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Astrid Séville: Radikalisierung durch Verschwörungstheorien

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 12.12.2025

Cover Astrid Séville: Radikalisierung durch Verschwörungstheorien ISBN 978-3-7344-1669-9

Astrid Séville: Radikalisierung durch Verschwörungstheorien. Zum Umgang mit einem demokratiegefährdenden Phänomen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025. 173 Seiten. ISBN 978-3-7344-1669-9. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
Reihe: Wochenschau Wissenschaft.

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Thema

Eine Konferenz im Sir Peter Ustinow Institut in Wien im Jahr 2022 hat sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung und den Folgen von Verschwörungstheorien befasst. In dem Buch sind die Konferenzbeiträge und zwei Experteninterviews wiedergegeben.

Herausgeberin, Autoren und Autorinnen

Astrid Séville ist Herausgeberin des Sammelbands. Sie ist Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Die Autorinnen und Autoren sind Fachleute in den Bereichen Sozialpsychologie, amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte, Politik und Verwaltung, Pädagogik, Soziologie, Mathematik und Data Science, Psychologie und Psychotherapie und Wissenschaftsjournalismus.

Inhalt

Der erste Beitrag von Astrid Séville ist eine Einführung in das Phänomen der Verschwörungstheorien. Typische Merkmale sind ein oppositioneller Gestus und Misstrauen einer Elite gegenüber. Unterschieden wird zwischen Fake News: bewusst verbreitete Falschinformationen, und Verschwörungstheorien, deren Anhänger von der Wahrheit ihrer Ansichten überzeugt sind. Wie alle Theorien und Ideologien sind Verschwörungstheorien Versuche, die Welt zu deuten. Wahrgenommene Kontrollverluste werden so kompensiert. Das Internet und die mediale Berichterstattung fördern die Verbreitung von Verschwörungstheorien.

Im zweiten Betrag beleuchtet Nils Kumkar Verschwörungstheorien aus soziologischer Perspektive. Entscheidendes Merkmal von Verschwörungstheorien ist ihr politischer Charakter, die Zurechnung verborgener Motive, wohingegen im wissenschaftlichen Diskurs auf die Zurechnung verborgener Intentionen verzichtet wird. Die Festlegung dessen, was als Verschwörungstheorie gilt, erfolgt im politischen Diskurs. Es ist eine kommunikative Form, um einen politischen Antagonismus zu artikulieren.

In dem Interview mit dem Experten Michael Butter werden die Merkmale und Funktionsweise von Verschwörungstheorien nochmals beleuchtet. Verschwörungstheorien hat es immer gegeben, man hat einfach geglaubt, weil man es nicht anders gewusst hat. Doch seit 1945 muss man nach den psychologischen Mechanismen fragen, warum Menschen etwas glauben. Es sind nach Ansicht von Butter zwei Gruppen, die für Verschwörungstheorien empfänglich sind: diejenigen, die Eindeutigkeit anstreben, und diejenigen, die das Gefühl haben, einen Kontrollverlust erlitten zu haben. Verschwörungstheorien sind immer Macht-Theorien. Sie können zu einer Radikalisierung führen, wenn sie ethnisch aufgeladen sind. Verschwörungen sind unterhaltend, sie sind ein Strukturmerkmal vieler Fernsehserien. Man sollte sich vor einer Verschwörungstheorie-Panik in Acht nehmen.

Im dritten Beitrag untersucht Clara Schiessler aus psychoanalytischer-sozialpsychologischer Perspektive das Verhältnis von Autoritarismus, Verschwörungsmentalität und Esoterik. Das mehrdimensionale Konzept des autoritären Charakters von Adorno wird ausführlich erläutert. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Verschwörungsmentalität und Esoterik Teil des autoritären Syndroms sind.

Im vierten Beitrag stellen Paulina Fröhlich und Michelle Deutsch die Ergebnisse einer Befragung von jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 23 Jahren über Einsamkeitserfahrungen vor. Es zeigte sich, dass Einsamkeitserfahrungen und antidemokratische Einstellungen gering, aber positiv korrelieren. Abschließend heißt es dann, dass Einsamkeitserfahrungen und demokratiegefährdende Einstellungen zusammen hängen. Die Autorinnen empfehlen die Förderung öffentlicher Räume und öffentlicher Angebote.

Der fünfte Beitrag von Markus Brunner und Florian Knasmüller befasst sich mit der Protesthaltung in Corona-Zeiten. Aus psychoanalytischer Perspektive sind Verschwörungstheorien die Antwort auf Ängste und die Möglichkeit, in unsicheren Situationen einen Halt zu finden. Zugleich vermitteln sie das Gefühl, zu den „Aufgewachten“, die die Situation durchschauen, und nicht zu den „Schlafschafen“ zu gehören. Die Behauptung, dass Verschwörungsdenken Gewalt wahrscheinlicher macht und dass sich Verschwörungstheorien immer auch antisemitischer Bilder bedienen, wird nicht empirisch untermauert.

In dem Interview mit Ulrike Schiesser, derGeschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien,geht es um die Erklärung des Glaubens an Verschwörungen. Die Bundesstelle befasst sich mit Weltanschauungen außerhalb der gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften. Sekten greifen gerne auf Verschwörungstheorien zurück. Verschwörungstheorien sind attraktiv, weil sie die Welt erklären. Mit einem höheren Bildungsgrad sinkt die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Kurz und knapp definiert Schiesser Esoterik als Religion der Selbstoptimierung. Verschwörungstheorien und Radikalisierung gehen Hand in Hand. Wenn es einen Feind gibt, ist es gerechtfertigt, Gewalt anzuwenden.

Im sechsten Beitrag von Maria Do Mar Castro Varela geht es um das Thema Hassreden und Staatsphobie in den sozialen Medien, wobei wiederum auf die Covid-19-Pandemie Bezug genommen wird. Die sozialen Medien ermöglichen eine rasche Verbreitung von Desinformationen. Der Terminus „Fake News“ wird auch als Waffe eingesetzt, um Unerwünschtes zu diskretisieren, d.h. als „Fake“ hinzustellen. Die Autorin spricht von einer „gefährlichen Fragilität der Demokratie“ (S. 136) und verweist dabei auf den weit verbreiteten Rechtspopulismus. Es bedarf einer medienkompetenten Zivilgesellschaft.

Soziale Netzwerke ermöglichen eine schnelle und weitreichende Verbreitung von Nachrichten, was von der Mathematikerin und Data Science Expertin Helena Mihaljevic im siebten Beitrag bezogen auf Verschwörungstheorien digital-kompetent analysiert wird. Wieder wird der Blick auf die Covid-19-Pandemie gerichtet. Die Autorin schildert, welche Potenziale Modelle zur automatischen Klassifikation von Texten haben, z.B. verschwörungstheoretische Inhalte aufzuspüren. Die Technologie ist nicht unumstritten, denn sie wirft auch ethische Fragen auf.

Im achten Beitrag kommt die Wissenschaftsjournalistin Elke Ziegler zu Wort. Festzustellen ist eine grundsätzlich skeptische Haltung der Wissenschaft gegenüber. Der Eindruck ist, dass Wissenschaft politisch erwünschte Haltungen untermauert oder angehalten ist, es zu tun. Wissenschaft sollte in der Öffentlichkeit präsenter sein. Mangelnde Anreize für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sich in die Öffentlichkeit zu begeben, weil es ihrer Karriere nicht förderlich ist, sind ein Hindernis, das beiseite geräumt werden sollte. Hinzu kommt, dass viele Medienhäuser keine Wissenschaftsredaktion haben.

Diskussion

Die Fachleute, die 2022 auf einer Konferenz im Sir Ustinov Institut, das sich mit der Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen befasst, haben ähnlich Weltsichten und bestätigen sich so gegenseitig. Man scheint sich in der Gemeinschaft der überlegenen Wissenden einig zu sein. Nicht nur die Menschen, die an Verschwörungen glauben, halten ihre Weltdeutung für wahr; die meisten Menschen tun das, darunter auch die Fachleute mit ihrem auf ihr Fach bezogenes Wissen. Unstrittig ist, dass der Mensch angesichts der Überfülle an Informationen in der Welt nur ein Bruchteil davon aufnehmen kann, sodass immer eine Informationsselektion stattfindet, die automatisch zu unterschiedlichen Weltsichten und Deutungen der Wirklichkeit führt. Auch Fachleute überblicken nicht das gesamte Wissensuniversum. Hinzu kommt die ungeheure Komplexität der Welt, in der wir leben, die wir, wie Ulrike Schiesser in dem Interview betont hat, nie ganz verstehen können. Die Menschen haben jedoch das Bedürfnis, ihre Welt zu verstehen. Der erste Schritt, um dieses Bedürfnis zu befriedigen, ist, Sachverhalte zu benennen (labeling), dann eine Erklärung zu finden (Attribuierung). Abweichende Meinungen werden als Verschwörungstheorien gelabelt. Die Erklärungen sind unterschiedlich. Genannt werden in den Beiträgen u.a. ein niedriges Bildungsniveau und Einsamkeitsgefühle.

Immer wieder wird Bezug auf die Covid-19-Pandemie genommen. Es ist sozusagen das Paradebeispiel, ein unfreiwilliges Feldexperiment, um das Phänomen „Verschwörungsmentalität“ zu demonstrieren. Als eines der Merkmale der Menschen mit einer Verschwörungsmentalität wird der Hass auf die Eliten angeführt. Wer ist diese Elite? Es ist offensichtlich nicht nur das politische Establishment, sondern auch andere „die da oben“, darunter die Universitäten, die der Politiker Vance als Feinde bezeichnet hat. Der Begriff „Elite“ ist somit ziemlich verschwommen.

Verschwommenheit wird des Weiteren dadurch erzeugt, indem man nicht zwischen extremen und weniger extremen Ausprägungen der Verschwörungsmentalität differenziert.

Es fehlen empirische Untersuchungen. Die Vermutung, dass Verschwörungsdenken Gewalt wahrscheinlicher macht und dass sich Verschwörungstheorien immer auch antisemitischer Bilder bedienen, wird nicht mit empirischen Daten belegt. In Eurobarometer-Umfragen, auf die Elke Ziegler hinweist, werden Meinungen abgefragt, aber kaum Zusammenhänge ermittelt. Nur in einem der acht Beiträge wird eine empirische Untersuchung vorgestellt, doch leider werden die Ergebnisse ohne Signifikanztests und ohne theoretisches Fundament präsentiert. Ist bei Jugendlichen, die sich einsam fühlen, die Verschwörungsmentalität tatsächlich signifikant ausgeprägter? Und, falls das der Fall sein sollte: Wie wird der Zusammenhang erklärt? Die Annahme, dass Einsamkeitsgefühle die Ursache und demokratiegefährdende Einstellungen die Folge sind, und dass man mit der Förderung öffentlicher Räume und öffentlicher Angebote das Problem lösen kann, ist etwas kurz gedacht.

Davon abgesehen könnte ein Zuviel an Vertrauen auch als Naivität gesehen werden. Ein gewisses Misstrauen ist durchaus angebracht, wenn man z.B. auf das Phänomen Korruption „bei denen da oben“, von der man in den Medien erfährt, stößt. Wenn Eliten korrupt sind und wenn politische Entscheidungen hinter geschlossenen Türen getroffen wurden, die dann viele für unsinnig halten und dann – zu spät – dagegen protestieren: Sind da schon Verschwörungstheoretiker oder aber Demokraten am Werk? Ein aufschlussreicher Satz findet sich im Beitrag von Nils Kumkar: Die Festlegung dessen, was als Verschwörungstheorie gilt, erfolgt im politischen Diskurs. Offensichtlich handelt es sich um ein Labeling.

Der Titel „Radikalisierung durch Verschwörungstheorien“ klingt verschwörerisch. Der Untertitel „Zum Umgang mit einem demokratiegefährdenden Phänomen“ verspricht zu viel, denn über den Umgang wird kaum etwas gesagt. Und solange die extremen Ausprägungen der Verschwörungsmentalität ein Randphänomen bleiben, ist die Demokratie zumindest in dieser Hinsicht kaum gefährdet. Wie es Michael Butter in dem Interview formuliert hat: Man sollte sich vor einer Verschwörungstheorie-Panik in Acht nehmen.

Fazit

In dem Sammelband kommen Fachleute aus verschiedenen Disziplinen zu Wort, die sich mit dem Phänomen Verschwörungstheorien auseinandersetzen. Man gewinnt so einen Einblick in ein politisch und gesellschaftlich relevantes Thema und eine Grundlage, die zu einem kritischen Hinterfragen befähigt. In diesem Sinne ist das Buch allen Demokraten und Demokratinnen zu empfehlen.

Rezension von
Dr. Antje Flade
Psychologin, Sachbuchautorin
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Es gibt 58 Rezensionen von Antje Flade.

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ISSN 2190-9245