Wolfgang Ilg, Larissa von Schwanenflügel: Lehrbuch Kinder- und Jugendarbeit
Rezensiert von Prof.in Dr. Jennifer Hübner, 28.09.2026
Wolfgang Ilg, Larissa von Schwanenflügel: Lehrbuch Kinder- und Jugendarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 292 Seiten. ISBN 978-3-7799-6649-4. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: Studienmodule Soziale Arbeit.
Thema
Das Lehrbuch Kinder und Jugendarbeit von Wolfgang Ilg und Larissa von Schwanenflügel ist 2025 im Beltz Juventa Verlag erschienen und verfolgt den Anspruch, das Arbeitsfeld der Kinder und Jugendarbeit erstmalig dezidiert für Hochschullehre und weitere Kontexte der Erwachsenenbildung systematisch aufzubereiten. Das Werk reiht sich ein in eine Reihe von Publikationen, die für sich eine grundlegende strukturierte Einführung in das Arbeitsfeld beanspruchen (bspw. Thole/Pothmann/Lindner 2021; für die Offene Kinder und Jugendarbeit: Meyer/Rahn/Patjens 2026).
Aufbau
Das Lehrbuch folgt einer klassischen Systematisierung und konturiert das Feld in 14 Kapiteln. Insgesamt umfasst das Werk 144 Seiten und schließt mit einem Anhang zu Kurzprofilen der hierzulande aktiven Jugendverbände sowie einem Literaturverzeichnis ab. Die Kapitel beginnen jeweils mit einer kurzen Zusammenfassung und enden mit Übungsaufgaben, Impulsen zur Vertiefung sowie Hinweisen auf weiterführende Literatur. Darüber hinaus finden sich in den Kapiteln, Unterkapiteln und einzelnen Abschnitten grau hinterlegte, auf unterschiedliche Lehrformate ausgerichtete Anregungen, die von Reflexionsanregungen und Diskussionsimpulsen über Gruppen und Anwendungsaufgaben bis hin zu Fallbeispielen reichen.
Inhalt
Das erste Kapitel „Ziele und Aufgaben der Kinder und Jugendarbeit“ dient dazu, grundlegend in das Arbeitsfeld einzuführen und die Kinder und Jugendarbeit als Angebotskulisse der Kinder und Jugendhilfe zu verorten. Mit Blick auf die Adressat:innen melden die Autor:innen zudem die grundsätzliche Ausrichtung des Arbeitsfeldes an: nämlich sich an alle jungen Menschen – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – zu richten. Sie markieren diesen Anspruch an Offenheit als wichtige Abgrenzung zu anderen, stärker bedarfs oder problemorientierten Leistungsangeboten der Kinder und Jugendhilfe wie bspw. Jugendsozialarbeit. Die Zielstellungen von Kinder und Jugendarbeit leiten die Autor:innen anschließend von ihrer gesetzlichen Rahmung im SGB VIII ab und verweisen auf die unter § 11 gefassten zentralen Begriffe Selbstbestimmung, Engagement, soziales Miteinander und Gesellschaft als wesentliche Bezugspunkte. Strukturbezogen wird zudem deutlich, dass die kinder und jugendarbeitsbezogenen Angebote in der BRD durch eine Vielfalt an Trägern sicherzustellen sind; dazu verweisen die Autor:innen auf das historisch gewachsene Prinzip der Subsidiarität, das eine „Selbstzurückhaltung des Staates“ (S. 22) verlange, um Pluralität zu ermöglichen. In ihrem gewissermaßen als Einführung angelegten Kapitel skizzieren von Schwanenflügel und Ilg mit dem Aneignungs-, Anerkennungs und Aushandlungspotenzial außerdem drei aus ihrer Sicht zentrale Potenziale des Feldes. Als Bildungsort wiederum erfährt dieses in Kapitel 1.3 eine besondere Akzentuierung, womit zugleich ein zentraler Bedeutungszusammenhang des gesamten Lehrbuchs aufgerufen wird: Kinder und Jugendarbeit wird als Bildungsort verstanden. Eine relevante Abgrenzungsfolie bildet hierzu der formale Bildungsort Schule, der einerseits als „Megathema“ (S. 27) im Alltag von Kindern und Jugendlichen hervorgehoben und andererseits als relevante Kooperationspartnerin gefasst wird, woraus die Autor:innen ambivalente Perspektiven für das Feld ableiten.
Im zweiten Kapitel „Adressat:innen“ richten die Autor:innen den Blick auf die Zielgruppe(n) des Feldes, junge Menschen, und skizzieren deren Aufwachsen entlang der Lebensphasen Kindheit und Jugend, wenngleich die Kapitelüberschrift auf deren Pluralität (Stichwort: Kindheiten, Jugenden) zunächst nicht unmittelbar aufmerksam macht. Ausgangspunkt des Kapitels bildet der Hinweis auf die Institutionalisierung eines „normalen Lebenslaufs“, der die gesellschaftlichen Erwartungen an das Aufwachsen junger Menschen nach Auffassung der Autor:innen nach wie vor prägt (S. 34). So bleiben die Vorstellungen eines „normalen“ Aufwachsens gesellschaftlich wirkmächtig.
Während solche Normalitätsvorstellungen weiterhin gesellschaftsrelevante Orientierung bieten, konstatieren die Autor:innen zugleich einen Wandel und eine zunehmende Entstandardisierung der Lebensphasen. Lebensstile und Lebensmodelle entfernen sich von traditionellen Vorstellungen; Lebensphasen differenzieren sich aus und Übergänge werden zunehmend unscharf. Mit Bezug auf Witte, Schmitt und Niekrenz (2021) bezeichnen sie diese auch als „Entgrenzung“ (S. 36) der Jugendphase in die Kindheit hinein. Vergleichbare Verschiebungen zeigen sich, aus Sicht der Autor:innen, auch an den Übergängen zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Unter Rückgriff auf den 15. Kinder und Jugendbericht zeichnen sie damit das Bild ausgedehnter und ausdifferenzierter Lebensphasen. Wiederholt geraten dabei Schule und Ausbildung in den Blick, womit zugleich die weiterhin hohe gesellschaftliche Bedeutung formaler Bildungsabschlüsse markiert wird.
Im dritten Kapitel „Haupt und ehrenamtlicher als Mitarbeitende“ richten von Schwanenflügel und Ilg ihren Fokus auf die Mitarbeitenden des Feldes und stellen das Zusammenspiel von Haupt und Ehrenamt heraus. Unter Rückgriff auf ausgewählten Daten der Kinder und Jugendhilfestatistik aus dem Jahr 2024 zeigen sie, dass etwa die Hälfte der hauptamtlich Tätigen über einen Studienabschluss in Sozialer Arbeit oder Sozialpädagogik verfügt; weitere 17 Prozent eine fachliche, jedoch nicht akademische Ausbildung besitzen und 22 Prozent über andere berufliche Qualifikationen sowie 15 Prozent über keinerlei beruflichen Abschluss verfügen (vgl. S. 48). Daneben bilden ehrenamtlich und freiwillig Engagierte eine wesentliche Ressource des Arbeitsfeldes. Die Übergänge zwischen ehrenamtlicher Tätigkeit und einer späteren Beschäftigung etwa als Honorarkraft können dabei fließend verlaufen. Auch quantitativ verweisen die Autor:innen auf deren Bedeutung: So sind an rund der Hälfte der Angebote sind Ehrenamtliche beteiligt (vgl. ebd.). Das „Neben und Miteinander von Fachkräften und Ehrenamtlichen“ (S. 48) werden in dem Buch u.a. auf die Geschichte des Arbeitsfeldes zurückgeführt. Erinnert wird an die um 1900 im Wesentlichen durch die Selbstorganisation junger Menschen geprägte und entstandene Jugendverbandsarbeit.
Das vierte Kapitel „Rahmenbedingungen“ widmet sich den historischen, rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen von Kinder und Jugendarbeit. Ausgangspunkt bildet ein historischer Abriss, der im 19. Jhdt. einsetzt und drei unterschiedliche Bewegungen im Kontext folgender Felder voranstellt: Jugendfürsorge, Jugendpflege und Jugendbewegung. Die Vorläufer der Offenen Kinder und Jugendarbeit seien aus Sicht der Autor:innen zunächst von dem Anliegen geprägt gewesen, die „Verwahrlosung“ insbesondere junger Menschen einzudämmen, hätten dann jedoch zunehmend auch auf die selbstorganisierte Verantwortungsübernahme junger Menschen rekurriert (vgl. S. 65). Für die Entwicklung der Jugendverbandsarbeit heben von Schwanenflügel und Igl die Bedeutung der Jugendbewegung Ende des 19. Jhdt. hervor, wenngleich die unterschiedlichen und in sich ausdifferenzierten Jugendbewegungen an dieser Stelle kaum vertieft werden können.
Die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 werden vergleichsweise knapp behandelt, bevor die Entwicklung der Jugendarbeit in Westdeutschland nach 1945 nachgezeichnet wird. Insgesamt wirken die historischen Konjunkturen des Arbeitsfeldes stark verdichtet, was insbesondere für die Entwicklung innerhalb der DDR gilt und sicher nicht zuletzt auch auf den bislang eher überschaubaren Forschungs und Literaturstand zur Kinder und Jugendarbeit in der DDR im sozialpädagogischen Wissenschaftsdiskurs zurückzuführen ist. Der historische Abriss schließt mit einer ebenfalls komprimierten Darstellung der Entwicklungen seit den 1990er-Jahren. Aufgerufen werden hier u.a.: Neue Steuerung, Evaluation und Wirkungsorientierung, die Ökonomisierung der Jugendarbeit, eine zunehmende gewerbliche Konkurrenz im Bereich der Jugendverbandsarbeit sowie die seit Beginn der 2000er-Jahre verstärkt einsetzende Bildungsorientierung im Zuge der PISA-Debatte.
Im Anschluss wird auf die rechtlichen Rahmenbedingungen der Kinder und Jugendarbeit Bezug genommen. Im Mittelpunkt steht das SGB VIII mit seinen unterschiedlichen Leistungsbereichen, wobei § 11 SGB VIII als zentrale rechtliche Grundlage von Kinder und Jugendarbeit gesondert betrachtet und um weitere relevante gesetzliche Bestimmungen ergänzt wird. Diskutiert werden auch rechtliche Anforderungen an Mitarbeitende (u.a. Aufsichtspflicht). Die anschließenden Ausführungen zur Finanzierung verdeutlichen die vergleichsweise prekäre Stellung der Kinder und Jugendarbeit innerhalb der Kinder und Jugendhilfe.
Im fünften Kapitel „Theorien und Konzepte der Kinder und Jugendarbeit“ setzen sich die Autor:innen mit Theorien und Konzepten der Kinder und Jugendarbeit auseinander – handlungsbezogene Theorien als Grundlagen für und von Praxis stehen hier im Mittelpunkt. Auch nehmen die Autor:innen hier zunächst eine historische Perspektive ein, und zeichnen mit der emanzipatorischen, antikapitalistischen und bedürfnisorientierten Jugendarbeit frühe Theorieentwürfe des Arbeitsfeldes nach. Prominent aufgegriffen wird das 1964 veröffentlichte Werk „Was ist Jugendarbeit? Vier Versuche zu einer Theorie“ – u.a. herausgegeben von C.W. Müller, Hermann Giesecke und Klaus Mollenhauer (vgl. S. 85).
Im Anschluss wenden sich von Schwanenflügel und Ilg verschiedenen zielgruppen und themenspezifischen Konzepten zu und stellen hierbei die Sozialraumorientierung als eine seit Ende der 1980er-Jahre prägende theoretisch-konzeptionelle Perspektive des Handlungsfeldes im Besonderen für die Jugendarbeit heraus. Raum wird dabei nicht auf eine territoriale oder stadtteilbezogene Betrachtung verkürzt, sondern als Gewährleisten von Gelegenheiten und unter Bezug auf Lothar Böhnisch und Richard Münchmeier sowie Ulrich Deinet als Aneignungsmöglichkeiten und ‑strukturen skizziert. Dabei geht es nicht um eine unspezifische, gar beliebige Vorhalteleistung von Räumen (als Container), sondern um deren spezifische Qualität für junge Menschen, die an deren differenzierten Interessen, Lebenswelten und Lebenslagen anknüpfen.
Im sechsten Kapitel „Theorien Sozialer Arbeit in Bezug zu Kinder und Jugendarbeit“ setzen die Autor:innen die Kinder und Jugendarbeit ins Verhältnis zu ausgewählten Theorien Sozialer Arbeit. Den Ausgangspunkt bildet Michael Winklers Theorie der Sozialpädagogik, in der die Kategorien Subjekt und Ort für die Verortung des Feldes fruchtbar gemacht werden. Daran an schließen die Lebensbewältigungsperspektive nach Böhnisch sowie die Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch. Die Auswahl konzentriert sich damit auf etablierte Theorieangebote Sozialer Arbeit, die für das Feld zweifellos anschlussfähig sind.
Im achten Kapitel „Arbeitsformen“ „nimmt das Buch die Vielfalt der Arbeitsformen der Kinder‑ und Jugendarbeit in den Blick; dazu entwickeln die Autor:innen eine Art „Werkzeugkoffer“ (S. 133), in dem unterschiedliche Grundformen wie Gruppenangebote, Events und Projekte, kurzzeitpädagogische Maßnahmen, Schulungs und Bildungsmaßnahmen, offene Arbeitsformen und aufsuchende Angebote vorgestellt werden. Im Anschluss werden verbandsspezifische Arbeitsformen betrachtet. Ausgangspunkt bilden typische Arbeitsformen wie helfende Jugendverbände, bevor dann auch Arbeitsformen und Zielsetzungen religiöser Jugendverbände betrachtet werden. Unter 8.4 reflektierten die Autor:innen ausgewählte Zukunftsfelder und thematisieren Perspektiven auf Spiele, digitale Kinder und Jugendarbeit sowie internationale Jugendarbeit.
Im Mittelpunkt des neunten Kapitels stehen die Interessen, Themen und Aktivitäten junger Menschen, die in der Kinder und Jugendarbeit gemäß § 11 SGB VIII einen normativ verankerten Ausgangspunkt bilden und von den Autor:innen hier ins Verhältnis zu den jeweiligen Lebenslagen und lebensweltlichen Bedingungen des Aufwachsens junger Menschen gesetzt werden. Damit erscheinen die Interessen junger Menschen nicht losgelöst, sondern eingebettet in deren unterschiedliche soziale und biografische Konstellationen und Prozesse. Zur Fundierung angeführt werden zentrale Studien wie die Shell-Jugendstudie, die SINUS-Jugendstudie und auch JIM und KIM-Studien. Diese, also Datenlagen, verstehen die Ilg und von Schwanenflügel als „Wahrnehmungsfolie für allgemeine Themen des Jugendalters“ (S. 151). Unter 9.4 wird exemplarisch die Bedeutung von Konsum und Kommerz, Religion und Sinnfragen, Selbstdarstellung und Selbstpositionierung sowie Chillen und Abhängen reflektiert.
Das zehnte Kapitel dient dazu, die Felder der Kinder und Jugendarbeit dezidierter herauszuarbeiten. Unklar bleibt, warum dieses (vergleichsweise praxisnahe) Kapitel erst an dieser Stelle des Lehrbuchs platziert wurde. Denn Leser:innen, die bislang wenig mit dem Arbeitsfeld vertraut sind, erhalten hier einen anschaulichen Einblick in die konkrete Praxis und institutionelle Vielfalt des Feldes. Dabei Die charakterisieren die Autor:innen die Offene Kinder und Jugendarbeit als ein unübersichtliches Feld und stellen die Offenheit abermals als verbindendes Merkmal ihrer unterschiedlichen Formen heraus. Ausgehend von der Frage, wie sich diese Vielfalt ordnen lässt, greifen sie unter Bezug auf die Kinder und Jugendhilfestatistik klassische Einrichtungs und Angebotstypen wie Jugendzentren und Jugendtreffs, Jugendfarmen, Jugendkulturzentren und auch sportbezogene Angebote auf (vgl. S. 170). Im weiteren Verlauf wird diese Übersicht u.a. hinsichtlich Einrichtungen im städtischen und ländlichen Raum, Mädchenhäusern, selbstverwalteten Einrichtungen, Spielplätzen und jugendkulturellen Einrichtungen ausdifferenziert. Ergänzend werden aufsuchende Angebote sowie weitere Formen einbezogen. Gerade diese Zusammenstellung macht allerdings zugleich ein grundlegendes Problem sichtbar: Bislang fehlt es an einer konsistenten Systematisierung der unterschiedlichen Einrichtungs und Angebotsformen der Offenen Kinder und Jugendarbeit im Feld.
Im elften Kapitel „Jugendverbandsarbeit“ wenden sich die Autor:innen widerum der Jugendverbandsarbeit zu. Nach einer einführenden Verortung ihrer Bedeutung innerhalb der Kinder und Jugendarbeit werden die rechtlichen Grundlagen, insbesondere § 12 SGB VIII zur Förderung der Jugendverbände, skizziert. Im Anschluss daran nehmen Ilg und von Schwanenflügel deren Strukturen in den Blick und heben – wie bereits an früherer Stelle des Lehrbuchs – die konstitutive Bedeutung ehrenamtlichen Engagements hervor. Hierbei wird deutlich, dass Ehrenamt nicht nur die konkrete Arbeit in Gruppen, Projekten und Angeboten vor Ort, sondern genauso innerverbandliche Entscheidungsstrukturen prägt.
Das zwölfte Kapitel steht unter dem Eindruck der Bedeutung von Kooperation und Vernetzung für das Feld. Ausgehend von der deutlichen Spezialisierung innerhalb der Kinder und Jugendhilfe arbeiten die Autor:innen die Notwendigkeit fachlicher Abstimmung, Kooperation und Vernetzung heraus und fragen danach, wie sich die Kinder und Jugendarbeit innerhalb dieser Zusammenhänge positioniert und ihr Verhältnis zu anderen Akteur:innen näher bestimmt kann. Für Ilg und von Schwanenflügel ist es wichtig, die subjektorientierte und prodemokratische Perspektive auf junge Menschen in Kooperations und Vernetzungszusammenhängen einzubringen und zu behaupten. Darüber hinaus sei bei aller/allen Kooperation und Kooperationsanrufungen an das Arbeitsfeld relevant, die eigene genuine professionsbezogene DNA nicht verlieren. So wird innerhalb des Kapitels erneut das Fachprinzip der (hier vor allem inhaltlichen) Offenheit aufgerufen, das auch in institutionalisierten Kooperationsbeziehungen sichergestellt werden müsse. Der Kooperation von Kinder und Jugendarbeit und Schule widmen die Autor:innen unter 12.6 einen eigenen Abschnitt. Dieser erhält nicht zuletzt vor dem Hintergrund des seit 2026 endgültig in Kraft getretenen Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter besondere Aktualität.
Im 13. Kapitel wenden sich die Autor:innen verschiedenen Forschungsperspektiven im Feld zu, wobei sie diese zunächst als eine wesentliche Voraussetzung für Qualitätsentwicklung fassen (vgl. S. 213). Es folgt ein Überblick über zentrale Zugänge zur Datenlage des Arbeitsfeldes mit Verweis auf die amtliche Kinder und Jugendhilfestatistik, den Kinder und Jugendhilfereport, die Kinder und Jugendberichte sowie auf zahlreiche kleinere empirische Studien. Ergänzt werden unterschiedliche Zugänge zu Forschung und Wissenschaft über einschlägige Publikationen, Netzwerke und Fachveranstaltungen. Unter 13.4 wenden sich die Autor:innen schließlich möglichen Ausgangspunkten für eigene Forschungsprojekte zu. Mit Selbstevaluation und Sozialraumanalyse werden exemplarisch Zugänge aufgegriffen, die für eine praxisbezogene Auseinandersetzung mit Forschung anschlussfähig sind und bspw. Studierenden erste Möglichkeiten eröffnen, empirische Aktivitäten im Arbeitsfeld zu erproben.
Im 14. Kapitel beschäftigen sich Ilg und von Schwanenflügel mit Machtfragen (in) der Kinder‑ und Jugendarbeit. Ausgangspunkt bilden gesellschaftliche Transformations und Krisenentwicklungen, deren Bedeutung für das Aufwachsen junger Menschen und damit einhergehende Aufgaben für die Kinder und Jugendarbeit. Unter Rückgriff auf die Shell-Jugendstudie 2024 etwa werden dazu aktuelle Themen und Sorgen wie Krieg, Armut, Feindseligkeiten zwischen Menschen und die Klimakrise benannt. In ihrer Gleichzeitigkeit erzeugten diese Krisenerfahrungen eine „Zukunftsungewissheit“, die das Lebensgefühl junger Menschen zunehmend präge (S. 230). Vor diesem Hintergrund werfen die Autor:innen die Frage auf, inwieweit Kinder und Jugendarbeit weiterhin verlässlich „Jungsein“ ermöglichen und potenziell alle jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu selbstbestimmten Persönlichkeiten begleiten und gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung sichern kann. Kinder und Jugendarbeit wird hierbei als ein Arbeitsfeld aufgespannt, das sich angesichts gesellschaftlicher Veränderungen permanent weiterentwickeln, neu positionieren und die eigenen Selbstverständlichkeiten reflexiv hinterfragen muss. Entsprechend fordernd die Autor:innen eine Auseinandersetzung mit den Fragen, für welche jungen Menschen sich Kinder und Jugendarbeit tatsächlich offen und zugänglich zeigt, welche Interessen und Themen sie anerkennt, unterstützt und sichtbar macht, wo sie sich aushandlungsorientiert zeigt und wo sie selbst unzugänglich oder auch ausschließend bleibt.
Diskussion
Bei dem vorliegenden Lehrbuch handelt es sich um eine systematische und ausdifferenzierte Übersicht über das Arbeitsfeld Kinder und Jugendarbeit, die zentrale fachliche Perspektiven bündelt und für unterschiedliche Lehr-Lern-Kontexte aufbereitet. Damit schließt das Lehrbuch an bereits vorliegende Publikationen zum Handlungsfeld an, setzt mit seiner konsequenten Ausrichtung auf Studium und Lehre zugleich aber einen eigenen Akzent. Der formulierte Anspruch einer erstmaligen systematischen Aufbereitung ist vor diesem Hintergrund insbesondere in dieser didaktischen Ausrichtung zu verorten.
Inhaltlich greifen die Autor:innen vielfach auf etablierte Perspektiven und Wissensbestände des Feldes zurück. Einschlägige Literatur wird dabei nicht durchgehend in die Ausführungen einbezogen, sondern vielfach als weiterführende und vertiefende Literatur ausgewiesen. Gerade für Studierende und Lehrende eröffnet dies die Möglichkeit, von den einzelnen Kapiteln ausgehend tiefer in die Fachdiskurse der Kinder und Jugendarbeit einzusteigen. Eine Stärke des Lehrbuchs liegt in seiner konsequenten didaktischen Aufbereitung: Zusammenfassungen, Übungs und Reflexionsaufgaben, methodisch-didaktische Impulse sowie eben Hinweise auf vertiefende Literatur machen das Buch für unterschiedliche Lehr-Lern-Kontexte sehr gut nutzbar.
Desiderate zeigen sich hinsichtlich einer stärker ausdifferenzierten historischen Betrachtung der Kinder und Jugendarbeit, auch unter Einbeziehung der Entwicklungen in der DDR. Zudem hätten zentrale Entwicklungslinien rund um Digitalität und Digitalisierung sowie internationale Perspektiven auf Youth Work und damit verbundene Fachdiskurse – auch über europäische Zusammenhänge hinaus – eine stärkere Berücksichtigung verdient. Schließlich ist an vereinzelten Stellen die innere Systematik der Kapitel respektive Verbindung der aufgerufenen Perspektiven untereinander nicht immer unmittelbar erkennbar, das gilt aber wenn überhaupt für jene Abschnitte, in denen eine Vielzahl unterschiedlicher Gegenstände auf vergleichsweise engem Raum zusammengeführt werden muss. Zur weiteren begrifflichen Schärfung wäre eine konsistentere und nachvollziehbarere Verwendung der Begriffe Kinder und Jugendarbeit bzw. Jugendarbeit hilfreich gewesen.
Fazit
Diese Einwände schmälern den Wert des Lehrbuchs für seinen zentralen Verwendungszusammenhang allerdings nicht. So legen Wolfgang Ilg und Larissa von Schwanenflügel eine kompakte, fachlich fundierte und vor allem didaktisch konsequent aufbereitete Einführung in die Kinder und Jugendarbeit vor. Insbesondere für Bachelorstudiengänge der Sozialen Arbeit und Erziehungswissenschaft sowie für weitere pädagogische Studien und Weiterbildungskontexte bietet das Buch einen hervorragenden Ausgangspunkt, um sich das Arbeitsfeld in seiner Breite zu erschließen und von dort aus vertiefenden fachlichen Auseinandersetzungen aufzunehmen. In diesem Sinne kann das Lehrbuch für Studium und Lehre ausdrücklich empfohlen werden.
Literatur
Cloos, Peter/Köngeter, Stefan/Müller, Burkhard/Thole, Werner (2009): Die Pädagogik der Kinder und Jugendarbeit. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag.
Rahn, Sebastian/Meyer, Thomas/Patjens, Rainer (2026): Offene Kinder und Jugendarbeit. Grundlagen, Theorien und methodisches Handeln. Stuttgart: Kohlhammer.
Scherr, Albert (1997): Subjektorientierung. Eine Einführung in die Grundlagen emanzipatorischer Jugendpädagogik. Weinheim und München: Juventa.
Thole, Werner/Pothmann, Jens/Lindner, Werner (2021): Die Kinder und Jugendarbeit. Einführung in ein Arbeitsfeld der sozialpädagogischen Bildung. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. Thomas, Stefan (2019): Ethnografie. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag.
Rezension von
Prof.in Dr. Jennifer Hübner
Professorin für Theorien, Konzepte und Methoden Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendarbeit an der katholischen Hochschule NRW, Abteilung Köln.
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