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Angelika Thaysen: In Liebe und Schönheit

Rezensiert von Dr. Hermann Müller, 05.12.2025

Cover Angelika Thaysen: In Liebe und Schönheit ISBN 978-3-946527-69-5

Angelika Thaysen: In Liebe und Schönheit. Eine Sterbebegleitung über Social Media. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2025. 144 Seiten. ISBN 978-3-946527-69-5.
Reihe: hospiz verlag praxis - 2.

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Zum Thema

Die Hospizarbeit als Bürgerbewegung entwickelte sich in Deutschland relativ spät (vgl. Domdey 2018). In England entstand das erste Hospiz 1967. In Deutschland gab es zunächst Vorbehalte bei den Kirchen und in der Ärzteschaft. Ab Ende der 1980er Jahre setzte sich die Hospizbewegung stärker durch. Die Teilfinanzierung stationärer Hospize durch die Kassen begann 1998, ab 2002 wurde die ambulante Hospizarbeit gefördert (vgl. Domdey 2018, S. 25). In der Palliativmedizin (vgl. Borasio 2014, 3. Auflage), in der Palliativ-pflege und der Hospizarbeit ist die psychosoziale Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen ein wichtiger Bestandteil. Dies geschieht meist im mündlichen direkten Gespräch („face-to-face“). In dem Buch von Angelika Thaysen geht es dagegen um Sterbebegleitung über Social Media und die Erfahrungen mit digitaler Begleitung sowie die Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren dieser Form der Sterbebegleitung. Diese Form von Interaktion unterscheidet sich stark von mündlicher Interaktion von Angesicht zu Angesicht.

Die Autorin

Angelika Thaysen hat langjährige Erfahrungen in allen Bereichen der Hospizarbeit. Sie ist Palliativ-Fachkraft, Sterbe- und Trauerbegleiterin und Supervisorin.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort folgen 12 Kapitel zu verschiedenen Themen aus der online-Gruppe.

Vorwort

In dem kurzen Vorwort skizziert die Autorin den Kontext, in dem dieses Buch entstanden ist. Sie ist seit 25 Jahren haupt- und freiberuflich in allen Bereichen der Hospizarbeit tätig und war davon überzeugt, dass der direkte menschliche Kontakt dafür unbedingt notwendig ist. Während der Pandemie machte sie die Erfahrung, dass Ausbildungsgruppen für Hospizmitarbeitende auch online sehr gut funktionieren. Vor drei Jahren konnte sie dann an einer Online-Gruppe teilnehmen, zu der eine an Krebs erkrankte Freundin eingeladen hatte. Dieser Verlauf wird in diesem Buch dokumentiert und reflektiert.

1. Kapitel

Das Kapitel beginnt mit einer Geschichte. An einem frühen Morgen erhält die Autorin über ihr Handy eine Nachricht einer Freundin. Nora teilt ihr mit, dass sie ein Pankreas-Karzinom und Metastasen hat und wie sie darauf reagiert. Tage später gründete Nora eine Signalgruppe, zu der sie 16 Personen einlud. Die Autorin nutzt die Geschichte der Gruppe „um die Vor- und Nachteile und besonderen Herausforderungen einer Sterbebegleitung über Social Media zu beschreiben“ (S. 11) Anschließend geht es um Besonderheiten und Probleme der Kommunikation über Internetplattformen wie WhatsApp oder Signal. Hierzu gehört, dass Mitglieder eine Einladung zur Mitgliedschaft ablehnen oder später ohne Begründung austreten können. Häufige Kontakte mit der Gruppe können manchmal Mitgliedern zu viel werden, weil dies emotional zu belastend sein kann. Eingegangen wird auf ein digitales Projekt  mit dem Titel „Niemand soll allein sterben“ während der Pandemie. Dies sei teilweise gescheitert. Auch auf digitale Fortbildung für Hospizmitarbeitende und zur Trauerbegleitung wird kurz eingegangen. Weitere Themen sind Internet-Tagebücher (Blog) und Podcast. Behandelt werden dann Vorteile und Nachteile digitaler Trauerbegleitung und digitaler Gruppen für an Krebs erkrankte Menschen.

2. Kapitel

Das zweite Kapitel ist relativ kurz. Es geht um familiäre und nichtfamiliäre Unterstützergruppen. Als Beispiel einer nichtfamiliären Unterstützergruppe aus den 1990er Jahren. Die Gruppe war nicht digital. Es ging um eine Frau, die von ihren Eltern schlecht behandelt worden war. Nach Ansicht des Rezensenten ist die Frage, inwieweit Familienmitglieder einbezogen werden sollen, stark vom Einzelfall abhängig. Es gibt Kranke, für die die Beziehung zu Kindern und Enkelkindern sehr wichtig ist. Einige Kranke machen sich in einer bestimmten psychosozialen Situation während des Krankheitsverlaufs weniger Gedanken um die eigene Zukunft, aber Gedanken um die Zukunft von Familienmitgliedern. Beobachtet wurde eine Zunahme altruistischer Gefühle und Wünsche (vgl. Borasio 2014, S. 135/136) In anderen Fällen kann das anders sein. Freundinnen und Freunde können zum Beispiel wichtiger sein. Auch kann sich während des Krankheitsverlaufs die psychosoziale Situation des Kranken ändern.

3. Kapitel

Das dritte Kapitel beginnt mit der Entstehung der Gruppe. Nora gründete die Gruppe und kam auf die Palliativstation einer anthroposophischen Klinik. Eine Palliativstation nimmt Patientinnen und Patienten auf, die mit großer Wahrscheinlichkeit bald sterben werden. In ihren ersten Beiträgen wird eine Haltung der Auflehnung und es Nichtwahrhabenwollens deutlich. Sie will geheilt werden. Sie gerät damit im Gegensatz zu einigen Pflegenden. Es folgt dann ein Exkurs über Alleinsein und Einsamkeit. Alleinsein muss nicht Einsamkeit bedeuten.

4. Kapitel

In diesem Kapitel geht es um die Interaktion in der Gruppe und den Gruppenprozess. Die Gruppenmitglieder, die sich untereinander häufig nicht kennen, stellen sich vor und stellen dar, welche Beziehung sie zu Nora hatten bzw. haben. Deutlich wird auch die Verfügbarkeit über das Smartphone. Manche Gruppenmitglieder sind auch Nachts online, was man durch „blaue Häkchen“ erkennen kann. Nora hatte manchmal auch nachts ein Bedürfnis, zu reden. Unterschiedliche psychosoziale Situationen werden deutlich, zum Beispiel die Angst, in der Nacht allein zu sterben.

5. Kapitel

Hier geht es um besondere Aktivitäten der Gruppe. Wobei die Möglichkeiten digitaler Kommunikation genutzt werden. Verschickt wurden Fotos und Videos von Bäumen, dem Meer und Wäldern bei Spaziergängen. Es geht um eine Meditation zu Bäumen nach Hermann Hesse, Gedichte, Bilder und ein Musikvideo. Die spirituelle Dimension der Begleitung wird deutlich.

6. Kapitel

Behandelt werden Grenzen dieser Form der Sterbebegleitung. So kann zum Beispiel der Wunsch nach praktischer Hilfe vor Ort und physischer Nähe nicht erfüllt werden. Es findet ein Austausch über die Frage statt, welchen Sinn das Leben hat. Die Autorin stellt fest: „Das Mitschwingen mit den emotionalen Schwankungen war anstrengend für alle in der Gruppe“ (S. 65) Vier Mitglieder verließen die Gruppe ohne Begründung. Es folgt ein Unterkapitel zu Ursachen von Krebserkrankungen und zur Behandlung. Es gibt Umweltfaktoren und ungesundes Verhalten, die Auslöser von Krebs sein können. Es können aber auch Menschen, die sehr gesund gelebt haben, an Krebs erkranken. Eingegangen wird auf Naturheilverfahren in Kombination mit der Schulmedizin.

7. Kapitel

Hier geht es weiter um die Interaktion in der Gruppe anhand von Zitaten. Deutlich werden unter anderem Spannungen zwischen dem Personal einer Palliativstation und der Patientin Nora. Wenn man Patient auf einer Palliativstation oder im Hospiz ist, bedeutet das, dass eine kurative Therapie nicht mehr als sinnvoll eingeschätzt wird. Noras Reaktion auf diese Prognose könnte man als Zorn und Auflehnung charakterisieren ( vgl. Student u.a. 2007, S. 57) Einige Gruppenmitglieder (einschließlich der Autorin) bestärkte die Haltung der Patientin, was die Autorin jetzt kritisch sieht (S. 81). Dadurch kann zum Personal ein Spannungsverhältnis entstehen. Es geht u.a. um die Frage, inwieweit sie durch eine Chemotherapie Zeit für „alternative Heilungswege“ gewinnen kann. Kurz eingegangen wird auf Theorien zu Schamgefühlen. Nora lies die Chemotherapie machen. Sie war mit heftigen Nebenwirkungen verbunden, sie musste an die Dialyse.

8. Kapitel

Das Kapitel zur Bewältigung der Krankheit enthält viele Zitate aus der online-Gruppe, die die Stimmungslagen von Nora zeigen. Sie war damals auf einer Palliativstation und auf einer Station für Corona-Kranke, da sie infiziert wurde. Trotz negativer Prognosen hielt Nora an der Hoffnung auf Heilung fest. Es folgt ein Abschnitt aus einer Abschlussarbeit im Rahmen einer schamanischen Ausbildung von Jessica Laukeninks zum Thema Leben und Sterben aus schamanischer Sicht.

9. Kapitel

Ihre letzten Lebenswochen verbrachte Nora in einem stationären Hospiz in Hamburg: Die Zitate aus der digitalen Interaktion und die Darstellungen in diesem Kapitel beziehen sich auf diese Zeit. Nora stellt u.a. positive Erinnerungen an ihren Lehrer und väterlichen Freund, der in Nepal lebte. Die Gruppe plant ein gemeinsames Osterfeuer im Garten des Hospizes, das dann jedoch nicht stattfinden kann. Nora hofft noch auf ein „Wunder“. Aber ihre Einstellung zu einem möglichen Lebensende scheint sich etwas geändert zu haben. Sie macht sich Gedanken um ihre Bestattung.

10. Kapitel

In diesem Kapitel geht es um  die letzten Tage im Leben von Nora. Die Morphium-Dosis wurde erhöht. Taumel und Schwindelgefühle stellen sich ein. Die Patientin hat ein hohes Ruhebedürfnis, die Außenwelt wird unwichtiger. Nora stellt ihre direkte Kommunikation mit der Gruppe ein und ihre Schwester verschickt die letzten Nachrichten. Gefragt war jetzt nur noch Präsenz.

11. Kapitel

Das Kapitel beginnt mit Auszügen aus der Kommunikation in der Gruppe nach Noras Tod. Es folgt eine Reflexion der Autorin zur Gründung einer Supportgruppe und zu möglichen Erfahrungen und Regeln. Eingegangen wird auf einen „Balanceakt“ der Teilnehmer, einem „zwischen einem unterstützenden ‘Es wird schon wieder und du schaffst das'“ und dem manchmal aufkommenden Wunsch ‘reinen Wein einzuschenken‘“ (S. 119).

12. Kapitel

Dieses Kapitel enthält Darstellungen und Reflexionen einiger Gruppenmitglieder und der Autorin zum Gruppenprozess und Interaktion. Die Texte wurden 2 Jahre nach dem Abschluss der Gruppeninteraktion erstellt.

Diskussionen

Digitale Sterbebegleitung bietet einige Möglichkeiten. Auch wenn die medizinische Prognose und Diagnose „Palliativpatient“ feststeht, wissen die Mediziner häufig nicht, wie lange der Patient noch leben wird. Es können wenige Wochen oder mehrere Monate sein. Familienangehörige und Freunde leben vielleicht in einer anderen Stadt oder sogar in einem anderen Land, arbeiten dort und haben Familie. Sie können dann nicht über Wochen beim Patienten sein. Viele Patienten wollen das auch gar nicht. Die Angehörigen oder Freunde sollen lieber ihr Leben weiter führen. Pflegende Angehörige müssen häufig ihre Berufsarbeit aufgeben oder die Arbeitszeit verkürzen. Dass ist mit erheblichen Nachteilen verbunden. Hier ist die digitale Begleitung eine Alternative oder Ergänzung.

Die Autorin geht nicht nur auf Vorteile digitaler Sterbebegleitung, sondern auch auf Nachteile und Gefahren ein. Man muss nicht wie Spitzer (2018/2019) gleich von einer „Smartphone-Epidemie“ sprechen, sollte die Gefahren aber nicht ausblenden. Man kann das Smartphone auch vernünftig verwenden. Hierzu gehört, dass man nicht immer erreichbar ist. Man kann das Smartphone abstellen. Es gibt Situationen, in denen das Abhören vom Meldungen, stört, ablenkt oder sogar gefährlich ist.

Wichtig dürfte sein, dass Palliativpatienten entscheiden können, wann sie reden wollen und über was sie reden wollen. Es gibt Situationen, in denen sie Stille wünschen. In einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sind sie manchmal auch geschwächt. Der Begleiter sitzt daneben und wartet, ob der Patient etwas sagen will. Eine Frage war, was die Gruppenmitglieder leisten können. Häufig präsent zu sein, ist anstrengend. Auch können Mitglieder emotional überfordert sein. Hier wären unterschiedliche Settings möglich, die man in der Gruppe aushandeln könnte. Man könnte auch feste Zeiten vereinbaren. Dauerhaft präsent sein zu müssen, kann sehr belastend sein. Nicht jeder kann das aushalten. Welche Therapien bei Palliativpatienten noch sinnvoll ist, ist manchmal auch unter Ärzten strittig. Der Palliativmediziner Thöns  (2006) wirft einigen Medizinern vor, Sterbende mit Therapien zu behandeln, die ihnen nichts mehr bringen und häufig sogar schaden. Im Fall von Nora stellt sich die Frage, ob ihr die Chemotherapie geschadet hat. Sie ist diesen Weg gegangen und wurde dabei von Gruppenmitgliedern unterstützt. Nora wollte Zweifel an ihrer Genesung nicht hören und die Gruppe hielt sich daran. Das kann aber für einige Gruppenmitglieder belastend sein. Zu solchen Fragen könnte Supervision sinnvoll sein.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Einblick in diese Form von Sterbebegleitung. Solche Gruppen können als Ergänzung in bestimmten Fällen sehr wichtig sein.

Literatur

Borasio, Gian Domenico (2013), Über das Sterben, München, Deutscher Taschenbuchverlag

Borasio, Gian Domenico (2014) selbst bestimmt sterben. Was es bedeutet, was uns daran hindert. Wie wir es erreichen können, München, Verlag C.H.Beck.
Vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/21049.php

Domdey, Ulrich (2018) wie steht es um die Hospizarbeit in Niedersachsen in: Monika C.M. Müller (Hrsg.): Gut gemeint – gut gemacht? Professionalisierung der Sterbebegleitung und Zukunft der Hospizarbeit. Evangelische Akademie Loccum (Rehburg-Loccum) 2018.S. 21 - 32 vgl.https://www.socialnet.de/rezensionen/25146.php

Student, J. C.; Mühlum, Albert; Student, Ute (2007) Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care, München und Basel Reinhardt UTB vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/27600.php

Spitzer, Manfred (2018/2019), Die Smartphone -Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft, Klett-Cotta

Thöns, Matthias, (2016 6), Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende, München, Berlin: Piper

Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
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Es gibt 38 Rezensionen von Hermann Müller.

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ISSN 2190-9245