskonstruktionen sowie die Orientierung an den Anliegen der Zielgruppe. Zugleich wird die vielfältige Praxis in den Beratungsstellen übersehen, in der dokumentierte Themen wie Unterstützung bei Aus- oder Umstieg, Gesundheit, Rechtsfragen, prekäre Lebenslangen oder Kriseninterventionen bearbeitet werden. Dem hingegen greift Habibi durch ein Zitat von Moran und Constabel auf ein weiteres Narrativ zurück, in dem Sozialarbeitende in die Nähe der sog. „Prostitutionslobby“ gerückt werden, ohne jedoch ihre problematische Konnotation zu hinterfragen: die Unterstellung von Naivität, eine Verbindung zu kriminellen Vereinigungen sowie das Absprechen langjähriger Expertise und Glaubwürdigkeit liberal ausgerichteter Sozialarbeiter:innen. Die damit aufgeworfenen Fragen, für welche Gruppe hier vermeintlich lobbyiert wird (etwa Freier, Zuhälter oder Menschenhändler) und inwiefern die Soziale Arbeit durch ihr Engagement für Sexarbeitende diesen zuarbeitet, werden nicht thematisiert.

Habibis Forderung, Sozialarbeitende sollen sich an den Belangen der Adressierten ausrichten, statt das Gewerbe aufrechtzuerhalten, wirft zudem weitere Fragen auf: Zum einen bleibt unklar, inwiefern Beratungsstellen das System stabilisieren, indem sie akzeptierend arbeiten und die Adressierten als Expert*innen ihrer Lebenswelt anerkennen. Dieser Logik folgend, könnte auch danach gefragt werden, inwiefern z.B. akzeptierende Suchtberatungsstellen einer „Drogenlobby“ angehören oder Süchte verharmlosen. Zum anderen wird ausgeblendet, dass die Belange der Zielgruppe nicht zwangsläufig dem Umsturz des Gewerbes oder dem Ausstieg daraus gelten müssen, womit sich Habibis Forderungen als widersprüchlich erweisen: eine parteiliche Soziale Arbeit, wie sie im Buch gefordert wird, bedeutet auch, Entscheidungsprozesse selbst unter prekären Lebenslagen und strukturellen Bedingungen anzuerkennen; ganz gleich, welche persönliche Meinung zur Sexarbeit existiert. Die pauschale Forderung nach der Abschaffung des Gewerbes, verengt dabei die professionellen Handlungsspielräume.

Fazit

Habibis Arbeit leistet einen engagierten und kritischen Beitrag zur feministischen Debatte um Sexarbeit und Prostitution, verfehlt dabei jedoch teilweise den Anspruch zentraler wissenschaftlicher Standards. Der selektive Rückgriff auf normativ aufgeladene Quellen und anekdotische Evidenz erschweren einen sachlichen Zugang zu diesem hochkomplexen Feld, während empirische Fundierungen aufgestellter Thesen, Quellenkritik und eine ausgewogenere Analyse der Sozialen Arbeit, insbesondere ob ihrer widersprüchlichen Problematisierung, notwendig gewesen wären. Trotz des formulierten Anspruchs einer wissenschaftlichen Herangehensweise, ist die Arbeit klar politisch positioniert, was eine stärkere Reflexion der eigenen Position und eine multiperspektivische Fundierung nötig gemacht hätten, womit das Werk letztlich vielmehr eine kritische Meinung darstellt, als ein Fachbuch zu den Themen Sexarbeit und Prostitution.

Rezension von
Susanne Kock
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Universität Münster; Mitglied der Gesellschaft für Sexarbeits- und Prostitutionsforschung; Sozialarbeiterin in einer Beratungsstelle für Sexarbeiter:innen
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Es gibt 1 Rezension von Susanne Kock.

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ISSN 2190-9245