Kathrin Köller, Irmela Schautz: Richtig anders - anders richtig
Rezensiert von Dr. Günther Vedder, 27.08.2025
Kathrin Köller, Irmela Schautz: Richtig anders - anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent. Hanser Verlag (München) 2025. 240 Seiten. ISBN 978-3-446-27978-0. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Thema
Zentrales Thema des Buches ist die Rolle der Neurodiversität in unserer Gesellschaft. Wie wird mit ADHS, Autismus, Dyskalkulie, LRS etc. in den Familien und Schulen umgegangen? Was folgt daraus für die Betroffenen? Wie beeinflussen diese Phänomene die spätere Ausbildung und Berufstätigkeit? Welche Veränderungen könnten wir im Umgang mit Personen, die irgendwie anders (aber durchaus richtig) ticken, anstreben? Wer bringt welche speziellen Talente mit und wie wären sie nutzbar? Das Buch wirft ein positiver Blick auf die neurologische Vielfalt in der deutschen Gesellschaft.
Autoren
Kathrin Köller ist eine selbstständige Autorin, Übersetzerin und Journalistin. Sie studierte Englisch und Deutsch, verbrachte viel Zeit in Großbritannien und arbeitete längere Zeit als Schulbuch-Redakteurin. Aus ihrer Sicht ist es wichtig, lustvoll aufzuklären und Komplexes nachvollziehbar zu erzählen. Sie bezeichnet sich als selbstbewusst neurodivergent und plädiert dafür, das Anderssein zu umarmen.
Irmela Schautz studierte Malerei und Grafik an der staatlichen Kunstakademie in Münster. Sie ist als freie Illustratorin für Sachbücher, Magazine, Zeitschriften… tätig und lehrt als Dozentin an der Akademie für Illustration und Design in Berlin. Sie gewann im Jahr 2023 zusammen mit Kathrin Köller für ihr Buch „Queergestreift/​Alles über LGBTIQA+“ den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch.
Aufbau und Inhalt
Das 235 Seiten umfassende Buch besteht aus 5 großen Kapiteln, die in einer angenehmen Fachsprache verfasst sind. Die Texte werden durch viele Bilder, Zwischenüberschriften, Fallschilderungen, abgedruckte Interviews, Literaturtipps, Hinweise auf Interessenverbände und Community-Aktivitäten aufgelockert. Das Buch bringt die Fakten auf den Punkt und ist daher leicht lesbar und nachvollziehbar. Es ist auch für Menschen geeignet, die sich sonst eher selten mit längeren Texten auseinandersetzen.
Kapitel 1 erläutert die Grundlagen der Neurodiversität. Das Konzept geht davon aus, dass Gehirne unterschiedlich arbeiten und dass es eine große neurologische Vielfalt unter den Menschen gibt. Die Neurodiversität wirft dabei die Vorstellungen von Normalität und Störung über Bord. Wer mit ADHS, Autismus oder Dyskalkulie lebt, ist nicht krank oder kaputt, sondern weicht lediglich von der neurotypischen Norm ab. Das Gehirn verarbeitet in solchen Fällen bestimmte Reize anders, die Hirnareale sind unterschiedlich durchblutet und die Botenstoffe transportieren Informationen auf verschiedene Arten hin und her. Dies hat (positive oder negative) Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit, das assoziative Denken oder auch die Filterfunktion des Gehirns. Menschen mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) haben zwar ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, weisen aber auch deutliche Gemeinsamkeiten auf. Sie bilden einen bestimmten Neurotyp und verschiedene Neurotypen machen die sogenannte Neurodiversität aus. Aus dem Verständnis von Neurodiversität ist eine soziale Bewegung entstanden, die den Anpassungsdruck von neurodivergenten Menschen an die gesellschaftliche Norm verringern möchte. Nach dem bekannten Diversity-Motto „es ist normal, verschieden zu sein“ geht es darum, dass unterschiedliche Formen von Neurodivergenz unter einen Schirm der Akzeptanz passen.
Kapitel 2 ist der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gewidmet. Der vor Jahren gewählte Begriff erscheint heute etwas unpassend, denn Menschen mit ADHS haben kein Defizit an Aufmerksamkeit. Sie bekommen nicht weniger sondern wesentlich mehr mit als andere. Ihre Herausforderung ergibt sich aus einer Filterschwäche, die unterschiedliche Dinge gleich wichtig erscheinen lässt, auch wenn sie das objektiv gar nicht sind. Neurobiologisch gesehen entsteht bei ADHS ein Mangel an Botenstoffen und eine Reizüberflutung des Gehirns infolge einer Stirnhirnunterfunktion. Dopamin und Noradrenalin funktionieren in diesem Fall nicht optimal. Daraus folgt eine besondere Art der Informationsverarbeitung mit Beeinträchtigung der Konzentration, des Verhaltens und der emotionalen Steuerung.
Drei Typen von ADHS werden unterschieden: der hyperaktive Typ, der unaufmerksame Typ und der Mischtyp aus den beiden. Der hyperaktive Typ muss immer in Bewegung sein, viel mit den Händen machen, redet häufig und oft auch laut. Wenn er stillsitzen muss (z.B. in der Schule oder am Arbeitsplatz), entsteht für ihn schnell Stress. Umgekehrt kann man auf ihn zählen, wenn jemand spontan einspringen muss, eine Präsentation zu übernehmen ist oder eine schwierige Diskussion am Laufen gehalten werden soll. Der unaufmerksame Typ ist superempfänglich für die unterschiedlichsten Reize (z.B. wie jemand in einem Gespräch guckt), wodurch der Kern des Arguments gerne auch mal verloren geht. Diese große Empfindsamkeit fällt oft mit einem erstaunlichen Scharfsinn und einer ausgeprägten Intuition zusammen. Die ADHS-Mischtypen sind sowohl motorisch unruhig und impulsiv als auch innerlich getrieben. Sie wippen mit den Füßen, kämmen ihre Haare mit den Fingern, kritzeln kleine Zeichnungen und müssen dauernd mit etwas herumspielen. Das sind unbewusste Strategien, mit der Unruhe und dem Bewegungsbedürfnis umzugehen, damit man sich besser konzentrieren kann. Trotz aller Ablenkbarkeit sind die Betroffenen lösungsorientiert und zielfokussiert. Sie können damit die Zusammenarbeit im Team deutlich bereichern.
Sehr gelungen ist in diesem Kapitel das unvollständige ABC der Symptome von ADHS. Es geht dort zum Beispiel um die Schwierigkeiten beim Aufräumen, die besonders heftig erlebten Emotionen, der Hyperfokus auf eine Sache ohne Rücksicht auf Verluste, die ausgeprägte Kritikempfindlichkeit und Langeweile-Intoleranz, das eingeschränkte Zeitbewusstsein, die Organisationsprobleme im Alltag oder auch die Überbegeisterung für spannende Themen. Mehrere Betroffene berichten in abgedruckten Interviews von ihren Erfahrungen, Tricks und Kniffen im Umgang mit ADHS. Es gibt wichtige Tipps für geeignete Sportarten oder auch den Umgang mit Medikamenten. Vor einigen Jahren wurde ADHS vor allem bei Kindern diagnostiziert und man ging davon aus, dass die Symptome im Laufe des Lebens eher verschwinden. Heute ist klar, dass auch Erwachsene stark von ADHS betroffen sein können. Sie haben zwar gelernt, mit den daraus resultierenden Besonderheiten besser umzugehen, dieser Prozess raubt allerdings viel Energie.
In Kapitel 3 geht es um Lese-Rechtschreib-Störungen (LRS) und Dyskalkulie. Im Englischen gibt es die beiden Fachbegriffe Dyslexia (für Lesestörungen) und Dysgraphia (für Schreibschwierigkeiten), die gemeinsam oder auch getrennt auftreten können. Die deutschen Ausdrücke Lese-Rechtschreib-Störung oder Legasthenie verbinden direkt zwei Phänomene, die zwar verwandt sind, aber durchaus auch einzeln in Erscheinung treten können. Es gibt Menschen, die ausschließlich eine Rechtschreibstörung haben und Buchstaben nicht richtig zuordnen können. Andere haben hauptsächlich Schwierigkeiten beim Lesen. Sie müssen sich anstrengen, den Sinn einer Aussage zu erkennen (Dsylixec lvies mtetar!). In dem hier besprochenen Buch ist auf Seite 102/103 ein sehr interessantes Alphabet von Daniel Britton abgedruckt, das einen Eindruck davon vermittelt, wie Menschen die Schrift wahrnehmen, wenn jeweils 40 % der Buchstaben weggenommen werden. Nicht von Dyslexie betroffene Personen erhalten so einen Eindruck davon, wie anstrengend das Lesen von Texten unter diesen erschwerten Bedingungen sein kann.
Menschen mit LRS haben Probleme damit, Wortfragmente im Langzeitgedächtnis abzuspeichern, sodass man jederzeit automatisiert darauf zurückgreifen kann. Stattdessen müssen sie immer wieder neu überlegen, was die jeweilige Buchstabenfolge bedeuten könnte. Dieser Umstand ist sehr anstrengend. Er kostet im schulischen oder beruflichen Alltag viel Zeit und zusätzliche Energie. Die permanente Konzentration auf Wörter und Buchstaben macht es schwer, die Inhalte von Texten korrekt wahrzunehmen oder besonders kreativ zu schreiben. Häufig werden LRS-Personen aufgefordert, halt mehr zu üben, was den Energie-Akku noch schneller leert. Sinnvoll sind hingegen Kompensationsstrategien, die dazu beitragen, Stress zu vermeiden und die schwierige Automatisierung trotzdem zu fördern.
Menschen mit Dyskalkulie fehlt (in unterschiedlichem Maße) das Verständnis für Zahlen und Mengen. Dass 5 mehr ist als 3 müssen manche Grundschulkinder immer wieder neu ableiten, indem sie bei 1 anfangen zu zählen. Viele Betroffene versuchen durch Auswendiglernen das nicht verinnerlichte Zahlen- und Mengenverständnis zu kompensieren. Diese Strategie kommt bei komplizierteren Rechenoperationen natürlich schnell an ihre Grenzen. Kinder mit einer Rechenstörung fallen relativ schnell auf. Mit mangelnder Intelligenz hat dieses Phänomen, wie bei allen anderen Teilleistungsstörungen, nichts zu tun. Personen mit Dyskalkulie können in anderen Fächern gut oder sogar herausragend sein. Mit Lerntherapie, Nachteilsausgleichen und psychologischer Betreuung lassen sich die frustrierenden Erlebnisse im Mathematik bewältigen. In der Mitte des Buches ist ein spannendes Gespräch mit einer jungen Frau abgedruckt, die trotz Dyskalkulie das Abitur in Bayern geschafft hat. Carla hat inzwischen ein Studium der Logopädie abgeschlossen und ist Sprecherin der Jungen Aktiven im Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Darüber hinaus betreibt sie den Instagram-Kanal Dyskalkulie-Zahlenchaos.
In Kapitel 4 geht es um unterschiedliche Phänomene aus dem Autismus-Spektrum. Damit sind Besonderheiten gemeint, die zum Beispiel in den Bereichen Sinneswahrnehmung, Spezialinteressen, Kommunikation, Wahrnehmung von Situationen… auftreten können. Googelt man Autismus, findet man negative Zuschreibungen wie tiefgreifende Störung, komplexe Entwicklungsbeeinträchtigung, schwerwiegende Probleme oder weitreichende Defizite. Dabei bedeutet im Autismus-Spektrum zu sein zunächst einmal nur, dass man anders funktioniert als neurotypische Personen. Viele Betroffene haben Spezialinteressen, besondere Begabungen oder Themengebiete, in denen sie über ein außerordentliches Wissen verfügen. Sie kennen dann u.U. alle möglichen Details über Käfer, Kometen oder Sprachwissenschaft, verfügen über ein absolutes Gehör oder können sich die Umgebung extrem genau einprägen.
Nicht-autistische Personen erfassen schnell das Gesamtbild einer Situation, ordnen sie in den jeweiligen Kontext ein, interpretieren und vernachlässigen „unwichtige“ Details. Autistische Personen nehmen demgegenüber sehr viele Einzelheiten wahr, die erst einmal sortiert und zusammengefügt werden müssen. Dieser kognitive Prozess ist intensiv, anstrengend und führt relativ schnell zur Erschöpfung. Generalisieren können, wissen, was wörtlich gemeint ist und was nicht, non-verbale Signale und Andeutungen verstehen, das fällt neurotypischen Personen deutlich leichter. In diesem Kapitel verdeutlichen diverse Beispiele, womit sich autistische Personen oft in der Ausbildung schwertun (Lärm, Gruppenarbeit, mündliche Beteiligung…) und was man dagegen tun kann. Andererseits wird auch mehrfach betont, welche Vorteile eine geschärfte Sinneswahrnehmung im Alltag haben kann.
Das abschließende Kapitel 5 ist dem Thema Mental Health gewidmet. Neurodivergenz (ADHS, Autismus, LRS…) ist selbst keine psychische Krankheit, kann aber mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen einher gehen. 80 % aller Erwachsenen mit ADHS weisen sogenannte Komorbiditäten auf. Wenn man dauerhaft scheinbar einfache Organisationsaufgaben nicht hinbekommt, dann leidet das Selbstwertgefühl darunter. Das intensivere Fühlen kann für ein hohes Maß an positiver Empathie sorgen, aber auch dafür verantwortlich sein, dass man Negatives besonders stark wahrnimmt. Wenn das Gehirn nie Ruhe gibt, dann verirrt man sich leicht in düstere Gedanken. Der konstant erhöhte Stresspegel kann Depressionen auslösen. Autistische Personen leiden überdurchschnittlich häufig an Sozialphobien und posttraumatischen Belastungsstörungen. Die gute Nachricht in Zeiten von Social Media lautet: Vor allem die jüngeren Betroffenen wissen heute viel früher über ihre Neurodivergenzen Bescheid. Lustige Memes und Alltagsvideos sorgen dafür, dass die eigenen Besonderheiten besser eingeordnet werden können. Selbsterkenntnis und eine positive Identifikation mit der eigenen Neurodivergenz können als Schutzschild gegenüber Anfeindungen dienen. Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeit, in einem geschützten Raum über seine Ängste, Zwänge und Panikattacken reden zu können. Es macht Sinn, sich nicht nur an die Umwelt anzupassen, sondern auch die Umwelt an die eigenen Bedürfnisse.
Diskussion
Das Buch Richtig anders – anders richtig von Kathrin Köller und Irmela Schautz greift ein zentrales gesellschaftliches Thema auf. Die Neurodivergenzen werden im Alltag immer stärker wahrgenommen und wie immer im weiten Feld der Diversität stellen sich zwei zentrale Fragen: Was ist schon normal? Und wer definiert das? Der Band beschäftigt sich mit Abweichler:innen von der Neuronorm: Menschen mit ADHS, Autismus, Dyskalkulie oder Lese- und Rechtschreibschwächen. Er beschreibt deren Herausforderungen, aber auch deren besondere Stärken, und plädiert für einen anderen Umgang mit Neurodiversität. Wie müssten Schulen organisiert sein, damit sie den Besonderheiten der hier beschriebenen Personen Rechnung tragen können? Wie müssten Arbeitsplätze gestaltet werden, damit Menschen mit Autismus sich dort wohlfühlen? Unter dem Schlagwort der Neurodiversität entsteht gerade eine soziale Bewegung, die von unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteur:innen einfordert, auf neurodivergente Personen besonders einzugehen und nicht nur die umgekehrte Anpassung zu erwarten. Menschen mit ADHS sind nicht kaputt oder krank, sondern in erster Linie anders. Sie haben (wie wir alle) besondere Talente, die genutzt werden können, aber auch Schwächen, die sich ausgleichen lassen. Leider geht das Buch nicht auf alle möglichen Neurodivergenzen ein, sondern lässt Phänomene wie Hochsensibilität, Dyspraxie oder auch das Tourette-Syndrom außen vor (was zu Beginn auch erläutert wird). Die Kapitel zu ADHS und Autismus hätten gerne etwas kürzer ausfallen können, um Raum für die Beschreibung anderer Formen der Neurodivergenz zu schaffen.
Das Buch ist trotz aller Fremdwörter gut lesbar und daher auch für Personen geeignet, die sich nur ungern mit längeren Texten beschäftigen. Die grafische Gestaltung ist sehr abwechslungsreich und dürfte auch junge Menschen besonders ansprechen.
Fazit
Für Personen, die sich privat für Neurodivergenz interessieren oder sich beruflich mit Diversität in Organisationen beschäftigen, ist das Buch Richtig anders – anders richtig sehr zu empfehlen. Wer noch nicht länger über die Neuronormativität in der Gesellschaft nachgedacht hat, kommt ins Grübeln. Insgesamt regt das Buch Veränderungen an und inspiriert zum Weiterdenken. Wer sein persönliches Anders-Sein noch nicht so richtig einordnen kann, wird sich ggf. in den vielen Fallbeschreibungen und Schilderungen der Phänomene wiederfinden.
Rezension von
Dr. Günther Vedder
Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Leibniz Universität Hannover
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