Heiner Bernhard, Wilfried Kruse et al.: Bildungsaktive Kommunen
Rezensiert von Prof. Dr. Reinhold Weiß, 08.12.2025
Heiner Bernhard, Wilfried Kruse, Ragna Melzer, Mirko Pink, Michael Schüßler: Bildungsaktive Kommunen. Erfahrungen und Konzepte gelingender Bildungspartnerschaften.
Wochenschau Verlag
(Frankfurt am Main) 2025.
160 Seiten.
ISBN 978-3-7344-1729-0.
D: 22,00 EUR,
A: 22,70 EUR.
Reihe: Politisches Sachbuch.
Thema
Kommunen haben sich in der Vergangenheit zu einem Akteur in der Bildungspolitik entwickelt. Sie setzen nicht nur Vorgaben und Initiativen der Bundesländer um, sondern stellen zunehmend auch selbst Mitgestaltungsansprüche. Das rührt nicht zuletzt daher, dass eine misslingende berufliche Integration letztlich soziale Probleme für die Kommunen zur Folge hat.
Autor:innen
Die fünf Autor:innen kommen aus unterschiedlichen Feldern der Kommunalpolitik, der Organisationsberatung und der Wissenschaft. Sie haben maßgeblich an der seit 2007 bestehenden „Weinheimer Initiative“, einer Arbeitsgemeinschaft zur kommunalen Bildungspolitik, mitgewirkt. Sie propagierte die Notwendigkeit einer kommunalen Koordinierung in der Bildungspolitik und verstand sich als Verantwortungsgemeinschaft der kommunalen Akteure. Im Januar 2024 wurde der Verein aufgelöst.
Entstehungshintergrund
Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um eine zusammenfassende Darstellung der Projekte und Initiativen, die im Kontext der Weinheimer Initiative entstanden und begleitet worden sind.
Aufbau
Den Einstieg in die Thematik bildet ein Gespräch zwischen den Autoren. Rückblickend analysieren sie die treibenden Kräfte für die Gründung der „Weinheimer Initiative“. Sie erläutern, was dadurch bewirkt wurde, welche Veränderungen sie im Laufe der Jahre erfahren hat und was letztlich auch zu ihrem Ende geführt hat.
In mehreren Kapiteln werden Handlungsfelder benannt und anhand von Erfahrungsberichten Beispiele einer kommunalen Koordination beschrieben.
Abschließend wird eine Bilanz der Arbeit der Weinheimer Initiative gezogen. Dazu wird auf zahlreiche Veranstaltungen und vielfältige Impulse dieses Netzwerkes verwiesen. Ging es zunächst vorrangig um die Gestaltung der Übergänge von der Schule in die Berufsausbildung und die Arbeitswelt, so wurde der Auftrag später in einem umfassenderen Sinne als Mitverantwortung für gelingende Bildungsbiografien gesehen.
Inhalt
Mit der Aufgabe einer kommunalen Koordinierung wurden entweder bestehende Organisationseinheiten betraut oder zusätzliche Gremien und Organisationseinheiten, häufig auf Zeit, geschaffen. Es zeigte sich, dass ihr Erfolg wesentlich von der Unterstützung sowohl der jeweiligen politischen Entscheidungsträger, der Kommunikation in den jeweiligen Gremien sowie der Freiwilligkeit der Zusammenarbeit der verschiedenen Partner abhängt. Das sind in der Berufsbildung vor allem die Berufsschulen und ausbildenden Betriebe, die Kammern und Arbeitsverwaltungen. Hinzu kommt die interne Koordination zwischen unterschiedlichen Ämtern und Behörden, insbesondere den Schul- und Jugendämtern. Das macht regionale Koordination zu einem schwierigen Balanceakt zwischen eigenen Ambitionen und begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten.
Die Veröffentlichung macht sowohl den gestiegenen Gestaltungsanspruch kommunaler Akteure als auch die rechtlichen und finanziellen Grenzen kommunaler Initiativen deutlich. In dieser Situation schienen Förderprogramme als willkommene Möglichkeit zur Finanzierung zusätzlicher Stellen wie auch zum Austausch mit Akteuren in anderen Kommunen oder auch Vertretern aus der Wissenschaft. Da die finanziellen Mittel aber immer nur für begrenzte Zeit zur Verfügung standen, konnten damit kaum dauerhafte Strukturen aufgebaut werden. Hinzu kam die Abhängigkeit von den Mittelgebern und ihren Zielvorstellungen. De facto wurden die Kommunen somit zu Erfüllungsgehilfen staatlicher Vorgaben.
Die Veröffentlichung beschreibt letztlich auch den Niedergang und das Ende der „Weinheimer Initiative“. Sehr offen werden die verschiedenen Spannungsfelder, Widerstände und Grenzen belegt. Die Auflösung ist keinesfalls als ein Zeichen für die Überflüssigkeit einer kommunalen Koordinierung. Sie macht im Gegenteil augenfällig, dass eine kommunale Koordinierung entsprechende Kompetenzen und Ressourcen erfordert.
Diskussion
Die „Weinheimer Initiative“ hat als private Initiative in der Rechtsform eines Vereins über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren immer wieder wichtige Impulse in der bildungspolitischen Debatte geliefert und den Austausch der Akteure auf der kommunalen Ebene angeregt und unterstützt. In zahlreichen Veranstaltungen, Vorträgen und Veröffentlichungen haben seine Mitglieder Akzente gesetzt, sich untereinander und mit Akteuren in der Bildungspolitik ausgetauscht.
Die Veröffentlichung zeigt sowohl Möglichkeiten und Wege einer kommunalen Koordination als auch die Schwierigkeiten und Hemmnisse einer Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure mit ihren jeweils spezifischen Aufgaben und Rechtsgrundlagen, Hierarchien und Interessen. An einer Stelle heißt es treffend: Kommunale Koordinierung sei eine einfache Idee, es sei aber ein Kunststück, die unterschiedlichen Akteure im Hinblick auf ein abgestimmtes Handeln zusammenzubinden.
Deutlich wird, dass ein zentrales Manko der kommunalen Koordinierung im Fehlen eines klaren Auftrags und Profils besteht. Vor diesem Hintergrund wurden immer wieder neue Handlungsfelder identifiziert, die für sich genommen zwar relevant sind, in denen die Akteure einer kommunalen Koordination aber weder zuständig noch kompetent sind. Dies gilt etwa für den in der „Weinheimer Initiative“ formulierten Anspruch einer Einflussnahme auf die pädagogische Qualität oder die Durchlässigkeit und Gleichwertigkeit von Bildungsgängen. Dies offenbart einen überbordenden Gestaltungsanspruch. Er steht sowohl im Widerspruch zu den begrenzten Ressourcen als auch den fehlenden rechtlichen Handlungsmöglichkeiten. Der Anspruch, die kommunale Koordinierung als Pflichtaufgabe der Kommunen zu verankern, konnte nirgendwo durchgesetzt werden.
Auch wenn die Weinheimer Initiative letztendlich aufgelöst wurde, bleibt die Aufgabe bestehen, die verschiedenen Akteure auf der regionalen Ebene zusammenzuführen, den Austausch zu fördern und den Einsatz der Instrumente abzustimmen. Es ist ein Verdienst der Weinheimer Initiative, die Notwendigkeit einer regionalen Koordination – ungeachtet aller Schwierigkeiten – deutlich gemacht zu haben.
Fazit
Es handelt sich bei der vorliegenden Veröffentlichung nicht um eine systematische Darstellung und Analyse unterschiedlicher Modelle einer regionalen Koordinierung. Wer also Informationen über erfolgreiche Instrumente und gelingende Modelle oder gar Handlungsanweisungen erwartet, wird enttäuscht werden. Die Veröffentlichung beschränkt sich stattdessen auf die rückblickende Analyse der Aktionen, Wirkungen und Erfahrungen der Weinheimer Initiative. Darin liegt ihr Kern, ihre Stärke, aber auch ihre Grenze.
Rezension von
Prof. Dr. Reinhold Weiß
ehemaliger Vize-Präsident und Forschungsdirektor im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
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