Elisabeth Kals, Isabel T. Strubel et al.: Environmental Psychology
Rezensiert von Dr. Antje Flade, 12.09.2025
Elisabeth Kals, Isabel T. Strubel, Jürgen Hellbrück: Environmental Psychology. Springer (Berlin) 2025. 167 Seiten. ISBN 978-3-662-70738-8. D: 79,99 EUR, A: 87,99 EUR, CH: 94,50 sFr.
Thema
Das Buch „Environmental Psychology“ umfasst ein weites Spektrum an Themen, die sich mit den Zusammenhängen zwischen dem Erleben und Verhalten des Menschen und seiner physisch-materiellen und soziokulturellen Umwelt befassen. Der Schwerpunkt liegt auf Fragestellungen im Bereich der Umweltschutzpsychologie.
Autorinnen und Autor
Elisabeth Kals ist Professorin für Sozial- und Organisationspsychologie, Isabel T. Strubel ist Lehrbeauftragte im Bereich Sozial- und Organisationspsychologie, Jürgen Hellbrück ist Professor i.R. für Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitspsychologie. Alle sind an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig.
Aufbau und Inhalt
Das in englischer Sprache vorliegende Buch ist eine Übersetzung der zweiten, um zwei Kapitel erweiterten 2023 erschienenen Auflage des Buches „Umweltpsychologie“. In nunmehr zwölf Kapiteln wird das weite Forschungs- und Praxisfeld der Umweltpsychologie dargestellt. Eingegangen wird auf die historischen Wurzeln und die Themen Umweltwahrnehmung, Umweltbelastungen und Gesundheit, Landschaft und Klima, Umweltrisiken und Umweltkatastrophen, Raum und gebaute Umwelt, Werte, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit, umweltschützendes Handeln, nachhaltiger Konsum, Freiwilligenarbeit im Umweltschutz, Umweltkonflikte und Umweltmediation sowie Professionalisierung, Gestaltung und Evaluation.
Im ersten Kapitel wird die Umweltpsychologie als der Teilbereich der Psychologie definiert, der sich mit den Interaktionen zwischen dem Menschen und seiner physischen und soziokulturellen Umwelt befasst. Umwelt wird definiert als die Gesamtheit der Prozesse und Räume, die für das Erleben und Verhalten des Menschen von Bedeutung sind. Hingewiesen wird auf das Problem der Begrenztheit und Endlichkeit natürlicher Ressourcen, dem dann mehrere Kapitel gewidmet sind.
Das zweite Kapitel beginnt mit einem kurzen Blick auf die Psychophysik, die sich mit den Eigenschaften der sensorischen Systeme und Reiz-Empfindung-Beziehungen befasst. Dann wird die Wahrnehmungstheorie von Gibson erläutert, der in diesem Zusammenhang den Begriff der Affordanz geprägt hat. Des weiteren geht es um Kognition als Prozess, der die Aufmerksamkeit steuert, die sensorischen Eindrücke kodiert und in die bestehenden Wissensstrukturen einfügt und den Abruf aus dem Gedächtnis bewerkstelligt. Das Konzept der kognitiven Karte wird erläutert. Kognitive Karten sind für die räumliche Orientierung von grundlegender Bedeutung.
Im dritten Kapitel geht es um Belastungen und den Zusammenhang zwischen dem Erleben von Stress und Gesundheit. Umweltstressoren sind Katastrophen, kritische Lebensereignisse, alltägliche Ärgernisse, ambiente Belastungsfaktoren sowie Informationen über zu erwartende bedrohliche Veränderungen. Ein häufiger Stressor ist Lärm, dessen Ausprägungen und Wirkungen ausführlich beschrieben werden. Des Weiteren wird auf Smellscapes eingegangen, d.h. Umgebungen, die sich durch typische Gerüche auszeichnen wie ein Nadelwald oder eine industrielle Produktionsstätte, und abschließend auf Umweltgifte, d.h. schädliche Stoffe, die sich sowohl auf das Erleben und Verhalten als auch auf das zentrale Nervensystem und den Hormonhaushalt auswirken können, und schädliche elektromagnetische Schwingungen.
Im vierten Kapitel wird die physische Umwelt in den Blickpunkt gerückt. Die Einflüsse von Landschaft, Wetter und Klima sowie Helligkeit und Hitze auf den Menschen werden abgehandelt. Landschaft, Wetter und Klima sind Faktoren, die wesentlich das Wohlbefinden, das Verhalten und die Leistungsfähigkeit des Menschen beeinflussen. Wie Landschaft und Natur auf den Menschen wirken, wurde in vielen Untersuchungen ermittelt. Antwort auf die Frage, welche Landschaften bevorzugt werden, geben die Savannen-Hypothese, die Prospect-Refuge-Theorie, die Attention-Restoration-Theorie und das Landschaftspräferenzmodell mit den vier Faktoren Komplexität, Kohärenz, Lesbarkeit und Rätselhaftigkeit (mystery). Die Auswirkungen von Wetter und Klima sowie saisonaler Einflüsse wie Licht und Hitze auf die Befindlichkeit und das Verhalten werden dargestellt.
Themen des fünften Kapitels sind Risiken und Umweltkatastrophen. Risiken sind eine Frage von Ungewissheit und Wahrscheinlichkeit. Grundlegende Fragen sind, wie Menschen mit Ungewissheit umgehen und wie sie auf Umweltkatastrophen reagieren. Aus ökonomischer Sicht ergibt sich das Risiko als Produkt aus der Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses und der Kosten, die mit dem Ereignis verbunden sind. Eine Umweltkatastrophe ist ein Schadensereignis, das deutlich über alltägliche Schadensfälle hinausgeht und von regionalen Rettungskräften allein nicht bewältigt werden kann. Umweltkatastrophen unterscheiden sich in ihrem Zerstörungspotenzial, ihrer Vorhersagbarkeit und der Dauer ihrer Einwirkung. Vulkanausbrüche und Erdbeben zeichnen sich durch ein besonders großes Zerstörungspotenzial aus. Drei Phasen werden im Hinblick auf das Erleben und Verhalten des Menschen geschildert: vor, während und nach der Katastrophe. Die psychischen Auswirkungen nach einer Katastrophe sind schwerwiegend und bedürfen oftmals einer psychotherapeutischen Behandlung.
Thema des sechsten Kapitels ist die Beziehung zwischen Menschen und gebauter Umwelt. Gebaute Umwelten lassen sich mit Blick auf ihre Funktionalität und Ästhetik sowie im Hinblick auf die Bedürfnisse des Menschen bewerten. Nicht bedürfnisgerecht ist Crowding: eine hohe Dichte, die als beengend und belastend erlebt wird. Crowding geht einher mit einer Reizüberflutung und Verhaltenseinschränkungen. Neuere Untersuchungen belegen, dass sich durch die Covid-19-Pandemie das Engeerleben verändert hat, d.h. sich neue soziale Normen des Distanzverhaltens herausgebildet haben. Es wird der Frage nachgegangen, wie die Städte der Zukunft beschaffen sein werden. Stichworte sind hier Smart Cities und Auswirkungen des Klimawandels auf die gebaute Umwelt. Neben der Wohnumwelt wird ein Blick auf die Lebensbereiche Arbeiten, Lernen und Mobilität geworfen. Auf weitere Umwelten wie Krankenhäuser und Spielplätze wird lediglich hingewiesen.
Die Kapitel sieben bis zehn befassen sich mit Umweltschutzpsychologie, die sich als ein weitgehend eigenständiger Bereich innerhalb der Umweltpsychologie etabliert hat. Im Fokus ist hier die natürliche Umwelt sowie deren Ressourcen, die nicht im Übermaß verbraucht werden sollten. Themen im siebten Kapitel sind Werte, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Der Begriff Umweltbewusstsein wird nicht einheitlich verwendet. Es wird darunter sowohl ein eindimensionales Konzept verstanden, nämlich die kritische Bewertung des aktuellen Umweltzustands, als auch ein übergreifendes Konzept, das eine emotionale, kognitive und Verhaltens-Komponente umfasst. Das sozioökologische Dilemma (= Allmende-Klemme) erklärt, wie es zur Übernutzung einer Ressource kommt: Die Allmende ist ein Gemeingut. Ein Dilemma entsteht, wenn das Gemeingut nicht ausreicht, um den Ansprüchen aller daran Interessierten zu genügen. Wenn einer mehr bekommt, haben die anderen das Nachsehen. In solchen Situationen sind gezielte Interventionen erforderlich, um die Schäden durch eine Übernutzung zu verhindern. Im achten Kapitel „Umweltschützendes Verhalten“ geht es um die zentralen Fragen der Umweltschutzpsychologie, wie sich umweltschützendes Handeln erklären und fördern lässt. Verschiedene Modelle werden vorgestellt, darunter Rational-Choice-Modelle, deren Grundannahme ist, dass Eigeninteressen das dominante Motiv für menschliches Handeln ist. Danach wäre ein umweltschützendes Handeln zu erwarten, wenn es dem eigenen Nutzen dient. Ein hoher Erklärungswert wurde dem Modell von Fietkau und Kessel beigemessen. Es beinhaltet eine Systematisierung von Ansätzen, um umweltschützendes Handeln zu fördern wie insbesondere die Vermittlung von Wissen und Werten und die Schaffung von Handlungsmöglichkeiten und -anreizen.
Die Bedeutung von Umweltbildung, auf die am Ende des Kapitels ausführlich eingegangen wird, liegt so auf der Hand.
Das neunte Kapitel ist dem Thema „nachhaltiger Konsum“ gewidmet, einem zentralen Bestandteil nachhaltiger Entwicklung. Die psychologischen Faktoren, die das Konsumverhalten beeinflussen, sind Kosten-Nutzen-Abwägungen, Wissen, Verhaltensroutinen, Motive und Werte sowie soziale Normen. Der letztgenannte Einflussfaktor verweist auf die Bedeutung sozialer Aspekte des Konsumverhaltens.
Auch das zehnte Kapitel ist einem speziellen Thema gewidmet: der Freiwilligenarbeit im Umweltschutz. Forschung zur Freiwilligenarbeit hat ihren Ursprung in der sozialpsychologischen Forschung zu prosozialem Handeln. Untersucht werden die Motive, sich aktiv im Umweltschutz zu betätigen, sowie die Formen der Freiwilligenarbeit. Freiwillige Engagements im Umweltschutz können sich sowohl auf den Nahbereich als auch auf globale ökologische Herausforderungen beziehen. Formen des Engagements sind unter anderem die Wissensvermittlung durch Vorträge, Führungen, Publikationen und Dokumentationen sowie eine aktive Beteiligung z.B. bei Renaturierungsmaßnahmen, beim Aufforsten oder Müllsammeln sowie in Tierschutzvereinen.
Im elften Kapitel geht es um Umweltkonflikte und die Mediation als Lösungsansatz. Bei Umweltkonflikten geht es um Standort- und bauliche Entscheidungen sowie der Abwägung ökonomischer, ökologischer und sozialer Belange. Zum Beispiel soll in einem strukturschwachen Gebiet ein neuer Industriebetrieb errichtet werden, der viele Arbeitsplätze schaffen würde; verbunden damit wären jedoch der Verlust natürlicher Landschaft, ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, Lärmbelastung und Luftverschmutzung. Mit der Mediation, einem Verfahren, mit dem nach einvernehmlichen Lösung gesucht wird, bietet sich ein Weg, wie sich Umweltkonflikte entschärfen und lösen lassen.
Das abschließende zwölfte Kapitel befasst sich mit der Professionalisierung und den umweltpsychologischen Kernkompetenzen. Es beinhaltet Umgehen können mit komplexen, systemischen Zusammenhängen sowie methodisches Wissen, darunter auch die Wirksamkeit von Maßnahmen durch eine professionelle Evaluation überprüfen können. Die Nachfrage nach umweltpsychologischer Expertise wird nach Ansicht der Autorinnen und des Autors zunehmen.
Diskussion
Es liegt im Interesse des Verlags Springer Nature, seine Publikationen möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Die Übersetzung der 2023 erschienenen zweiten Auflage des Buches „Umweltpsychologie“ ins Englische dient diesem Zweck. Die Übersetzung wurde mithilfe eines maschinellen Übersetzungsprogramms erstellt. Es ist zweifellos ein Schritt in eine globalisierte scientific community. Neu hinzugekommen sind in der zweiten Auflage zwei Kapitel über nachhaltigen Konsum und Freiwilligenarbeit im Umweltschutz. Damit wurde in dem Buch der Bereich der Umweltschutzpsychologie noch weiter ausgebaut. Vergleichsweise wenig Raum nimmt dagegen mit nur einem Kapitel die Psychologie der gebauten Umwelt ein, obwohl die Menschen die meiste Zeit ihres Lebens in gebauten Umwelten verbringen. Auch Krankenhäuser, Parks, Spielplätze, Büros usw., die als „spezifischen Umwelten“ lediglich aufgelistet werden, hätten etwas mehr Ausführlichkeit verdient, zumal das Buch den Anspruch hat, umweltpsychologisches Basiswissen zu vermitteln. In erster Linie geht es um Umweltschutzpsychologie, die sehr kompetent und sehr detailliert präsentiert wird. Dabei ist anzumerken, dass das zehnte Kapitel „Freiwilligenarbeit im Umweltschutz“ auch ins siebte Kapitel über Umweltschutz und Nachhaltigkeit hineingepasst hätte. Angesichts der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte ist die starke Gewichtung des Bereichs der Umweltpsychologie nachvollziehbar.
Es ist zu begrüßen, dass Lehrbücher zugleich auf Deutsch und Englisch erscheinen, der Preisunterschied (die deutsche Fassung kostet hier Euro 22,99, die englische Fassung Euro 79,99) sollte indessen nicht so eklatant sein.
Fazit
Das Buch liefert in verständlicher Form einen Überblick über die Fragestellungen und den aktuellen Stand der Umweltpsychologie insbesondere über den Bereich der Umweltschutzpsychologie. Angesichts der gesellschaftlich erstrebten nachhaltigen Entwicklung ist das Buch ein sehr wichtiger Beitrag. Es liefert Wissen über umweltpsychologische Konzepte und Theorien und über deren Brauchbarkeit in der Praxis. Adressaten sind Studierende der Psychologie, der Soziologie, der Pädagogik, der Wirtschafts- und Umweltwissenschaften sowie diejenigen, die beruflich damit befasst sind oder sich in der Freiwilligenarbeit im Umweltschutz einbringen möchten, und schließlich auch diejenigen, die sich über Umweltpsychologie sowie speziell über den Bereich der Umweltschutzpsychologie informieren möchten.
Rezension von
Dr. Antje Flade
Psychologin, Sachbuchautorin
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