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Claus Koch: Schutzfaktor Bindung

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 26.09.2025

Cover Claus Koch: Schutzfaktor Bindung ISBN 978-3-608-98875-8

Claus Koch: Schutzfaktor Bindung. Wie eine bindungsfreundliche Erziehung vor Fremdenhass und Rechtsextremismus schützt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2025. 154 Seiten. ISBN 978-3-608-98875-8. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

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Thema

In diesem Buch wird aus bindungstheoretischer Perspektive untersucht, was Ursache dafür sein kann, dass in der Kindheit so etwas wie ein ‚bedrohliche Draußen‘ entsteht, das im späteren Verlauf als Nährboden für Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungstheorien und rechtsextreme Propaganda dienen kann. Claus Koch geht der wichtigen Frage nach, warum bestimmte Menschen aufgrund ihrer Bindungsgeschichte besonders anfällig für rechtspopulistische und demokratiefeindliche Ideologien sind.

Autor

Dr. Claus Koch ist Diplom-Psychologe und Mitbegründer des Pädagogischen Instituts Berlin, außerdem als Autor und Publizist tätig. Er ist Experte für Bindungsstörungen und arbeitet e seit Jahren in vielen Projekten zusammen mit Eltern, Erzieher:innen und Lehrer:innen.

Aufbau und Inhalt

Zunächst betrachtet der Autor in einem ersten Teil Die Entstehung des ‚bedrohlichen Draußen‘ beim Kind. Dazu betrachtet Koch zunächst klassisch die Bindungsvarianten und ihre Bedeutung für das Kind. Besonders beachtenswert ist dabei der Abschnitt mit dem Titel ‚Verloren gehen: Das bindungslose Kind‘, in dem beschreibt er, wie das Kind quasi „zum Nichts“ (S. 25) wird, weil es nie erfahren hat, dass es verlässliche Bezugspersonen hat, die es in (gefühlten) Notsituationen unterstützen. Auf die Dauer determiniert das den Selbstwert, ein Gefühl für „seine Authentizität, für seine Einmaligkeit“ (S. 25) gehe verloren, das Kind werde förmlich zu einer Sache – oder um es noch prägnanter zu formulieren: „Mangelnde Anerkennung erzeugt Unsichtbarkeit“ (S. 25). Noch extremer wird das deutlich, wenn man ein ungebundenes Kind betrachtet, das völlig alleine ist in seiner Wahrnehmung. Alles und jede:r werden unberechenbar, niemand hilft in der Bedrohung. Und das ist genau der Punkt, an dem faschistoide oder andere extremistische Ideologien ansetzen können, bieten sie doch – scheinbar – genau die schützende Hand, die sich ein Mensch, der sich völlig allein und verlassen fühlt, wünscht. Das haben sich die Nationalsozialsten schon zu eigen gemacht. Aber unabhängig von politischen Strömungen war es auch der grundsätzliche Hang zu autoritären Erziehungsstilen in der Gesellschaft, der hier bis in die Gegenwart nachwirkt. Dass autoritäre Erziehung langfristig dazu führen kann, dass Menschen unfähig sind, Freiheit und alles, was dazugehört, zu ertragen, macht Koch in diesem einführenden Teil weiter deutlich.

Nachdem so die Grundlagen für die Leser:innen gelegt sind, geht es im zweiten Teil um die ‚Rezepte“, die radikale Kräfte ‚anbieten‘: Das große Versprechen: Endlich Sicherheit und Anerkennung gibt als Überschrift bereits die Richtung vor. Antisemitismus, Verschwörungserzählungen, Angsträume oder gefühlter (männlicher) Bedeutungsverlust des Mannes und traditioneller Lebensverhältnisse durch ‚Wokeness‘ und ‚Genderwahn‘ sind ein Nährboden, um gerade Menschen, die wenig bis kein Sicherheitsgefühl (erlebt) haben, für rechtsextreme Inhalte zu gewinnen. Was hilft in dieser Welt? Die Volksgemeinschaft, wahlweise auch Vaterland oder Heimat als überzeichnete Trutzburg zur Befriedigung der Sehnsucht nach Sicherheit, Schutz und Bindung.

Was das nun mit Elternverhalten zu tun hat beziehungsweise, was aus Sicht des Autors in der Erziehung hilfreich wäre, wird im dritten Teil mit dem Titel Die Brücke zur Weltoffenheit: Bindung als Schutzwall gegen Fremdenhass, Antisemitismus, Verschwörungstheorien und autoritären Nationalismus deutlich. Unter Bezug auf die Grundlage in Sachen Bindung stehen nach Altersstufen gestaffelt Wege im Mittelpunkt, wie es gelingen kann, dass sich ein Kind gesehen und gehört anstatt übersehen und überhört fühlt, es mithin Resonanz erfährt und somit die Welt um sich als mehr oder weniger sicher erlebt. Das Fundament dieser Brücke wird von Anfang an gelebt, weitergebaut werden muss sie Stück für Stück über die Jahre. Der letzte Teil beschäftigt sich damit, wie zum einen auch Schulen und Kitas bindungssichere Orte werden können und ihren Teil dazu beitragen, Grundlagen für eine lebendige Demokratie als Ort der Freiheit und der Selbstwirksamkeit werden können.

Diskussion

Die Verknüpfung zwischen der Anfälligkeit für gerade rechtsextremes Gedankengut und Bindungserleben in der Kindheit ist spannend und so in dieser Form neu, aber völlig einleuchtend. Es geht eben nicht nur um gesellschaftliche Umstände, die für eine Radikalisierung sorgen, sondern auch das Erleben von Bindung. Wobei sich die Frage stellt, ob das auch als Erklärungsansatz für andere extreme Tendenzen gelten könnte? Claus Koch gelingt es auf prägnante und gut lesbare Art und Weise zu erklären, wie individuelle Bindungserfahrungen das politische Denken beeinflussen. Und er zeigt Wege auf, wie Eltern eine wichtige Grundlage dafür bilden können, dass das eben genau nicht passiert: Eine bindungsfreundliche Erziehung und Umgebung können nämlich wichtige Schutzfaktoren sein und letztlich einen Beitrag dazu leisten, dass eine tolerante und weltoffene Gesellschaft nicht nur reine Utopie ist. Beispiele verdeutlichen das an vielen Stellen im Buch, das den Leser:innen deutlich vor Augen führt, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit Kindern vom ersten Atemzug an ist.

Fazit

Geborgenheit statt Hass: Es könnte so einfach sein, eine tolerantere Welt zu schaffen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 222 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245