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Egemen Savaskan, Dan Georgescu et al. (Hrsg.): Behaviorale und psychische Symptome der Demenz

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 17.11.2025

Cover Egemen Savaskan, Dan Georgescu et al. (Hrsg.): Behaviorale und psychische Symptome der Demenz ISBN 978-3-456-86337-5

Egemen Savaskan, Dan Georgescu, Franziska Zúñiga (Hrsg.): Behaviorale und psychische Symptome der Demenz (BPSD): Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie. Hogrefe AG (Bern) 2024. 272 Seiten. ISBN 978-3-456-86337-5. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 58,50 sFr.

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Thema

Verhaltensbezogene und psychische Symptome der Demenz (BPSD) sind gegenwärtig ein zentrales Thema im fachlichen Diskurs über den Umgang mit Demenzkranken. Diese Verhaltensstörungen sind im fortgeschrittenen Stadium demenzspezifische Krankheitssymptome, die sowohl für die Erkrankten als auch für die pflegenden Angehörigen und die beruflich Pflegenden ein großes Belastungspotenzial bilden. Die vorliegende Publikation aus der Schweiz liegt hierbei den Schwerpunkt auf die Diagnostik und Therapie dieser Krankheitssymptome, wobei besonders die nichtpharmakologischen Ansätze im Zentrum stehen.

Herausgeber:innen und Autor:innen

Egemen Savaskan (Prof. Dr. med.) Zürich, Dan Georgescu (Dr. med.) Windisch und Franziska Zuniga (RN, Prof. Dr.) Basel. Weitere Autoren: Sonja Baumann, Stefanie Becker (Dr. phil.). Brigitte Benkert, Andreas Blessing (Dr. phil.). Markus Bürge (Dr. med.), Ansgar Fellbecker (Dr. med.). Martin Hatzinger (Prof. Dr. med.). Michael Hemmeter (PD Dr. med. Dr. phil. Dipl. Psych.), Therese Hirsbrunner, Stefan Klöppel (Prof. Dr. med.), Gabriela Latour Erlinger, Finn Jacob Lornsen, Theofanis Ngamsri (Dr. med.), Jessica Peter (Prof. Dr. phil.), Mathias Schlögl (PD Dr. med.), Marc Sollberger (Prof. Dr. med.), Henk Verloo (Prof. PhD, RN) und Samuel Vögeli.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation besteht aus zwölf Kapiteln nebst Tabellen und Abbildungen.

In den ersten drei Kapiteln (EinführungKlinik und EpidemiologieMultimorbidität/Frailty und BPSD) wird einleitend darauf verwiesen, dass die vorliegenden Therapieempfehlungen für die BPSD im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie der Schweiz entstanden. Bei den BPSD handelt es sich u.a. um affektive, psychotische und psychomotorische Symptome (u.a. Apathie, Depression, Angst, Aggression, Wahn, Halluzination, Enthemmung und motorische Unruhe), die oft mit zirkadianen Störungen verbunden sind. Hervorgehoben wird hierbei die Einschätzung, dass nicht medikamentöse und kognitionsstabilisierende Behandlungsansätze Vorrang vor einer medikamentösen Behandlung besitzen.

In Kapitel 4 (Pathogenetische Faktoren) werden die neurobiologischen und damit zugleich auch die neuropathologischen Grundlagen für das Auftreten der BPSD aufgezeigt. Es handelt sich dabei um degenerative Störungen bestimmter neuronale Schaltkreise, die z.B. Depression, Apathie, Agitiertheit, Psychosen und auch Schlafstörungen verursachen. Des Weiteren werden psychosoziale Faktoren anhand mehrerer Erklärungsansätze als mögliche Ursachen für die demenzspezifischen Krankheitssymptome vorgestellt: u.a. das bedürfnisorientierte Verhaltensmodell (NDB-Modell) und das Modell der progressiv herabgesetzten Stresstoleranzschwelle nach Hall und Buckwalter. Ergänzend werden körperliche Krankheiten und belastende Beeinträchtigungen wie u.a. Harnwegsinfekte, Pneumonie, Verstopfungen, Schmerzen und Seh- und Hörminderungen für diese Verhaltensstörungen aufgelistet.

In Kapitel 5 (Interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit als Basis der Diagnostik und Behandlung) wird äußerst knapp begründet, dass aufgrund der Vielfalt potenzieller Auslöser von BPSD nur ein interprofessioneller Ansatz für die Diagnostik und Behandlung in Frage kommt.

Kapitel 6 (Ganzheitliche Ansätze und strukturiertes Vorgehen im BPSD) beinhaltet u.a. umfänglich die Beschreibung des „Personzentrierten Ansatzes“ nach Kitwood nebst der kurzen Erwähnung weiterer „ganzheitlicher Modelle“: das „Silviahemmet-Konzept“ aus Schweden, das „Psychobiografische Pflegemodell“ nach Erwin Böhm, das „Mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell“ nach Cora van der Kooij und Pflegeheimmodelle aus den Niederlanden und der Schweiz.

Kapitel 7 (Multimodales Assessment) listet übersichtsartig einige Erhebungsinstrumente bezüglich der Erfassung der BPSD auf: u.a. das Neuropsychiatrische Inventar (NPI), die Geriatrische Depressionsskala und das Cohen-Mansfield Agitation Inventory. Ausführungen zur Differentialdiagnostik zum Delir und zur Altersdepression ergänzen das Kapitel.

Kapitel 8 (Psychosoziale Maßnahmen in der Pflege) macht mit ca. 120 Seiten Umfang fast die Hälfte des Gesamttextes aus. Es entfaltet das weite Spektrum an nicht medikamentösen Interventionsformen unterteilt in acht Abschnitte: u.a. sensorischorientierte, kognitionsorientierte und Bewegungsorientierte Maßnahmen für die Betroffenen – Ebene Umgebung – Umgang mit spezifischen Verhaltensweisen (Aggressionen, unangemessenes sexuelles Verhalten und unangemessene Vokalisation) – kognitionsstabilisierende Therapien – spezifische nicht pharmakologische Therapien: psychotherapeutische Verfahren – spezialtherapeutische Angebote (Musik-, Kunst- und Ergotherapie, tiergestützte Therapien, Akupunktur, körperliche Aktivität und Sport) – Entwicklungsprozesse in Gesundheitsorganisationen. Das Vorgehen besteht aus der übersichtsartigen Darstellung und der anschließenden Auswertung der Reviews zu den einzelnen Themenfeldern mit jeweils kurzen Zusammenfassungen.

In Kapitel 9 (Pharmakologische Therapie) werden die medikamentösen Behandlungsansätze im Rahmen der BPSD ausführlich dargestellt und zugleich auch bewertet. Zuvor wird nochmals auf den Grundsatz verwiesen, dass nicht pharmakologische Therapien die Behandlungsformen der ersten Wahl seien. Die folgenden Pharmaka werden hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und zugleich auch bezüglich der Nebenwirkungen expliziert: Antidementiva, Antidepressiva, Antipsychotika, Benzodiazepine, hypnotisch wirksame Substanzen, Antikonvulsiva und Analgetika.

In Kapitel 10 (Biologische Verfahren) werden wohl eher ergänzend und auch recht knapp die folgenden therapeutischen Interventionsmodalitäten dargestellt: Lichttherapie, Schlafentzug/​Wachtherapie, Elektrokrampftherapie und die repetetive transkranielle Magnetstimulation.

Kapitel 11 (BPSD und Kommunikation) weist u.a. nach, dass die nonverbale Kommunikation die wirksamste Umgangsform bei Demenzkranken mit BPSD in Gestalt von Gesichtsausdruck, Stimmklang, Gestik, Berührung und Körperhaltung ist.

Kapitel 12 (BPSD-Algorithmus) besteht aus einer einseitigen Übersichtsabbildung BPSD u.a. mit den Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie.

Diskussion 

Eine fast nicht mehr überschaubare Fülle an Untersuchungen über das Verhalten Demenzkranker sind in dieser Publikation akribisch ausgewertet worden, gilt es doch Empfehlungen im Sinne von Leitlinien in der Diagnostik und Therapie demenzspezifischer Krankheitssymptome in der Schweiz vorzuschlagen (u.a. Nationale Demenzstrategie in der Schweiz). Es kann in diesem Zusammenhang konstatiert werden, dass die Darstellung der pharmakologischen Therapie als ein Orientierungsrahmen für die Ärzte gelungen ist. Auch die Vielzahl an diversen psychosozialen Maßnahmen in der Pflege bei demenzspezifischen Verhaltensweisen sind überwiegend evidenzbasiert und angemessen dargestellt.

Aus der Sicht des Rezensenten gilt es kritisch anzumerken, dass die Inhalte des Abschnitts „ganzheitliche Ansätze“ nicht mit dem Anspruch in Einklang zu bringen sind, praxisorientierte Leitlinien und Standards für den Umgang mit Demenzkranken zu explizieren. Dies wird wie folgt begründet:

Es werden Modelle der „personzentrierten Ansätze“ empfohlen, die in der Pflege Demenzkranker aufgrund fehlender Praxistauglichkeit nicht angewendet werden und teilweise von Pflegenden als nicht angemessen abgelehnt werden (Boggatz et al. 2022, Brandenburg 2023, Dammert et al. 2016, Kotsch et al. 2013).

Kritisch gilt es auch bezüglich dieser Ansätze anzuführen, dass z.B. im Modell der Validation wahnhafte Halluzinationen nicht existieren und dementsprechend auch die diesbezüglichen therapeutischen Interventionen abgelehnt werden (Feil 2000). Des Weiteren wird auch das Leiden bei Realitätsverlusten als nicht behandlungsbedürftig angesehen (Müller-Hergl 2009). Neben der Nichtbeachtung der seelischen Unversehrtheit hat auch die körperliche Unversehrtheit keinen allzu hohen Stellenwert in der „personzentrierten Pflege“. So werden gemäß eines strikten Normalitäts- und Autonomiekonzeptes Demenzkranken Risiken mit teils tödlichen Folgen zugemutet (Chalfont 2014, Loveday 2015, Wasner 2000).

Darüber hinaus wird auch das Konzept der „Realitätsorientierungstherapie“ (ROT) recht unkritisch expliziert, obwohl der Nachweis der Kontraindikation bei Desorientierungsphänomenen erbracht wurde (Schwenk 1979, Dietch et al. 1989).

Parallel hierzu wird vom Rezensenten die Darstellung und Bewertung der Alltagspraxis im Umgang mit Demenzkranken im häuslichen Bereich und in den Pflegeheimen besonders bei den krankheitstypischen Symptomen (BPSD) vermisst. Es handelt sich hierbei u.a. um die intuitiv praktizierten Strategien des Ablenkens, des Beruhigens, des Mitgehens und Mitmachens und des kleinkindähnlichen Umgangs mit den unruhigen und verwirrten Erkrankten (James 2013, Jenkins et al. 2025, Lind 2023, Sachweh 2000, Sachweh 2023). Erklären lässt sich diese Nichtbeachtung mit dem Sachverhalt, dass diese Verhaltensmuster seitens der Vertreter der „personzentrierten Ansätze“ (u.a. Feil und Kitwood) als „Lügen“, „Betrug“ und „Infantilisierung“ diskreditiert werden („bösartige maligne Sozialpsychologie“ Kitwood 2000).

Fazit

Die Publikation enthält eine umfangreiche Datenfülle zu verschiedenen Aspekten der Erfassung und Behandlung Demenzkranker mit Symptomen der BPSD. Im Bereich der nichtpharmakologischen Interventionen ist es jedoch nicht gelungen, die „Spreu vom Weizen zu trennen“. Wegweisende Empfehlungen für die Pflege und Betreuung Demenzkranker können daher nicht erwartet werden.

Literatur

Boggatz, T. et al. (2022): Demenz. Ein kritischer Blick auf Deutungen, Pflegekonzepte und Settings. Verlag W. Kohlhammer. https://www.socialnet.de/rezensionen/​29548.php

Brandenburg, H. (Hrsg.) (2023). Pflegehabitus in der stationären Langzeitpflege von Menschen mit Demenz. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart). https://www.socialnet.de/rezensionen/​30522.php

Chalfont, G. (2014) Naturgestützte Therapie. Bern: Verlag Hans Huber https://www.socialnet.de/rezensionen/8857.php

Dammert, M. et al. (2016): Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Beltz Juventa Verlag (Weinheim und Basel).

Dietch, J.T. et al. (1989) Adverse effects of reality orientation. Journal of the American Geriatrics Society, 37, 10, 974 - 976.

Feil, N. (2000a) Validation. München: Ernst Reinhardt Verlag https://www.socialnet.de/rezensionen/260.php

Feil, N. (2000b) Validation in Anwendung und Beispielen. München: Ernst Reinhardt Verlag

James, I. A. (2013) Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz, Bern: Verlag Hans Huber

Jenkins, L. et al. (2025) Diese Drei Dinge. Ein Leitfaden für den Umgang mit Demenz. Berlin: Springer

Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber

Kotsch, L. et al. (2013): Selbstbestimmung trotz Demenz? Ein Gebot und seine praktische Relevanz im Pflegealltag, Verlag Beltz Juventa, Weinheim und Basel.

Lind, S. (2023) Wirksam umgehen mit Demenzverkindlichung. Pflegezeitschrift, 76 (3): 31–33

Loveday, B. (2015) Demenzteams führen und leiten. Bern: Verlag Hans Huber https://www.socialnet.de/rezensionen/​17812.php

Müller-Hergl, C. (2009) Stress rechtfertigt keine Lügen. Pflegen: Demenz 4 (11) 30–32.

Sachweh, S. (2000) «Schätzle hinsitze!». Kommunikation in der Altenpflege (2., durchgesehene Auflage), Frankfurt am Main: Peter Lang.

Sachweh, S. (2023) „Bei uns geht's bunt zu, nich?“ Kommunikation in Demenz‐Wohngemeinschaften, Göttingen: Verlag für Gesprächsforschung

Schwenk, M. A. (1979). Reality orientation for the institutionalized aged: Does it help? The Gerontologist, 19, 373 - 377.

Wasner, E. (2000) „Mensch, werde wesentlich.“ Zeichen im Sand der Gedanken. In: Gutensohn, S. Endstation Alzheimer?: Ein überzeugendes Konzept zur stationären Betreuung. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag (55 – 67)

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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ISSN 2190-9245