Markus Kühnel (Hrsg.): Einsamkeit im Alter - ein sozialpolitisches Problem?
Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 23.12.2025
Markus Kühnel (Hrsg.): Einsamkeit im Alter - ein sozialpolitisches Problem? Eine Aufklärung von Markus Kühnel.
Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb
(Freiburg) 2025.
64 Seiten.
ISBN 978-3-7841-3825-1.
D: 11,25 EUR,
A: 11,60 EUR.
Reihe: Soziale Arbeit kontrovers, hrsg. v. Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge.
Thema und Entstehenshintergrund
Einsamkeit ist ein Thema, das spätestens seit der Corona-Pandemie intensiv diskutiert wird. Häufig werden ältere Menschen mit Einsamkeit und sozialer Isolation in Verbindung gebracht. Doch ist das Bild des einsamen alten Menschen Mythos oder Realität? Welche Risikofaktoren tragen tatsächlich zu Einsamkeit bei? Welche (politischen) Maßnahmen gibt es bereits – und welche Rolle übernimmt die Soziale Arbeit?
Diese und weitere Fragen werden im Heft aufgegriffen und beantwortet. Es ist in der Schriftenreihe „Soziale Arbeit kontrovers“ erschienen, die aktuelle Themen der Sozialen Arbeit aufgreift und kritisch, dabei jedoch in kompakter Form, diskutiert.
Autor
Markus Kühnel ist seit dem Wintersemester 2022/2023 Professor für Soziale Gerontologie an der Hochschule Landshut. Er forscht unter anderem zu (Alters-)Diskriminierung, Armut und sozialer Ungleichheit sowie zur (kommunalen) Senioren- und Demografiepolitik.
Aufbau und Inhalt
Auf 56 Seiten werden kompakt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema „Einsamkeit im Alter“ vorgestellt und diskutiert. Markus Kühnel räumt mit verbreiteten Mythen rund um Einsamkeit auf und geht unter anderem der Frage nach, welche Maßnahmen Politik und Soziale Arbeit ergreifen können und welche Rolle soziale Ungleichheiten bei der Entstehung von Einsamkeit im Alter spielen. Im Folgenden werden die wichtigsten Inhalte der einzelnen Kapitel kurz zusammengefasst.
Einleitung
Auf der einen Seite prägen seit einigen Jahren Schlagworte wie „Einsamkeits-Pandemie“ oder „Zeitalter der Einsamkeit“ die mediale Diskussion über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Doch sind Menschen in Deutschland tatsächlich so einsam? Aktuelle wissenschaftliche Studien können diese Zuspitzungen nicht immer bestätigen. Dennoch werden vor allem ältere Menschen häufig mit Einsamkeit in Verbindung gebracht – nicht zuletzt durch Berichte über unentdeckte Todesfälle, die das Bild zusätzlich verstärken. Dadurch stellt sich die Frage: Haben solche medialen Altersbilder und Negativdarstellungen Auswirkungen auf das Einsamkeitserleben älterer Menschen? Und welche Mythen und Tabus prägen das Thema?
Auf der anderen Seite weist der Autor darauf hin, dass die Politik im Jahr 2023 mit der Veröffentlichung der „Strategie gegen Einsamkeit“ (BMFSFJ 2023) erstmals Einsamkeit explizit als Politikfeld definiert hat. Betont wird darin vor allem die Bedeutung der Kommunen sowie die lokale Gestaltung von Einsamkeit in Kooperation mit der Sozialen Arbeit. Besonders drängend sind daher Fragen wie: „Welche Maßnahmen können Politik und Soziale Arbeit ergreifen, um dem Gefühl von Einsamkeit entgegenzuwirken?“ (S. 2) und „Warum stehen insbesondere ältere Menschen im Mittelpunkt der (kommunalen) Einsamkeitspolitik?“ (S. 2).
Grundlegende Begrifflichkeiten
Zur besseren Verständlichkeit der Thematik erklärt und definiert Markus Kühnel zentrale Begriffe, die im Zusammenhang mit Einsamkeit im Alter immer wieder auftauchen. Er weist unter anderem auf den Unterschied zwischen „allein leben“ und „allein sein“ hin und erläutert die Begriffe Einsamkeit, Vereinsamung und Isolation. Einsamkeit lässt sich zudem weiter differenzieren: Menschen können situativ oder chronisch einsam sein oder unter emotionaler, physischer oder kultureller Einsamkeit leiden. Zugleich betont Kühnel, dass Einsamkeit als subjektives Erleben nur schwer direkt erfassbar ist.
Alter(n) und Einsamkeit
Markus Kühnel beleuchtet gesellschaftliche Altersbilder, die oft paradox sind, sich sprachlich in Pauschalisierungen zeigen und häufig auf Vorurteilen, Stereotypen und Denkfehlern beruhen. Diese Bilder sind kritisch zu betrachten, da sie eng mit Altersfeindlichkeit und Altersdiskriminierung verknüpft sind. Ein besonders verbreitetes Altersbild ist das des einsamen alten Menschen. Dieses Narrativ prägt bis heute gesellschaftliche Vorstellungen, vor allem unter jüngeren Menschen, und lässt sich als Mythos entlarven. Gleichzeitig birgt es die Gefahr einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Zwar ist es richtig, dass soziale Netzwerke im Alter natürlicherweise kleiner werden. Dies ist jedoch nicht ausschließlich negativ zu bewerten und führt keineswegs zwangsläufig zu Einsamkeit. Empirisch zeigt sich vielmehr, dass sich das Einsamkeitsrisiko von 40- und 90-Jährigen mit 6,5 % kaum unterscheidet (S. 21). Kühnel folgert daher, „dass Einsamkeit kein Alter(n)seffekt ist – eine Alterseinsamkeit im Sinne einer Einsamkeit als direkte Folge des Alterungsprozesses existiert nicht“ (S. 21). Stattdessen müssen weitere Dimensionen berücksichtigt werden, etwa soziale Aktivitäten, gesundheitliche Situation und individuelle Altersbilder.
So können gesundheitliche Probleme oder chronische Erkrankungen soziale Teilhabe erschweren und so das Risiko für Einsamkeit erhöhen. Neben gesundheitlich beeinträchtigten Personen gelten zudem weitere Gruppen als besonders gefährdet: Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status, Bewohnerinnen von Pflegeeinrichtungen, Personen mit Migrationshintergrund sowie ältere Menschen aus der LGBTQAI*-Community.
(Kommunale) Politik gegen Einsamkeit
Einsamkeit als Ausdruck von Entfremdung kann Apathie, Gewalt und Radikalisierung begünstigen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen. Entsprechend wird sie zunehmend als politisch relevantes Thema verstanden. Die (kommunale) Einsamkeitspolitik ist jedoch ein noch junges Feld; erst 2023 wurde die bereits erwähnte „Strategie gegen Einsamkeit“ mit konkreten Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Diese Empfehlungen stehen in engem Zusammenhang mit den Aufgaben der Sozialen Arbeit.
Eine zentrale Rolle kommt dabei den Kommunen zu, da sie besonders nah an den Bedürfnissen der Bürger*innen agieren. Wichtig sind niedrigschwellige und kostengünstige Angebote, die soziale Teilhabe fördern – etwa Kultur- und Freizeitangebote, Sportmöglichkeiten oder gemeinschaftliche Feste, die verschiedene Altersgruppen ansprechen.
Ob und in welchem Maße die „Strategie gegen Einsamkeit“ tatsächlich zur Reduktion von Einsamkeit beiträgt, bleibt allerdings noch zu beobachten.
Kommunale Einsamkeitspolitik und Soziale Arbeit
Die „Strategie gegen Einsamkeit“ richtet sich sowohl an die Kommunen als auch an die Soziale Arbeit – nicht zuletzt, weil viele ihrer Adressat*innen ein erhöhtes Risiko haben, Einsamkeit zu erleben. Im Mittelpunkt steht dabei die aktive Gestaltung gelingender Beziehungen zwischen Menschen, um Einsamkeit möglichst früh vorzubeugen. Gleichzeitig gehört es zu den Aufgaben der Sozialen Arbeit, undifferenzierten und stereotypen Altersbildern entgegenzuwirken und damit zu einem realistischeren und vielfältigeren Verständnis des Alters beizutragen.
Fazit und Ausblick
Einsamkeit im Alter kann durch unterschiedliche Risikofaktoren begünstigt werden, ist jedoch keineswegs eine zwangsläufige Folge des Älterwerdens. Grundsätzlich kann jeder Mensch in jeder Lebensphase von Einsamkeit betroffen sein. Gleichzeitig gibt es bestimmte Personengruppen, die ein erhöhtes Risiko aufweisen, Einsamkeit zu entwickeln. Negative Altersbilder können dieses Risiko zusätzlich verstärken und sollten daher nicht unkritisch weitergetragen werden. Stabile Partnerschaften, ein höherer Bildungsstand und ein breites soziales Netzwerk wirken dagegen als wichtige Schutzfaktoren. Politisch hat die Auseinandersetzung mit Einsamkeit in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Vor allem die Kommunen spielen eine zentrale Rolle, wenn es um die Prävention und Bekämpfung von Einsamkeit geht.
Diskussion
Das übersichtliche Format ermöglicht einen schnellen Einstieg in das Thema „Einsamkeit im Alter“ und macht rasch sprechfähig. Markus Kühnel widerlegt das verbreitete Vorurteil vom einsamen alten Menschen und setzt sich kritisch mit gängigen Altersbildern auseinander. Für eine vertiefte, ausführliche Auseinandersetzung ist die Publikation nicht geeignet. Insgesamt ist das Heft sehr empfehlenswert – eine klare Leseempfehlung.
Fazit
Das Heft bietet einen klaren und gut verständlichen Überblick über das Thema „Einsamkeit im Alter“ und räumt überzeugend mit gängigen Mythen auf. Es zeigt, dass Einsamkeit kein natürlicher Alterungseffekt ist, sondern von sozialen, gesundheitlichen und politischen Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Für eine erste Orientierung ist die Publikation äußerst hilfreich und daher uneingeschränkt empfehlenswert.
Literatur
BMFSFJ – Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (2023): Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit, Berlin.
Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
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