Leor Zmigrod: Das ideologische Gehirn
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 01.09.2025
Leor Zmigrod: Das ideologische Gehirn. Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen | Eine unverzichtbare Aufklärung in Zeiten maximaler Polarisierung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2025. 302 Seiten. ISBN 978-3-518-47485-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
Thema
Leor Zmirgod zeigt, dass unsere Überzeugungen nicht als flüchtige Gedanken losgelöst von unseren Körpern existieren. Vielmehr verändern Ideologien unser Gehirn. Und zur gleichen Zeit macht eine bestimmte neurobiologische Veranlagung empfänglich für gewisse Glaubenssätze. Weshalb sie mit einem einfachen Kartensortier-Experiment beispielsweise in der Lage ist, erschreckend akkurat auf die Weltsicht ihrer Probanden zu schließen. In zahlreichen weiteren Experimenten beweist sie den Konnex zwischen extremen politischen Positionen und unserem Gehirn und revolutioniert damit unsere Vorstellungen von Radikalisierung, Extremismus, demokratischer Meinungsbildung.
Autorin
Leor Zmigrod ist eine vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin und gilt als Begründerin der politischen Neurobiologie. Seit 2019 forscht sie an der Universität Cambridge. Sie ist Verfasserin von mehr als 30 peer-reviewed Beiträgen, war als Visiting Fellow zu Gast u.a. in Stanford, Harvard, Paris. Das Forbes Magazine listet sie als eine der 30 einflussreichsten Persönlichkeiten unter 30 (30 under 30).
Aufbau und Inhalt
Am Anfang steht die Vereinfachung. Denn egal, ob man sich islamistische Ideologien, den Brexit, Donald Trump aber auch den Kommunismus anschaut, sie alle geben ein Versprechen. Komplexe Probleme sind einfach erklärbar und lösbar, die Welt lässt sich in Gut und Böse unterteilen. Ideologien, so macht es Leor Zmirgod damit deutlich, befriedigen damit Grundbedürfnisse von Menschen – nämlich die nach Klarheit und Zugehörigkeit, ohne die wir nicht ‚funktionieren‘ können. In ihren Forschungen kommt die Wissenschaftlerin immer wieder zu dem Ergebnis, dass vor allem Menschen mit einer sehr rigiden Psyche, wie sie es immer wieder nennt, für solche Ideologien besonders empfänglich sind. Menschen mit einer gewissen Flexibilität dagegen seien dagegen mit mehr Toleranz ausgestattet, könnten also auch andere Meinungen besser aushalten. Die Folge: Sie seien für Ideologien nicht so empfänglich. Die Psyche und damit auch zumindest in Teilen unsere Gene trage letztlich die Verantwortung, wenn Menschen gemäßigt oder extremistisch seien. Daraus leitet sich die Kernfrage ab, die dieses Buch versucht zu beantworten: Wie kann es gelingen, dass eine Gesellschaft so gestaltet wird, dass es eben nicht Ideologien sind, die die Bedürfnisse unseres Gehirns stillen können? Denn offensichtlich spielt ja die Genetik und die Funktionsweise bestimmter Hirnareale hier eine große Rolle, wie Zmirgod immer wieder anhand von Experimenten nachweist. Ohne an dieser Stelle zu viel zu verraten: Ein einfacher, psychologischer Test konnte politische Einstellungen besser voraussagen als soziale Faktoren wie Bildung oder Einkommen.
Sind wir also so geboren? Darauf gibt es, das wird im Buch deutlich, Hinweise aufgrund von Forschungsarbeiten mit Zwillingen. Aber trotzdem, und das ist die gute Nachricht, haben Menschen in der Regel einen freien Willen und können Entscheidungen treffen – Sektenaussteiger:innen sind hier ein gutes Beispiel, das sich auch an mehreren Stellen im Buch findet. Die Gene bestimmen letztlich eine gewisse Empfänglichkeit, aber das Heft des Handelns, das wird deutlich, bleiben in der Hand des einzelnen Menschen. Die Frage aller Fragen in diesem Zusammenhang, auf die auch die junge Wissenschaftlerin noch keine Antwort gefunden hat: Formt das Denken Ideologien oder doch die Ideologie das Denken? Hirnscans haben nämlich gezeigt, dass Menschen, die eher rechtem Gedankengut zuneigen, in Scans des Gehirns eine vergrößerte Amygdala hatten. Dieser Bereich des Gehirns, eine Art Alarmzentrum und für Ängste und das Verarbeiten (potenzieller) Bedrohung zuständig, sei deshalb so vergrößert, weil gerade diese Proband:innen sich mehr mit negativen Gefühlen beschäftigen würden. Aber wie gesagt, was ist wohl Ursache und was Wirkung? Das können auch die Experimente, die Zmirgrod beschreibt, nicht ergründen, in denen sie nach Verwendungsweisen für Ziegelsteine fragte oder Karten nach unbekannten, sich mitten im Spiel verändernden Regeln sortieren ließ. Wen diese Veränderung besonders wütend machte? Menschen mit extremen Einstellungen, die egal aus welcher politischen Richtung sie kamen, eine hirnphysiologische Gemeinsamkeit hatten: Das Vorkommen von Dopamin als Botenstoff war in bestimmten Hirnregionen nur gering ausgeprägt.
Diskussion
Wer sich im Internet auf die Suche nach Rezensionen zu diesem Buch von ‚ganz normalen‘ Leser:innen macht, stößt auf zwei Pole: Zwischen ‚total spannend‘ und ‚unter dem Niveau einer Bachelorarbeit‘ findet sich alles. „Das kann ja was geben“ war daher mein erster Gedanke, als ich dieses Buch dann selbst in die Hand nahm. Und was soll ich sagen: Ja, es gibt sicherlich Aspekte und Thesen in Zmigrods Buch, die auf den ersten Blick nicht verständlich und bisweilen etwas konstruiert erscheinen – aber ich bin auch Laie, während Leor Zmirgod eine absolute Fachfrau ist. Trotzdem wirken Zusammenhänge zwischen einem Selbstmordattentäter und dem Brexit auf den ersten Blick irritierend? Wünschenswert wäre an manchen Stellen auch ein noch konkreteres Eingehen auf die Ergebnisse der zahlreich benannten Experimente gewesen. Ich muss daher nicht alles unbedingt nachvollziehen können als Leser, aber Zmirgod schafft etwas Bewundernswertes: Sie lädt mit ihrem Buch zum Nachdenken, sicherlich an der einen oder anderen Stelle auch zur intensiven Diskussion ein. Aber genau das soll Wissenschaft doch auch machen. Und gerade in diesen unruhigen Zeiten, in denen Menschen, die gemeinhin als bodenständig galten, plötzlich Absolutheitsversprechen von populistischen Parteien Glauben schenken, macht es Sinn, genauer hinzuschauen und Erklärungen zu suchen. Denn nur wenn wir verstehen, wie Menschen für radikale Ideen empfänglich sind, gibt es vielleicht eine Chance, sie davon loszulösen. Von daher ist dieses Buch für alle, die der Meinung sind, dass Wissenschaft grundsätzlich zum Diskurs einladen soll, genau richtig!
Fazit
Lädt zum Diskutieren und Mitdenken ein – und wirft einen völlig anderen Blick auf das Entstehen politischer Überzeugungen. Spannend, auch wenn es manchmal etwas undurchsichtig ist!
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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