Stefan Oehm (Hrsg.): Kann Kunst autonom sein?
Rezensiert von Prof. Dr. Johann Bischoff, 19.01.2026
Stefan Oehm (Hrsg.): Kann Kunst autonom sein? Eine interdisziplinäre Annäherung an eine akute Frage der Ästhetik.
Velbrück GmbH Bücher & Medien
(Weilerswist) 2025.
380 Seiten.
ISBN 978-3-95832-420-6.
D: 39,90 EUR,
A: 39,90 EUR,
CH: 44,90 sFr.
Reihe: Ästhetisches Denken.
Herausgeber
Der Herausgeber der Publikation Stefan Oehm ist bekannt als Mitherausgeber des philosophischen Online Periodikums „Mythos. Journal für Ästhetik.“ Somit ein fachkundiger Spezialist, um die komplexen Fragen zur Autonomie der Kunst einschätzen, bewerten und einordnen zu können. An der Heinrich-Heine-Universität realisierte er ein Lehramtsstudium mit den Schwerpunkten Philosophie und Germanistik und schloss sein Studium mit dem Staatsexamen ab. Als Geschäftsführer leitete er eine Galerie für aktuelle Kunst, arbeitete primär aber als Creative Direktor in der Werbung und veröffentlichte sprachkritische Monographien zur Kunst. Er hat es aus meiner Sicht exzellent verstanden, renommierte Kunstwissenschaftler für seine Publikation zu gewinnen, die das komplexe Feld der Diskussion im Kontext der Autonomie der Kunst zu beleuchten.
Autoren
Neben Herausgeber Oehm beteiligten sich 17 weitere Autoren an der komplexen interdisziplinären Themenstellung „Kann Kunst autonom sein“, darunter auch unmittelbar am Kunstprozess beteiligte Personen, wie z.B. Markus Ambach. Ambach ist Ausstellungsmacher, Künstler, Kurator und Autor. Im Rahmen seiner 2002 gegründeten Projektplattform MAP produziert er Kunst- und Kulturprojekte im öffentlichen Raum, u.a. auch 2022 auf der Documenta 15.
Dr. Florian Arnolds fachlicher Schwerpunkt ist Philosophie und Germanistik. Er promovierte in Heidelberg und habilitierte sich 2024 in Stuttgart, z. Zeit ist er verantwortlicher Redakteur der Philosophischen Rundschau.
Prof. Dr. Alexander Becker lehrt Geschichte der Philosophie an der Phillipps-Universität Marburg. Als Arbeitsgebiete sind in seiner VITA Sprache-Welt-Verhältnis, Rationalität, Platon, Diderot und Philosophie der Kunst ausgewiesen. Dazu liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor. Prof. Dr. Georg W. Bertram ist Professor für theoretische Philosophie mit den Schwerpunkten Ästhetik und Sprachphilosophie an der FU Berlin. Er promovierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Habilitation an der Universität Hildesheim. Es liegen zahlreiche Veröffentlichung zum genannten Fachgebiet vor und er lehrte als Gastprofessor in Wien, Turin, Rom und Mailand.
Prof. Dr. Daniel Martin Feige ist Professor für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Promotion an der Goethe-Universität in Frankfurt, Habilitation an der FU Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Ästhetik und Anthropologie.
Urs Freund studierte Malerei und Grafik an der Akademie für Bildende Künste in München. Er arbeite als Kunstlehrer am Gymnasium und ist seit 2007 als Dozent für Malerei, Neue Medien und Kunstphilosophie an der Universität Augsburg tätig. Zudem lehrte er als Gastprofessor an der Shandong Universität in Jinan.
Prof. Dr. Wolfgang Führmann ist seit 2018 Professor für Musiksoziologie und Musikphilosophie am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig mit den Forschungsschwerpunkten in der Musikgeschichte des 15. Jahrhunderts, der Wiener Klassik und Musiktheater. Er ist auch Herausgeber, Publizist und Experte für verschiedene Epochen vom Mittelalter bis Moderne bekannt.
Klaus Honnef ist tätig als Kunstjournalist und freier Kurator. Er war Redaktionschef der Aachener Nachrichten, arbeitete als Geschäftsführer des Westfälischen Kunstvereins und organisierte im Team die „documenta 5 und 6“. Seine primären Arbeitsgebiete sind Kunst der Gegenwart, Fotografie und Kinofilm. Von 1986 bis 2009 war er als Professor für die Theorie der Fotografie tätig, zudem als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten und Kunsthochschulen. Kurator zahlreicher Ausstellungen weltweit.
Dr. habil Uta Karstein studierte Soziologie, Kulturwissenschaften und Psychologie u.a. an der FU Berlin. Seit 2018 leitet sie den Bereich „Kulturmanagement und Soziologie des kulturellen Feldes“ am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. Ihre Forschungsgebiete erfassen primär die Bereiche Kunst- und Kultursoziologie, Architektursoziologie und Religionssoziologie. Karstein kann auf zahlreiche Publikationen verweisen.
Dr. Thomas Kater arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Köln. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Literaturtheorie und Ästhetik und der Materialität und Medialität von Literatur.
Dr. Christian Krüger ist seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Einstein-Forschungsvorhaben „Autonomie und Funktionalisierung“ tätig und nimmt Lehraufgaben an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart wahr. Zudem ist er als Drehbuchautor für Kino und TV tätig.
Prof. Dr. Frauke A. Kurbacher ist derzeit Professorin für Ethik und Interkulturelle Kompetenz an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in Münster tätig. Sie nahm zahlreiche Forschungsaufenthalte wahr sowie Vertretungsprofessuren in Kiel, der FU Berlin u.a. Institutionen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der ästhetischen Urteilskraft, Philosophie der Migration und Studien zum Rechtsextremismus.
Prof. Dr. Oliver Ruf vertritt an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg das Fachgebiet Medienästhetik. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Ästhetische Theorien, Ästhetiken gegenwartsbezogener Medienpraktiken, transdisziplinäre ästhetische Praxis, Kulturtechnikforschung sowie Design- und Medienarchäologie. Veröffentlichungen im Bereich Medien- und Kommunikations-wissenschaft.
Dr. Raimund Stecker absolvierte eine Buchbinderausbildung und studierte Kunstgeschichte, Philosophie, Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Bochum, Hamburg und Florenz, Promotion bei Max Imdahl an der Ruhr-Universität Bochum. Gründungsdirektor des Arp Museums Rolandseck, künstlerischer Direktor des Lehmbruck Museums in Duisburg sind weitere Stationen seiner beruflichen Laufbahn. Zudem verfasste er zahlreiche Publikationen zur Kunst und Künstler der historischen Moderne und Gegenwart.
Prof. Dr. Marcus Steinweg war Lehrbeauftragter an der HfBK in Braunschweig und nahm eine Gastprofessur für Zeitbezogenen Medien an der HfBK in Hamburg wahr. Von 2018 bis 2022 war er ordentlicher Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie für Bildende Kunst in Karlsruhe. Forschungs- und Publikationsschwerpunkte: Behauptungsphilosophie, Philosophie der Überstürzung, Subjekt und Wahrheit, Metaphysik der Leere, Minima Amoralia.
Prof. Dr. Lica Viglialoro ist seit 2024 Präsident der HBK Essen und Mitglied des Beirats der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik. Seine Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf die Gebiete Medientheorie und Ästhetik.
Prof. Dr. Nina Tessa Zahner ist Professorin für Soziologie an der Kunstakademie in Düsseldorf. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Soziologie des Ästhetischen, Kunstsoziologie und Soziologische Theorien.
Thema
Kann Kunst autonom sein? Kann mit dieser Fragestellung eine Publikation mit insgesamt 448 Seiten gefüllt werden, fragt sich zunächst der mit der Rezension beauftragte Leser, der noch die kontroverse Diskussion der Kritischen Theorie im Kopf hat. Er vermutet zunächst, dass die Autonomie der Kunst im traditionellen Sinne von der Welt und der Politik losgelöst durch die technische Reproduzierbarkeit nicht mehr existent ist. Die Ästhetik hat doch vielmehr durch die Gesellschaft, Politik und Ökonomie an Relevanz gewonnen.
Dass die historisch begründeten und aktuellen Annahmen zum Fragenkomplex hinterfragt werden, dazu lädt Stefan Oehm ein. Und es kann vorab gesagt werden, die 448 Seiten Reise ist lohnenswert, da sich die Publikation nicht auf die Fragestellung beschränkt, sondern vielfältige Facetten der Kunst aufgreift.
Autonomie der Kunst bezeichnet die Vorstellung, dass Kunst eigenen Gesetzen folgt und nicht primär durch äußere Zwecke bestimmt ist, wie z.B. Moral, Politik, Religion, Ökonomie. Kunst ist demnach Selbstzweck.
Oehm setzt sich zunächst mit dem klassischen ästhetischen Konzept der Autonomie der Kunst auseinander, mit Rückbesinnung auf die europäische Kunsttheorie. Zentrale Aussage dieser Theorie ist die Vorstellung, dass Kunst von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Zwecken ein unabhängiger Bereich ist. Dazu ist es erforderlich, die historischen und philosophischen Grundlagen des Autonomiebegriffes zu analysieren. Kunstautonomie sei, so Oehm, weniger eine zeitlose Eigenschaft als vielmehr ein historisch gewachsenes Konzept der Moderne, eng verbunden mit der bürgerlichen Gesellschaft, den Institutionen (Museen) und natürlich auch dem Kunstmarkt. Oehm stellt sich weiterhin die Aufgabe, die praktische Umsetzbarkeit der Autonomie zu prüfen. Er konstatiert, dass sich Kunst Freiräume schaffen könne, in denen sie gesellschaftliche Bedingungen reflektiere und hinterfragen würde. In diesem Kontext bedeutet Autonomie nicht Zustand, sondern ein Spannungsverhältnis.
Das weist auf die kritische Funktion der Kunst hin, da sie nicht vollkommen autonom sein kann, hat sie aber die Möglichkeit, produktiv mit ihren Abhängigkeiten umzugehen und gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen. Autonomie bezeichnet somit nicht Abhängigkeit, sondern eine bewusste Auseinandersetzung mit Kontext und Wirkung.
In der Publikation werden von den Autoren unterschiedliche philosophische Positionen aufgegriffen, z.B. Immanuel Kant (Kritik der Urteilskraft), der Autonomie als ästhetische Zweckfreiheit beschreibt, dabei gesellschaftliche Bedingungen ausblendet und eine abstrakte Vorstellung des Subjekts thematisiert. Theodor W. Adorno (Dialektik der Aufklärung) problematisiert, dass Kunst zwar autonom sei, aber zugleich gesellschaftlich vermittelt. Kunst sei gesellschaftlich gerade durch ihre Autonomie gegeben. Damit favorisiert er einen normativen Kunstbegriff mit einer elitären Tendenz, die wenig Platz aufweist für populäre und politisch direkte Kunstformen. Pierre Bourdieu (Die Regeln der Kunst) sieht in der Autonomie kein philosophisches Prinzip, sondern das Ergebnis eines historischen Kampfes im Kunstfeld. Es besitze zwar eigene Regeln, Hierarchien und Kapitalformen, sei aber relativ autonom gegenüber Politik und Ökonomie. In den Beiträgen wird deutlich, dass dieser Ansatz zur Entmystifizierung der Autonomie dazu beiträgt, Autonomie als eine historisch – soziale Konstruktion zu sehen.
Somit wird Oehms Fragestellung nochmals deutlich: Soll Kunst nur sich selbst und ihren eigenen Kriterien verpflichtet sein? Oder hat sie heute noch eine gesellschaftspolitische Verpflichtung zu erfüllen, muss sie Stellung beziehen und aufhören, einem reinen Kunstideal anzuhängen? Kann sie und soll sie ein autonomes Feld für sich reklamieren?
Der Leser/die Leserin kann erwarten, dass diese Fragen in den einzelnen Beiträgen der Autoren beantwortet oder zumindest reflektiert werden. Die Beiträge zeichnen sich dabei durch eine interdisziplinäre Breite aus und zeigen damit fachübergreifend neue Perspektiven zur Frage nach der Autonomie der Kunst auf.
Aufbau
Die Publikation „Kann Kunst autonom sein? Eine interdisziplinäre Annäherung an eine aktuelle Frage der Ästhetik“ ist in sieben thematische Bereiche gegliedert, die nachfolgend vorgestellt werden. Stefan Oehm thematisiert einleitend die Positionen der einzelnen Autoren/​Autorinnen in ihren Beiträgen.
Inhalt
Christian Krüger beschäftigt sich mit der Fragestellung, ob durch KI generierte Kunst als Kunst zu bezeichnen sei. Er schließt den Kunststatus eines generierten Kunstobjektes nicht aus und begründet seine Position ausführlich. Oliver Ruf konvergiert Krügers Auffassung, er konstatiert, dass ästhetische Autonomie eine Zementierung medialer Evolutionen sei, die heute vornehmlich mit dem Namen und dem Diskurs der Künstlichen Intelligenz benannt sei. Luca Viglialoro reflektiert das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Autonomie und medialer Fremdbestimmung am Beispiel konkreter KI-Kunstwerke. KI-Kunst entfalte sich erst durch emergente, eigenständige Reflexionsformen, das bringe eine Unberechenbarkeit mit sich.
Florian Arnold stellt die genialische Kunst vor, die eine uneingeschränkte göttliche Schöpfungsmacht impliziert (Acheiropoieton), das heautonome Werk einer radikal selbstbestimmten Entität, ein Ideal der vollumfänglichen Kunstautonomie. Er bezieht diese Vorstellung auf die Autorenschaft der KI-Kunst, die von wundersamen Programmen einer künstlichen wie künstlerischen Intelligenz geschaffen werden. Alexander Becker hält in seinem Beitrag fest, dass die Autonomie der Kunstwerke in der Negation der Abhängigkeit von einem Schöpfer besteht, wobei diese selbst eine Relation der Abhängigkeit darstellt. Er sieht im europäischen Konzept der Autonomie des Kunstwerkes eine Paradoxie und stellt somit die Frage, ob die ontologische Grundlage der europäischen Kunstphilosophie eine Illusion sei.
Kritische Fragen an die Autonomie der Kunst werden im nächsten Inhaltsbereich gestellt. Markus Ambach behauptet in seinem Beitrag, wer Autonomie als Befreiung des Individuums und genialen Künstleregos aus gesellschaftlichen Bindungen und Wechselwirkungen begreift, verliere die lebenspraktische Seite der Kunst, das bedeute eine Akzeptanz der politischen Wirkungslosigkeit der Kunst. Frauke A. Kurbacher geht in ihrem Beitrag auf die gegenwärtigen Anfechtungen der Autonomie und Freiheit der Kunst ein. Die ästhetische Autonomie werde als selbstgegebenes Gesetz gesehen, das relational sei, ausgehend von einer kantischen Vorstellung von Freiheit, die dazu befähige, verschiedene Haltungen zu haben, ohne von vornherein auf eine spezifische festgelegt zu sein. Die Freiheit der Kunst spiegele die Kunst der Freiheit, die in der Reflexion eine ihrer vornehmsten Formen finde. Uta Karstein thematisiert aktuelle Kunstskandale, die nach Karstein belegen, dass das Feld der Kunst zum Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte wird und so das Konzept einer Kunst als Instrument möglicherweise eine Renaissance erlebt. Sie bestimmt im Beitrag zudem Funktionen und Strategien des Leitbildes der Kunstautonomie. Nina Tessa Zahner beschreibt in ihrem Aufsatz Kunstautonomie in Zeiten der Ökologisierung, sie konstatiert, dass sich die zeitgenössische Kunst immer wieder in Ausstellungen auf aktuelle Krisen und Schreckensszenarien fixieren würden, um einen naiven Fortschrittsglauben und einem Primat einer technisch-ökologischen Rationalität zu verabschieden. Sie problematisiert das Denken, dass Natur und Menschen in verschiedenen Beziehungen netzwerkartig verbunden seien. Die Zeit sei gekommen, sich von der Vorstellung autonomer gesellschaftlicher Bereiche zu verabschieden, um den Aufruf zur Institutionalisierung einer politischen Ökologie zu folgen.
Der nächste Inhaltsbereich greift historische Anmerkungen zur Kunstautonomie auf. Klaus Honnef behauptet, dass Autonomie die Bedingung der Möglichkeit von Kunst sei. Er zeichnet in seinem Beitrag die Stationen der Entwicklung und Etablierung der künstlerischen Autonomie in der westlichen Welt nach, die nach seinen Aussagen, die Kunst ja erst begründet haben. Er beleuchtet die sozialen, politischen, kulturellen und kunstimmanenten Voraussetzungen und thematisiert das Wirken der Kunst um die Befreiung von außerkünstlerischen Direktiven mit dem propagierten Selbstverständnis: Kunst ist Kunst. Alles andere ist alles andere. Honnef sieht darin den Ausweis einer nicht erlahmenden Vitalität der Kunst. Stefan Oehm setzt sich mit dem inflationären Gebrauch des Begriffs „Kunst“ auseinander. In seinem Artikel begibt er sich auf eine begriffs- und ideengeschichtliche Spurensuche, um zu einer zumindest heuristisch geprägten Definition zu kommen.
Im Inhaltsbereich „Künste im Spannungsbereich moderner Autonomie“ kommen Musik und Literatur zum Tragen. Wolfgan Fuhrmann hält in seinem Beitrag über Musik fest, dass diese in ihrer klanglichen Medialität grundsätzlich autonom sei, er nennt es die „medienontologische Apriori“ der Musik. Fuhrmann nennt als weitere Dimension musikalischer Autonomie die soziale, die er von der ästhetischen Dimension unterscheidet. Musik sei offen für jegliche Form der Inanspruchnahme und Vereinnahmung außermusikalischer Ziel- und Zwecksetzungen, sie sei bedingungslos integrierbar in unterschiedliche Kontexte, konstatiert Fuhrmann. Sollte oder darf Musik überhaupt autonom sein, dazu sucht er Bezüge. Thomas Kater geht von Literatur als soziales, öffentliches Phänomen aus und sieht im Moment der Veröffentlichung eine Ambivalenz, da Texte hier ihrer Autonomie beraubt werden, gleichzeitig aber ihnen auch die nötige Freiheit geben, Relevanz zu entwickeln. In drei Schritten beantwortet Kater seine Fragestellungen nach Freiheit und Autonomie.
Im folgenden Inhaltsbereich erfährt der Leser/die Leserin differenzierte Aussagen zum Begriff „Autonomie“. Dazu werden unterschiedliche Positionen deutlich. Georg W. Bertram sieht aber eine Übereinstimmung in der Aussage, dass Kunst in besonderer Weise von alltäglichen Elementen der menschlichen Praxis abgegrenzt werden muss. Aber eine Abgrenzung impliziere, dass sie nichts zu anderen Praktiken beitragen würde und sie erhielte damit einen affirmativen Charakter, alles bliebe so, wie es ist. Das würde eine Verabschiedung des Autonomie Paradigmas von dem Kunstbegriff bedeuten. Daniel Martin Feige fordert eine Analyse dessen, was Kunst auszeichnet. Das könne nur im Hintergrund einer Geschichte dieser Begriffe erfolgen, konstatiert Feige und er sieht das in einer dialektischen Auseinandersetzung mit historischen, sozialen und anderen Voraussetzungen gegeben. Stefan Oehm thematisiert Kunst als Abstraktum, das keine Eigenschaften haben könne, so kann der Kunst auch nicht die Eigenschaft „autonom“ zugeschrieben werden, das impliziere, so Oehm, dass sich diese Frage gar nicht stellen würde. Oehm sucht in seinem Beitrag nach Faktoren des sie prinzipiell beschränkenden Bedingungsrahmen, indem sich die Freiheit zur Selbstbestimmung unbeschränkt entfalten kann.
Im letzten Inhaltsbereich der Publikation stellt Urs Freund das Konzept künstlerischer Autonomie am Bespiel von Marcel Duchamps Ready-mades vor. Er beschreibt das Spannungsfeld zwischen Künstler-Habitus und heteronomer Realität, zwischen unbedingter Selbstermächtigung und dem Verdikt von Autoritäten. Dazu formuliert er seine These, dass ein absolut autonomes Kunstwerk unsichtbar sei, da es sich jeder Relation zu etablierten Bedeutungsstrukturen entziehen würde. Ein Kunstwerk benötige die Bestätigung des Zuschauers, damit Kunst als Kunst gelte, so Freund. Raimund Stecker bezieht sich in seinen Aussagen auf den Kunsthistoriker Max Imdahl wenn er postuliert, Werk für Werk ist Autonomie von Kunst ihre genuine Bedingung. Allein so kann Kunst Kunst bleiben und ihre Aufgaben der Bewahrung in der Gesellschaft erfüllen. Markus Steinweg spricht vom rätsellosen Rätsel der Kunst, Kunst markiere ein Dazwischen: Autonomie in Heteronomie, Freiheit in Unfreiheit, Glück, wo es keines gebe. Er verweist damit auf das, was im Kunstwerk im Bestehenden nicht aufgeht.
Zielgruppe
Die Veröffentlichung richtet sich insbesondere an Kunstwissenschaftler/​Kunstwissenschaft-lerinnen, Kuratoren (m/w/d), Soziologen/​Soziologinnen sowie an Studierende mit Schwerpunkt Philosophie, Kunstgeschichte und Medienwissenschaft. Für Studierende in späteren pädagogischen Arbeitsfeldern ist die Publikation ebenfalls hilfreich, wenn zumindest Kenntnisse der Kunstphilosophie vorhanden sind, um die differenzierten Gedankengänge nachvollziehen zu können.
Diskussion
Stefan Oehm greift die Diskussion zur Autonomie der Kunst in den einzelnen Themenschwerpunkten immer wieder auf und differenziert seine Argumente jeweils in Bezug auf die erfolgten Beiträge. Das ist sehr hilfreich und gibt dem Gesamtwerk eine Rahmung, die der Orientierung dient. Zumal renommierte Wissenschaftlicher in den einzelnen Beiträgen sehr anspruchsvoll ihren unterschiedlichen Forschungsstand referiert haben. Gute Kenntnisse der Kunstphilosophie sollten bei der Leserschaft schon vorhanden sein, um sich mit den einzelnen Positionen der Autoren auseinandersetzen zu können. In diesem Zusammenhang tragen auch die historischen Ausführungen von Klaus Honnef sehr gut zum Verständnis bei.
Mühevoll aber zugleich auch hilfreich ist es, die doch sehr umfangreichen Fußnoten zu lesen. Mühevoll, weil die Schriftgröße für ältere Personen schon herausfordernd ist, hilfreich, um Zusammenhänge besser einordnen zu können.
Stefan Oehm ist der Herausgeber der umfassenden Publikation zur Autonomie der Kunst. M.E. leistet er in seinen Ausführungen einen systematischen Zusammenhang der einzelnen doch sehr unterschiedlichen, anspruchsvollen Beiträge zur Fragestellung: Kann Kunst autonom sein. Die Lektüre ist sehr ambitioniert verfasst worden und regt zum Nachdenken an. In Bezug auf aktuelle Werke zur Kunstphilosophie sind mir keine Schriften bekannt, die so differenziert das Themenfeld Kunstautonomie behandeln. Es gelingt Oehm, Antworten auf die im Klappentext der Publikation formulierten Fragen zu finden: Soll Kunst nur sich selbst und ihren eigenen Kriterien verpflichtet sein, hat Kunst eine gesellschaftspolitische Verpflichtung zu erfüllen und Stellung zu beziehen, d.h., sich von einem reinen Kunstideal zu verabschieden.
Fazit
Der Sammelband versammelt unterschiedliche philosophische, kunst- und kulturwissenschaftliche Positionen zur Frage der Autonomie der Kunst und macht deren historische wie gegenwärtige Spannungen deutlich. Er zeigt, dass Kunstautonomie weniger als Zustand denn als dynamisches Verhältnis zu gesellschaftlichen, politischen und medialen Kontexten zu verstehen ist. Die Beiträge eröffnen damit einen differenzierten Zugang zu einem zentralen ästhetischen Grundproblem.
Rezension von
Prof. Dr. Johann Bischoff
Professor für Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik an der Hochschule Merseburg
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