Ina Schildbach: Armut verstehen
Rezensiert von Dr. Axel Bernd Kunze, 17.04.2026
Ina Schildbach: Armut verstehen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2024. 191 Seiten. ISBN 978-3-7344-1664-4. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Thema
Wie kann der Sozialstaat angesichts der demografischen Entwicklung, zunehmender Schulden, überforderter kommunaler Haushalte und krisenhafter Herausforderungen auch künftig gesichert werden? Deutschland erlebt eine neuerliche Sozialstaatsdebatte. International wird zugleich über die Zukunft der Entwicklungshilfe, deren Notwendigkeit und sinnvolle Ausgestaltung diskutiert. In beiden Zusammenhängen spielt das Thema Armut eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Verfasserin
Ina Schildbach ist Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg. Die Sozialpolitikwissenschaftlerin beschäftigt sich vor allem mit Armut und Ungleichheit im nationalen wie internationalen Kontext.
Kontext
In ihrem Vorwort stellt die Verfasserin eine Verknüpfung zwischen Armuts‑ und Klimadebatte her und fragt: „Was würde passieren, wenn alle Menschen dieser Erde plötzlich denselben Lebensstil wie ‚wir‘ in Deutschland pflegen würden?“ (S. 9). Unser Lebensstil, so ihre Antwort, sei nicht verallgemeinerbar. Aus dieser Einsicht dürfe aber umgekehrt nicht gefolgert werden, anderen Ländern ihr Recht auf Entwicklung abzusprechen. Für Schildbach heißt dies vielmehr: Wir müssen neu und anders über Armut nachdenken – so der Anspruch ihres Bändchens.
Aufbau
Der Band gliedert sich – neben dem Vorwort (1.) – in sechs Kapitel:
(2.) Die Einleitung verortet das Thema globale Armut in der Debatte um die globale Klimakrise und führt gleichzeitig in den Aufbau des Bandes ein.
(3.) Das dritte Kapitel beleuchtet Armut aus verschiedenen philosophischen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven.
(4.) Im vierten Kapitel werden verschiedene Erklärungsmodelle für Armut diskutiert.
(5.) Das fünfte Kapitel widmet sich der Armutsbekämpfung, wobei sowohl ein Blick auf die gegenwärtige Praxis als auch auf mögliche Alternativstrategien geworfen wird.
(6.) Das sechste Kapitel bietet einen Überblick über verschiedene Akteure und Instrumente im Bereich der Armutsberichtserstattung und ‑bekämpfung.
(7.) Im siebten Kapitel formuliert die Verfasserin die Schlussfolgerungen aus ihren vorgelegten Überlegungen.
Das abschließende Literaturverzeichnis umfasst solche Titel, die nicht schon in den Einzelkapiteln als „weiterführende Literatur“ aufgelistet wurden.
Inhalt
Einleitung: Globale Armut in Zeiten der „Zangenkrise“
Schildbach geht davon aus, dass die Staatengemeinschaft widersprüchliche Ziele verfolge, welche die Akteure von ökonomischer und ökologischer Seite aus in die Zange nehme. Auf der einen Seite sei man sich einig, dass Armut und Hunger bekämpft werden müssten. Auf der anderen Seite verfolge man den Klimaschutz wie die Förderung des Wirtschaftswachstums. Die Armutsbekämpfung erfordere notwendige finanzielle Mittel, die durch Wirtschaftswachstum generiert werden sollen, was wiederum den Ressourcen‑ und Energieverbrauch anheize – und damit das Klima weiter schädige.
Die globalen wie nationalen Debatten um Armut hängen für die Autorin zusammen: Die Länder des globalen Nordens kompensierten durch Wirtschaftswachstum die sozialen Unterschiede in ihren Ländern – zum großen Teil aber auf Kosten des globalen Südens. Diese Interdependenzen könnten nur durch eine universalistische Perspektive aufgehoben werden, nicht durch eine Renationalisierung der Armutsdebatte. Die Bekämpfung der Armut sei vielmehr als Menschheitsaufgabe zu verstehen.
Was bedeutet Armut? Philosophische und sozialwissenschaftliche Perspektiven
Die Verfasserin diskutiert verschiedene philosophische Armutskonzepte (3.1), beginnend mit Jean-Jacques Rousseau. Es geht u.a. weiter mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel sowie Karl Marx und Friedrich Engels über Friedrich August Hayek, Thomas Pogge und Peter Singer bis zu Papst Franziskus. Sozialwissenschaftlich (3.2) werden die Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Armut, der Ressourcen-, Lebenslagen-, Exklusionsansatz und der „Capability Approach“ nach dem US-indischen Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya K. Sen dargestellt. Letzterer versteht, wie die Autorin darlegt, Armut als „Verhinderung von Selbstverwirklichung“.
Die Autorin arbeitet, so unterschiedlich die vorgestellten Theorien auch sind, als gemeinsamen Wesenskern heraus, dass es immer um zwei Blickrichtungen gehe: um die Bewertung von Armut auf der einen und – komplementär dazu – um die von Wohlstand auf der anderen Seite. Für die Autorin vermittelt der Überblick über die verschiedenen Theorieangebote die Erkenntnis, dass Armut nicht allein individuelle Folgen zeitigt, sondern Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft; die Exklusion Einzelner lasse auch die übrigen Glieder eines Gemeinwesens nicht unberührt. Die sozialwissenschaftlichen Verwirklichungsansätze, etwa bei Sen, hätten ins Bewusstsein gerufen, dass sich Einkommen in „Funktionen“, also in reale Verwirklichungschancen, ummünzen lassen müsse, Armut überwinden werden solle. Die tatsächliche Lebenssituation der Betroffenen wissenschaftlich zu erfassen und angemessen zu beurteilen, könne nur gelingen, wenn sowohl individuelle Fähigkeiten als auch gesellschaftliche Strukturen in den Blick genommen würden.
Worin liegt Armut begründet? Erklärungsmodelle in der Diskussion
Der vorliegende Band unterscheidet zunächst einmal zwischen der Armut von Individuen (4.1) und der Armut von Staaten (4.2). Zur Erklärung ersterer werden diskutiert: Armutsrisikofaktoren, die konkrete Ausgestaltung einzelner Politikfelder (z.B. die Ausgestaltung einzelner sozialpolitischer Maßnahmen oder Sozialreformen), die Finanzialisierung des Wirtschaftssystems, die Theorie zu Privateigentum und sozialen Klassen sowie das Staatsbürgerschaftsprivileg. Für letztere werden als Ursachen Korruption und Kolonialismus benannt.
Ferner geht es um übergeordnete Ursachen (4.3) wie „imperiale Lebensweise“ oder die „Externalisierungsgesellschaft“. Die Länder des Nordens beanspruchten einen überproportionalen Zugriff auf (ökologische) Ressourcen und lagerten die negativen Folgen auf die Länder des Südens aus.
Des Weiteren wird – der Intention des Bandes entsprechend – der Zusammenhang von Armut und sozial-ökologischer Transformation eigens beleuchtet (4.4). Die Marktführerschaft weiter entwickelter Staaten bei moderner Klimatechnologie könne bei schwächer entwickelten Staaten aufgrund strenger werdender politischer Auflagen im internationalen Monitoringsystem deren Armut und Abhängigkeit noch verstärken.
Die Verfasserin stellt jeweils vor, wie die einzelnen Ansätze die Ursachen von Armut zu erklären versuchen und erörtert dann abwägend jeweils Reichweite und Grenzen des betreffenden Erklärungsansatzes. Deutlich wird dabei, dass für die Autorin nicht allein auf aktuelle Ursachen für die Entstehung oder Verfestigung von Armut zu achten sei, sondern auch nach historischen, längerfristig nachwirkenden Ursachen zu fragen sei; Schildbach denkt dabei etwa an Nachwirkungen imperialistischer, kolonialer oder nationalstaatlicher Politiken.
Wie lässt sich Armut bekämpfen? Praktizierte und diskutierte Gegenmaßnahmen
Zunächst stellt der Band allgemein praktizierte Maßnahmen der Armutsbekämpfung vor (5.1). Genannt werden dabei folgende Strategien: Bildung, Arbeitsmigration, institutionalisierte Umverteilung, Wachstumsförderung und Entwicklungshilfe. Die Darstellungen folgen jeweils einem einheitlichen Muster: Was wird getan? Wie wirkt dies? Was könnte verbessert werden? – gefolgt von einer Aufzählung weiterführender Literatur.
Als neue Gegenmaßnahmen werden diskutiert (5.2): effektiver Altruismus, Veganismus, globaler Mindestlohn, Jobgarantie, bedingungsloses Grundeinkommen, Schuldenerlass, Modifikation des internationalen Handelssystems, globales Staatsbürgerschaftsrecht und Freizügigkeit, Weltstaat und Postwachstumskonzepte. Auch in diesem Fall folgen die einzelnen Darstellungen einem einheitlichen Muster, gleichsam im Vergleich zum vorhergehenden Teilkapitel im Konjunktiv: Was würde getan werden? Und auf welcher Ebene? Wie würde sich dies auswirken? Woran scheitert die Umsetzung – wiederum gefolgt von weiterführender Literatur.
In globaler Perspektive weist Schildbach auf Zielkonflikte zwischen Herkunfts‑ und Zielländern hin, etwa bei Förderung der Arbeitsmigration. Würden Länder aufgrund von Fachkräftemangel ein Interesse an Einwanderung haben, könnte dies den Herkunftsländern für weitere Entwicklung dringend benötigte Fachkräfte gerade entziehen. Zielkonflikte könnten aber auch, so die Autorin, zwischen Armutsbekämpfung und Klimaschutz entstehen. Zurückhaltend äußert sich die Politikwissenschaftlerin in diesem Zusammenhang gegenüber Postwachstumstheorien, die schwer zu beurteilen seien: „Solange privatwirtschaftliche Forschung zur Bekämpfung des Klimawandels dem Profit dient und auch staatliche Forschung bezahlt wird, kann die Antwort nicht einfach in weniger Wachstum liegen. Dasselbe gilt für Projekte wie ein bedingungsloses Grundeinkommen oder Entwicklungshilfe; auch hierfür wäre dann schlicht kein Geld mehr da, wenn Wachstum abgeschafft wird, alle anderen Parameter aber unverändert bleiben“ (S. 162).
Überblick über wichtige Berichte, Akteure und Indizes
Dieses Überblickskapitel unterscheidet Instrumente der Armutsberichterstattung in Deutschland, die internationale Berichterstattung im Rahmen von Internationalem Währungsfonds (IWF), Weltbank, der Ernährungs‑ und Landwirtschaftsorgansiation (FHO) und des Entwicklungsprogramms (UNDP) der Vereinten Nationen. Bei den internationalen Indizes werden der Human Development Index (HDI), Multidimensional Poverty Index (MPI) und World Hunger Index (WHI) miteinander verglichen. Die verschiedenen Instrumente werden von der Autorin überblicksartig nebeneinandergestellt, teilweise in tabellarischer Form untereinander verglichen, wobei sich Schildbach einer eigenen Bewertung enthält.
Conclusio: (Methodologischen) Nationalismus überwinden, um Armut zu bekämpfen
Armutsbekämpfung – so die Conclusio der Autorin – könne nur mit einem „universalistischen Blick“ (S. 175) gelingen; Armut sei nicht als nationales, sondern konsequent als ein globales Problem zu verstehen: „Da es sich bei der Angst um Einbußen von Wettbewerbsvorteilen und infolgedessen weniger Wachstum oder davor, zum Magneten von Migration zu werden, um keine Ideologie, sondern Realität handelt, würde dieser universalistische Blick und dessen Praktizierung einen fundamentalen Bruch mit der bisherigen Politik der Vereinten Nationen darstellen“ (ebd.).
Diskussion
Die knappen Einzeldarstellungen der verschiedenen Theorieansätze im dritten Kapitel lassen sich gut lesen und bieten dem Leser eine schnelle Übersicht über die neuzeitliche (sozial-)philosophische Armutsdebatte. Die ausgewählten Repräsentanten stehen stellvertretend für zentrale ideengeschichtliche Konzepte, Armut philosophisch zu denken, so etwa Marx und Engels für kommunistische, Hayek für liberale Ansätze. Diese zu kennen, ist wichtig, wenn die normativen Prämissen hinter der aktuellen Armutsdebatte erkannt und aufgewiesen werden sollen.
Auch in den weiteren Kapiteln 4 und 5 bietet Schildbach einen informativen, leicht zugänglichen und breiten Überblick über die verschiedenen Erklärungs‑ und Lösungsmodelle, die in der Armutsdiskussion vertreten werden. Durch die eingängige, sich jeweils wiederholende Systematik können sich Leser und Leserinnen einen schnellen Überblick verschaffen. Allerdings bietet der bewusst begrenzte Umfang des Buches keine Möglichkeit, einzelne Fragestellungen im Zusammenhang mit den vorgestellten Modellen zu vertiefen; wer dies anstrebt, muss auf die angegebene weiterführende Literatur zurückgreifen. Da die Diskussion der ausgewählten Modelle jeweils nach einem festen Schema verläuft (Kap. 4: Vorstellung der Ursache – Reichweite und Grenzen; Kap. 5: Maßnahme – Leistungen und Grenzen – Verbesserungsmöglichkeiten/​Empfehlungen), findet eine ausgewogene Darstellung von Pro‑ und Kontraargumenten statt; eigene Bewertungen der Autorin werden vom Sachstand klar abgegrenzt. Zugleich erhält der Leser oder die Leserin die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Mit ihrem Buch plädiert die Autorin auf eindringliche Weise dafür, Armutsbekämpfung als Menschheitsaufgabe zu begreifen. Damit wird Armut unter jene Weltprobleme eingereiht, die nur global gelöst werden können, was traditionell die großen UN-Weltkonferenzen seit Ende des Ost-West-Gegensatzes für sich in Anspruch nehmen. Doch wie das vorstehende Zitat verdeutlicht, formuliert der Band zugleich eine starke Kritik an den gegenwärtigen Formen internationaler Politik und internationaler Zusammenarbeit unter dem Dach der Vereinten Nationen. Inwieweit diese Formen im Zuge einer immer weniger regelbasierten Weltordnung und einer neuen Politik geopolitischer Großräume und Einflusssphären künftig überhaupt noch tragfähig sein werden, diskutiert der vorliegende Band nicht eigens.
Der Band vermittelt einen schnellen, leicht lesbaren Überblick über die aktuelle Debatte zum Phänomen globaler Armut. Die Stärke des Buches ist dabei zugleich seine Schwäche: Der einheitliche Aufbau der einzelnen Kapitel und deren klare Gliederung durch Zwischenüberschriften vermittelt einen schnellen Überblick, lässt das Bändchen sogar als Nachschlagewerk erscheinen, verleiht ihm aber auch eine sehr schematische Darstellung. Dennoch bleibt der Titel für einen ersten Einstieg in die Thematik gut geeignet.
Da es der Autorin um eine Überwindung nationaler Perspektiven bei der Armutsbekämpfung geht, zugleich aber auch die Begrenzungen internationaler Akteure und Mechanismen deutlich werden, wäre ein zusätzliches Kapitel zum Verhältnis staatlicher und internationaler Zusammenarbeit sinnvoll gewesen. Überzeugende ethische Antworten auf grenzüberschreitende Problemlagen werden sich realistisch nur dann finden lassen, wenn die polare Spannung zwischen Partikularismus und Universalismus, zwischen nationaler und globaler Perspektive aufrechterhalten und gerade nicht in die eine oder andere Richtung einseitig aufgelöst wird – zumindest dann nicht, wenn die philosophische wie sozialethische Debatte nicht in einen unaufgeklärten normativen Moralismus umkippen soll.
Fazit
Wer sich mit der globalen Armutsdebatte beschäftigen will, findet mit diesem Bändchen einen ersten, gut lesbaren Einstieg, einen informierenden Überblick und eine Art Nachschlagewerk.
Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
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