Eva Wolff: Rassismus in der Geschichte
Rezensiert von Prof. Dr. Claus Melter, 11.09.2026
Eva Wolff: Rassismus in der Geschichte. Das koloniale Erbe. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2024. 24 Seiten. ISBN 978-3-7344-1622-4. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR.
Reihe: Wochenschau Geschichte. Geschichte unterrichten. Geschichtsunterricht praktisch.
Thema
Das Heft „Rassismus in der Geschichte. Das koloniale Erbe“ ist als Unterrichtsmaterial für die Sekundarstufe II konzipiert und verbindet die Auseinandersetzung mit Rassismus mit einem Schwerpunkt auf deutscher Kolonialgeschichte. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Rassismus als historisch und räumlich übergreifendes Phänomen verstanden werden sollte. Behandelt werden insbesondere deutsche Kolonialherrschaft und koloniale Gewalt, Formen rassistischer Wissensproduktion, der gesellschaftliche Umgang mit dem kolonialen Erbe sowie ausgewählte Bezüge zu den USA und zur Apartheid in Südafrika. Das Heft verbindet historische Quellen und Sachinformationen mit Recherche‑ und Arbeitsaufträgen und zielt darauf, historische Kenntnisse mit der Reflexion gegenwärtiger rassistischer Verhältnisse zu verknüpfen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Eva Wolff ist Lehrerin am Gymnasium am Römerkastell in Bad Kreuznach. Sie unterrichtet Geschichte, Geschichte bilingual, Englisch und Darstellendes Spiel. Das Heft ist in der Reihe „Geschichtsunterricht praktisch“ des Wochenschau Verlags erschienen.
Entstehungshintergrund
Das Heft reagiert auf den im vorliegenden Rezensionstext beschriebenen Bedarf an Unterrichtsmaterialien, mit denen Kenntnisse über deutschen Kolonialismus und dessen Nachwirkungen systematisch vermittelt werden können. Es ist für den schulischen Geschichtsunterricht, insbesondere für die Sekundarstufe II, angelegt. Eine ausführliche Darstellung der Entstehungsgeschichte des Heftes oder seiner Einbindung in ein konkretes Unterrichts‑ oder Forschungsprojekt enthält die Veröffentlichung selbst nicht. Erkennbar ist jedoch der Anspruch, historische Beispiele rassistischer Theorien und Praxen so aufzubereiten, dass sie für die Auseinandersetzung mit Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart nutzbar werden.
Aufbau
Das 24-seitige Heft besteht aus einer kurzen konzeptionellen Einleitung, fünf Modulen und ergänzenden Materialien. Modul 1 („Was ist Rassismus?“) umfasst die Seiten 2 bis 5, Modul 2 („Kolonialismus/​Imperialismus“) die Seiten 6 bis 10 und Modul 3 („Deutschlands Umgang mit seinem kolonialen Erbe“) die Seiten 11 bis 13. Darauf folgen Modul 4 („Amerika“) als bilinguale Einheit auf den Seiten 14 und 15 sowie Modul 5 („Südafrika“) auf den Seiten 16 und 17. Anschließend finden sich Erwartungshorizonte zu den Arbeitsblättern, ein Vorschlag für eine Leistungskontrolle, ein Glossar und Literaturangaben. Die Module kombinieren kommentierende Rahmungen mit Quellen, Rechercheaufgaben und Arbeitsanweisungen.
Inhalt
Das Heft versteht Rassismus als ein Phänomen, dessen Entstehungs‑ und Wirkungsweisen über einzelne historische Epochen und geografische Räume hinaus betrachtet werden sollen. Die Materialien sollen Schüler*innen dazu befähigen, rassistische Ideologien in ihrer Genese und Funktionsweise zu erkennen und nach Ursachen und gesellschaftlichen Folgen zu fragen. Zugleich wird eine Verbindung zur Gegenwart hergestellt, indem historische Wissensbestände als Grundlage für die Reflexion fortwirkender rassistischer Vorstellungen und gegenwärtiger Debatten dienen.
Ein zentraler Zugang ist die Verbindung von Biografie, Geschichte und Rassismuskritik. Am Beispiel von Theodor Wonja Michael wird die Geschichte einer afrodeutschen Familie im Deutschland des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Ein autobiografischer Text sowie Informationen zu seiner Familie machen sichtbar, wie rassistische Ausgrenzung und ökonomische Situation miteinander verbunden sein können. Ergänzend wird anhand von Überlegungen zu Beziehungen zwischen als Schwarz und weiß gelesenen Personen danach gefragt, wie Beziehungen zwischen weißen und Schwarzen Personen gesellschaftlich wahrgenommen und von den Beteiligten gedeutet werden. Texte von Mohammad Sarhangi und Theo Thiesmeier werden herangezogen, um Kontinuitäten alltags‑ und kolonialrassistischer Stereotype vom Kolonialismus bis in die Gegenwart zu thematisieren.
Der Schwerpunkt des zweiten Moduls liegt auf deutschem Kolonialismus und Imperialismus. Die Materialien thematisieren koloniale Gewalt, rassistische Völkerschauen beziehungsweise sogenannte „Menschenzoos“, rassistische Forschung und ökonomische Dimensionen deutscher Kolonialherrschaft. Historische Quellen werden dabei mit Rechercheaufgaben verbunden. Dazu gehören unter anderem eine zeitgenössische Kritik an kolonialer Gewalt von Siegfried Lichtenstaedter und ein Auszug aus einem Gerichtsverfahren gegen den Kolonialbeamten Hermann Kersting. Weitere Aufgaben beziehen sich auf den heutigen Umgang mit kolonial geraubten Kulturgütern, exemplarisch den Benin-Bronzen, sowie auf die Umbenennung von Straßen, die nach Personen mit kolonialer Gewaltgeschichte benannt sind.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Sprache. Die Schüler*innen setzen sich mit der Frage auseinander, wie kolonialrassistische Begriffe im öffentlichen Sprechen sowie in Produkt‑ und Firmenbezeichnungen verwendet werden und wie mit solchen Begriffen umgegangen werden kann. Ergänzend enthält das Heft Materialien zu rassistischen Realitäten in den gegenwärtigen USA und zu rassistischen rechtlichen Regelungen während der Apartheid in Südafrika. Für Südafrika wird außerdem die Freedom Charter von 1955 einbezogen. Erwartungshorizonte und ein Vorschlag für eine Leistungskontrolle unterstützen die Überführung der Materialien in konkrete Unterrichtssituationen.
Insgesamt verbindet das Heft historische Quellenarbeit, Recherche, begriffliche Auseinandersetzung und Aufgaben zur Gegenwartsorientierung. Die thematische Spannweite reicht dabei von Rassismusbegriff und afrodeutscher Geschichte über deutschen Kolonialismus und dessen Nachwirkungen bis zu den USA und Südafrika.
Diskussion
Das Heft bietet einen gut zugänglichen und didaktisch nachvollziehbaren Einstieg in die Auseinandersetzung mit Rassismus und insbesondere mit deutschem Kolonialismus. Positiv hervorzuheben ist die Verbindung unterschiedlicher Materialtypen: Historische Quellen, biografische Perspektiven, Rechercheaufgaben und Erwartungshorizonte können Lehrkräfte dabei unterstützen, das Thema nicht ausschließlich über eine zusammenhängende Darstellung zu behandeln. Auch die Verbindung von Kolonialgeschichte und gegenwärtigen Fragen des Umgangs mit kolonialem Erbe eröffnet Anknüpfungspunkte für einen problemorientierten Unterricht.
Gleichzeitig begrenzt der Umfang von 24 Seiten die Möglichkeit einer vertieften Behandlung der zahlreichen Themen. Neben Deutschland und den deutschen Kolonien werden die USA und Südafrika einbezogen, sodass mehrere komplexe Gegenstände nur kursorisch behandelt werden können. Für einen Unterricht, der koloniale Herrschaft, rassistische Wissensproduktion und koloniale Gewalt differenziert erschließen möchte, erscheint daher eine Ergänzung durch weitere Materialien sinnvoll.
Besonders relevant ist die Frage nach den einbezogenen Perspektiven. Im Heft findet sich mit Theodor Wonja Michael eine afrodeutsche Perspektive; die im Rezensionstext hervorgehobene Mehrzahl der Texte zu Deutschland und deutschem Kolonialismus stammt jedoch von nicht-afrikanischen, insbesondere weißen deutschen Autor*innen. Perspektiven von Menschen aus den ehemals von Deutschland kolonisierten Gesellschaften und aus deren Diaspora sind nur unzureichend vertreten. Dadurch bleiben Erfahrungen und Deutungen der kolonisierten Gesellschaften unterbelichtet. Dies betrifft auch die Behandlung zentraler kolonialer Gewaltgeschichte: Der Völkermord an den Herero und Nama sowie die Gewalt im Kontext des Majimaji-Krieges werden im vorliegenden Material nur knapp berücksichtigt. Für eine rassismuskritische und multiperspektivische Geschichtsvermittlung ist diese Begrenzung fachlich bedeutsam.
Kritisch zu bewerten ist außerdem der Umgang mit rassistischen Begriffen. Der Anspruch des Heftes, rassistische Begriffe und Bilder nicht zu reproduzieren, wird nach der vorliegenden Rezension nicht durchgängig eingelöst. Wenn rassistische Bezeichnungen wiederholt im Material erscheinen, entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem didaktischen Anspruch der Dekonstruktion und der konkreten Darstellung. Gerade bei Unterrichtsmaterialien zu Rassismus sollte deshalb sorgfältig geprüft werden, ob und in welcher Form die Reproduktion solcher Begriffe für das Lernziel erforderlich ist.
Die genannten Einschränkungen mindern den Nutzen des Heftes. Der vorliegende Text eignet sich als kompakte Grundlage für die Unterrichtsplanung und als Ausgangspunkt für Quellenarbeit. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit deutschem Kolonialismus, kolonialer Gewalt und ihren Nachwirkungen sollte es durch weitere, insbesondere multiperspektivische und aus den kolonisierten Gesellschaften beziehungsweise deren Diaspora stammende Quellen und Texte Schwarzer Autor:innen ergänzt werden.
Fazit
Eva Wolffs Heft bietet einen kompakten und didaktisch gut nutzbaren Einstieg in die Verbindung von Rassismuskritik und deutscher Kolonialgeschichte und stellt dafür vielfältige Quellen‑ und Arbeitsmaterialien bereit. Wegen des begrenzten Umfangs, der nur teilweise multiperspektivischen Auswahl und des problematischen Umgangs mit einzelnen rassistischen Begriffen sollte es jedoch als Einstiegsmaterial verstanden und notwendig durch weitere kritische Quellen und BIPoC-Perspektiven ergänzt werden.
Rezension von
Prof. Dr. Claus Melter
Hochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft, Krankenmorde in Bethel im Nationalsozialismus, Koloniale Völkermorde in Tanzania und Namibia.
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