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Anna Kalender, Alexander Batthyány: Rückkehr zum Psychologismus?

Rezensiert von Prof. Dr. Anton Schlittmaier, 30.07.2025

Cover Anna Kalender, Alexander Batthyány: Rückkehr zum Psychologismus? ISBN 978-3-8260-8621-2

Anna Kalender, Alexander Batthyány: Rückkehr zum Psychologismus? Zur Aktualität von Viktor Frankls Kritik an Alfried Längle. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2025. 230 Seiten. ISBN 978-3-8260-8621-2. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

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Thema

Die ursprüngliche Logotherapie geht auf Viktor Frankl (1905 – 1997) zurück. Dieser ist einer breiten Öffentlichkeit insbesondere bekannt durch seine Zeit im Konzentrationslager und ein wichtiges Buch, das er hierüber geschrieben hat. Die Logotherapie, die Frankl bereits vor dieser Zeit konzipiert hatte, half ihm maßgeblich die schrecklichen Ereignisse zu meistern. In seiner Logotherapie steht der Wille zum Sinn im Zentrum. 1991 hat einer seiner Schüler, Alfried Längle (1951*), ein Konzept vorgelegt, das fast namensgleich mit Frankls Ansatz ist. Dies führt zu Verwechslungen und Fehlentscheidungen bei Patient:innen und Ausbildungsinteressenten. Das Buch klärt über die betreffenden Zusammenhänge auf und will Grundlagen für informierte Entscheidungen liefern. 

Autor:in

Die beiden Autor:innen sind wichtige Vertreter einer originären Logotherapie nach Viktor Frankl. Anna Kalender ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Viktor Frankl Institut Wien. Alexander Batthyány ist Lehrstuhlinhaber an der Pázmány Universität Budapest. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Viktor Frankl Instituts Wien.

Entstehungshintergrund

Wegen der weitgehenden Namensgleichheit werden häufig die Logotherapie nach Viktor Frankl und die Existenzanalyse nach Alfried Längle verwechselt. Erstere wird vollständig als Logotherapie und Existenzanalyse bezeichnet. Letztere dagegen als Existenzanalyse und Logotherapie. Der alleinige Unterschied der Benennung findet sich in der Anordnung der Begriffe. Die Autor:innen befürchten in diesem Zusammenhang, dass Klient:innen oder Personen, die eine Ausbildung absolvieren wollen, aufgrund von Irrtümern eine falsche Wahl treffen. Möglicherweise möchte jemand sich logotherapeutisch nach Frankl behandeln lassen und wählt dann einen Therapeuten, der nach Alfried Längles Ansatz (Existenzanalyse) arbeitet. Ähnliches kann bei Menschen passieren, die eine Weiterbildung absolvieren möchten und nach Viktor Frankls Ansatz ausgebildet werden möchten, dann aber irrtümlicherweise ein Angebot wählen, das die Ansätze nach Alfried Längle beinhaltet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich grundsätzlich in zwei Teile. Den ersten Beitrag hat Alexander Batthyány verfasst, den zweiten Anna Kalender. Am Ende benennen beide Autoren zusammen Schlussfolgerungen und geben einen Ausblick.

Alexander Batthyány berichtet im ersten Beitrag ausführlich über die Entstehung der Logotherapie nach Viktor Frankl. Besonders hervorzuheben ist, dass Frankl in vier Konzentrationslagern war, wobei er überlebte: seine Ehefrau und seine Eltern starben jedoch. Bereits vor dieser Zeit war die „Ärztliche Seelsorge“ (ein Grundlagenwerk von Frankls Logotherapie) fertiggestellt. Diese musste Frankl im Vernichtungslager Auschwitz zurücklassen. Veröffentlicht wurde dann 1946 eine rekonstruierte Fassung. Weiter stellt Batthyány heraus, dass Frankl über die Zeit im Konzentrationslager das Buch „…trotzdem ja zum Leben sagen“ geschrieben hat und inzwischen weltweit ca. 15 Millionen Exemplare verkauft wurden. Besonders angeführt wird auch, dass Frankl 29 Ehrendoktorate erhielt und einer der meistzitierten existenziell ausgerichteten Psychiater ist. Weiter ist die Methode, die von Frankl entwickelt wurde, in ihrer Wirksamkeit seit 1975 in rund 700 empirischen Studien nachgewiesen.

Es folgt darauf eine kurze Darlegung der Alleinstellungsmerkmale der Logotherapie nach Viktor Frankl (den Hauptteil zu den Alleinstellungsmerkmalen findet man im Beitrag von Anna Kalender). Zentral ist hierbei das Konzept des Willens zum Sinn, die Kritik an der Vorstellung, dass der Wille zum Sinn ein Bedürfnis ist, das ähnlich wie z.B. Hunger befriedigt werden kann, die Vorstellung von der Existenz der geistigen Person sowie die Willensfreiheit.

Batthyány stellt weiter dar, dass das Menschen- und Weltbild des Therapeuten von hoher Relevanz in Bezug auf die Wirksamkeit eines Verfahrens ist. Das „Menschenbild“ bildet auch einen Mediator, der sich auf die psychotherapeutische Begegnung auswirkt. Gerade das Konzept der Willensfreiheit oder die Annahme der Existenz einer geistigen Person, neben der physischen und psychischen Dimension, liegen quer zum häufig vertretenen Determinismus in anderen Schulen der Psychotherapie. 

Ausführlich berichtet Batthyány darüber, dass Alfried Längle – als Mitarbeiter Viktor Frankls – zu Beginn der 1990er Jahre wichtige Grundannahmen von Frankls Lehre stark modifiziert hat. Aus diesem Grund hat Frankl 1991 den Ehrenvorsitz der GLE (Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse), die sich an Längles Modifikationen orientierte, niedergelegt. In diesem Zusammenhang bezeichnete Frankl die Inhalte und Methoden nach Längle als „absolut anti-logotherapeutisch“. Batthyány schildert und analysiert ausführlich und tiefgehend den Bruch zwischen Frankl und der GLE. Besonders hervorzuheben ist, dass Frankl ursprünglich den Bruch sehr deutlich machte und dass er auch von Batthyány und der bekannten Frankl-Schülerin Elisabeth Lukas in deutlichster Form herausgehoben wird und auf der anderen Seite der Bruch von Alfried Längle und der GLE eher marginalisiert wird. Von Längle wird die damalige Änderung eher als zeitgemäße (1991) Anpassung gesehen und auch auf Frankls Persönlichkeit zurückgeführt (S. 72). Längle bezeichnete Frankl als rationalistisch, metaphysisch und gefühlskalt. In diesem Zusammenhang schien es Längle angemessen, dass Konzept Frankls zu modifizieren, also z.B. metaphysische Annahmen (wie die Existenz der geistigen Dimension) zu entfernen oder den Gefühlen weit größeren Raum zuzusprechen als Frankl dies vorgesehen hatte.

Batthyány geht in diesem Zusammenhang auch ausführlich auf das Thema der Selbsterfahrung ein und zeigt, dass Frankls Vorbehalte zu diesem Thema durchaus berechtigt waren, da Längle 1996 selbst sein Konzept als wenig fundiert darstellte (S. 82).

Im weiteren Verlauf des von Batthyány verfassten Teils werden die Folgen der unsauber vollzogenen Trennung Anfang der 1990er Jahre dargelegt. Besonders die Verwechslungsgefahr anhand einer weitgehenden Namensgleichheit ist enorm groß. Batthyány weist darauf hin, dass z.B. Jung deutlich gemacht hat, dass er sich von Freud distanziert habe und er nun eine eigene Richtung der Psychotherapie repräsentiere. Einen solchen Schritt vermisst man bei Längle und der GLE. Hier wird der Eindruck erweckt, dass man Frankls ursprünglicher Ausfassung noch sehr nahe sei, obwohl substanzielle Elemente des Ansatzes von Frankl ins Gegenteil verkehrt wurden.

Seine Ausführungen abschließend zeigt Batthyány gründlich die eher dogmatische und auf der Intuition eines Einzelnen beruhende Herangehensweise Längles. Dies gilt besonders für Längles Psychosomatik, die Zusammenhänge zwischen psychischen und körperlichen Befunden herstellt, die hochgradig spekulativ sind. Auch diese Vorgehensweise hat nichts mit der Vorgehensweise von Viktor Frankl zu tun. Letzteres gilt auch für die Gesprächsführung Längles. Batthyány zeigt hier sehr differenziert die suggestive Vorgehensweise, die von der offenen und sokratischen eines Viktor Frankls extrem strak differiert.

Anna Kalenders Beitrag führt die Differenzen zwischen Frankls und Längles Konzepten systematisch aus. Sinn, Freiheit und Verantwortung werden als Grundpfeiler der Logotherapie nach Frankl vorgestellt.

Bei der Herausarbeitung der Differenzen hebt Kalender auf das Menschenbild, das Motivationskonzept, den Sinnbegriff sowie den Umgang mit Leid ab. Zentral für das Menschenbild ist, dass die Unabhängigkeit und Überlegenheit der geistigen Dimension in Längles modernisierter Existenzanalyse überwunden werden (S. 154).

Auch das Motivationskonzept hat Längle im Vergleich zu Frankls ursprünglichem Ansatz maßgeblich verändert. Während Frankl den Willen zum Sinn absolut ins Zentrum stellt, relativiert Längle diesen, indem er ihn mit anderen Motiven auf eine Stufe stellt. Z.B. bekommen Schutz, Raum und Halt eine gleichgewichtige Bedeutung bzw. sind dem Willen zum Sinn sogar vorgelagert. Die Pointe von Frankls Ansatz liegt aber gerade darin, dass selbst unter Bedingungen in denen kein Schutz oder Halt vorliegt – wie im Konzentrationslager – der Wille zum Sinn entgegen aller faktischen Realität lebenserhaltend sein kann.

In Bezug auf den Sinn zeigt Kalender, dass Frankl den Sinn als objektiven Sinn verstand, Längle dagegen als subjektiven Sinn. Nach Längles Vorstellung – so arbeitet Kalender heraus – könnten auch die Terroranschläge am 11.09.2001 für die Täter durchaus als sinnvoll und verwirklichungswürdig gelten. Hier würde man orientiert an Frankls Sinnbegriff deutlich wiedersprechen müssen.

Abschließend thematisiert Kalender noch die Unterscheide beim Umgang mit Leid. Auch hier differieren beide Ansätze und sind nicht vereinbar. 

Diskussion

Das Buch stellt den Umgang der GLE mit dem Konflikt zwischen Viktor Frankl und Alfried Längle ins Zentrum. Dabei wird anhand von sehr umfangreichem und sehr gut recherchiertem Material deutlich, dass beide Seiten den Konflikt sehr unterschiedlich in der Öffentlichkeit kommunizieren. Während die Vertreter der originären Logotherapie (Viktor Frankl Institut) den Konflikt offen darstellen, wird er seitens der GEL eher heruntergespielt oder unklar kommuniziert. Von daher ist es sehr verdienstvoll, dieses Buch geschrieben zu haben, da es tatsächlich allen Interessierteren an der Logotherapie Klarheit darüber verschafft, was die Unterschiede zwischen den Positionen sind und welche Konsequenzen sich aus den beiden Schulen ergeben. So haben mögliche Interessenten an Psychotherapie oder einer Aus- bzw. Weiterbildung die Möglichkeit eines seriösen Vergleiches und können dann in Freiheit selbst ihre Wahl treffen.

Darüber hinaus führt das Buch gut in Alleinstellungsmerkmale von Frankls Denkweise ein. Gerarde auch die Gegenüberstellung pointiert und konturiert Frankls Ansatz.

Das Buch beinhaltet aber auch ein größeres Thema, das für alle interessant ist, nicht nur für die Interessenten der Logotherapie: Die Frage nämlich, ob Werte nur subjektiv oder auch objektiv gelten und weiter, ob der Sinn (Frankl meinte immer den Sinn der Situation) sozusagen für den Menschen objektiv fassbar ist oder ob alles beliebig ist und damit je nach Geschmack oder persönlicher Präferenz frei wählbar ist. Unter der Hand wird hier – so lässt sich sagen – eine philosophisch-ethische Grundsatzdiskussion entfaltet und von der originären Logotherapie her entschieden.

Fazit

Das Buch gibt einen sehr guten und fundierten Überblick über Frankls Grundkonzepte sowie die Position, von der es sich absetzt. Gleichzeitig ist es Entscheidungshilfe für alle, die in der Logotherapie therapeutische Hilfe suchen oder eine Ausbildung in dieser Therapierichtung machen möchten. Darüber hinaus werden allgemeine philosophisch-ethische Fragen kompetent angesprochen und die Leser:in erhält wichtige Grundlagen um sich in diesem weltanschaulich fundamentalen Feld selbst entscheiden zu können.

Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Professor i.R. für Philosophie und Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Sachsen
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Es gibt 36 Rezensionen von Anton Schlittmaier.

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ISSN 2190-9245