Karsten Kiewitt, Ronald Lutz (Hrsg.): Das Soziale ist immer politisch
Rezensiert von Marla Stein, 30.09.2025
Karsten Kiewitt, Ronald Lutz (Hrsg.): Das Soziale ist immer politisch. Narrative befreiender Praxis. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2024. 307 Seiten. ISBN 978-3-86585-026-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Freire-Jahrbuch - 26.
Thema
Das im Paulo-Freire-Verlag erschienene 26. Freire-Jahrbuch versammelt Beiträge, die eindrücklich die Komplexität aktueller Debatten innerhalb der Profession und der wissenschaftlichen Disziplin der Sozialen Arbeit aufzeigen. Paulo Freires Konzept der Befreiungspädagogik dient dabei vielfach als analytischer Referenzrahmen und Lösungsansatz für gegenwärtige gesellschaftliche Schieflagen. Das Verstehen von Bildung als dialektischem Prozess und die Überzeugung, dass Soziales und Politisches – einhergehend mit der daraus entstehenden Politik – stets miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen, bilden die fundamentale Haltung der Autor:innen. Freire als kritischen Denker zur Grundlage nehmend, wird Erziehung als politisch verstanden, da sie gesellschaftliche Strukturen widerspiegelt, legitimiert und reproduziert. Das Werk kann als Plädoyer gelesen werden, das sowohl Individuen als auch die Soziale Arbeit selbst zur kritischen Reflexion gesellschaftlicher Missstände auffordert – mit dem Ziel, einen aktiven Beitrag in der Gesellschaft zu leisten. Konsens aller Autor:innen besteht darin, dass das das Soziale eben nicht nur politisch, sondern das Politische zugleich auch immer sozial und alltäglich ist.
Aufbau und Entstehungshintergrund
Das Jahrbuch wird seit 1999 jährlich mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Zusammenarbeit wechselnder Herausgeber:innen und Autor:innen veröffentlicht. Die 26. Ausgabe „Das Soziale ist immer politisch – Narrative befreiender Praxis“ enthält neben der Einführung des Herausgebers Ronald Lutz’ einem der Herausgeber, zwölf weitere Beiträge von 15 Autor:innen. Die Beiträge unterscheiden sich hinsichtlich der gewählten thematischen Bereiche und reichen von postkolonialer Kritik an westlich geprägten sozialarbeiterischen Konzepten bis hin zur solidarischen Ökonomie als transformative Praxis im Bereich der Sozialen Arbeit.
Inhalt
In nahezu allen Beiträgen wird ein direkter Bezug zur Praxis der Sozialen Arbeit hergestellt, wobei sich die jeweiligen Handlungskontexte unterscheiden. So beziehen sich Baumann und Schmitt auf die Soziale Arbeit im Bereich der Fluchtmigration in Österreich, Holtgreve beleuchtet das mit der Globalisierung verknüpfte Dilemma der Dekolonialisierung für die Soziale Arbeit, während Herausgeber Kiewitt die Bedeutung der indigenen Sozialen Arbeit diskutiert. Neureither fokussiert die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen von Sozialarbeitenden in Ghana. Köpcke-Duttler, Pfaff und Seithe stellen in ihren Beiträgen auf unterschiedlichste Weise einen Bezug zum Wohnen und den damit einhergehenden Wohnbedingungen im sozialarbeiterischen Handlungsfeld her. So wird zum Beispiel anhand der Dokumentation eines Siedlungsbauprojekts aus den 1970er-Jahren in Deutschland die Bedeutung der Gemeinwesenarbeit hervorgehoben. Es wird verdeutlicht, wie die Möglichkeiten der Partizipation und Emanzipation durch unterschiedliche Lebensbedingungen beeinflusst werden. Das Schaffen eines gemeinsamen Raumes scheint hier unerlässlich.
Silber greift die Verwobenheit zwischen sozialer und ökologischer Gerechtigkeit auf und betont ausdrücklich, dass solche Fragestellungen nicht getrennt voneinander behandelt werden können. Kronsbein teilt diese Ansicht, indem sie den Lesenden aufzeigt, wie der globale Norden im Hinblick auf Ansätze der sozial-ökologischen Transformation von der Sozialen Arbeit lernen kann. Neben Oesselmann, der den Dialog als zentrales Element der politischen Mitverantwortung sieht, beschreibt auch Wolfer die dialogischen Beziehungen in der Jugendarbeit als unerlässlich. Mauersberger und Mendez-Höcherl verdeutlichen einmal mehr, wie politische und soziale Zusammenarbeit und Unterstützung benötigt werden, um lokalen und internationalen Initiativen beizustehen und Frieden zu gewährleisten. Ein roter Faden, der sich durch alle Artikel zieht, findet sich in der kritischen Bewusstseinsbildung als zentrales Element für die emanzipatorische Praxis der Sozialen Arbeit wieder. Eine reflexive Haltung gegenüber Machtverhältnissen und bestehenden Strukturen erfordert die bewusste Gestaltung von Möglichkeitsräumen, wobei die selbstkritische Einstellung zugleich durch diese gefördert wird. Solche emanzipatorischen Räume wirken auf zwei Ebenen: einerseits durch die Ausbildung eines kritischen Bewusstseins und andererseits durch die Befreiung der Individuen hinsichtlich des Befreiungsanspruchs auf Basis des kollektiven Gedankens.
Das Anerkennen von Unterdrückungsmechanismen kann ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess sein, um die „Kultur des Schweigens“ zu brechen und zum handelnden Subjekt zu werden. Holtgreve betont, dass das Politische und das Soziale gemeinsame Räume schaffen müssen, in denen Unterdrückte die Hauptakteur:innen ihrer eigenen Befreiung werden. Partizipation, Verantwortungsübernahme und aktive gemeinsame Mitgestaltung sind notwendig, um Individualisierungstendenzen zu unterbinden und ein universelles Verständnis von Sozialer Arbeit zu fördern. Kiewitt fordert daher, dass die Profession strukturell und nicht individuell agiert. Zugleich erinnert Neureither daran, dass die Disziplin nicht nur marginalisierten Gruppen beisteht, sondern auch selbst in hohem Maße von politischen und gesellschaftlichen Missständen betroffen ist.
Die dialogische Praxis ermöglicht es, sowohl Individuen als auch der Sozialen Arbeit, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen und sich von dem Machtanspruch, persönliche Bedürfnisse durchzusetzen, zu distanzieren. Durch die im Austausch stattfindende, offene Meinungsbildung wird das Interesse an der Gestaltung des Gemeinwesens und eine solidarische Haltung gestärkt. Die Befreiung der Menschen kann bestehende Krisen nicht ungeschehen machen, doch durch den Dialog eröffnet sich die Möglichkeit, Freiheit und Solidarität zu entfalten und vor allem gemeinsam Verantwortung für gesellschaftliche Veränderungen zu übernehmen.
Diskussion
Durch die von Lutz verfasste Einleitung und die klar definierte Schwerpunktsetzung des Jahrbuchs wird das übergeordnete Thema, das Konzept der Befreiungspädagogik, prägnant eingeführt und in einem gesellschafts- und sozialwissenschaftlichen Kontext dargestellt. Anhand der ausgewählten Akzente gelingt es den Autor:innen, sich in den einzelnen Artikeln inhaltlich auf konkrete Missstände zu beziehen und gleichzeitig die präsentierten Krisensituationen auf individueller, lokaler und struktureller Ebene zu beleuchten. Der Anspruch, Menschen zur Selbstermächtigung – im Sinne einer befreienden, partizipativen Praxis – zu befähigen, wird in allen Beiträgen verfolgt. Die Verfasser:innen der Artikel nehmen direkt oder indirekt und nach individuellem Ermessen Bezug auf die Pädagogik von Paulo Freire. Da sich die meisten Autor:innen jedoch auf konkrete Beispiele konzentrieren, ist es empfehlenswert, sich über das Jahrbuch hinaus mit den Ansätzen von Freire zu befassen, um ein tiefgehendes Verständnis seiner Pädagogik zu erlangen. Das Jahrbuch richtet sich gleichermaßen an Studierende, Lehrende oder Praktiker:innen sowie an Leser:innen ohne fachliche Vorkenntnisse. Ein bestimmtes Vorwissen ist nicht notwendig, erleichtert jedoch den Lesefluss. Es ist möglich, die Artikel einzeln und unabhängig voneinander zu lesen, da sie sich nicht aufeinander beziehen. Ein abschließendes Resümee, in dem versucht wird, eine Verbindung zwischen den Artikeln herzustellen, findet sich nicht. Im Vergleich zu vorherigen Jahrbüchern umfasst auch dieses Jahrbuch eine umfangreiche Bandbreite an Themen- und Handlungsbereichen, sodass unterschiedliche Interessensbereiche berücksichtigt werden können. Den Autor:innen ist es gelungen, in den Artikeln die Dringlichkeit eines Überdenkens der Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit im professionellen Kontext sowie die Notwendigkeit der kritischen Reflexion der eigenen Haltungen und Handlungen auf sprachlich gut verständliche und nachvollziehbare Weise näherzubringen. Die konstruktiv-kritischen als auch hoffnungsvollen Beiträge unterstreichen einmal mehr die Aktualität von Freires Pädagogik und zeigen deutlich, welche Bedeutung seine Werke in der heutigen Gesellschaft weiterhin haben. Besonders eindrücklich blieb mir der Beitrag von Baumann und Schmitt, der die Rolle des Affektiven im Kontext kultureller Differenzsetzungen und der Re-Produktion sozialer Ordnung in der Sozialen Arbeit herausarbeitet, ebenso wie Seithes Dokumentation des Wohnprojekts. Beide verdeutlichen, in welchem Maße sozialarbeiterische Praxis durch die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen geprägt ist.
Fazit
Die Beiträge können als Anstoß gesehen werden, sich weiter mit der „Kultur des Schweigens“, gesellschaftlicher Unterdrückung und der Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung zu befassen. Die Soziale Arbeit muss sich, ihrem Anspruch als Menschenrechtsprofession entsprechend, als dialogische, befreiende Praxis begreifen, die den Menschen in den Mittelpunkt seiner Lebenswelt stellt und sich zugleich in lokalen, strukturellen wie globalen wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und politischen Zusammenhängen verortet.
Rezension von
Marla Stein
M.A., Universitätsassistentin der Universität Innsbruck
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