Ulrich Deinet, Christina Muscutt (Hrsg.): Die Sicht der Kinder auf Schule und Sozialraum
Rezensiert von Beate Lutze, 25.08.2025
Ulrich Deinet, Christina Muscutt (Hrsg.): Die Sicht der Kinder auf Schule und Sozialraum. Projekte, Methoden und Konzepte für die Gestaltung einer kooperativen Ganztagsbildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 231 Seiten. ISBN 978-3-7799-8343-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Thema
Das Buch setzt sich mit der Bedeutung der Perspektive der Kinder auf ihre Schule und ihren Sozialraum als Lern- und Lebensort auseinander. In Hinblick auf den ab 2026 geltenden Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder werden verschiedene Theorien und Erkenntnisse diskutiert, wie Kinder einerseits entsprechend der UN-Kinderrechtskonvention gehört und andererseits durch Methoden der Sozialraumerkundung mit ihrer Perspektive und ihren Bedarfen als Akteur:innen in die Gestaltung von Schule und Sozialraum gut eingebunden werden können, um eine gelingende kooperative Ganztagsbildung zu ermöglichen.
Herausgeber:innen und Autor:innen
Neben den beiden Herausgeber:innen Ulrich Deinet und Christina Muscutt gibt es weitere 11 Autor:innen, die als Professor:innen oder wissenschaftliche Mitarbeiter:innen an Hochschulen tätig sind und sich mit Studien und Forschung zu Sozialraum, Bildungsgerechtigkeit und Perspektiven der Kinder auf Sozialraum und Ganztagsschule befassen. Die beiden Herausgeber:innen und weitere Autor:innen arbeiten auch am Institut für Sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung ISPE e.V.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist 2025 im Beltz Juventa Verlag erschienen und befasst sich mit dem Sozialraum und der Ganztagsschule als Lebens- und Lernorte von Kindern. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 und der Notwendigkeit einer Wahrnehmung aus der Perspektive der Kinder, um diese als Akteur:innen einzubinden und an der Mitgestaltung zu bestärken. Dabei werden verschiedene Theorien wie auch aktuelle Studien diskutiert und mit Methoden der Sozialraumerkundung ergänzt.
Aufbau
Das Buch ist in drei größere Abschnitte mit mehreren Einzeltexten unterteilt. Der erste Abschnitt umfasst neben Definitionen für ein gemeinsames Verständnis Ergebnisse aktueller Kinderbefragungen um dadurch verschiedene Blickwinkel und Fragestellungen auf Schule und Sozialraum für Kinder aufzuzeigen. Der zweite Abschnitt befasst sich mit einer Reihe von Themen und aktuellen Diskursen um das Thema Ganztagsbildung herum wie beispielsweise Bildungsgerechtigkeit, Inklusion, Elternbeteiligung oder Partizipation. Im abschließenden dritten Abschnitt werden Methoden der Sozialraumerkundung bezogen auf Ganztagsschule vorgestellt und Erfahrungen diskutiert und als Projektplanung vorgestellt. Dadurch ergibt sich für die Leser:innen ein umfassender Einblick in die Thematik und den aktuellen Stand verbunden mit einer Methodensammlung für die praktische Umsetzung in der offenen Ganztagsschule (OGS) oder im kommunalen Bereich.
Inhalt
In diesem Buch werden in verschiedenen Abschnitten und Einzeltexten Erfahrungen aus Forschungen, Studien und Befragungen dargestellt und diskutiert, um in Hinblick auf den Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder die Perspektive der Kinder auf ihre Schule und ihren Sozialraum zu hören und sie als Akteur:innen in die Gestaltung ihrer Lern- und Lebensorte einzubinden.
In den ersten beiden einleitenden Kapiteln geht es dabei um die Bedeutung der Sichtweise der Kinder auf ihre Schule bzw. ihren Sozialraum in Hinblick auf das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) und um ein gemeinsames Verständnis von Sozialraum als den Aneignungsraum, in dem Kinder sich Wissen, Werte und Kompetenzen aneignen durch die Familie, ihr Lebensumfeld, wo sie ihre Freundschaften entwickeln und Schule als Lern- und Lebensort erfahren. Dabei eröffnet die Perspektive der Kinder auf Orte, Angebote und Erfahrungsmöglichkeiten unterschiedliche Wertungen und Bedeutungen.
Im ersten Abschnitt des Buches verdeutlichen drei aktuelle Kinderbefragungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten die Bedeutung der Perspektive der Kinder und die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, um Schule oder ganze Sozialräume so zu gestalten, dass sie Kindern als förderlich dienen:
- Wahrnehmung von Partizipationsmöglichkeiten für Kinder innerhalb einer Schule von Klassenrat über Schülervertretung bis hin zur Mitentscheidung bei Angeboten im Ganztag oder dem Mittagessen; wo fühlen die Kinder sich mit ihren Interessen und Bedarfen gehört und welche Ideen und Vorstellungen bringen sie selbst ein
- Vergleich der Perspektive von Kindern im ländlichen Bereich und im städtischen Bereich auf ihren Sozialraum; welche Bedeutung haben hier Wege, Familie und Freundschaften für die eigene Entwicklung
- Vergleich mehrerer Grundschulen in Düsseldorf mit Blick auf Schule im Sozialraum und Schule als Sozialraum selbst mit dem Blickwinkel der Kinder auf Orte, an denen sie sich wohl fühlen bzw. unwohl fühlen, Orte für Freundschaften und Orte zum Lernen. Bei dieser Befragung wurde die Methode der Zukunftsvision angewandt, um Bedarfe und Ideen der Kinder zu erfragen
- Der zweite Abschnitt des Buches befasst sich mit weitergehenden Themen und Anknüpfungen an relevante Diskurse
- Die Bedeutung der Kinderrechte und des Kinderschutzes für Ganztagsschulen und das schulische Kinderschutzkonzept mit Blick auf Förderrechte und Beteiligungsrechte der Kinder
- Der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung und die Einbindung der Kinder als aktive Mitgestalter:innen der offenen Ganztagsschule mit der Diskussion aktueller Theorien zu Autonomie und der Befähigung zu autonomen Entscheidungen sowie der Herausforderung durch soziale Ungleichheiten und dem Dilemma zwischen Befähigung und Paternalismus bzw. Adultismus
- Der Blick auf Bildungsbenachteiligung und Quartiere mit starker sozialer Benachteiligung als Herausforderung für Ganztagsschulen zwischen Image armutsregierter Quartiere, fehlenden Zugängen zu Bildungserfahrungen und Angst oder Vertrauen in den Sozialraum, der in den Familien weitergegeben wird.
- Kinderstädte als Beispiel von Ferienangeboten, um Erfahrungen in Partizipationsprozessen, Lebensweltgestaltung und Demokratieförderung für Kinder im praktischen alltäglichen Handeln zu ermöglichen ergänzt mit einer umfassenden Liste für weitere Informationen
- Erfahrungen von Familiengrundschulzentren in NRW als Schnittstelle zwischen Familienbildung und Schule als drittem Sozialraum, um Ungleichheiten auszugleichen
- Inklusion und inklusive Bildung in der Ganztagsschule mit Blick auf empirische Forschungen, insbesondere für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache, und die besondere Problematik der Ausstattung mit Fachkräften, insbesondere mit Blick auf das GaFöG, um Inklusion auch im Ganztagsbereich umfassend zu ermöglichen.
Im dritten Abschnitt geht es um Methoden und Projektplanungen für die Umsetzung vor Ort. Dabei werden verschiedene Methoden der Sozialraumerkundung ausführlich mit Planung, Zielsetzung und Umsetzung anhand praktischer Beispiele vorgestellt und verschiedene Erfahrungen und Grenzen dargestellt. Es folgt ein sehr umfangreiches Kapitel mit einer ausführlichen Projektplanung für Befragungen im Kleinen an einer Ganztagsschule oder im Großen im Sozialraum mit bis zu 10 Ganztagsschulen. Auch hier gibt es sehr konkrete Beispiele und tabellarische Übersichten über Handlungsschritte sowie Erfahrungen, wie man sich Unterstützung von außen oder externe Begleitung holen kann. Der Abschnitt schließt mit einem Plädoyer Kinder mit ihrer Perspektive auf ihre Lebenswelt einzubeziehen, um sie als Akteur:innen partizipativ mitgestalten zu lassen. Diese Einbindung ist Grundlage für demokratisches Handeln, sich selber als gehört und wirksam wahrzunehmen und damit auch weiter mitzugestalten. Die Einbindung der Kinder erhöht die Wirksamkeit von Schule und Sozialraum als wirklicher Lebens- und Lernort für die Kinder, weil ihre Bedarfe und Ideen mit den Vorstellungen der Familien und Pädagog:innen im besten Fall in Einklang gebracht werden können.
Diskussion
Das Buch zeigt umfassend die Bedeutung des Perspektivwechsels für eine gute Ganztagsschule auf. Die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ab 2026 stellt Anforderungen an alle pädagogischen Fachkräfte an Ganztagsschulen aber auch an die Kommunalpolitik, um Schule und Sozialraum als Lebens- und eben auch Lernort für Kinder zu gestalten. Die Perspektive der Kinder auf ihre Orte verschafft ihnen Gehör für ihre Wahrnehmung, Bedarfe und Ideen. Ihre Einbindung als Akteur:innen ermöglicht eine bedarfsgerechtere Mitwirkung bei der Gestaltung von Schule und Sozialraum und die Erfahrung von demokratischen Prinzipien.
Mit den im Buch vorgestellten Methoden werden viele Möglichkeiten der Einbindung der Kinder aufgezeigt. Die häufig genannten Kinder- und Jugendparlamente bzw. Schüler:innenparlamente sind Gremien, die oft nur als formal vorgeschriebene Gremien tätig sind, da die gewählten Mitglieder über ihr Recht, angehört zu werden, informiert sein und auch befähigt werden müssen, sich aktiv zu beteiligen. Für Schulen gibt es in den Länderschulgesetzen vorgeschriebene Gremien, teilweise sind sie auch als kommunale Gremien vorgeschrieben, aber für den offenen Ganztagsbereich gibt es solche Vorgaben nicht und die Beteiligung der Kinder in allen sie betreffenden Fragen bleibt dann Entscheidung der Erwachsenen. Das Buch ist ein deutliches Zeichen, dass es machbar und notwendig ist, Kinder als Akteur:innen einzubinden.
Fazit
Das Buch stellt einen guten Rundumblick auf die Notwendigkeit dar, Kinder mit ihrer Wahrnehmung, ihrer Perspektive auf die Gestaltung ihres Lebens- und Lernortes aktiv als Akteur:innen einzubinden. Die verschiedenen thematischen Aspekte zeigen unterschiedliche Anknüpfungspunkte für diese Einbindung auf. Die umfassende Methodendarstellung und die Projektplanung bilden die notwendigen Grundlagen die praktische Umsetzung vor Ort.
Rezension von
Beate Lutze
8 Jahre Leitung der offenen Ganztagsbetreuung der Schinkel-Grundschule, seit 2019 Lehrkraft an der Fachschule für Sozialpädagogik des Pestalozzi Fröbel-Haus Berlin
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