Wolfgang Funk: Gender Studies
Rezensiert von Prof. Dr. Barbara Ketelhut, 28.11.2025
Wolfgang Funk: Gender Studies.
Wilhelm Fink Verlag
(München) 2024.
2., aktualisierte Auflage.
164 Seiten.
ISBN 978-3-8252-6156-6.
D: 18,00 EUR,
A: 18,50 EUR,
CH: 24,50 sFr.
Reihe: UTB - 4852.
Thema
Im vorliegenden Lehrbuch setzt sich der Autor u.a. mit der Aktualität und Notwendigkeit von Feminismus in der Gesellschaft auseinander und fragt nach seiner Bedeutung für Gender Studies.
Autor
Dr. Wolfgang Funk ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Anglistik und Linguistik der Johannes-Gutenberg Universität Mainz.
Entstehungshintergrund
Im Vorwort zur überarbeiteten 2. Auflage von 2024 geht Wolfgang Funk auf einige gesellschaftliche Veränderungen seit Erscheinen der 1. Auflage von 2018 ein, z.B. auf den Appell des Wissenschaftsrats von 2023, Geschlechterperspektiven in Lehre in Forschung stärker als bisher zu berücksichtigen, und auf den veränderten Umgang mit Transgeschlechtlichkeit (vgl. S. 7).
Aufbau
Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert, wobei Wolfgang Funk jedes Kapitel mit einem aktuellen Beispiel einführt, bevor er auf historische und/oder theoretische Entwicklungen eingeht. In den Kapiteln finden sich immer wieder farblich hervorgehobene Schautafeln v.a. mit Begriffsdefinitionen, z.B. Paradigmenwechsel (S. 35), Patriarchat (S. 76), Cyborg (S. 134) und Kurzbiografien zu einigen der behandelten Autorinnen und Autoren, z.B. Sigmund Freud (S. 39), Virginia Woolf (S. 73), Judith Butler (S. 92). Das Buch endet mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis, dem sich Auflistungen zu „Zeitschriften“, „Einführungen, Handbüchern und Nachschlagewerken“, „Fachgesellschaften“, „Forschungsinstitutionen und -förderung“ sowie „Datenbanken und Open Access Plattformen“ anschließen.
Inhalt
1 Einleitung
Eingangs erläutert Wolfgang Funk zwei einander ausschließende theoretische Ansätze: Essenzialismus und Konstruktivismus und deren Relevanz für die Bestimmung von und den Umgang mit dem Thema Geschlecht. Jedoch relativiert er ihre Bedeutung für sein Buch (S. 16). Es folgt eine kurze Vorstellung der folgenden Kapitel.
2 Mythos Geschlecht
Nachdem Wolfgang Funk die Kategorie Gender in ihrer Herkunft, Bedeutung und als Analysekategorie erläutert hat, geht er auf das „Vier-Dimensionen-Modell“ der Soziologin Raewyn Connell ein und bestimmt es zur „Hintergrundmatrix“ seines Ansatzes. Demnach könne Gender durch 1. Machtbeziehungen, 2. Produktionsbeziehungen, 3. Emotionale Beziehungen und 4. Symbolische Beziehungen erfasst werden (S. 28 ff.).
Wolfgang Funk stellt im Folgenden verschiedene Mythen vor, z.B. aus der griechischen Antike und die biblische Schöpfungsgeschichte, in der Gott Eva aus einer Rippe Adams erschuf, ergänzend um den Mythos, in dem Eva für den Sündenfall verantwortlich gemacht wird (vgl. S. 31 ff.). Einen für das heutige Verständnis von Gender entscheidenden Paradigmenwechsel sieht Wolfgang Funk (in Anlehnung an Thomas Laqueur) im 18. Jahrhundert, als mit dem Blick auf die männliche und weibliche Anatomie eine Voraussetzung für die Differenzierung der Geschlechterbilder stattgefunden habe. Des Weiteren verfolgt Wolfgang Funk die Entwicklungen zu dominant werdenden Vorstellungen von Binarität in den theoretischen Ansätzen der Psychoanalyse von Sigmund Freud (insbesondere: Ödipuskomplex und Penisneid) und die daran anknüpfenden Vorstellungen von Jacques Lacan (insbesondere: Spiegelstadium und Gesetz des Vaters). Diese Ansätze basierten, so Wolfgang Funk, „auf der Annahme eines wie auch immer gearteten biologischen Essentialismus.“ (S. 47)
3 Feminismus
Beginnend mit dem Slogan „sex sells“ wendet Wolfgang Funk das „Vier-Dimensionen-Modell“ von Raewyn Connell auf das Frauenbild in einer Deodorantwerbung von Axe an, um zu zeigen, inwiefern Werbung „gegendert“ sein kann (S. 49 ff.). Daran anschließend fragt er nach der Bedeutung des Feminismus, worin er (vereinfachend wie er betont) zwei verschiedene Ansätze sieht: einen Differenz- und einen Gleichheitsfeminismus und erläutert die Unterschiede am Beispiel geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in den „separate spheres“ (S. 56). Obwohl sich der Begriff des Feminimus einer eindeutigen Definition entziehe und darunter viele verschiedene Argumentationslinien auszumachen seien, bescheinigt Wolfgang Funk ihm eine Erfolgsgeschichte, da er u.v.a. zum „Frauenstimmrecht“ und zur „Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf“ geführt habe (vgl. S. 57).
Exemplarisch geht der Autor auf vier Ansätze aus den 1990er und 2000er Jahren ein: den „Ökofeminismus“ nach Elisabet Sahtouris u.a. (S. 59 f.), den „Antikapitalistischen Feminismus“, wie ihn Laurie Penny vertritt (S. 61), auf einen „Coolen Feminismus“ als einem positiven Lebensgefühl mit eher geringem theoretischen Hintergrund nach Caitlin Moran und Charlotte Roche (S. 61) und den Ansatz der „Intersektionalität“ nach Gabriele Winkler und Nina Degele, der versuche, unterschiedliche Formen der Unterdrückung in Bezug auf Geschlecht, Klasse, ethnische Herkunft sowie Alter, Behinderungen usw. zu analysieren (vgl. S. 62). Besondere Bedeutung weist Wolfgang Funk die „Masculinity Studies“ und die Analysen hegemonialer Männlichkeit nach Raewyn Connell zu (S. 63 f.).
Es folgen kurze Vorstellungen von Klassikerinnen des Feminismus von Christine de Pizan (aus dem 15. Jh.), Mary Wollstonecraft (aus dem 18. Jh.), Virginia Woolf, Betty Friedan, Kate Millett, die er dem Gleichstellungsfeminismus zuordnet (S. 68 ff.). Abschließend geht er auf den französischen, an Jacques Lacan anknüpfenden Feminismus von Hélène Cixous und Luce Irigaray ein, worin die Bedeutung von Sprache und die Andersartigkeit (Differenz) der Frauen hervorgehoben werde (S. 78 ff.).
4 Das Unbehagen der Geschlechter: Gender Studies
Indem Wolfgang Funk im Wesentlichen den Ansatz von Judith Butler, wie sie ihn vor allem in: „Das Unbegagen der Geschlechter“ von 1990 vertritt, hervorhebt und auf Jacques Derridas Konzept der Differance und Jean Baudrillards „Theorie der Simulation als iterative Kopie ohne Original“ sowie auf das Infragestellen der Kategorie Frau von Monique Wittig eingeht, kommt Wolfgang Funk zu dem – folgerichtigen – Schluss, dass sich die Analysemethoden der Gender Studies „nicht mehr, wie der Feminismus, primär mit den Auswirkungen weiblicher Unterdrückung“ befassen. Stattdessen werde die „Herausbildung und Bedingtheit von Geschlechtsidentität an sich in den Mittelpunkt“ gestellt (S. 111). Wolfgang Funk untermauert diese Vorstellung im folgenden Kapitel.
5 Sex Macht Körper
Ausgehend von verschiedenen Lesweisen der Pornographie „als eine historisch und kulturell als auch moralisch“ wandelbare Kategorie fasst Wolfgang Funk die Theorien von Michel Foucault zum Thema Sexualität und Macht zusammen. Im erneuten Rekurs auf Judith Butler ist es Wolfgang Funk wichtig, aufgezeigt zu haben, „wie flüchtig und kontingent jede vermeintlich feste Identität und Rollenzuschreibung ist“ (S. 129). Wie sich dieser Trend weiter entwickeln könnte, versucht der Autor im folgenden Kapitel zu umreißen.
6 Diskussion und Ausblick
Er greift hier die Figur des Cyborgs von Donna Haraway und „ihre Überlegungen zur symbolischen Aufhebung jedweder Geschlechtsidentität“ auf und beschreibt Beatriz Preciados „Vision einer kontrasexuellen Gesellschaft im Zeichen des Dildos“ (S. 141).
Diskussion
Hervorzuheben ist, dass es Wolfgang Funk gelingt, die Bedeutung der Kategorie Gender und die Notwendigkeit von Gender Studies ebenso aufzuzeigen, wie die Tatsache, dass die grundlegende Vorstellung von Binarität nicht naturgegeben, sondern gesellschaftlich bedingt ist.
Für problematisch halte ich die Anordnung der einzelnen Kapitel, die die Geschichte in ihrer Chronologie umkehren, wenn z.B. die Forderung von Virginia Woolf nach einem Zimmer für sich allein aus dem Jahr 1929 nach der Analyse von Kate Milletts „Sexus und Herrschaft“ von 1969 zum Thema Sexualität und Gewalt an Frauen erfolgt. Es ist m.E. gerade dieser Verzicht auf historisch chronologische Entwicklungen, der es dem Autor ermöglicht, einen bestimmten Ansatz, hier den von Judith Butler, als in Gender Studies dominanten herauszustellen und damit die Frage nach Geschlechts-Identität als vordringlich zu postulieren. Als Ergänzung zu den Ausführungen von Wolfgang Funk sei an dieser Stelle eine kurze Einführung zur chronologischen Entwicklung von Gender Studies empfohlen, wie sie sich z.B. im Beitrag „Gender Studies“ von Birgit Riegraf (in: Gudrun Ehlert u.a. (Hg.): „Grundbegriffe Soziale Arbeit und Geschlecht“. Weinheim/Basel 2022) befindet.
Nicht nachvollziehbar ist mir angesichts struktureller Ungleichheiten (z.B. in Bezug auf fortbestehende geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen und die geschlechtsspezifische Segregation des Erwerbsarbeitsmarktes), die Verschiebung ins individuelle Ermessen, wenn Wolfgang Funk schreibt: „Die individuelle Entscheidung der Frage, in welchem Maß … eine allgemeine und allumfassende Gleichbehandlung von Frau und Mann erreicht … ist wird … maßgeblich sein für die jeweils individuelle Auffassung von der anhaltenden Notwendigkeit feministischer Interventionen und Betätigungen.“ (S. 57) Hier wäre eine ausführliche Auseinandersetzung mit feministischen Ansätzen, die sich mit strukturellen Bedingungen auseinandersetzen, wie z.B. der der Intersektionalität, der von Wolfgang Funk nur kurz erwähnt wird (S. 62), wünschenswert gewesen. Für die Vielfalt und Aktualität dieser Projekte vergleiche den Tagungsband von Kirstin Mertlitsch u.a. (Hrsg.) 2024: „Intersektionale Solidaritäten“.
Fazit
Wolfgang Funk beschäftigt sich in seinem einführenden Lehrbuch mit einigen wesentlichen Aspekten von Feminismus und Gender Studies.
Rezension von
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand)
Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts
Homepage www.hs-hannover.de
E-Mail: barbaraketelhut@aol.com
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