Aya Velázquez, Bastian Barucker et al. (Hrsg.): Vereinnahmte Wissenschaft
Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 01.08.2025
Aya Velázquez, Bastian Barucker, Paul Schreyer, Bastian Barucker, Bastian Barucker (Hrsg.): Vereinnahmte Wissenschaft. Die Corona-Protokolle des Robert-Koch-Instituts. Massel Verlag (München) 2025. 252 Seiten. ISBN 978-3-948576-21-9. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 25,00 sFr.
Thema und Zielgruppe
Nachdem es Paul Schreyer mit seinem Magazin Multipolar in einem langen Rechtsstreit gelungen war, z.T. geschwärzte Protokolle des Robert Koch Instituts aus der Pandemiezeit frei zu klagen und diese zu veröffentlichen, mutmaßte Aya Velázquez im März 2024 in einem Post, dass auf ein Signal des Bundeswehr Generalstabsarztes Hans-Ulrich Holtherm 2020 die entscheidende Risikohochstufung erfolgt sei, auf die sich dann zahlreiche Pandemiemaßnahmen bezogen. Daraufhin wurde sie von einer Person aus dem Robert Koch Institut kontaktiert und eines Besseren belehrt. Hieraus entstand ein Kontakt, der dazu führte, dass ihr die ungeschwärzten RKI Protokolle und zahlreiches Zusatzmaterial zugespielt wurden. Die anonym bleibende Person sah es als ihre moralische Pflicht an, das Material mit der Öffentlichkeit zu teilen. Etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung dieser ungeschwärzten Protokolle beschäftigt sich nun dieses Buch unter Mitwirkung von Journalist*innen, Politikern und Wissenschaftler*innen mit diesem umfangreichen Material (allein die Protokolle umfassen ca. 4.000 Seiten). Der Herausgeber schreibt, dass sich das Buch sowohl an Befürworter als auch an Kritiker der Pandemiemaßnahmen richte: an „Empörte und Neugierige, an Entsetzte und Verletzte“. Intendiert ist, „aufgrundlage der Protokolle eine gemeinsame Basis zu finden, einen kleinsten gemeinsamen Nenner, von dem aus wieder respektvolle Debatten und Austausch auf Augenhöhe möglich sind“.
Herausgeber
Bastian Barucker, Jahrgang 1983 und engagierter Vater, ist Wildnispädagoge und begleitet als freier Journalist seit 2020 die Pandemiepolitik in zahlreichen Artikeln und Veranstaltungen, welche zumeist life in Berlin stattfinden und in seinem Youtube Kanal übertragen werden. Er hat neben einem Vorwort und dem Nachwort 4 Beiträge verfasst.
Autor*innen
Aya Velázquez ist Kulturanthropologin und seit den Pandemiemaßnahmen zudem freie Journalistin. Auch sie hat ein ausführliches Vorwort und einen Beitrag geschrieben.
Paul Schreyer, der als Mitherausgeber des online-Magazins Multipolar die damals noch z.T. geschwärzten RKI Protokolle freigeklagt hatte und der bereits 2020 durch ein kritisches Sachbuch (Chronik einer angekündigten Krise) Aufsehen erregte, wurde ebenfalls zu einem Vorwort eingeladen.
Die weiteren Autor*innen sind (Wissenschafts-) Journalist*innen, Rechtswissenschaftler*innen, Jurist*innen, Psychotherapeut*innen, Ärzte, Psycholog*innen, Biolog*innen oder Politiker: Philippe Debionne, Frauke Rostalski (Mitglied des Deutschen Ethikrates), Ruth Schneeberger, Wolfgang Kubicki, Elke Bodderas, Volker Boehme-Neßler, Oliver Hirsch, Kai Kisielinski, Franziska Meyer-Hesselbarth, Sebastian Lucenti, Svenja Flaßpöhler, Elisa Hoven, Juli Zeh, Valeria Petkova, Alexander Konietzky, Sabine C. Stebel. Sie alle haben sich intensiv mit Teilen der geleakten Protokolle beschäftigt und hieraus Schlussfolgerungen gezogen.
Aufbau
Das Buch umfasst nach 3 Vorwörtern 2 Teile:
I Was steht in den RKI-Protokollen?
„Die Wissenschaft“ und die politischen Maßnahmen (5 Beiträge)
Der (einzige) Ausweg aus der Pandemie: die „Impfung“ (6 Beiträge)
II Reaktionen und Deutungskämpfe um die RKI-Protokolle (6 Beiträge)
Ein Nachwort von Bastian Barucker rundet die Ausführungen ab.
Inhalt
Das Vorwort von Aya Velázquez ist fast wie ein Krimi geschrieben und schildert insbesondere die Kontakte zu der bis heute anonym gebliebenen, mutigen Person, die die ungeschwärzten Dokumente geleakt hat: Die Journalistin baute Safe Phones mit anonymen Prepaid- Sim- Karten, installierte ein verlässliches VPN und kommunizierte über Kontakte auf dezentralen, über TOR gerouteten Messengern, um den Informanten nicht zu gefährden und Interventionen zu verhindern. Der Whistleblower und die Journalistin trafen erhebliche Vorkehrungen sowohl bei ihren Treffen als auch beim Beschaffen der Dokumentkopien. Nach Veröffentlichung der Dokumente wurde zwar der Server vielfach attackiert, die Dokumente sind aber unter rkileak.com über eine Suchmaschine und unter corona-protokolle.net inklusive zahlreicher Zusatzinformationen immer noch recherchier- und downloadbar (Stand 22.7.25).
Eine besonders intensive Auseinandersetzung findet sich in den Artikeln des Buches mit der Kommunikation der Risikobewertung. Dokumentierte Zweifel des Robert Koch Institutes umfassen beispielsweise die Zeitpunkte von Hoch- und Herabstufungen (welche auch von politischen Vorgaben geprägt waren) und die gewählten Indikatoren (Inzidenzwerte bei zunehmender Testung). Weiterhin wird die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen in den Protokollen angezweifelt und auf nachteilige Wirkungen hingewiesen, wie z.B.:
- Schulschließungen: „Schulen sind eher nicht die treibenden Quellen, und Schulschließungen würden die Lage wohl noch eher verschärfen…“ (30.11.2020)
- FFP2 Masken: „Anwendung von FFP2 Masken setzt Schulung voraus“ (23.10.2020) und „wenn „Personen nicht geschult/​qualifiziertes Personal sind, haben FFP2-Masken bei nicht korrekter Anpassung und Benutzung keinen Mehrwert“ (30.10.2020)
Weiterhin setzen sich mehrere Artikel mit den Vor- und Nachteilen der Impfung sowie der der Diskussion um die einrichtungsbezogene und generelle Impfpflicht auseinander. Hier sind in den Protokollen nach Beginn der Impfkampagne Zweifel dokumentiert: „Impfstoffwirkung ist noch nicht bekannt. Dauer des Schutzes ist ebenfalls unbekannt.“ Auch die Impfung/​Boosterung von Kindern und die Dauer des Genesenenzertifikats, sowie die Nachverfolgung von Impfnebenwirkungen werden in den Protokollen kritisch beleuchtet. Frühe Kenntnisse zu Impfdurchbrüchen in Pflegeheimen und besonderen Infektionsgefahren insbesondere nach der 1. Impfung diskutiert Sabine Stebel im Abschnitt „Vorsätzliche Blindheit? – Wirkungen und Nebenwirkungen der Impfung“.
Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle, dass bereits am 10.2.2020 protokolliert wurde, dass die Gefahr einer (behandelbaren) hyperallergischen Reaktion am Tag 7–10 den Expert*innen im RKI bekannt war und der Arzt Dr. Alexander Konietzky mit Recht bemängelt, dass dieses Wissen weder umfangreich an die Öffentlichkeit noch an die Ärzteschaft kommuniziert wurde. Stattdessen wurde die Impfung als der Königsweg aus der Pandemie propagiert.
Im zweiten Teil des Buches wird ausführlich diskutiert, dass in Prozessen bis hin zum Bundesverfassungsgericht amtliche Auskünfte des RKI als Tatsachenbehauptungen und Sachverstand gewertet wurden, obwohl die RKI Protokolle jetzt zeigen, dass hier die Besorgnis der Befangenheit zum Hinterfragen des Sachverstandes angezeigt gewesen wäre, denn das RKI war abhängig von Weisungen des darlegungsbelasteten Staates, der Grundrechtseingriffe vornahm. Das BMG hat die Fachaufsicht über das RKI, daher ist die Unabhängigkeit des RKI von der Politik eingeschränkt. Dies müsste Folgen für die Beweisaufnahme in zukünftigen Prozessen sowie rückblickend für die Aufarbeitung von Fehlentscheidungen haben.
Weiterhin schildert der Politiker Wolfgang Kubicki, wie er sich in den Antworten auf seine Anfragen an das Bundesgesundheitsministerium im Lichte der RKI-Protokolle nicht wahrheitsgemäß informiert sieht.
Diskussion
Einige Kapitel im Buch wurden schon veröffentlicht – bei Cicero, der Berliner Zeitung, der Welt oder auf Blogs und Internetseiten, diese wurden jedoch zumeist überarbeitet; andere Kapitel sind für dieses Buch neu geschrieben worden. Manche Beiträge sind incl. der zitierten Quellen eher journalistisch gehalten, andere berufen sich neben den RKI-Protokollen selbst stärker auf fachwissenschaftliche Quellen. Nachdem die geleakten ungeschwärzten Protokolle 2024 erstmals veröffentlicht wurden, äußerten Journalist*innen zahlreicher Medien recht bald, dass die darin enthaltenen Passagen deutlich weniger brisant seien, wenn man sie im Gesamtzusammenhang betrachte. Allerdings erfordert die Fülle des Materials eine umfangreiche Analyse aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dies ist in dem vorliegenden Buch versucht worden, vorwiegend mit maßnahmenkritischer Perspektive. Hierbei treten hochinteressante Gesichtspunkte zu Tage, die bei den anstehenden Versuchen der Aufarbeitung in Untersuchungsausschüssen und Enquete-Kommissionen wichtige Aspekte beisteuern können. Insbesondere die Analyse der Befangenheit von RKI-Expert*innen in Gerichtsprozessen sollte Anlass geben, hier auch angesichts neuer (von Deutschland nicht widersprochener) Amendments der Internationalen Gesundheitsrichtlinien und des Pandemievertrages der WHO die Unabhängigkeit der Justiz zu stärken.
Als Ärztin und Psychiaterin beschäftigt mich persönlich am meisten, wie wenig die im RKI früh bekannte Gefahr einer (behandelbaren) hyperallergischen Reaktion am Tag 7–10 einer COVID-Erkrankung, die in Sozialen Medien auch von dem südafrikanischen Arzt Dr. Shankara Chetty publik gemacht wurde, von der Ärzteschaft aufgegriffen wurde. Dies hätte doch zu einer engmaschigen (z.B. mit Videosprechstunden untersetzten) Begleitung von infizierten, aber nicht krankenhausbehandlungsbedürftigen Menschen im ambulanten Setting führen müssen, um entstehende lebensbedrohliche hyperallergische Symptome sofort mit Corticoiden oder Antihistaminika zu behandeln.
Die erste Auflage des Buches war sehr rasch vergriffen, es folgt im August 2025 bereits eine Neuauflage.
Fazit
Das vorliegende Buch trägt hochinteressante Analysen zu den geleakten ungeschwärzten RKI-Protokollen und weiteren Zusatzdokumenten zusammen. Hierbei werden journalistische, biologisch-medizinische, psychologisch-psychotherapeutische und insbesondere auch rechtswissenschaftliche Perspektiven eingenommen, die wichtige Impulse für die Aufarbeitung der Pandemiemaßnahmen und respektvolle Debatten liefern können.
Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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