Julius Späte, Daniela Cornelia Stix et al. (Hrsg.): #GesellschaftBilden im Digitalzeitalter
Rezensiert von Mag. phil. Christina Zöhrer, 31.07.2025
Julius Späte, Daniela Cornelia Stix, Cordula Endter, Karsten Krauskopf (Hrsg.): #GesellschaftBilden im Digitalzeitalter. Perspektiven Sozialer Arbeit auf technologische Herausforderungen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2025. 230 Seiten. ISBN 978-3-8309-4997-8. 34,90 EUR.
Thema
Der Sammelband beschäftigt sich multiperspektivisch mit mediatisierten und digital durchdrungenen Arbeitswelten im Bereich der Sozialen Arbeit. Im Zentrum steht die leitende Frage „wie Soziale Arbeit als Akteurin in der Bildung unserer technologisch geprägten Gesellschaft verstanden werden kann“ (S. 9). Die 15 Beiträge besprechen Digitalität, Medialität und Künstliche Intelligenz unter anderem in den Kontexten Digital Streetwork, psychosoziale Online-Beratungen, Risikovorhersage der Kindeswohlgefährdung durch KI oder ChatGPT als KI-Assistent bei emotional belastenden Inhalten. Dabei erheben sie den Anspruch, aktiv bei Fragen digitaler Souveränität mitzugestalten.
Perspektivisch verstehen die Herausgeber*innen das Digitalzeitalter als Momentaufnahme und Zustandsbeschreibung und grenzen sich bewusst von der Prozesshaftigkeit digitaler Transformationen ab. Fokussiert wird klar auf den praktischen Ist-Zustand und den digitalen Umgang sozialarbeiterischer Fachkräfte (vgl. S. 7).
Herausgeber*innen und Autor*innen
Die akademischen Hintergründe der Herausgeber*innen lassen sich in den Bereichen der Psychologie und Sozialen Arbeit mit medien- und bildungswissenschaftlichen Bezügen verorten. Die rund 30 Autor*innen des Sammelbandes verfügen über ein ähnliches Profil, zeichnen sich im Einzelfall aber durch Spezialisierungen in den Fachrichtungen der Informatik (Malte Hecht) oder bspw. der Kunst (Iz Paehr) aus.
Aufbau
Der 229 Seiten lange Sammelband bespricht in 15 Beiträgen die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Vor dem Hintergrund ihres lebensweltorientierten und aufsuchenden Selbstverständnisses steht die Soziale Arbeit vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zur Digitalisierung kritisch zu reflektieren und neu zu bilden (vgl. S. 10). Konzeptuell wird in vier Themenblöcke gegliedert: Beiträge 1-4 betrachten empirisch, hermeneutisch-analytisch, theoretisch-konzeptionell und soziologisch; Beiträge 5-8 wählen spezifische Handlungsfelder der Sozialen Arbeit aus; Beiträge 9 und 10 stellen zwei Praxisforschungsprojekte mit lokalem Bezug vor und die Beiträge 11-15 nehmen Virtual Reality, KI und Large Language Models in den Fokus.
Die nachfolgende Übersicht macht eine klare Zuordnung möglich.
1. Caroline Pulver: „Digitale Medien als soziales Problem: Konsequenzen für eine reflexiv-konstruktive Praxis“
2. Nadja Wolf: „Die Soziale Arbeit in den Sozialen Medien“
3. Birgit Müller und Daniel Tramp: „Dialog im Kontext von Leib und Transsubjektivität: Überlegungen zum Dialog in Sozialer Arbeit in digitalen Zeiten“
4. Anna Siegel: „Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit im Kontext digitaler Ungleichheit“
5. Susanne Lang, Michelle Terschi, Tobias Zarges, Iz Paehr und Jasper Meiners: „Transformative, transdisziplinäre und ko-produktive Soziale Arbeit in vireal-digitalen Räumen“
6. Fatma Çelik, Nina Witt und Daniela Stelzmann: „Digital Streetwork als Interventionsmaßnahme gegen Sexuelles Online Grooming“
7. Anna Kasten: „Feministische Organisationen der Sozialen Arbeit im Netz: Digitale Kompetenzen der Makrosozialarbeiter*innen“
8. Julius Späte: „Anforderungen an Sozialarbeitende in der technisierten Gesellschaft: Einflüsse der Digitalisierung und Mediatisierung am Beispiel der Heimerziehung“
9. Sabrina Wangenheim: „Bürgerschaftliches Engagement trifft sozialarbeiterische Praxis: Wie älteren Menschen in der Landeshauptstadt Stuttgart ein verbesserter Zugang zur digitalen Welt ermöglicht wird“
10. Claudia Roller und Jörg Moschner: „Digitalität und Digitalisierung in Praxis und Studium Sozialer Arbeit: Etablierung von hybriden Beratungssettings als Organisationsentwicklungsaufgabe“
11. Dominik Tschopp, Safak Korkut, Stefan Adam und Joval Lienhardt: „Value Sensitive Design als Option für eine werteorientierte Technologieentwicklung in der Sozialen Arbeit“
12. Bozana Meinhardt-Injac: „Risikovorhersage der Kindeswohlgefährdung durch Künstliche Intelligenz“
13. Mara Stieler, Johanna Berger und Robert Lehmann: „Technologische Innovation in der psychosozialen Onlineberatung: Eine praxisorientierte Perspektive auf die Anwendung Künstlicher Intelligenz“
14. Noreen Naranjos Velazquez: „ChatGPT als KI-Assistent in der Aufbereitung von emotional belastenden Inhalten“
15. Nicolaus Wilder und Malte Hecht: „Reflexionen über die Grenzen der Möglichkeit des Einsatzes von KIs in Kitas – Oder: Kann ein Large Language Model dem Grunde nach angemessen mit Kindern unter 6 Jahren interagieren?“
Inhalt
Der erste Themenblock eröffnet mit einem empirischen Beitrag von Caroline Pulver, der die zentrale Bedeutung individueller Einstellungen von Fachkräften für den Einsatz digitaler Medien hervorhebt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich persönliche Dispositionen als wirkmächtiger erweisen als professionelle Überlegungen und verweist auf die Notwendigkeit einer systematischen Reflexion im Umgang mit digitalen Technologien. Nadia Wolfs Beitrag schließt daran an und macht in ihrem lebensweltorientierten und aufsuchenden Ansatz deutlich, dass Soziale Medien als Teil einer sozialpädagogischen Öffentlichkeitsarbeit verstanden und als solche auch finanziert werden sollte. Elemente professioneller Medienarbeit wie Storytelling, Kommunikationsstrategien und Zielgruppenorientierung seien demnach wesentliche Aufgabenbereiche und mit Blick aufs Ganze, entscheidend bei der Entwicklung von Gesellschaften (vgl. S. 38).
Theoretisch-konzeptionell nähern sich Birgit Müller und Daniel Tramp dem Digitalen aus einer dezidiert konservativen Perspektive: Sie begreifen es als ergänzende, keinesfalls jedoch gleichwertige Form gegenüber analoger Kommunikation. Soziale Arbeit als Beziehungsprofession setze leibliche Präsenz voraus, ein dialogisch und unmittelbar geteilter Lebensraum entziehe sich grundsätzlich dem technischen Zugriff. Diese Haltung betont die Ebene der (Zwischen-)Leiblichkeit im Sinne Merleau-Pontys und mündet in der These, Soziale Arbeit sei „als analog-dialogische professionelle Praxis mit einer Haltung zu Digitalität zu verstehen“ (S. 51).
Soziologisch betrachtet Anna Siegl, die auf Grundlage von Bourdieus Kapital- und Habituskonzept als fünftes Feld das digitale Kapital diskutiert. Dieses gliedere sich auf in unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zum Internet und anderen digitalen Medien, zweitens in ungleiche digitale Kompetenzen und Nutzungsmöglichkeiten sowie in ungleichen Nutzen und ungleiche Teilhabechancen (vgl. S. 56). Aus machtkritischer Perspektive könne soziale Teilhabe nur dann eingelöst werden, wenn auch digitale Teilhabe strukturell ermöglicht werde. Insbesondere unter Bedingungen lebenslangen Lernens sei eine gleichberechtigte Aneignung digitaler Ressourcen aus normativer Sicht verpflichtend (vgl. S. 62).
Beiträge 5-8: spezifische Handlungsfelder der Sozialen Arbeit
Im fünften Beitrag stellen Susanne Lang, Michelle Terschi, Tobias Zarges, Iz Paehr und Jasper Meiners ihr Forschungsprojekt s*he/ter vor, in dem sie partizipativ-emanzipatorisch bedürfnisorientierte, inklusiv-digitale Raumbildungsprozesse initiierten. Erwachsene, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren haben, erhielten dabei die Möglichkeit, mithilfe selbst gestalteter Avatare Schutz-, Begegnungs- und Austauschräume zu entwickeln und zu nutzen. Der Einsatz narrativ-performativer Ansätze zielte auf eine machtkritische Selbstermächtigung der Betroffenen. Datenschutzbezogene Risiken des Sich-Mitteilens wurden dabei bewusst und als Ausdruck einer Zurückweisung paternalistischer Schutzlogiken vonseiten der Professionellen in Kauf genommen (vgl. S. 74).
Fatma Çelik, Nina Witt und Daniela Stelzmann widmen sich einem noch jungen Handlungsfeld der Sozialen Arbeit: dem Digital Streetwork. Dieser Ansatz wird als aktive, aufsuchende Form der Intervention verstanden, um insbesondere junge und vulnerable Gruppen in ihren digitalen Lebenswelten zu erreichen und gegen Sexuelles Online Grooming (SOG) vorzugehen. Verhältnisprävention ziele dabei auf die Implementierung digitaler Schutzkonzepte auf Plattformen ab, verhaltenspräventive Tools adressieren potenzielle Klient*innen und können sogar in begründeten Fällen zu einer Kontaktaufnahme mittels Direktnachricht erfolgen (vgl. S. 84). Die Autorinnen schließen mit dem Hinweis auf eine notwendige erweiterte digitale Qualifizierung von Fachkräften, die auf Ausbildungsebene implementiert werden müsse.
Anna Kasten analysiert auf Grundlage einer qualitativ-empirischen Studie das Verständnis digital-feministischer Kompetenzen von Makrosozialarbeiter*innen mit dem Ziel, intersektionale Dimensionen patriarchaler Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Anhand des erhobenen Datenmaterials identifiziert sie fünf Aneignungswege digitaler Kompetenzen: private Nutzung, „Learning by doing“, Studium, Fortbildungen sowie teaminterne Zuständigkeiten. Deutlich wird dabei, dass die Individualisierung des Kompetenzerwerbs dazu führt, dass diese Fachkräfte kaum als gestaltende Akteur*innen in digitalen Narrativen und Diskursen auftreten. Kasten plädiert daher für eine strukturelle Verankerung digital-feministischer Bildung (vgl. S. 96 f.).
Julius Späte greift die Kritik an der Individualisierung digitaler Kompetenzentwicklung auf und richtet den Blick auf das Handlungsfeld der Heimerziehung. Anhand eines Beispiels zeichnet er die weitreichenden Einflüsse einer technisierten Gesellschaft auf pädagogisches Handeln nach. Trotz einer verbreiteten technikskeptischen Haltung unter Fachkräften führe die durch Digitalisierung angestoßene Mediatisierung zunehmend zu einer Auflösung der Grenzen zwischen analogen und digitalen Lebenswelten. Angesichts der Tatsache, dass nahezu 99 % aller Heranwachsenden über eigene Medienzugänge verfügen, seien Fachkräfte gefordert, neue konventionalisierte Antworten auf diese durch Medien geprägten Lebenswelten zu entwickeln, um dabei ihrem professionellen Selbstverständnis gerecht zu werden (vgl. S. 111).
Beiträge 9 und 10: zwei Praxisforschungsprojekte mit lokalem Bezug
Zwei Praxisforschungsbeiträge mit lokalem Bezug zeigen, wie digitale Teilhabe adressat*innenorientiert und institutionell verankert gestaltet werden kann. Sabrina Wangenheim beleuchtet in ihrem Beitrag Modellprojekte aus der Stadtverwaltung Stuttgart, in denen bürgerschaftliches Engagement mit sozialarbeiterischer Beratungspraxis verbunden wird. Im Zentrum steht die Frage, wie hochaltrigen Menschen der Zugang zur digitalen Welt erleichtert werden kann. Die aufeinander aufbauenden Modelle zur Lernbegleitung bürgerschaftlich Engagierter führten nicht nur zu konkreten digitalen Unterstützungsangeboten für Senior*innen, sondern auch zu einer erhöhten Sensibilisierung der Fachkräfte im Beratungskontext.
Auch Claudia Roller und Jörg Moschner rücken institutionelle Dynamiken ins Zentrum ihrer Untersuchung. Ihr Beitrag diskutiert unter Rückgriff auf das Kölner Modellprojekt „Telefonzelle 4.0“ die Potenziale hybrider Beratungsformate in der Sozialen Arbeit (vgl. S. 140 f.). Dabei analysieren sie Wechselwirkungen zwischen professionellen Handlungsroutinen, Organisationslogiken und digitalen Technologien und verorten diese zugleich im Kontext professionsethischer Fragestellungen sowie curricularen Entwicklungen im Studium Sozialer Arbeit.
Beiträge 11-15: Virtual Reality, KI und Large Language Models
Dominik Tschopp, Safak Korkut, Stefan Adam und Joval Lienhardt untersuchen das Potenzial des Value Sensitive Design (VSD) für die Soziale Arbeit. VSD ist ein technologieethischer Ansatz, der menschliche Werte systematisch in den Entwicklungsprozess digitaler Technologien integriert. Im Rückblick auf zentrale theoretische Strömungen der vergangenen Jahrzehnte zeichnen die Autoren nach, wie sich der Fokus von der individuellen und institutionellen Nutzungspraxis über die Rolle von Entwickler*innen im Rahmen der Informations- und Computerethik hin zu gestalterischen Fragen technologischer Artefakte verschoben hat. Übertragen auf die Soziale Arbeit eröffnet VSD neue Perspektiven auf bestehende Machtverhältnisse zwischen unterschiedlichen Nutzer*innengruppen sowie auf Fragen des Zugangs und der Teilhabe an technologischer Nutzbarkeit (vgl. S. 162).
Auch bei Bozana Meinhardt-Injac treten ethische Implikationen deutlich hervor, wenn sie die Potenziale und Herausforderungen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz (KI) zur Risikoprognose von Kindeswohlgefährdung in der Sozialen Arbeit analysiert. Die Autorin beleuchtet die Funktionsweise subsymbolischer KI, wie sie in Assistenzsystemen (z.B. Siri, Alexa) und Gesichtserkennungstechnologien Anwendung findet (vgl. S. 166 f.). Einerseits ermöglichen KI-basierte Verfahren die Auswertung großer Datenmengen und versprechen gegenüber klassischen statistischen Methoden eine höhere Prognosegenauigkeit. Andererseits unterliegen sie systemischen Verzerrungen (Bias), reproduzieren gesellschaftliche Ungleichheiten und zeigen erhebliche Schwächen bei der Einordnung individueller Kontexte. KI könne demnach Fachkräfte in ihrer Entscheidungsfindung unterstützen, dürfe jedoch nicht als Ersatz professionellen Urteilens missverstanden werden. (Vgl. S. 174).
Mara Stieler, Johanna Berger und Robert Lehmann untersuchen, wie KI konkret in die Praxis der Sozialen Arbeit integriert werden kann. Im Rahmen eines Projekts analysieren sie den Einsatz einer KI-gestützten Assistenz in der Onlineberatung, die Fachkräfte prozessbegleitend bei einer Vielzahl an Aufgaben unterstützt. Dazu zählen unter anderem die automatisierte Textverarbeitung, die strukturierte Aufbereitung von E-Mails, die Erkennung von Fake-Accounts und Doppelnutzungen, die Moderation von Gruppenchats oder auch das automatisierte Anlegen von Beratungsterminen. Ausgangspunkt ist eine Definition von KI als die Fähigkeit technischer Systeme, sich in spezifischen Kontexten auf eine Weise zu verhalten, die menschlicher Intelligenz ähnlich ist (vgl. S. 180). Die Autor*innen machen auf einen zentralen Punkt aufmerksam: Je menschenähnlicher KI-Systeme agieren, desto stärker scheint die Abwehrhaltung bei Fachkräften aus Sorge vor der eigenen Ersetzbarkeit zu werden.
Noreen Naranjo Velazquez präsentiert in ihrem Forschungsbericht einen innovativen Ansatz zur Nutzung von ChatGPT 4.0 in der Forschung zu Gewalt gegen Kinder. Ziel ist es, zwei zentrale Herausforderungen zu adressieren: die emotionale Belastung durch sensible Inhalte sowie die Prävention von Überforderung bei Forschenden. Methodisch wurde das sogenannte „Few-Shot-Learning“ eingesetzt, bei welchem dem Sprachmodell eine geringe Anzahl von Beispielen als inhaltliche Rahmung zur Verfügung gestellt wurde (vgl. S. 196). Qualitative Fallberichte wurden mithilfe des Modells codiert, in quantifizierbare Daten überführt und statistisch ausgewertet. Die Codierungsleistung von ChatGPT 4.0 zeigt in bestimmten Bereichen, etwa bei der Identifikation von Tätern oder unterstützenden Bezugspersonen der Opfer sexuellen Missbrauchs, eine mit menschlicher Codierung vergleichbare Genauigkeit (vgl. S. 202).
Nicolaus Wilder und Malte Hecht diskutieren abschließend zwei grundlegende Perspektiven zur Verwendung von Large Language Models (LLMs) in der Interaktion mit Kindern unter sechs Jahren. Anhand eines einfachen Dialogbeispiels kontrastieren sie eine technikzentrierte Position, die in den aktuellen Limitierungen der Modelle ein vorübergehendes Entwicklungsproblem sieht, mit einer fundamental-kritischen Haltung. Letztere argumentiert, dass LLMs strukturell nicht in der Lage seien, die für die frühkindliche Entwicklung notwendige semantische Offenheit und interaktive Intentionalität zu leisten (vgl. S. 207). Frühkindliche Sprachaneignung setze voraus, dass Kinder in sozial-kulturellen Kontexten erst eine Ordnung in der Welt konstruieren. LLMs hingegen generieren formal kohärente Sprache, verfügen jedoch über keine eigene Intentionalität. Umgekehrt können Kleinkindern intentionale Akte zugeschrieben werden, obwohl ihnen (noch) keine elaborierten sprachlichen Ausdrucksformen zur Verfügung stehen (vgl. S. 216). Die Frage, ob künstliche neuronale Netzwerke zukünftig in der Lage sein werden, diese Differenz zu überbrücken, bleibt am Ende der Diskussion offen.
Diskussion
Die Vielfalt der versammelten Beiträge macht deutlich, wie breit das Spektrum der Auseinandersetzung mit Digitalisierung in der Sozialen Arbeit inzwischen gefasst wird. Es reicht von praktischen Projektberichten über machtanalytische und intersektionale Perspektiven bis hin zu technologieethischen Überlegungen zur Rolle von KI. Zugleich verweist der Band auf gewisse Inkonsistenzen im Umgang mit Digitalität. Während einige Beiträge, wie etwa jene von Siegl, Kasten oder Meinhardt-Injac kritisch-reflexiv auf Machtverhältnisse, Bias und Diskriminierungsrisiken eingehen, verbleiben andere stärker im Bereich funktionaler Anwendung oder impliziter Technikeuphorie.
Eine auffällige Leerstelle betrifft die ökologische Dimension digitaler Technologien. Während Fragen der sozialen Teilhabe, des Datenschutzes oder der professionellen Haltung prominent verhandelt werden, bleibt der materielle und energiebezogene Fußabdruck digitaler Systeme weitgehend unberücksichtigt. Spätestens mit den gegenwärtigen Debatten um die ökologischen Folgen von KI, etwa energieintensive Rechenzentren, ressourcenaufwendige Hardwareproduktion oder die infrastrukturellen Voraussetzungen globaler Datenverarbeitung, stellt sich auch für die Soziale Arbeit die Frage nach einer ökologisch verantwortungsvollen Digitalpraxis. Wie Kate Crawford 2021 in ihrem Werk „Atlas of AI“ eindrücklich beschreibt, sind KI-Systeme und Clouds nicht bloß virtuelle Instrumente, sondern tief in kapitalistische und ökologisch destruktive Strukturen eingebettet. Vor diesem Hintergrund erscheint es umso dringlicher, Digitalität nicht nur unter dem Aspekt sozialer Gerechtigkeit, sondern auch im Lichte ökologischer Nachhaltigkeit und planetarer Grenzen zu reflektieren.
Gleichwohl zeigt der Sammelband in seiner Breite, dass die Soziale Arbeit im digitalen Zeitalter nicht länger ausschließlich als reaktive Nutzerin technologischer Innovationen positioniert werden darf. Vielmehr ist sie aufgefordert als mitgestaltende, kritisch-reflexive und handlungsfähige Profession aufzutreten. Der Band liefert hierfür zahlreiche Impulse, etwa in der Auseinandersetzung mit algorithmischer Entscheidungsunterstützung, in partizipativen Digitalprojekten oder bei der Neuverhandlung professionsethischer Standards im Kontext automatisierter Systeme.
Der Sammelband #GesellschaftBilden im Digitalzeitalter bietet einen vielfältigen Überblick über aktuelle Perspektiven, Projekte und theoretische Reflexionen zur Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Besonders hervorzuheben ist die thematische Spannbreite, die von anwendungsbezogenen Praxisprojekten über intersektionale und professionsethische Zugänge bis hin zu technologiephilosophischen Fragen etwa zu Künstlicher Intelligenz reicht. Dabei wird deutlich, dass Digitalität längst nicht nur als technische oder methodische Herausforderung zu verstehen ist, sondern vielmehr das professionelle Selbstverständnis, die Handlungslogik und die gesellschaftspolitische Positionierung Sozialer Arbeit in ihren Grundzügen bestimmt.
Wenngleich der Band an einigen Stellen eine stärkere Systematisierung der zentralen Spannungsfelder hätte leisten können, gelingt es ihm, wichtige Impulse für eine sozialpädagogisch informierte Auseinandersetzung mit technologischen Herausforderungen zu setzen. Zugleich macht der Band auf künftige Aufgaben wie die reflexive Gestaltung algorithmischer Systeme oder die strukturelle Verankerung digitaler Kompetenzen aufmerksam. Dass die ökologischen Kosten digitaler Infrastrukturen weitgehend ausgeblendet bleiben, verweist auf einen blinden Fleck, der im Sinne einer ökologisch sensiblen Digitalitätsdebatte künftig verstärkt berücksichtigt werden sollte.
So lässt sich der Sammelband nicht nur als Standortbestimmung lesen, sondern auch als Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen darüber, wie Soziale Arbeit im digitalen Zeitalter als ethisch fundierte, kritisch reflektierte und ökologisch sensibilisierte Profession agieren kann.
Fazit
Der Sammelband bietet einen facettenreichen Überblick über zentrale Diskurse zu Digitalität, Medialität und KI in der Sozialen Arbeit. Er überzeugt durch thematische Breite und praxisnahe Perspektiven, bleibt jedoch im Hinblick auf ökologische Dimensionen digitaler Technologien erklärungsbedürftig. Als fundierter Ausgangspunkt für eine kritische und mitgestaltende Digitalitätsdebatte innerhalb der Profession ist er dennoch unbedingt lesenswert.
Rezension von
Mag. phil. Christina Zöhrer
Lecturer am
Arbeitsbereich Bildungstheorie und Schulforschung | Institut für
Bildungsforschung und PädagogInnenbildung, Universität Graz
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