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Mara Kaiser: Einsichten in die Lebenswelten von Senior_innen mit Migrationserfahrung

Rezensiert von Alexandra Günther, 10.04.2026

Cover Mara Kaiser: Einsichten in die Lebenswelten von Senior_innen mit Migrationserfahrung ISBN 978-3-946527-66-4

Mara Kaiser: Einsichten in die Lebenswelten von Senior_innen mit Migrationserfahrung. Perspektiven für die Pflege und Hospizkultur. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Stuttgart) 2025. 192 Seiten. ISBN 978-3-946527-66-4. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR.
Deutscher Hospiz- und PalliativVerband. Wissenschaftlicher Beirat: Schriftenreihe des Wissenschaftlichen Beirats im DHPV e.V. - Band 12.

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Thema

Die Lebenserfahrungen von SeniorInnen mit Migrationshintergrund sind vielschichtig. Die Methode Narrative Inquiry kann dabei helfen, diese sichtbar zu machen. Für die Hospizarbeit ergeben sich aus den Erkenntnissen neue Zugangsmöglichkeiten.

Autorin

Dr. Mara Kaiser ist Gesundheits‑ und Krankenpflegerin, Palliative Care Fachkraft und hat einen Masterabschluss in Pflegewissenschaft (M. Sc.). Nach mehrjähriger Erfahrung als Pflegefachperson in einem stationären Hospiz und der wissenschaftlichen Mitarbeit am Lehrstuhl Care Policy und Ethik arbeitet sie aktuell in dem Projekt Vielfalt Pflegen als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Zudem verantwortet sie das Projekt Am Ende Vielfalt, Stärkung hospizlich-palliativer Teilhabe und Teilhabe von Menschen mit Migrationserfahrung, das in der ambulanten Hospizgruppe Freiburg e.V. umgesetzt wird.

Inhalt

Mara Kaiser geht in ihrem Forschungsvorhaben der Frage nach, wie Hospizarbeit einen Zugang zu Menschen mit Migrationserfahrung und ihren individuellen Bedürfnissen am Lebensende finden kann. Als Forschungsmethode verwendet sie die Methode Narrative Inquiry.

Daran orientiert startet sie mit einer Reflexion ihrer persönlichen Vorerfahrungen in ihrem beruflichen Leben als Mitarbeiterin in der Pflege.

Vor dem Hintergrund diskutiert sie den aktuellen Stand der Forschung zur hospizlich-palliativen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund. Kritisch sieht Kaiser darin insbesondere die hauptsächliche Verwendung des Kulturbegriffs. Intersektionale und diversitätssensible Ansätze ermöglichen stattdessen eine differenziertere Perspektive nach Ansicht der Autorin.

Für ihre Arbeit geht Kaiser daher einen anderen Weg. Die von ihr verwendete Methode basiert auf den Arbeiten von Jean Clandinin und Vera Caine, die an der Theorie des Pragmatimus nach John Dewey und Jane Addams anschließen. Die Autorin stellt die zentralen Elemente und Schritte der Forschungsmethode vor. Einen Schwerpunkt in der Umsetzung legt die Autorin auf die ethischen Kriterien nach der Relational Ethics of Narrative Inquiry.

Für ihre Forschung führte die Autorin Gespräche mit zwei Bewohnern aus einer SeniorInnen-Wohnanlage. Kaiser schildert deren Lebensgeschichten und Migrationserfahrungen, einschließlich ihrer Reflexionen als Teil des Forschungsprozesses.

Die anschließende Analyse geht von den Arbeiten von Maria Lugones aus. Im Kontext des migrationsgesellschaftlichen Diskurses sieht Kaiser hierin einen neuen Ansatz für die Schaffung von Zugangswegen und der Ausgestaltung pflegerischer und hospizlicher Angebote. Die Autorin verwendet u.a. deren Ansatz des worldtravelling, being at ease, playfulness und impure communities und transferiert Lugones‘ Ideen.

Außerdem entwickelt sie das Konzept der Grenzgebiete. Dies erfasst Orte und Räume in ihrer mehrdimensionalen Bedeutung, in und zwischen Menschen und die Beziehungen im Laufe des Lebens. Narrative Angebote als Teil Narrative Care können zum Beispiel den Austausch fördern und Begegnungsräume schaffen.

Zum Abschluss ihrer Arbeit zieht die Autorin verschiedene Schlüsse. In der Forschung ist es für Kaiser ein Ziel, der Geschichte marginalisierter Menschen mit Migrationshintergrund Gehör zu verschaffen. Gesellschaftspolitisch bietet der narrative Ansatz zudem Potenzial für die Weiterentwicklung der Hospizkultur und für die Hospizbewegung. In der gemeindenahen Hospizarbeit kann Narrative Care als aufsuchender Ansatz Menschen mit Migrationshintergrund, denen hospizliche Angebote bislang nicht vertraut sind, erreichen.

Diskussion

In der hospizlichen Pflege und Begleitung von Menschen mit Migrationserfahrung wird häufig der kulturelle Aspekt betont. Der Schwerpunkt liegt auf interkulturellen, kultursensiblen oder transkulturellen Konzepten. Dabei wird die Komplexität von Identität, in der Migration meist nur eine Teilrolle spielt, nicht ausreichend wahrgenommen.

Mara Kaiser entwickelt mit Narrative Inquiry in ihrer Forschungsarbeit eine neue Perspektive. Im erzählenden Rückblick werden die Lebenswelten der Menschen mit Migrationserfahrung und ihre bedeutsamen Beziehungen, prägenden Erlebnisse und Orte sichtbar. Es eröffnen sich Wege, auf denen hospizlich palliativ Pflegende zu Reisenden in diese anderen Welten werden.

Narrative Care schafft ein Bewusstwerden der eigenen und fremden Grenzen und fördert zugleich neue Verbindungen. Im Austausch auf Augenhöhe wird eine würdevolle Sterbebegleitung für Menschen mit Migrationshintergrund, die oftmals von Marginalisierung betroffen sind, möglich.

Fazit

Die mit der Methode Narrative Inquiry durchgeführte Forschungsarbeit von Mara Kaiser gibt umfangreiche persönliche, praktische und theoretische Impulse zur Weiterentwicklung der Hospizkultur. Ihr Ansatz bietet eine professionelle, spannende Grundlage für die Entwicklung narrativer Angebote im Sinne Narrative Care für die gemeindenahe, aufsuchende Hospizarbeit.

Rezension von
Alexandra Günther
Sozialpädagogin und Ethikerin
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Es gibt 46 Rezensionen von Alexandra Günther.

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ISSN 2190-9245