Christoph Nix: Gramscis Geist
Rezensiert von Thomas Barth, 22.07.2025
Christoph Nix: Gramscis Geist. Ein Sardisches Tagebuch. VSA-Verlag (Hamburg) 2024. 141 Seiten. ISBN 978-3-96488-223-3. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
Thema
Als Reisetagebuch begibt sich das Buch auf Spurensuche über das Leben eines großen italienischen Sozialrevolutionärs und Theoretikers. Christoph Nix bereiste 40 Jahre nach Gramscis Tod Sardinien, die Heimat des Kämpfers gegen Faschismus und Kapitalismus. Ziel seines Buches ist, dem philosophischen Sarden, marxistischen Denker und Gründer der kommunistischen Partei, Antonio Gramsci (1891-1937), näher zu kommen -über dessen Herkunft, über die Erkundung historischer Stationen seines Lebens. Es geht um Stimmungen, um Kultur, aber auch um Politik. Gramscis Theorie der Zivilgesellschaft, sein Begriff Kultureller Hegemonie wären heute aktueller denn je, befindet Nix. Seit 1981 unternahm er über 50 Reisen auf die Insel und initiierte soziale und Kulturprojekte: Zahlreiche Theaterprojekte, sogar eine Oper für Gramsci, und natürlich viele menschliche und politische Begegnungen. Nix' Tagebuch legt davon Zeugnis ab, zeigt Wege quer über die Insel, erzählt persönliche Geschichten. Der Jurist und Theatermacher inspiriert zu einer persönlichen Begegnung mit Gramsci und Sardinien, seinen Menschen, der Landschaft, Musik und Kunst. Illustrierende Fotos, etwa von einer Ostermontagsprozession, und Zeichnungen von Häusern und Landschaften lockern den Text auf.
Autor:innen und Hintergrund
Prof. Dr. Christoph Nix promovierte bei Johannes Feest und Karl F. Schumann in Strafvollzugsrecht an der Universität in Bremen 1990 zum Thema „Die Vereinigungsfreiheit im Strafvollzug“. Ab 1985 verteidigte er in Mord- und Totschlagsprozessen, ab 1992 Tätigkeit als Intendant am Theater, ab 2015 erneut Tätigkeit als Strafverteidiger, er arbeitet mit Richter Simon Pschorr an der Herausgabe eines neuen Kommentars zum Jugendgerichtsgesetz. 2015 Promotion in Theaterwissenschaften an der Universität in Bern, Kurator der Theaterfestivals in Burundi und Malawi. 2016 Burundi, Togo und Malawi zur Projektbegleitung, Honorarkonsul der Republik Malawi 2020. Nix gab 2024 ebenfalls im VSA-Verlag eine Neuausgabe der Biografie„Das Leben des Antonio Gramsci“ von Guiseppe Fiori heraus (mit einem Epilog von Wolfgang Fritz Haug), aus der das vorliegende Buch gerne zitiert. Nix lebt in Konstanz, wo er 2006–2020 Intendant am Theater Konstanz war, und Alghero auf Sardinien. Die Illustratorin Katrin Bollmann lebt und arbeitet in Hamburg, der Fotograf Sebastiano Piras lebt auf Sardinien, wo er u.a. Bühnenfotograf der an Oper von Sassari war.
Aufbau und Inhalt
Gerahmt von Prolog und Anhang, der geographische und touristische Orientierung bietet, finden sich 18 Reiseberichte in chronologischer Anordnung, die sich dem großen Eurokommunisten und politischen Kulturtheoretiker annähern, seine Biographie nachzeichnen, ihre kulturelle und soziale Einbettung nachfühlbar machen. Der Inhalt mit seinen vielsagenden Kapitelüberschriften im einzelnen:
(Prolog:) Gramscis Geist; 1. Ein Tritt im Sand (1980); 2. Der Bandit von Siniscola (1984)
- Die Würmer, der Käse und das Meer (1986); 4. Der Professor fliegt (1988); 5. Stahlgewitter und der wilde Südosten (1994); 6. Der Wal – eine Oper für Gramsci (1998); 7. Der große Fluss (2000); 8. Auf dem Weg zur Hochzeit (2001); 9. Die Gassen von Dorgali (2003);10. Komm zu mir, Schwester Tod (2004); 11. Le Dune Piscinas – Über den Missmut (2016);
- Zum Glück geht’s dem Sommer entgegen (2018); 13. Beckett in Alghero (2018; 14. Fastnacht in Mamoiada (2020); 15. Die dunkle Seite des Mondes – Spritztouren ans Ende der Welt (2024); 16. Der Heilige und die Banditen von Lula (2024); 17. Die Grundschule von Osilo oder Kinder brauchen Märchen (2024); 18. Gespenster; Anhang: Reiserouten (ausgewählte Orte), Orte der Reiserouten (Auswahl) auf einer Sardinien-Karte, Bahnlinien auf Sardinien
Nix' Prolog „Gramscis Geist“ beginnt, wie es sich für einen Juristen gehört, vor Gericht: Im Mai 1928 habe man Antonio Gramsci wegen Anstiftung zum Bürgerkrieg angeklagt, wo der Staatsanwalt sein Plädoyer im Strafprozess mit dem Satz beendet habe: „Wir müssen verhindern, dass dieses Hirn funktioniert.“ Nix sei 40 Jahre nach Gramscis Tod nach Sardinien gereist, denn er wollte wissen, was er für ein Mensch war, wollte seinem Blick folgen, seinem Leben nachspüren. Nix stand im Haus seiner Eltern, vor seiner Schule, sah alte Fotos und hielt die Gramscis Totenmaske in seinen Händen. Bei seiner Reise habe ihn der kleine Sarde begleitet, „sein Hirn hat funktioniert, sein Herz hat geschlagen“ (S. 9).
Nix widersetzt sich mit seinem Buch einer politischen Justiz, die den Gründer der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) kulturell töten wollte, Gramscis Gesicht sei aber bis heute das Antlitz eines menschlichen Sozialismus. Das Kapitel „Ein Tritt im Sand“ spekuliert schwärmerisch: Hätte er überlebt, hätten seine Gedanken die Herzen und Köpfe der Aufständischen des letzten Jahrhunderts erreichen können, der Partisanen, der Widerstandskämpfer, der Rätedemokraten, der Frauen um Clara Zetkin und Rosa Luxemburg (S. 12). Nix findet ein kleines Haus mit einer Gedenktafel zu Ehren der Mafiajäger Paolo Borsellino und Giovanni Falcone. Hier fanden die tapferen Staatsanwälte Schutz, bevor sie nach Sizilien zurückkehrten, wo sie am 23.Mai und am 19.Juni 1992 durch Bomben der Mafia getötet wurden (S. 14). Das Kapitel „Der Bandit von Siniscola“ erzählt von der sardischen Bewunderung für einen Bankräuber, den eine Gastwirtin auf seiner Flucht beherbergt hatte. Auch Gramsci wäre vom frühen Banditentum auf Sardinien begeistert gewesen (S. 30), Orgoloso, „die Stadt der Banditen“, sein heute ein Zentrum des „Banditentourismus“, der mit der PCI sympathisierende Zeichenlehrer Casino habe dort eine bemerkenswerte Tradition der Wandmalereien begründet, im Stil von Frida Kahlo und Diego Rivera und aus Anlass des Partisanenkampfes gegen den Faschismus (S. 33). Nix Reisebeschreibung bekommt seine persönliche Note durch den Verweis auf seine zunehmenden Sprachkenntnisse wie auch einen in diesem Zusammenhang nötig gewordenen Besuch bei einem Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten (S. 36). Im Kapitel 6, „Der Wal – eine Oper für Gramsci“ begegnet uns ein ernsteres medizinisches Problem: „Die Gramsci-Oper sollte auf Sardinien uraufgeführt werden und danach in Konstanz als meine letzte Produktion. Covid kam. Die Theater wurden geschlossen, alles zerfloss.“ (S. 68) In Kapitel 16, „Der Heilige und die Banditen von Lula“, kommt Nix auf das Thema Banditen zurück und grenzt kriminelle scharf von politischen Dimensionen ab: „Diese Form des 'Banditischen' hat mit den Interessen der Mafia, mit Selbstsucht, nicht das Geringste zu tun“. Es ging um das Bedürfnis, Banden zu bilden, um die Ungleichheit zu überwinden, die auch der religiöse Ausgangspunkt der Bauernkriege im 16.Jahrhundert gewesen wären (S. 129).
Diskussion
In einer Zeit, da ein JD Vance, „Trumps Mann für's Grobe“, zum Katholizismus konvertierte, auch um den Klassismus der herrschenden Milliardärs-Clique zu bemänteln, fällt es schwer Gramsci in dieser Frage beizupflichten: Religion sei „die kolossalste Utopie“, die behauptet habe, dass der Mensch dasselbe „Wesen“ habe, daher mit anderen Menschen verschwistert sei, „den anderen Menschen gleich, frei unter den anderen und wie die anderen Menschen“ -so zitiert Nix Gramscis Gefängnishefte, Bd.6, Heft 11, s.1475 (S. 130). Gramsci habe sich keine Illusionen gemacht bezüglich des Katholizismus Italiens und des Beginns der faschistischen Herrschaft. Er habe sich jedoch die Mühe gemacht, dort nach einer „materiellen“ Grundlage zu suchen nach dem Prinzip Hoffnung“ seines Bruders im Geiste, Ernst Bloch. Kritische Religion unterscheide den Gott der Unterdrückten vom Gott der Privilegierten, könne Projektionsfläche werden für den Wunsch nach etwas grundsätzlich Anderem, „nach einem Reich, in dem die Ursachen der Bedrängnis“ beseitigt seien (ebd.). Vance und Trump verkaufen ihrem MAGA-Fußvolk diese Ursachen der Bedrängnis als Migration, „Kommunismus“ (den sie mit einer fairen Sozialpolitik und dem Skandal identifizieren, dass auch Reiche Steuern zahlen sollen) und absurderweise „den Eliten“, zu denen sie selbst als Reiche und Superreiche gehören. Vance ist dabei mit seiner Aufsteiger-Story (die bekanntlich auch Ex-Kanzler Olaf Scholz beeindruckte) zugleich Feigenblatt einer höhnisch nach unten blickenden Milliardärstruppe als auch Karotte, die den Underdogs vorspiegeln soll, jeder könne es nach oben schaffen. Vance' Katholizismus ist dabei der Kitt, der Theo Bros (Brothers) und Tech Bros zusammenhält, d.h. den Glauben an eine „Entrückung“ der wahren (fundamentalistischen) Christen in den Himmel bzw. der Transhumanisten mit Elon Musk in den Weltraum auf den Mars oder als Datenpaket in das digitales Nirwana eine gottähnlichen KI-Superintelligenz. Naomi Klein nennt diese Bewegung den neuen trumpistischen „Endzeitfaschismus“, der jede Mühe, die Erde zu retten aufgegeben habe. Stattdessen gibt es Bunker für eine winzige „Elite“ und das Opiat eines pervertierten Christentums für die Massen (dem Vance eine gestaffelte Form der Nächstenliebe verschreibt, bei der Migranten natürlich ganz weit unten rangieren sollen). Diese nicht ganz neuen Gefahren gegen die schwärmerischen Träume einer emanzipatorisch gewendeten Religion besser abzuwägen, gelingt Nix leider nicht wirklich zufriedenstellend. Auch wenn auf Basis von Gramsci eigentlich klar sein könnte, dass diejenige Gruppe ihre Version der Geschichte (und Religion) durchsetzen kann, die über die kulturelle Hegemonie verfügt. Leider sind das zunehmend Trumps Tech Bros mit ihren „Sozialen“ Medien: Musk mit X, Zuckerberg mit Met und Facebook, dazu Amazon, Google usw. Nix' Hinweis auf die subversiv-widerständigen Aspekte sardischer Trachten -im Gegensatz zum „Deutschen Einheitskostüm der Nazizeit“ auf dem Münchner Oktoberfest- ist etwas wenig der kritischen Würdigung.
Fazit
Ein stimmungsvolles Buch und ein Versuch, ganz im Sinne Gramscis, der kulturellen Hegemonie touristisch-kapitalistischen Weltkonsums eine andere Art des Reisens und der Weltwahrnehmung entgegen zu setzen. Statt hektischer Vergnügungssucht wird uns genießerische, vielleicht zuweilen im guten Sinne nostalgische Kontemplation einer Landschaft und einer Seelenlandschaft nahegebracht, zugegeben, etwas eskapistisch, aber nicht eskapistisch genug, um Teil einer verdummenden Massenkultur zu sein. Es ist ein Angebot, Kraft zu tanken für den Kampf gegen akut von hegemonischen Kultur-Mogulen propagierte Varianten von Kapitalismus, Militarismus und (Endzeit-) Faschismus.
Rezension von
Thomas Barth
Dipl.-Psych, Dipl.-Krim.
Mailformular
Es gibt 30 Rezensionen von Thomas Barth.





