Olexiy Khabyuk: 49 Kommunikationsmodelle
Rezensiert von Dr. Maik Eimertenbrink, 14.08.2025
Olexiy Khabyuk:49 Kommunikationsmodelle für das 21. Jahrhundert. Verstehen - Anwenden - Hinterfragen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. 255 Seiten. ISBN 978-3-17-045706-5. 39,00 EUR.
Thema und Autor
In seinem Buch „49 Kommunikationsmodelle für das 21. Jahrhundert: Verstehen – Anwenden – Hinterfragen“ stellt Prof. Dr. (UFU München) Olexiy Khabyuk 49 Kommunikationsmodelle vor und beleuchtet ihre Bedeutung in der modernen Gesellschaft. Der Autor, ein Wirtschaftsinformatiker und Medienökonom, forscht an der Schnittstelle von Kommunikation, digitalen Geschäftsmodellen und gesellschaftlichen Technologiewirkungen. Er lehrt an der Hochschule Düsseldorf im Fachbereich Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Kommunikation und Multimedia.
Aufbau
Das Buch beginnt mit einer Einführung in die Grundlagen der Kommunikation (S. 9 ff.). Die 49 Modelle werden dann in fünf Kategorien unterteilt:
- Persönliche Kommunikation (S. 32 ff.)
- Persönliche medienvermittelte Kommunikation (S. 86 ff.)
- Nutzung und Interaktion mit Medien und KI (S. 124 ff.)
- Gesellschaftlich-politische Kommunikation (S. 158 ff.)
- Marketing und Unternehmenskommunikation (S. 201 ff.)
Inhalt
Was das Buch besonders macht, ist die Verbindung von theoretischen Ansätzen und praktischer Anwendung. Selbst die ältesten Modelle, wie das von Aristoteles (S. 32 ff.) aus dem Jahr 300 v.Chr., werden in einen aktuellen Kontext gestellt. Jedes Modell wird mit konkreten Beispielen verknüpft, die seine heutige Relevanz verdeutlichen. So wird die Relevanz von Niklas Luhmanns Systemtheorie beispielsweise in Kontexte von Kryptowährungen und Social-Media-Plattformen (aber auch das Schulsystem) gesetzt.
Die Modelle sind nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch anschaulich aufbereitet. Der Autor scheut sich nicht, sich selbst als Fotomodell (bspw. für die Veranschaulichung der sechs Grundemotionen nach Ekman und Friese, S. 39, oder als „Sender“ einer Du-Nachricht, S. 56 und S. 58) in Szene zu setzen, was die Vermittlung der Inhalte auf sympathische Weise auflockert. Aber das nur als Randbemerkung.
Diskussion
Anwendung im Sozial‑ und Gesundheitswesen
Da diese Rezension auf einer Fachplattform für das Sozial‑ und Gesundheitswesen erscheint, wird die Anwendung der Modelle in diesem speziellen Bereich diskutiert. Eine zentrale Frage ist: Wie können diese Kommunikationsmodelle helfen, die Arbeit mit beispielsweise demenzerkrankten Personen zu verbessern?
Meine Suche nach passenden Modellen führte mich zunächst zu Niklas Luhmanns Theorie der Gesellschaft als soziales System (S. 195 ff.) und der Schweigespirale-Hypothese nach Noelle-Neumann (S. 177 ff.). Beides große Namen, die ich noch aus meinem Studium der Wirtschaftskommunikation vor 20 Jahren kenne.
Luhmanns Theorie spricht mich sofort an, steckt doch das „Sozial“ aus Sozial‑ und Gesundheitswesen augenscheinlich bereits im „Sozialen System“ nach Luhmann. Doch dann: „Menschen stehen nicht im Zentrum der Betrachtungen, sondern – etwas abstrakt – soziale Kontakte“ (S. 197). Luhmanns Fokus liegt auf abstrakten sozialen Kontakten, nicht auf dem Individuum. Das macht die Theorie komplex, wenn es darum geht, konkrete Handlungsanweisungen für die Arbeit mit Patient*innen abzuleiten (ich hoffe, ich habe es mir nun nicht mit den zahlreichen Luhmannianer*innen verscherzt).
Als Nächstes springt mir die Schweigespirale-Hypothese nach Noelle-Neumann (S. 177 ff.) ins Auge. Zu schön wäre es im Kontext der Arbeit mit demenzerkrankten Personen, die Schweigespirale einfach umzukehren und die erkrankte Person statt zum Schweigen, zum Reden zu bekommen. Ganz so einfach geht das (so zumindest) nicht.
Nach diesen Überlegungen habe ich mich stattdessen auf Modelle konzentriert, die eine direktere Anwendbarkeit für die Praxis im Sozial‑ und Gesundheitswesen bieten. Das wären also:
1. Nonverbale Kommunikation (Argyle), S. 36 ff.
Die Prinzipien der nonverbalen Kommunikation nach Michael Argyle (britischer Sozialpsychologe) bieten einen wertvollen Rahmen für den Umgang mit demenzerkrankten Menschen. Da die verbale Kommunikationsfähigkeit oft stark nachlässt, wird die nonverbale Ebene umso wichtiger.
- Der Fokus: Argyles Modell betont die Vielfalt nonverbaler Signale wie Mimik, Blickkontakt, Körperhaltung und Berührung.
- Bedeutung für die Praxis: Pflegende müssen lernen, die unbewussten nonverbalen Signale der Erkrankten (z.B. Emotionen) korrekt zu dekodieren. Gleichzeitig können sie durch bewusste nonverbale Signale – einen sanften Blick, eine ruhige Stimme – eine Atmosphäre der Sicherheit schaffen. Die Interpretation nonverbaler Signale kann verzerrt sein. Daher sind Empathie und Schulung notwendig, um Missverständnisse zu vermeiden, die bei Demenzpatienten zu Frustration oder aggressivem Verhalten führen können.
2. Kommunikation unter Störungen (Shannon & Weaver), S. 86 ff.
Das klassische Sender-Empfänger-Modell von Shannon und Weaver ist hilfreich, um die Kommunikationsstörungen bei Demenz zu verstehen. Das Modell, ursprünglich für technische Systeme entwickelt, zeigt u.a., dass Kommunikation auf einem gemeinsamen Bedeutungs‑ und Zeichenvorrat von Sender und Empfänger beruht, unterbrochen durch „Störung“.
- Der Fokus: Das Modell visualisiert, wie eine Nachricht vom Sender kodiert und über einen Kanal an einen Empfänger gesendet wird, der sie de-kodiert. Dieser Prozess setzt voraus, dass Sender und Empfänger den gleichen (oder zumindest einen ähnlichen) Bedeutungsvorrat an Zeichen und Symbolen nutzen. Störungen („Rauschen“) können diesen Austausch beeinträchtigen und zum Miss-verstehen, zu Missverständnissen, führen.
- Bedeutung für die Praxis: Bei Demenz beeinträchtigt die neurodegenerative Erkrankung den Bedeutungsvorrat der betroffenen Person. Dies führt zu Störungen bei der Dekodierung von Nachrichten, die sich als Missverständnisse bis hin zu Aggressionen äußern können. Das Modell hilft zu erkennen, dass die Kommunikationsprobleme im erheblichen Maße durch die veränderte Realität des Erkrankten entstehen, bei dem Sender und Empfänger nicht mehr den gleichen Bedeutungsraum nutzen.
3. Parasoziale Interaktion (Horton & Wohl), S. 124 ff.
Ein dritter interessanter Ansatz ist das Modell der parasozialen Interaktion, welches die einseitige Beziehung von Rezipient*innen zu Medienpersonen beschreibt. Dieses Modell lässt sich auf den Einsatz von Technologie in der Demenzpflege übertragen.
- Der Fokus: Parasoziale Interaktion beschreibt die Illusion einer persönlichen Beziehung, die eine Rezipient*in (in dem ursprünglichen Modell von 1956 noch eine Fernsehzuschauer*in) zu einer Medienperson aufbaut.
- Bedeutung für die Praxis: KI-gestützte Pflegeroboter*innen oder Sprachassistent*innen können eine scheinbar wechselseitige, aber in Wirklichkeit einseitige Interaktion schaffen. Die Patient*in entwickelt eine Form von Vertrautheit mit der technologischen „Persona“, die eine Illusion von Gesellschaft und Sicherheit vermittelt. Das Modell hilft zu verstehen, warum diese Technologien erfolgreich sein können: Sie erfüllen das menschliche Grundbedürfnis nach Interaktion, ohne den Patienten kognitiv zu überfordern. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Technologien eine Ergänzung sind und niemals die authentische menschliche Interaktion ersetzen dürfen, die für eine ganzheitliche Pflege unerlässlich ist.
Fazit
Das Buch „49 Kommunikationsmodelle für das 21. Jahrhundert“ ist eine gewinnbringende Lektüre für alle, die sich mit Kommunikation befassen – weit über (angehende) Kommunikationswissenschaftler*innen hinaus. Es macht Spaß, die anschaulichen Modelle zu erkunden und die zugewiesenen Praxisbezüge zu entdecken. Es bietet zahlreiche interessante Ansätze, die auch für die praktische Arbeit im Sozial‑ und Gesundheitswesen wertvolle Impulse liefern.
Rezension von
Dr. Maik Eimertenbrink
Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
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