Heidi Magerl: Das Taschenbuch für Trauernde
Rezensiert von Alexandra Großer, 02.12.2025
Heidi Magerl: Das Taschenbuch für Trauernde. Für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2024. 103 Seiten. ISBN 978-3-946527-64-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
Thema
Das Buch ist für Menschen in Trauer sowie Menschen, die Trauernden „etwas Hilfreiches und Wissenswertes an die Hand“ (Vorwort) geben möchten. Es ist für alle Menschen, die von einem geliebten Menschen durch Tod Abschied nehmen müssen, für Menschen, die Verluste und schmerzliche Abschiede erleben, wie die Aufgabe von Lebenswünschen, das Beenden einer Schwangerschaft. Heidi Magerl gibt Trauernden mit ihrem „Taschenbuch für Trauernde“ einen Leitfaden durch die Trauer an die Hand.
Autor:in oder Herausgeber:in
Heidi Magerl ist Sozialpädagogin und Supervisorin. Sie ist seit vielen Jahren in der Beratung und Begleitung von Trauernden tätig und ist qualifizierte Ausbilderin und Dozentin für Psychosoziale Palliative Care sowie Ausbilderin für Hospiz- und Trauerbegleiter.
Aufbau
Das Buch gliedert sich, auf insgesamt 103 Seiten, in insgesamt vier Hauptkapitel mit Unterpunkten.
Inhalt
1 Die erste Zeit nach dem Abschied
In der ersten Zeit des Todes eines geliebten Menschen, ist die Zeit geprägt von der Organisation der Beerdigung, der Trauerfeier. In dieser Zeit reagiert das Umfeld mit Mitgefühl und bietet seine Hilfe an. Heidi Magerl weist daraufhin, dass dieser Aktionismus zunächst die Trauernden schützt und verhindert, den Verlust, das Leid zu spüren (vgl. S. 16). Erst nach der Beerdigung, wenn die Trauernden zur Ruhe kommen, kommt der Schmerz, und das Bewusstsein, dass der geliebte Mensch nie mehr zurückkommt. In dieser Zeit empfinden sich Trauernde oft als Belastung für ihre Mitmenschen. Gesellschaftlich wird uns „nach einer Trennung oder nach dem Tod eines geliebten Menschen […] lediglich eine kurze Trauerzeit zugestanden. Spätestens nach ein paar Wochen soll alles wieder in Ordnung sein“ (S. 16). Das Umfeld reagiert unterschiedlich auf Trauernde. Manche versuchen mit allgemeingültigen Sätzen Trost zu spenden und erreichen damit oft das Gegenteil, der trauernde Mensch wird noch mehr belastet. Manche Menschen wenden sich ab, weil sie mit „der Krisensituation“ (S. 18) des Trauernden nicht umgehen können, während andere Menschen an der Seite der trauernden Person bleiben. Die Autorin erklärt, weshalb dies so ist. Der Verlust eines Menschen oder Trennung löst bei Trauernden unterschiedliche Gedanken, Fragen, Emotionen aus. Es braucht Zeit für die Trauer und Zeit für die Veränderungen, die der Tod, die Trennung, der Abschied mit sich bringen. In dieser Zeit braucht es Menschen, die da sind, mit denen Trauernde sprechen können, über ihren Verlust, ihre Ängste, Sorgen, Sehnsüchte. Dies können Menschen aus dem nahen Umfeld sein oder Trauergruppen.
2 Was sie über Trauer wissen sollten
Trauer ist in unserer Gesellschaft Privatsache. Sie findet im Verborgenen oder „auf dem Friedhof“ (S. 34) statt. Die Autorin spricht sich dafür aus, dass wir eine Trauerkultur brauchen, „die mitten im Leben stattfindet, sichtbar und spürbar“ (ebd.). Wir brauchen die Trauer, um den Verlust eines geliebten Menschen in unser Leben zu integrieren, um zu heilen. Trauer ist vielschichtig und bei jedem Menschen anders. Die Trauer erfasst unsere Seele, unseren Körper und unseren Geist. Sie erfasst die ganze Familie. Der Verlust eines geliebten Menschen bringt Veränderungen für die Familie mit sich. Beispielsweise können Paare in der Trauer um einen geliebten Menschen in eine Krise geraten oder enger zusammenwachsen. Heidi Magerl zeigt anhand der verschiedenen Verluste, die Menschen treffen können, auf, was sich verändert und welche Aufgaben damit verbunden sind. In der Trauer werden wir mit unterschiedlichen Emotionen konfrontiert, wie beispielsweise Angst, Verzweiflung, Schuld, Aggression, Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht u.a., jedoch auch mit „tiefe[n] Liebesgefühlen“ (S. 44), wie beispielsweise Freude, Glück, Hoffnung, und weiteren. Einige der Emotionen beschreibt die Autorin im Anschluss näher. Neben der Trauer von Erwachsenen widmet sich die Autorin der Trauer von Kindern, deren Trauer sich von der Erwachsener unterscheidet. Während die Trauer von Erwachsenen mit dem „Waten durch einen langen Fluss verglichen“ (S. 54) wird, wird die Trauer von Kindern mit „Pfützenspringen“ (ebd.) verglichen. Kinder springen in die Trauer hinein und im nächsten Moment wieder hinaus. Die Trauer von Kindern wird oft übersehen, doch auch sie haben einen Verlust erlitten und brauchen in ihrer Trauer Erwachsene, die sie begleiten. Heidi Magerl betont, dass es wichtig ist, Kinder an allen „Prozessen des Abschiedsnehmens“ (ebd.) ihrem Alter entsprechend teilhaben zu lassen.
3 Mein Verlustintegrations- und Entwicklungsmodell
In diesem Kapitel führt Heidi Magerl ihr Verlustintegrations- und Entwicklungsmodell aus, welcher „als Lei(d)tfaden“ (S. 60) durch die Trauer führt. Das Modell enthält folgende Entwicklungsaufgaben:
- Die eigene Trauer bewusst annehmen und leben
- Tod und Abschied ins Leben integrieren
- Persönliche Potenziale entfalten
- Beziehung wandeln und erinnern
- Neue Daseinsperspektive finden
Trauer gehört zu den Basisemotionen. Sie lässt uns den Schmerz spüren. Sie ist „Ausdruck unserer Liebe zu den Verlorenen“ (S. 64). Für Trauernde geht es darum, die Trauer zuzulassen und die Realität anzunehmen, einen geliebten Menschen für immer verloren zu haben und damit auch die gemeinsame Zukunft. Auch, wenn wir die Trauer zunächst verdrängen, den Tod, die Trennung verleugnen, gibt es doch keinen Weg vorbei. Um zu heilen müssen wir durch die Trauer gehen.
Zum Leben gehören Tod und Abschiede dazu. Wir müssen lernen dies in unser Leben zu integrieren, und der „eigenen Endlichkeit und Zerbrechlichkeit“ (S. 69) bewusst zu werden.
Eine weitere Herausforderung vor der uns Abschiede, Trennungen und der Tod stellen, ist der Umbruch, die Krise, die wir bewältigen müssen. „Das alte Leben gibt es von jetzt auf gleich nicht mehr und ein neues ist vorerst unvorstellbar und noch nicht in Sicht“ (S. 71). Dies bedeutet zunächst wohlwollend auf uns selbst zu blicken, uns zu sorgen, unsere Ressourcen und Kraftquellen, die eigenen Potenziale wieder zu entdecken.
In ihrem Modell beschreibt Heidi Magerl, dass Trauernde oft den Satz hören, sie müssten endlich loslassen. Doch gerade das Loslassen löst heftigen Widerstand aus (vgl. S. 77). Statt loszulassen sollten wir bewusst Abschiednehmen und dem Verlorenen einen Platz „in unserer Seele oder in unserem Herzen“ (ebd.) geben. Statt loszulassen in Verbindung mit dem Verstorbenen bleiben. Dazu gehört sich die gemeinsam Beziehung, mit den glücklichen Tagen und ihren Schattenseiten, anzuschauen. Sich auszusöhnen.
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, indem wir merken, jetzt kann und darf etwas Neues beginnen, auch eine neue Liebe. Heidi Magerl, zeigt auf, wie wichtig es ist, sich von den Versprechen zu lösen, die man sich gegenseitig gegeben hat, sich die Erlaubnis zu geben, dass eine neues Leben, eine neue Liebe sein darf.
4 Was Trauernde uns im Rückblick sagen können
In diesem Kapitel berichten Menschen von ihrem Weg durch die Trauer. Es kommen Menschen zu Wort die ihre Ehepartner verloren haben als auch Menschen, die Kinder verloren haben.
Diskussion
Heidi Magerl führt Trauernde feinfühlig und warmherzig mit klaren Worten durch den Weg der Trauer, der für jeden anders aussieht. Mit ihrem Verlustintegrations- und Entwicklungsmodell, erläutert sie, welche Entwicklungsherausforderungen für Trauernde anstehen und wie sie diese bewältigen. Manche Herausforderungen begleitet sie durch Fragen, die die Trauernden für sich beantworten können. Es ist sehr tröstlich zu erfahren, dass Trauernde nicht loslassen müssen, sondern der verstorbene Mensch weiterhin einen Platz im Herzen oder in der Seele haben darf. Das die Erinnerung an den verstorbenen Menschen genauso sein darf, wie das neue Leben, die neue Liebe nach dem Verlust. Für die Menschen, die eine Menschen durch Trennung oder Tod verlieren, gibt es ein Leben vor dem Tod und ein Leben danach. Doch dieses Leben danach muss erst entwickelt werden. Heidi Magerl erklärt deutlich, dass es keine Abkürzung durch die Trauer und den Schmerz gibt, auch wenn diese unter Umständen erst spät einsetzt. Sie erklärt auch, dass sich Freundschaften neu ordnen werden. Denn das Umfeld hat oft wenig Verständnis dafür, wenn die Trauer länger dauert. In diesem Kontext plädiert die Autorin für eine Trauerkultur in der Gesellschaft, in der die Trauer, der Schmerz sein darf. Mir kam beim Lesen das Trauerjahr in den Sinn, dies scheint verschwunden zu sein, weil der Tod, der Verlust eines geliebten Menschen, zu sehr an die eigenen Endlichkeit und Verletzlichkeit erinnert. Weil die Welt für den Trauernden still steht, aus den Fugen geraten ist. Vielleicht sollten wir dieses Trauerjahr wieder aufnehmen, statt Trauernden ihren Schmerz und ihre Trauer abzusprechen, weil wir, die daneben stehen, es nicht aushalten. Das Buch ist neben einer Orientierung durch die Trauer, ein Plädoyer für eine Trauerkultur und zeigt, wie lange der Weg durch die Trauer sein kann. Auch weit über das Trauerjahr hinaus. Indem sie immer wieder auch Originaltöne in die Texte einfließen lässt und in Kapitel vier Trauernde selbst über ihre Trauer berichten, fühlt man sich als Trauernde bzw. Trauernder nicht mehr allein. Es ist hilfreich zu lesen, wie es anderen ging, wie sie nach der Trauer wieder ins Leben fanden. Hilfreich ist hier auch, die Unterschiedlichkeit der Trauer, die für jeden anders ist.
Fazit
Heidi Magerl hat das Buch für Trauernde geschrieben. Es ist als Leitfaden, als Orientierung gedacht, um Trauernde durch ihre Trauer zu begleiten. Doch auch für Menschen, die Trauernden beistehen und begleiten möchten, ist dieses Buch eine gute Orientierung durch die Trauerzeit, die für jeden anders ist, und währt.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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