Rosita A. Ernst, Noah Alexander Artner (Hrsg.): Von Ausgrenzung bedrohte Kinder und Jugendliche
Rezensiert von Mandy Kretzschmar, 02.03.2026
Rosita A. Ernst, Noah Alexander Artner (Hrsg.): Vom Rand zur Mitte. Wie von Ausgrenzung bedrohte Kinder und Jugendliche wieder Platz in der Gesellschaft finden. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2025. ISBN 978-3-8497-0422-3.
Thema
Das Buch widmet sich der Thematik von Ausgrenzung, Marginalisierung und fehlender gesellschaftlicher Teilhabe von Kindern und Jugendlichen. In einer Gesellschaft, die sich zunehmend inklusiv versteht und entsprechende rechtliche sowie institutionelle Rahmenbedingungen geschaffen hat, bestehen weiterhin Prozesse der Ein‑ und Ausgrenzung, die junge Menschen nachhaltig prägen. Das Buch positioniert sich innerhalb der fachlichen Diskussion um Inklusion, soziale Zugehörigkeit und professionelle Verantwortung und fragt danach, wie es gelingen kann, Kindern und Jugendlichen, die an den Rand gedrängt wurden, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu eröffnen.
Herausgeber:in
Die Herausgeber:innen Rosita A. Ernst und Noah A. Artner sind in der systemischen Therapie, Beratung und Ausbildung tätig und verfügen über langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Ihre fachlichen Hintergründe in Psychotherapie und psychosozialer Praxis in der Kinder‑ und Jugendhilfe, im Kontext Flucht sowie Bewährungshilfe werden deutlich. Neben den Herausgeber:innen kommen 14 weitere Autor:innen zu Wort, die aus unterschiedlichen professionellen Kontexten stammen und ihre jeweiligen Perspektiven und Praxiserfahrungen einbringen.
Entstehungshintergrund
Das Buch entstand vor dem Hintergrund anhaltender gesellschaftlicher Bemühungen um Inklusion sowie der gleichzeitigen Erfahrung, dass Ausgrenzung weiterhin Teil sozialer Wirklichkeit bleibt. Trotz internationaler Übereinkommen wie der UN-Kinderrechtskonvention und politischer Initiativen zur Teilhabe erleben viele Kinder und Jugendliche Ablehnung, Beschämung und fehlende Zugehörigkeit. Das Buch greift diese Diskrepanz auf und versteht sich als fachlicher Beitrag aus systemisch-psychotherapeutischer Perspektive, der sowohl theoretische Reflexion als auch praxisbezogene Erfahrungen zusammenführt.
Aufbau
Das Buch ist als Sammelband konzipiert und gliedert sich nach einem Vorwort und einer ausführlichen Einleitung in zwei große Teile. Diese Struktur ermöglicht sowohl eine theoretische Fundierung des Themas als auch eine praxisnahe Vertiefung anhand unterschiedlicher Anwendungsfelder.
Nach dem Vorwort und der Einleitung, in denen Ausgrenzung und Mobbing als gesellschaftlich relevantes und zugleich häufig unterschätztes Phänomen eingeführt werden, widmet sich Teil I: Grundlagen den theoretischen und konzeptionellen Rahmungen. In drei Kapiteln werden systemische Perspektiven auf Mobbing, Ausgrenzung und Gruppendynamiken entfaltet. Thematisiert werden unter anderem Zugehörigkeit und Anerkennung, kommunikative und affektive Prozesse, Rangordnungen sowie rechtliche Aspekte. Zentrale systemtheoretische Konzepte, etwa Zirkularität, Rückkopplung und soziale Unterscheidungen, bilden dabei den theoretischen Referenzrahmen.
Teil II: Ursachen, Felder und Praxis bildet den umfangreichsten Teil des Buches und richtet den Fokus auf konkrete Lebenslagen, Kontexte und Interventionsmöglichkeiten. Die Beiträge sind jeweils ähnlich aufgebaut und verbinden eine Darstellung der Ausgangslage mit theoretischer Einordnung, Fallbeispielen sowie praxisbezogenen Interventionen.
Ein wiederkehrendes Strukturelement in den Kapiteln ist die systematische Darstellung von Hindernissen, Herausforderungen sowie innovativen Empfehlungen für das jeweilige Gesamtsystem. Dadurch wird deutlich, dass Ausgrenzung nicht allein auf individueller Ebene bearbeitet werden kann, sondern stets institutionelle und gesellschaftliche Dimensionen umfasst.
Abgeschlossen wird das Buch durch ein Literaturverzeichnis sowie kurze biografische Angaben zu den Herausgeber:innen.
Inhalt
Das Buch widmet sich der Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen als alltäglichem, zugleich jedoch häufig bagatellisiertem gesellschaftlichem Phänomen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Erfahrungen von Nicht-Zugehörigkeit, Ablehnung und Beschämung für viele junge Menschen Teil ihres Alltags sind – in Familie, Schule, Peergroups sowie zunehmend auch im digitalen Raum. Die Autor:innen verdeutlichen, dass Ausgrenzung nicht auf individuelle Konflikte oder einzelne „Täter-Opfer-Konstellationen“ reduziert werden kann, sondern als sozialer Prozess verstanden werden muss.
Der erste Teil des Buches ist theoretisch ausgerichtet und beschäftigt sich mit der Frage, ab wann von Ausgrenzung und Mobbing gesprochen werden kann und welche gruppendynamischen Prozesse dabei wirksam sind. Aus systemischer Perspektive wird Mobbing als relationales Geschehen beschrieben, das auf Unterscheidungen zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit basiert. Beiträge zeigen, wie Gruppen bestimmte Personen markieren, um eigene Normen zu stabilisieren, und wie sich Dominanz-, Unterwerfungs‑ und Eskalationsdynamiken zirkulär verstärken können. Emotionen wie Angst, Wut und Scham spielen dabei eine zentrale Rolle und beeinflussen sowohl das Erleben der Betroffenen als auch das Verhalten der Ausgrenzenden.
Im zweiten Teil des Buches stehen praxisnahe Beiträge systemischer Psychotherapeut:innen im Mittelpunkt. Anhand von Fallbeispielen wird dargestellt, mit welchen Belastungen Kinder und Jugendliche konfrontiert sind, die Ausgrenzung erfahren haben, und wie therapeutische Interventionen gestaltet werden können. Die Autor:innen zeigen auf, wie durch veränderte Kommunikationsformen, Ressourcenaktivierung und Perspektivwechsel neue Handlungsspielräume eröffnet werden können, um Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit wieder erfahrbar zu machen.
Die einzelnen Beiträge beleuchten Ausgrenzung in unterschiedlichen Kontexten und Lebenslagen und thematisieren grundlegende Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Teilhabe. Gleichzeitig werden die Ambivalenzen sichtbar, die viele der Betroffenen erleben: das Bedürfnis nach Nähe bei gleichzeitiger Angst vor Zurückweisung, der Wunsch nach Autonomie bei gleichzeitigem Bedarf an Unterstützung. Inklusion wird dabei nicht als rein organisatorische Aufgabe verstanden, sondern als Haltung, die sich im professionellen Handeln und in strukturellen Rahmenbedingungen widerspiegeln muss.
Thematisiert werden unter anderem Cybermobbing, soziale Ungleichheit, Armut, Intelligenzminderung, psychische Störungen wie AD(H)S, Autismus, Migrationserfahrungen, instabile familiäre Verhältnisse sowie Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität. Deutlich wird dabei, dass nicht die jeweilige Zuschreibung an sich ausschlaggebend ist, sondern die Reaktionen des sozialen Umfelds und die strukturellen Rahmenbedingungen, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen.
Ein gemeinsamer Bezugspunkt aller Beiträge ist der systemische Ansatz. Er ermöglicht es, individuelle Erfahrungen stets im Zusammenhang mit familiären, institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten zu betrachten. Mobbing und Ausgrenzung werden nicht als isolierte Probleme verstanden, sondern als Ausdruck komplexer Wechselwirkungen zwischen Personen, Gruppen und Systemen. Die Autor:innen betonen die Bedeutung von Schutzräumen, einer wertschätzenden Haltung sowie von Interventionen, die nicht beschämend wirken, sondern Beziehung, Anerkennung und Teilhabe fördern.
Insgesamt entsteht ein vielschichtiges Bild von Ausgrenzung als soziales Geschehen, das nur durch gemeinsames professionelles Handeln, Kontextsensibilität und strukturelle Veränderungen nachhaltig bearbeitet werden kann.
Diskussion
Das Buch überzeugt durch die Verbindung von theoretischer Reflexion und praxisnaher Darstellung. Die systemische Grundhaltung zieht sich konsistent durch alle Beiträge und bietet eine klare fachliche Orientierung. Positiv fällt die vielschichtige Betrachtung von Ausgrenzung auf, die diese nicht isoliert, sondern als sozial und gesellschaftlich bedingten Prozess versteht.
Fazit
Die Herausgeber:innen bieten eine fundierte und praxisnahe Auseinandersetzung mit Ausgrenzungsprozessen bei Kindern und Jugendlichen aus systemischer Perspektive. Das Buch folgt der Aufbau einer klaren und nachvollziehbaren Linie, die den Leser:innen sowohl einen systematischen Zugang zum Thema als auch die Möglichkeit zur selektiven Lektüre einzelner Kapitel bietet. Insgesamt richtet sich das Buch an Fachkräfte in Therapie, Beratung und Sozialer Arbeit und liefert wertvolle Impulse für inklusives professionelles Handeln. Es stellt eine empfehlenswerte Lektüre für alle dar, die sich mit Fragen von Teilhabe und Zugehörigkeit auseinandersetzen.
Rezension von
Mandy Kretzschmar
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