Andreas Bedacht, Bernhard Streicher: Beinahe schiefgegangen
Rezensiert von Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle, 19.11.2025
Andreas Bedacht, Bernhard Streicher: Beinahe schiefgegangen - Risiken und Fallstricke in der handlungsorientierten Pädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 1. Auflage. 153 Seiten. ISBN 978-3-497-03323-2. 33,00 EUR.
Autoren
Andreas Bedacht ist Erlebnispädagoge der frühen Stunde, lehrt und publiziert zum Themenbereich seit den frühen 1990er-Jahren (Bedacht/Forum Erlebnispädagogik 1992). Er ist nach langjähriger Leitung einer überregionalen Bildungseinrichtung freiberuflicher Referent in Fort- und Weiterbildung, (Trauma-)Berater und Dozent. Seine berg- und natursportlichen Leidenschaften sind Höhlenforschung und -begehungen.
Bernhard Streicher war Professor für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie an der LMU und den Universitäten Linz und Hall, dort Leiter des Departements Psychologie und Sportmedizin. Seit seiner Emeritierung ist er als freiberuflicher Autor, Forscher, Berater und Trainer im Bereich der Risiko- und Entscheidungsforschung tätig. Er ist Mitglied der Sicherheitskommission des Deutschen Alpenvereins und publiziert regelmäßig zu Fragen von Risiko und Sicherheit im Bergsport, u.a. in bergundsteigen.com. Seine natursportlichen Vorlieben sind Klettern, Skitouren und Bergsteigen.
Beide Autoren waren langjährig als Ausbilder in der Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik https://www.zq-ep.de/ tätig.
Einführung in das Thema
Die Erlebnispädagogik – konzipiert als erfahrungs- und handlungsorientierte Pädagogik in außeralltäglichen Erlebensfeldern – verspricht, persönlichkeitsnahe Lern- und Wachstumsprozesse in Gang zu bringen. Diese werden durch naturnahe oder in künstlichen Aufgabenszenarien arrangierte außergewöhnliche Erlebnisse und deren Reflexion angeregt: Erlebnisse werden dabei zu Erfahrung (Huber 1999).
In ihrer Gründungs- und Wachstumsphase im letzten Jahrhundert durchaus umstritten, hat sich Erlebnispädagogik in der Sozialpädagogik und außerschulischen Bildungsarbeit, in Team- und Führungskräfteentwicklung etabliert und mit ihrer weiten Verbreitung ausdifferenziert und professionalisiert, was sich auch in der breiten Publikationslage spiegelt – mittlerweile existieren Zeitschriften und Schriftenreihen («erleben und lernen»), Handbücher (Michl/Seidel 2018) und vertiefende Fachbücher, zu denen auch das rezensierte Buch gehört. Als Teil ihrer Professionalisierung wurden auch erlebnispädagogische Aus- und Weiterbildungen sowie die Forschung zu Konzepten, Methoden und der Wirksamkeit von Erlebnispädagogik vorangetrieben (Michl 2020).
Sicherheitsfragen und der Umgang mit Ungewissheiten, Wagnissen, Risiken und Gefahren spielten in der Erlebnispädagogik seit jeher eine zentrale Rolle: In Berg- und Natursportarten gilt es, Sicherheit und Wagnis auszubalancieren und ernsthafte Gefährdungen der teilnehmenden Personen auszuschließen. In der Erlebnispädagogik schon früh etabliert, hat die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession hingegen das Thema Ungewissheit, Risiken und Fehler erst spät entdeckt, einige Publikationen zum Themenfeld (Beushausen 2014; Beushausen et al. 2023; Hongler/Keller 2015; Wolff et al. 2013) liegen mittlerweile vor.
Hintergrund
Das Buch thematisiert die Risiko- und Sicherheitskultur in der Erlebnispädagogik anhand von kritischen Zwischenfällen und Beinahe-Unfällen in der Tradition der Sicherheitsforschung des DAV und deren Publikationen, wie sie Pit Schubert (Schubert/Deutscher Alpenverein Sicherheitskreis 2001) auf den Weg brachte. Es ist damit Teil der Bemühungen um eine Professionalisierung der Sicherheits- und Risikokultur der Erlebnispädagogik.
Aufbau und Inhalt
Kapitel 1 Vom Wert der Risikokompetenz gibt einen kurzen an gesellschaftlichen Entwicklungen orientierten Überblick zu Herausforderungen im Bereich Unsicherheit, Risikoverhalten und Risikokompetenz.
Kapitel 2 beschreibt Risikokultur als Rahmenmodell handlungsorientierter Pädagogik. Die Autoren stellen das von Bernhard Streicher entwickelte Risikokulturmodell vor, das in einer 3x3-Matrix Merkmale der Person, der Risikosituation und des sozialen Kontexts auf beobachtbare, nicht-beobachtbare und implizite Dimensionen von Risiken hin reflektierbar macht. Im Anschluss werden die Merkmale von Risikosituationen (Komplexität, Unsicherheit, verfügbare Informationen, Gefahrenpotenzial, Schadensausmaß etc.) beschrieben. Der Abschnitt über gefährdungsrelevante Merkmale von Personen geht auf den evolutionären Umgang mit Risiken, Lernprozesse, Risikoeinschätzung und Entscheidungsprozesse ein. Der dritte Abschnitt geht kurz auf die soziale Dimension der Gruppe ein. Anschließend wird die stark verbesserte Risikokultur der Erlebnispädagogik in einer Haltung von Eigenverantwortung, Respekt und Demut der Sicherheits- und Eventkultur der kommerzialisierten Natursportarten kontrastiert, in der alles für alle jederzeit möglich und absicherbar scheint.
Kapitel 3 Belastungs- und traumasensible Erlebnispädagogik vertieft drei Aspekte: Das richtige Maß an Herausforderung wird mit Modellen zu menschlichen Bedürfnissen (Kruglanski), Fähigkeiten, Herausforderungen und Flow (Csikszentmihalyi) sowie Stress und Bewältigung (Lazarus/Folkman) einschätzbar gemacht und durch die Fürsorge der Veranstalter abgesichert. Das Erkennen von Belastungssymptomen reduziert das Risiko negativer Erfahrungen der Teilnehmenden und Interventionen in belastenden Situationen wie externe Unterstützung, individualisierte Hilfen und die Arbeit mit der Gruppe fangen Belastungen ab und helfen allen Beteiligten, handlungsfähig zu bleiben oder es wieder zu werden.
Kapitel 4 Von der Idee zum Plan beschreibt den Weg zu einer tragfähigen erlebnispädagogischen Planung, erläutert zentrale Planungsgrundsätze und die Planung nach dem «Zwiebelprinzip» mit den sechs Schichten (Risikokultur, Veränderungsmodell, Auftrag/Ziel, Rahmenbedingungen, Teilnehmende, Maßnahme).
Auf die theoretische Grundlegung folgen in Kapitel 5 Fallstricke und Fälle die Beschreibung und Reflexion glimpflich ausgegangener Risikosituationen in der Erlebnispädagogik, der Hauptteil des Buchs in drei Abschnitten: Wahrnehmung und Wahrnehmungsfallen, Entscheidung und Entscheidungsfallen sowie Situations- und Gruppendynamik und entsprechende Fallen. Die Fallsituationen aus vielen Feldern der Erlebnispädagogik (Höhlenbegehungen Klettermaßnahmen, Durchquerungen, Wildnistrainings etc.) wurden von erlebnispädagogisch Tätigen eingereicht und durch die Autoren analysiert oder ergänzt. Die Fälle werden systematisch und detailreich, praxisnah und auch für Nicht-Involvierte gut verständlich (was gar nicht so einfach ist) beschrieben. Sie folgen einer klaren Systematik: Nach der Beschreibung des Hintergrunds der erlebnispädagogischen Maßnahme wird die Situation beschrieben, das (kritische) Ereignis geschildert, die Reaktionen darauf und – fürs Lernen besonders elementar – eine Nachbetrachtung und Schlussfolgerungen. Die Spannweite der Situationen reicht von Orientierungsproblemen im Gelände über Steinschlag beim Wasser lassen, Gewitter am Kletterturm, Kenterung beim Kajakfahren bis zum vergessenen Abhängen des Hafenstrom-Kabels bei einem auslaufenden Segelschiff. Kapitel 5 endet mit einer kurzen Ermutigung zum Umgang mit dem Unwägbaren, das ja auch den Reiz erlebnispädagogischen Schaffens ausmacht.
Diskussion
Das Buch ist im theoretischen Teil kurz und dicht gehalten und fokussiert auf Lernprozesse der Leserinnen und Leser bei den Fallgeschichten. Der theoretische Teil ist ausreichend für Menschen mit erlebnispädagogischer Vorbildung, gut verständlich und praxisnah geschrieben. Die vielen praktischen Bezüge bereits im Theorieteil geben dem Buch einen hohen Lernwert. Die real geschehenen Fallsituationen sind aus der Praxis gewonnen und anregend. Sie spiegeln die Möglichkeit des Unmöglichen, auch äusserst unwahrscheinlicher Zufälle, Scheiternserfahrungen und Fehler. Dass nur glimpflich bis gut ausgegangene Fallsituationen gewählt wurden, reduziert Sensationsgier, Voyeurismus oder Vorwurfshaltungen («wie kann man nur…»), das stärkt den Fokus aufs Lernen der Leserinnen und Leser. Die Fallsituationen sind, wenn auch teils wirklich «haarig», durchaus amüsant zu lesen. Die systematische Reflexion der Fallsituationen ist hilfreich und instruktiv: Mit der durchgehenden Beschreibungs- und Reflexionsstruktur der 28 Fallsituationen, die man wiederholt durcharbeitet, wird der Lernweg zu einer reflexiven Risikokultur erlebbar und gehbar. Das Buch trägt so zu einer reflexiven, sachlichen und professionellen Risikokultur bei und lehrt eine Haltung des Respekts und der Demut in Natursport und Erlebnispädagogik.
Als langjähriger Skitourengeher, Kletterer, Alpinist (und Sozialpädagoge), gewohnt an Risikosituationen im Bergsport (und einige selbst mit Glück überlebt) staunte ich beim Lesen einmal mehr über die Möglichkeit des (nahezu) Unmöglichen und was an Fallstricken und Fallen im natur- und erlebnispädagogischen Feld alles möglich ist: «Murphys Law» gilt – alles, was passieren kann, passiert irgendwann – in solchen Situationen ein reflexives Bewältigungsverhalten bereits entwickelt zu haben, ist für professionelle Erlebnispädagogik zwingend.
Fazit
Das Buch ist Erlebnispädagoginnen und -pädagogen aller Erfahrungsstufen, Sozialpädagogen in der stationären Jugendhilfe in der erlebnisorientierten Arbeit sowie den Jugendverbänden und der freien Jugendarbeit sehr ans Herz zu legen. Auch für schulische Erlebnistage, Projekte, Klassenfahrten und Lager mit erlebnispädagogischen Elementen stärkt es die Sicherheit, die Reflexion und Erfahrungsbildung der Teilnehmenden und das Sicherheitsbewusstsein der Leitenden – niemand, auch mit noch so viel Erfahrung, hat je ausgelernt. Die reflexive Risikokultur, die Planungselemente, das Denken von den Teilnehmenden her und der Blick auf ihre Bedürfnisse, der unprätentiöse und psychologisch differenzierte Blick auf Wahrnehmung, Entscheidung, Intervention und Reflexion kann die persönliche Entwicklung von Leitenden und Teams und deren erlebnispädagogische Maßnahmen nur positiv beeinflussen.
Literatur
Bedacht, Andreas/Forum Erlebnispädagogik (1992). Erlebnispädagogik: Mode, Methode oder mehr? Tagungsdokumentation des Forums Erlebnispädagogik. München: FH München Fachbereich Sozialwesen.
Beushausen, Jürgen (2014). Risiken und Nebenwirkungen: (k)ein Thema der psycho-sozialen Beratung? Coburg: ZKS-Verlag.
Beushausen, Jürgen/Rusert, Kirsten/Stummbaum, Martin (2023). Fehlerkulturen in der Sozialen Arbeit: Orientierungshilfen auf dem Weg zu einer fehlerreflektierten Professionalität. Opladen: Budrich/UTB.
Hongler, Hanspeter/Keller, Samuel (2015). Risiko und Soziale Arbeit Diskurse, Spannungsfelder, Konsequenzen. Wiesbaden: Springer.
Gruber, Hans (1999). Erfahrung als Grundlage kompetenten Handelns. Bern: Huber.
Michl, Werner (2020). Erlebnispädagogik. 4. Aufl. München: Reinhardt.
Michl, Werner/Seidel, Holger (2018). Handbuch Erlebnispädagogik. München: Reinhardt.
Schubert, Pit/DAV Sicherheitskreis (2001). Sicherheit und Risiko in Fels und Eis: Erlebnisse und Ergebnisse aus der Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins. München: Bergverlag Rother.
Wolff, Reinhart/Flick, Uwe/Ackermann, Timo/Biesel, Kay (2013). Aus Fehlern lernen – Qualitätsmanagement im Kinderschutz. Opladen: Budrich.
Rezension von
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Olten/Schweiz
Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement
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