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Johanna Fröhlich: Die leidende Gemeinschaft des Volkes

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 24.09.2026

Cover Johanna Fröhlich: Die leidende Gemeinschaft des Volkes ISBN 978-3-95832-413-8

Johanna Fröhlich: Die leidende Gemeinschaft des Volkes. Ethnographische Beobachtungen in der neuen rechten Bewegung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2025. 500 Seiten. ISBN 978-3-95832-413-8. D: 49,90 EUR, A: 49,90 EUR, CH: 54,90 sFr.

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Ein ethnisch homogenes Volk?

Volk als ursprüngliche, historische, kulturelle, politische, homogene Gemeinschaft ist Ordnung und Ideologie; „Sinnordnung“ dann, wenn sie entsteht und sich verändert; als bedrohliche, gewaltsame Ordnung als Rassismus und Rechtsradikalismus. Es ist die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, die als Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt gelten sollte (Menschenrechtsdeklaration von 1948).

Entstehungshintergrund und Autorin

Rechte Vergesellschaftungsformen und Ideologien machen sich (wieder) breit in der Welt. Rassisten und Populisten, den primitiven, glatzköpfigen, alkoholisierten, neonazistischen Formen, setzen die „neuen Rechten“ Handlungsmuster einer „neuen Mitte“ entgegen. Sie äußern sich scheinbar „gesittet“ und organisieren sich in Parteien, wie z.B. in Deutschland in der AfD, in der Jugendorganisation Identitäre Bewegung, in Pegida und in „Menschenpark“, als Nachfolge-Organisation des (2024) verbotenen Instituts für Staatspolitik. Die Pfarrerin und wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Universität Basel, Johanna K. Fröhlich, legt ihre Dissertationsschrift „Die leidende Gemeinschaft des Volkes“ als ethnografische Studie vor. Zielführend und methodisch orientiert sie sich dabei an der von Strauss und Corbin entwickelten Forschungsmethode „Grounded Theory Methodology“ [1].

Aufbau und Inhalt

Lokal, regional und global entstehen neue rechte Bewegungen mit dem Ziel, die gewachsenen und etablierten demokratischen Ordnungen abzulösen. „Ordnung“ wird hier nicht als abstraktes, theoretisches Regelwerk, sondern als direktes, individuelles und kollektives Erleben (und Erleiden) verstanden. Neben der Einleitung, in der die traditionellen Gesellschaftstheorien und ‑konzepte zur Sprache kommen und die historischen Veränderungsprozesse erläutert werden, wird in den folgenden drei Kapiteln die wissenschaftliche Auseinandersetzung geführt. Die These: „Die Verbindung zwischen den beiden Ordnungen der Gewalt – der Ordnung des Individuums und der Ordnung des Volkes – wird über die vermittelte-unmittelbare Erfahrung hergestellt, Opfer illegitimer Gewalt zu sein.“ „Volk“, als politischer, kultureller und ethisch-moralischer Zusammenschluss von „Gleichgesinnten“, darf kein monolithischer, eingegrenzter Monolith sein, sondern zeichnet sich durch Interkulturalität und Inter-Ethik aus. Es sind die antagonistischen Verführungen und Fake News, die die neurechten Bewegungen scheinbar so attraktiv und stimmig erscheinen lassen. In der qualitativen Sozialforschung kommen den allgemeingültigen, offenen und nicht bereits festgelegten Fragestellungen eine besondere Bedeutung zu. Die sozialwissenschaftlichen Analysen unterliegen dem Dilemma, dass Ereignisse, Zustände, Lebensverläufe, Ich‑ und Weltwissen sowohl sakral als auch profan ablaufen können (Emil Durkheim). „Gewalt und Ordnung stehen in einem engen Zusammenhang“; legitime und illegitime Gewalt auch. Um Gewaltlosigkeit zu wünschen und zu erreichen, braucht es die Anerkennung der Menschenrechte und der Menschenwürde. „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“.

Die ethnografische Feldforschung, die die Autorin vornimmt, fragt auch, wie die „Neue Rechte“ entstanden ist. Die Denkmuster können zurückgeführt werden auf die in den Jahren 2015/2016 in Deutschland sich vollziehenden Zuwanderungen von Flüchtlingen aus aller Welt, der sogenannten „Flüchtlingskrise“ [2]. Die Konflikte um „Wir und die Anderen“, wie sie im Buch von Thilo Sarrazin – „Deutschland schafft sich ab“(2010) angeprangert und die Einheimischen als Opfer der „Landnahme durch Flüchtlinge“ stilisiertwurden. Schiebe – und nationalistische Kräfte werden durch das Institut für Staatspolitik (IfS) angestoßen, die französische „Nouvelle Droite“ dringt mit der „Konservativen Revolution“ weit in die europäischen Rechten-Bewegungen ein. „Umvolkung“ wird zum Schlagwort und Warnsignal. In Stammtischen und Aufmärschen wird das Leiden der Rechten, „und das Leiden wird zu einer Tugend“; Vergangenes wird zur Geschichtsrevision --mit antikem Bezug auf die „Reconquists“, bis hin zur „DDR‑Nostalgie“. Die zu den Pegida-Demonstrationen skandierte Parole „Wir sind das Volk“ wird zum Widerstand gegen eine „Islamisierung des Westens“. „Homogenität gegen Migration“ – „Zugehörigkeit und Ausschluss“ – „Rechtspopulismus gegen Demokratie“ – Die gemeinsame Erfahrung, Opfer zu sein, ist in der neuen rechten Bewegung zentral für die Selbstwahrnehmung als Neu-Rechte. Das spaßige „herumhitlern“. Doch hinter dem Spaß steckt das gewollte, öffentliche Auffallen. „Das Kollektiv erlebt sich … als rassistisch und zu Unrecht als rassistisch verunglimpft.“

Diskussion

„Opfer sein“ ist erst einmal kein Kriterium von rechts denken und handeln. In vielen Lebensverläufen, wie z.B. auch beim „Flüchtling sein“, oder auch bei der „Black-Lives-Matter-Bewegung“, sind es Subversionen, die wirksam werden. Der Schweizer Menschenrechtler und Ökonom Hans. A. Pestalozzi (1929–2004) hat von der „positiven Subversion“ gesprochen: „Wo kämen wir hin/wenn alle sagten: ‚Wo kämen wir hin?‘ und niemand ginge, um einmal zu schauen/​wohin man käme/wenn man ginge?“ (Nach uns die Zukunft, 1979). Die „Neuen Rechten“ nehmen die zentralen Grundlagen der modernen Gesellschaft auf – Gewaltlosigkeit, Menschenwürde und Meinungsfreiheit – und überführen sie in ein antagonistisches Weltbild. Dadurch wird die „Opfer-Stilisierung“ zur humanen Falle, und es bedarf eines neuen Nachdenkens über das gemeinsame, individuelle und kollektive „Wir“ in einer modernen, demokratischen Ordnung.

Fazit

Die Autorin greift mit ihrer Studie auf 57 Seiten Literatur und Quellenmaterialien zurück. Sie zeigt auf, dass sich die Aktivitäten der „Neuen Rechten“ als „sakralisierte Verfahrensordnungen der Gewalt“ darstellen. Dadurch greift sie in der qualitativen Sozialforschung gesellschaftstheoretische und gewaltaffine Theorien auf, die sie aus vielfachen, praktischen Methoden der Feldforschung gewinnt. In der Rechtsextremismusforschung wird deutlich, dass die Distanzierung von Gewalt nur vorgeschoben und egozentrisch ist.


[1] Jörg Strübing, Grounded Theory, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10373.php

[2] Patrick Kingsley, Die neue Odyssee, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20914.php

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1766 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245