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Haim Omer, Anat Brunstein-Klomek: Suizidgefährdete Jugendliche unterstützen

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 08.09.2025

Cover Haim Omer, Anat Brunstein-Klomek: Suizidgefährdete Jugendliche unterstützen ISBN 978-3-525-40872-8

Haim Omer, Anat Brunstein-Klomek:Suizidgefährdete Jugendliche unterstützen. Ein Leitfaden für Familie, Schule und soziales Umfeld. Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH (Göttingen) 2025. 245 Seiten. ISBN 978-3-525-40872-8. D: 28,00 EUR, A: 29,00 EUR.

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Thema

Wenn Jugendliche von Sorgen, Trauer, Angst, Wut, und Enttäuschung überwältigt werden, wenn sich das Leben gerade nicht von seiner sonnigen Seite zeigt und kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist, kann der Wunsch aufkommen, nicht mehr auf der Welt sein zu wollen. In der Behandlung von suizidgefährdeten Jugendlichen ist eine Einzeltherapie oft das Mittel der Wahl. Was aber tun, wenn Jugendliche diese Form der Therapie ablehnen und sich die Eltern mit ihren Nöten nicht ausreichend berücksichtigt fühlen? Was, wenn das schulische Umfeld außen vor bleibt, selbst wenn schulische Ereignisse mit der Krise in Verbindung stehen? Wie dafür sorgen, dass alle Beteiligten in der Familie, in der Schule, in der Klinik, im Freundes- und Bekanntenkreis untereinander vernetzt sind?

Autor:in

Prof. (em.) Dr. phil. Haim Omer war Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie an der Universität Tel Aviv und ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel. Er entwickelte das Konzept der Neuen Autorität in den Bereichen Beratung, Erziehung, Schule und Gemeinwesen. Prof. Anat Brunstein-Klomek ist Psychologin und außerordentliche Professorin am Interdisciplinary Center Herzliya. Sie hat eine Lehrtätigkeit am New York State Psychiatric Institute inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Depressionen, Selbstmord und Mobbing.

Aufbau und Inhalt

Haim Omer stellt in diesem Buch gemeinsam mit Anat Brunstein-Klomek einen neuen Ansatz zur Suizidprävention vor, der auf seinem Konzept der „Neuen Autorität“ basiert. Dieses ist einzigartig und bezieht systemisch das gesamte Netzwerk der betroffenen Jugendlichen ein, Fachleute und Familien werden ermutigt, an einem Strang zu ziehen und gemeinsam zu unterstützen. Eltern ist es wieder möglich, ihrem Kind nahe zu sein. Sie fühlen sich in ihrem Stress und ihrem Schmerz ernst genommen und können Distanziertheit, Verzweiflung, Panik und Wut erkennen und überwinden. Dieses Buch verrät praxisnah und anhand vieler Fallbeispiele, wie es gelingt, dass eine gemeinsame Sprache zwischen allen entsteht, die Teil der Krise sind.

Das Buch stellt zunächst die Neue Autorität und andere Ansätze vor, die Suizide unter Teenagern verhindern sollen. Dazu gehören die Dialektisch-Behaviorale Therapie, die Kognitive Verhaltenstherapie sowie die Therapie für Jugendliche aber auch die Bindungsbasierte Familientherapie.

Das zweite Kapitel Suizid und Suiziddrohungen aus der Perspektive der Neuen Autorität fokussiert zunächst, dass zwischen Suiziddrohung und tatsächlicher Suizidgefahr zwar Unterschiede liegen, sie aber letztlich beide eng zusammenhängen. Natürlich ist es möglich, dass Jugendliche die Androhungdes Selbstmordes als Druckmittel gegen ihre Eltern einsetzen ohne zunächst die tiefe Absicht zu verfolgen, dieses in die Tat umzusetzen. Darauf aber seitens der Erwachsenen mit Ablehnung zu reagieren, kann aber zu derartigen Verletzungen führen, dass sich das Blatt wendet. Um das zu verhindern, beschreiben Omer und Brunstein-Klomek den Ansatz des ‚Parlaments des Geistes‘ und des ‚Fußes in der Tür‘. Klingt erst einmal etwas komisch, macht aber Sinn. Dieses Parlament ist ein sehr altes Konzept, das hier adaptiert wird, mit dem verdeutlicht wird, dass es Ziel sein muss, die Anteile des jungen Menschen, die weiter leben wollen, zu erreichen. Sie müssen quasi die Mehrheit haben, die Stimmen, die den Tod wollen, also wie in der Demokratie überstimmen. Das müsse das Ziel des Handelns sein, alles andere sei utopisch. Durch diesen Versuch der Überzeugung kann es für Außenstehende zumindest erst einmal gelingen, Zeit zu gewinnen, also einen Fuß in der Tür zu haben. Wie aber lässt sich jetzt die Neue Autorität mit der Suizidprävention verbinden? Hierzu gehört zum Beispiel das Gewinnen von Unterstützern, die dabei helfen sollen, auf die Jugendlichen aufzupassen und gleichzeitig die suizidalen Tendenzen zu bekämpfen. Aber auch die standhafte elterliche Präsenz, die die Neue Autorität in ihrer Grundform bekanntlich ausmacht, ist von enormer Bedeutung, wobei es immer gilt, die Waage zwischen jener Präsenz und Eskalationsverhinderung zu finden.

Eltern und Unterstützer ist das dritte Kapitel überschrieben, das inhaltlich ausführt, wie das Unterstützungsnetzwerk aufgebaut werden kann und welche Handlungsschritte gegangen werden können. Wichtig: Drohungen müssen im besten Fall standgehalten werden. Dass das leichter gesagt als getan ist, wird im Buch deutlich, dass es Wege dazu gibt. Ebenso übrigens, den Jugendlichen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, dass sie Teil von etwas sind. Das ist deshalb besonders wichtig, weil das Gefühl von Einsamkeit und mangelnder Zugehörigkeit enorme Risikofaktoren für einen Suizid sind. ‘Was würden Sie der Person auf dem Dach sagen?‘ ist die Überschrift eines alten Omer-Artikels zum Thema und auch der Titel des vierten Kapitels. Dieses Kapitel richtet sich vor allem an das Unterstützungsnetzwerk, soll Haltung aber auch Handlungsansätze vermitteln, die im Umgang mit suizidalen Krisen von Bedeutung sind. Schule und informelle Bildung als spezielle Teile des Netzwerkes und ihre entsprechende Rolle finden im fünften Kapitel ihren Platz. Im Abschlusskapitel die Neue Autorität in Verbindung mit anderen Ansätzen zur Suizidprävention schließt sich der Kreis, zu den im Einstieg formulierten Ansätzen anhand vieler praktischer Fallvignetten.

Diskussion

Wer das Konzept der Neuen Autorität überhaupt nicht kennt und zu diesem Buch greift, dürfte anfangs etwas überfordert sein, da die Einführung zu Haim Omers Ansatz äußerst kurz ist und sehr an der Oberfläche bleibt. Dass es im weiteren Verlauf aber trotzdem gelingt, die Neue Autorität und den Umgang mit suizidalen Jugendlichen zu verknüpfen, liegt an den zahlreichen Fallbeispielen. Hier zeigt sich deutlich, was der Kern der Neuen Autorität ist, wie beispielsweise die elterliche Präsenz gerade in der Pubertät Brücken schlagen kann zu den Jugendlichen. So soll eine starke und positive Beziehung zwischen allen Personen geschmiedet werden, die von der suizidalen Krise betroffen sind. Omer und Brunstein-Klomek versprechen keine Wunder, geben keine Erfolgsgarantie – was auch Scharlatanerie wäre –, aber ihnen gelingt es, wichtige Tipps zu geben und an Beispielen vorzustellen, die gerade Eltern Hoffnung machen können, die sich Sorgen um ihren Teenager machen.

Fazit

Gibt wertvolle Tipps für den Umgang mit suizidalen Jugendlichen auf Basis der Neuen Autorität und erläutert das Konzept an vielen Fallbeispielen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 237 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245