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Andreas Langer, Denise Lehmann et al. (Hrsg.): Professionalität (en) und Professionalisierung

Rezensiert von Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 11.09.2025

Cover Andreas Langer, Denise Lehmann et al. (Hrsg.): Professionalität (en) und Professionalisierung ISBN 978-3-7799-8666-9

Andreas Langer, Denise Lehmann, Regine Müller, Tobias Sander (Hrsg.):Professionalität (en) und Professionalisierung (in) der Sozialen Arbeit. Theoretische Grundlegungen und organisationale Steuerungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 182 Seiten. ISBN 978-3-7799-8666-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.

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Entstehungshintergrund und Thema

Der Sammelband basiert auf Beiträgen zur Tagung „Profession, Professionalitäten und Professionalisierung (in) der Sozialen Arbeit. Theoretische Grundlegungen und organisationale Steuerungen“ (29.02.-01.03.24), die von der Sektion Professionssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Kooperation mit der HAWK Hildesheim und der HAW Hamburg in Hildesheim veranstaltet wurde.

Herausgeber:innen

Prof. Dr. Andreas Langer vertritt das Lehrgebiet Sozialwissenschaften an der HAW Hamburg und ist geschäftsführender Direktor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft (DISW). Prof. Dr. Regine Müller ist Professorin für Verwaltung und Organisation in der Sozialen Arbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der HS Düsseldorf. Prof. Dr. Tobias Sander lehrt Sozialwissenschaften & Soziologie an der HAW Hildesheim/​Holzminden/Göttingen. Denise Lehmann, Dipl.-Sozialpäd. (FH) ist Referentin für Hospizarbeit in der Bundeszentrale des Malteser Hilfsdienstes e.V. in Köln und Promovendin an der HAW Hessen. Die Herausgebenden sind in Soziologie, Sozialpolitik sowie Professions- und Organisationsforschung ausgewiesen.

Aufbau und Inhalt

Der mit 15 Beiträgen bestückte Sammelband gliedert sich in drei Abschnitte und endet mit Angaben zu den Autor:innen und Herausgeber:innen (S. 180–182).

Abschnitt I Einleitung – Überblick – Einordnung (S. 8–44)

In der Einleitung (S. 8–15) geben die Herausgeber:innen Einblick in ihr leitendes Erkenntnisinteresse. Sie konstatieren eine in der Professionssoziologie klaffende Lücke in der Betrachtung der Professionalisierung Sozialer Arbeit. Gestützt auf drei Narrative verfolgen sie die Diskussion um die Verberuflichung (Ist sie eine Profession?), die Etablierung von Disziplin und Professionalität (Kann Soziale Arbeit jede:r?) sowie den „power approach“ (unabhängig gegenüber Politik, Recht, Wirtschaft) und leiten kurz in die Beiträge ein.

Im Aufsatz „Soziale Arbeit als professionelles Projekt. Konsolidierung mit Leerstellen“ (S. 16–30) skizziert Tobias Sander Stationen der Etablierung der Sozialen Arbeit (Wissenschaftlichkeit, Professionalität, Anerkennung) und geht auf die Besonderheit der Interaktionsbeziehungen zwischen Klientel und Sozialpädagog:innen sowie auf die Diskussion um die (eingeschränkte) Autonomie im Handeln ein. Dem Kriterienansatz als Basis für die Prüfung einer Profession begegnet Sander mit Vorbehalt. Anhand der Erwerbsrealitäten (Absolvent:innen eines abgeschlossenen Studiums und einer Fachschulausbildung werden tariflich gleich eingestuft) demonstriert er, wie Kennzeichen unterlaufen werden. Dagegen vermöge der professionssoziologische „power approach“ die Professionalisierung der Sozialen Arbeit als ständig erforderliche Ausbalancierung zutreffender zu beschreiben. Die inzwischen selbstbewusste Disziplin und Profession sei jedoch gekennzeichnet von einer anhaltenden Diskussion um die Kontingenz des Wissens und die Relation zu den fallbezogenen Anforderungen, das in der Praxis vorhandene Nebeneinander von unterschiedlich Ausgebildeten sowie Verunsicherungen über die Fachlichkeit bei den Wissenschaftler:innen und den Praktiker:innen.

Andreas Langer bezieht sich in „Replik: Die Praxis der Profession(alität). Eine gesellschaftstheoretische Einordnung“ (S. 31–44) auf den o.g. Beitrag sowie die im Band versammelten Aufsätze, um die „Heterogenitäten/Diskrepanzen/​Widersprüche“ (S. 31) bei den professionstheoretischen Modellen in der Sozialen Arbeit in drei Punkten zu verdeutlichen:

  1. die vorfindbaren unterschiedlichen Qualifikationen
  2. die proklamativ-normativen Professionsansätze und
  3. die Begrenzung der professionstheoretischen Forschungen auf wenige Handlungsfelder (die er mit der Beleuchtung der Behindertenhilfe und dem Sozialmanagement erweitert).

Mit Blick auf die drei Kompetenzdimensionen einer Profession (Befähigung, Bereitschaft und Befugnis) attestiert er der Sozialen Arbeit eine „fragile Professionalität“ (S. 34), da sowohl sehr abgegrenztes Spezialwissen von Professionsvertreter:innen vorhanden sei, die Zuständigkeit von sozialstaatlichen Bedarfsdefinitionen abhängig sei und die Autonomie der Berufsausübung von vielen Akteuren beeinflusst werde. Deshalb verabschiedet sich Langer von den bisherigen Theorieansätzen und wendet sich dem „power approach“ zu, der Soziale Arbeit als Feld und Struktur erachte, in welchem machtvolle Aushandlungen stattfinden. Dafür rezipiert er den Ansatz von Anthony Giddens und stellt kursorisch die praxeologische Systemtheorie, die Expertise als Strukturationsmodus sowie Vertrauen in Person und System vor. Mithilfe dieses Ansatzes sei seiner Ansicht nach eine Heuristik vorhanden, die akteurs- und institutionsbezogene Praxisanalysen normneutral kompensatorisch ermögliche und Soziale Arbeit weiterentwickle.

Abschnitt II Theoriegeleitete Beiträge zum professionssoziologischen Diskurs Sozialer Arbeit (S. 46–99)

Dr. Silke Müller-Hermann & Dr. Roland Becker-Lenz sind beide professoral mit dem Lehrgebiet Professionsforschung an der HS für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz tätig. In ihrem Beitrag „Verschiedene Praxisfelder – unterschiedliche Professionalitäten?“ stellen sie ihre „Überlegungen vor dem Hintergrund der strukturtheoretischen Professionalisierungstheorie“ vor (S. 46–56). Angesichts einer sich ausdifferenzierenden Bandbreite sozialarbeiterischen Handelns stellen sie die Frage, ob eine einheitliche interaktionistische bzw. strukturtheoretische Theorie als Erklärungsfolie ausreichen könne. Bezogen auf die Eckpfeiler der Oevermannschen Professionstheorie: 1) Professionelles Handeln als nicht standardisierbare stellvertretende Krisenbewältigung und 2) Herstellung eines Arbeitsbündnisses zwischen den Personen stellen die Autorin und der Autor typische Einwände hinsichtlich der Bandbreite der Handlungsfelder vor und deklinieren diese für die Beratung, die sozialpädagogische Familienhilfe/​-begleitung, die Gemeinwesenarbeit, die offene Jugendarbeit, die sozialpädagogische Arbeit im stationären Bereich und denErwachsenenschutz der Schweiz durch. Sie schlussfolgern, dass weiterhin von einer einheitlichen Professionalitätskonzeption als Grundlage ausgegangen werden kann, die z.B. im Arbeitsbündnis auf Teams erweitert und zur Gestaltung von Übergängen zwischen Handlungsbereichen angepasst werden kann.

Die Professorin für die Wissenschaft Soziale Arbeit an der TH Köln, Dr. Sonja Kubisch erläutert „Praxeologisch-wissenssoziologische Perspektiven auf Professionalisierung und Deprofessionalisierung Sozialer Arbeit“ (S. 57–66). In der Tradition des Professionsforschungsansatzes von Ralf Bohnsack analysiert sie Kernelemente der Professionalität, wie z.B. den Unterschied der propositionalen (kommunikativen) und der performativen (konjunktiven) Logik bei der Professionalität, die interaktiven konjunktiven Erfahrungsräume der Arbeitsbeziehung, die multiplen Spannungsverhältnisse in der Praxis der Sozialen Arbeit, die Kollektivität des Wissens (von Teams und Organisationen) und die Macht in den Handlungspraxen der Fachkräfte, ohne sie – dem Ansatz gemäß – normativ zu bewerten. Nach der Analyse ordnet sie die in empirischen Studien aus Handlungsfeldern gewonnenen Erkenntnisse zur Bewertung der Praxis von Sozialer Arbeit ein, weist auf die nötige Sensibilität der Standortgebundenheit der Forscher:innen hin und betont die Vorzüge des praxeologisch-wissenssoziologischen Ansatzes, um sich den Überlagerungen und Diskrepanzen beim sozialpädagogischen Handeln zu nähern.

Regine Müller stellt in „Wohlfahrtsstaatliche Professionalität. Eine typisierende Rekonstruktion im Handlungsfeld Netzwerkkoordination zur Vermeidung von Kinderarmut“ (S. 67–78) Ergebnisse einer Studie (Fokusgruppenbefragung) vor, wie Fachkräfte mit der wohlfahrtsstaatlichen Programmatik (als Rahmenbedingung für ihre Arbeit) umgehen und welche Handlungsorientierung sie zeigen. Sie unterscheidet Fachkräfte (Typ 1) mit der Auffassung „das darf nicht sein – das soll nicht sein“, solche, die keine Selbstverortung vornehmen wollen (Typ 2) und solche, die das System als „krank“ (Typ 3) bezeichnen. Der Autorin ist es wichtig, auf Basis einer praxeologisch-wissenssoziologischen Basis die wohlfahrtsstaatliche Selbstverortung der Sozialarbeitenden zunächst zu erheben und erst danach mit normativen Implikationen einer Professionstheorie abzugleichen bzw. den wechselseitigen Bezug zwischen Theorie und implizitem subjektivem Handeln zu diskutieren.

Regine Müller & Monika Althoff, Professorin für Soziale Arbeit an der IU Dortmund, analysieren in ihrem Beitrag „Zum Stand des Rückzugs der Fachkräfte aus dem Feld Sozialer Arbeit. Sozialtheoretische Überlegungen zur Professionalisierung“ (S. 79–89) die aktuelle Forschungslage nach Hinweisen, inwiefern die Arbeitszufriedenheit der Fachkräfte, die Mitarbeitendenbindung und die Attraktivität des Arbeitsfeldes als Komponenten eines professionellen Selbstverhältnisses ursächlich dafür sein können, dass sie sich aus der Sozialen Arbeit verabschieden. Aus subjekttheoretischer Sicht sind die Fachkräfte in einem volatilen Feld, das ständig Machtverhältnissen ausgesetzt ist, die Rahmungen des Handelns stets neu ausloten und sich in veränderten Arbeitswelten neu justieren muss, stark rollengebunden identifiziert und setzen sich selbstreflexiv häufig mit dem Bleiben oder Gehen auseinander. Die Autorinnen resümieren, dass für jeden Rückzug eine spezifische und kaum vergleichbare Gemengelage an Gründen vorzufinden ist, die sowohl subjektive Ängste um den Verlust professionellen Handelns beinhaltet als auch den Wunsch nach Aufrechterhaltung professioneller Standards für die Selbst- und Fremdsorge.

Prof. Dr. Lars Schmitt, Soziologe an der HS Düsseldorf & Philipp Schäfer, wiss. Mitarbeiter und Referent für Chancengerechtigkeit an der HS Bochum teilen in ihrem Beitrag „Lost in Scientification? Habitus-Struktur-Reflexivität und das Professionelle der Sozialen Arbeit“ (S. 90–99) ihre Erkenntnisse aus der Lehre. Unter Rekurs auf Pierre Bourdieu beschreiben sie Bausteine des Ansatzes der Habitus-Struktur-Reflexivität, die sie nutzen, um gesellschaftliche Dominanzverhältnisse aufzudecken bzw. wie sie es nennen „das Kollektive im Individuellen“ (S. 92) zu betrachten. In mehreren tausend sog. Sozioanalysen haben sie sich überzeugen lassen, wie hilfreich die Reflexion von Habitus-Struktur-Konflikten bzw. das bewusste Offenlegen von „sozial Hervorgebrachtem“ (S. 93) für die professionelle Identität (nicht nur bei Studierenden) ist, die wiederum die Arbeitsbeziehungen zu den Adressat:innen beeinflusst, um nur einen Bereich der Professionalität anzusprechen. Den Autoren ist bewusst, dass eine solchermaßen Reflexivität die Rahmenbedingungen sozialpädagogischen Handelns fundamental in Frage stellen kann und deshalb mit vielen Akzeptanzbarrieren, von denen sie einige benennen, zu kämpfen hat.

Abschnitt III Feldspezifische und empirische Beiträge (S. 102–179)

Prof. Dr. Anna Kasten lehrt Soziale Arbeit mit den Schwerpunkten Gender und Diversity an der Ernst-Abbe-HS Jena. In ihrem Aufsatz „Professionalisierung der Makrosozialarbeit. Feministische Organisationen im Kontext der Digitalisierung“ (S. 102–111) referiert sie Erkenntnisse ihrer qualitativen Studie zu den Bedingungen der Nutzung von Social-Media-Kanälen durch Fachkräfte feministischer Organisationen und Spannungsfeldern der Professionalisierung. Als solche erweisen sich strukturelle Gegebenheiten (Ressourcen, Schutzaspekte, Abwertung des Digitalen), der forderungsreiche analoge Alltag sowie Aspekte der Gemeinnützigkeit, die mit dem Posten tangiert sein können. Professionell handelnd agieren die Fachkräfte mit folgenden Strategien: Personalentwicklung (Kompetenzaufbau), konzeptionell-inhaltlich (Social-Media-Konzept, Vernetzung) und methodisch (digitale Kampagnen, Marketing).

Prof. Dr. Matthias Müller lehrt Theorien und Geschichte der Sozialen Arbeit an der Evangelischen HS Dresden. Sein Beitrag „Reflexive Professionalität im menschenrechtlich bestimmten Handlungsfeld“ gibt einen autoethnografisch geleiteten Einblick in die „Professionalisierung durch organisationalen Gewaltschutz im Bundesteilhabegesetz“ (S. 112–122). Als theoretische Basis zur Implementierung und Überprüfung eines Gewaltschutzkonzepts nach § 31a Abs. 1 und 2 SGB IX beruft er sich auf die Professionstheorien der Reflexiven Professionalität und der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession und kritisiert die bisher fehlende Verankerung in den Landesrahmenverträgen sowie nicht vorhandene Qualitätsstandards. Vehement bringt der Autor zum Ausdruck, dass sich Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft und auf den ethischen Normen der UN-BRK beruhend, einmischen muss, wenn es darum geht, Menschen mit Behinderung in Institutionen vor illegitimer Machtausübung zu schützen, um nicht selbst in den einschränkenden Machterhalt involviert zu sein.

Dr. Kristina Schmidt, wiss. Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Uni Hildesheim zeigt in „Von der getriebenen Profession zur Profession als treibende Kraft. Soziale Arbeit im Kontext der UN-Behindertenrechtskonvention“ (S. 123–133) die anvisierte Neuausrichtung in der Sozialen Arbeit auf, die in der Behindertenhilfe stattgefunden hat: Von der Exklusion/​Separation über die Separation/​Integration zur Integration/​Inklusion mit ihren jeweils implizierten Annahmen zur Disziplin und Profession. Nutze die Soziale Arbeit die UN-BRK als Diskurs- und Steuerungsinstrument, so die Autorin, so überwinde sie die Defizitorientierung und die institutionelle Weisungsgebundenheit und etabliere professionelle Handlungskompetenz (Wissen, Können, Haltung), indem sie u.a. Probleme der Klientel „entpersonalisiere“ und gesellschaftlich rückbeziehe (z.B. sozialpolitische und institutionelle Vorgaben hinterfrage) und sogar zu einem Motor von Innovation werden könne.

Dr. Dieter Kulke, Professor für Soziologie an der TH Würzburg-Schweinfurt, berichtet in „Die Bedeutung der Berufsverbände für die Professionsentwicklung der Sozialen Arbeit. Eine empirische Untersuchung mit Daten aus Deutschland und Österreich“ (S. 134–146) über Unterschiede in der Wirkung der Berufsverbände nach innen (insbesondere zu deren Beitrag für die Entwicklung professioneller Einstellungen), die beim Vergleich der beiden Länder zu Tage getreten sind. Neben Unterschieden im Ausmaß der Professionalität, die bei den Berufsverbandsmitgliedern in Österreich (obds) und in Deutschland (DBSH) gegeben sind, ist den Ergebnissen vor allem zu entnehmen, dass die generalistischen Berufsverbände vor der Aufgabe stehen, ihr Profil und ihre Bedeutung für die sich differenzierende Profession der Sozialen Arbeit zu schärfen, Vorteile der Mitgliedschaft erkennen zu lassen und die Herausbildung eines professionellen Habitus stärker zu befördern.

Birthe Sander, M. Sc., Referentin im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW berichtet von „Herausforderungen für die professionelle Handlungspraxis Sozialer Arbeit im Kontext sozialpolitischer Modellprojekte“ (S. 147–157). Die mit Modellversuchen häufig verbundene Erwartung der Weiterentwicklung von Praxis (und Professionalisierung) vereinen oft mehrere Feldagenten mit nicht zielkongruenten Vorstellungen und sind insofern den Erkenntnissen Sander folgend a) in der Beziehungsgestaltung (Professionelle, Nutzende, Dienstleister, Wissenschaft), b) in der Umsetzung der Projekt-Innovation, die u.U. mit der Akzeptanz von Veränderungen in Abläufen (binnenorganisatorisch, externe Zusammenarbeit), der Finanzierung u.a.m. begleitet werden sowie c) im Umgang mit „divergierenden Erwartungen und Anforderungen“ (S. 153), wie z.B. einzelorganisatorische Interessen versus System-Verbesserungen durchaus herausfordernd. Blicke man nicht allein auf einzelne Projektergebnisse, sondern evaluiere Modellprojekte, so sei festzuhalten, dass sie gerade wegen des zirkulären Austauschs zwischen den beteiligten Agenten zur Reduzierung von Versorgungslücken, zur Wissensgenerierung und zur Professionalisierung beitrügen.

Dorina Kurta, M.A., wiss. Mitarbeiterin am Institut für Controlling und Unternehmensrechnung der Helmut-Schmidt-Uni Hamburg, untersucht den „Hybridisierungsprozess von Führungsidentitäten in der Sozialen Arbeit“ (S. 158–168). Exemplarisch zeigt sie anhand von Befragungen von Führungskräften aus kleineren gemeinnützigen Organisationen der Eingliederungshilfe auf, dass es zu einer Vermischung von professionellen Sozialarbeitsstandards und Managementpraktiken kommt, die den Befragten sehr bewusst ist und zu diversen Konflikten in der Identitätsintegration führt. Die mit der Führungsaufgabe einhergehenden Veränderungen in der Wahrnehmung der beruflichen Identität sind vor allem initiiert durch die Managementprozesse (digitale Instrumente zur Steuerung), die Fokussierung auf den Output, die Betrachtung der Klient:innen als Kund:innen und die ständige Selbstüberprüfung zur Vereinbarkeit von Sozialarbeitsstandards und betriebswirtschaftlichen Anforderungen.

Dr. Anna Bauer (wiss. Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der LMU München), Sandra Decker (wiss. Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung TUM School of Medicine and Health) & Isabell Reis (wiss. Hilfskraft am Institut für Soziologie der LMU München) stellen in ihrem Beitrag „Paradoxe Professionsgenese in der Palliative Care“ die „Soziale Arbeit als Grenzstellenarbeit“ (S. 169–179) vor. Eingebettet in ein Forschungsprojekt zum „Guten Sterben“ sind sie der Frage nachgegangen, wie das Aufgabenportfolio von Sozialpädagog:innen in diesem multiprofessionell besetzten Arbeitsfeld aussieht und welche Rolle die nicht-medizinische Disziplin professionssoziologisch einnimmt. In der Polykontexturalität eines Krankenhausalltags haben die befragten Berufsvertreter:innen drei sozialarbeiterische Perspektiven zum Ausdruck gebracht: 1) „Vorfühlen, Aushorchen, Kontinuitätserwartungen“ (S. 172) klären, 2) Vertretungsinstanz der Organisation nach außen sein und 3) von einer Außenperspektive auf das Innen blicken. Die Autorinnen subsumieren die Erkenntnis in der Bezeichnung der Sozialen Arbeit als „Grenzstelle“ zwischen Organisation und Umwelten, die Unbestimmtes (Unbestimmbares) am Fall konkretisiere. Die Professionsvertreter:innen vermitteln in der „Grenzstellenarbeit“ zwischen funktional spezifizierten Bereichen und vertreten eine besonders „moderne“ Profession.

Diskussion

Die von Sander und Langer dargelegten Positionen zur Profession und Professionalisierung legen Spannungsbögen und (kontroverse) Aussagen zum Stand der Debatte offen. Die professionssoziologische Intention der Analyse des Sachverhalts, in den beide – und nicht nur sie – als Lehrende in Studiengängen der Sozialen Arbeit involviert sind, erweist sich als bereichernd, weil sie damit nicht Gefahr laufen, affirmativ gängige innerdisziplinäre wie -professionale Argumente zu wiederholen, die häufig normativ aufgeladen sind. Die pointierte Zuspitzung von Aussagen irritiert bisweilen, dekonstruiert aber lediglich Mythen, die sich beharrlich halten und öffnet den Blick auf bisher Ausgeblendetes, wofür die Aufsätze im zweiten Abschnitt neue Sichtweisen andeuten (z.B. wohlfahrtsstaatliche Professionalität, Habitus-Struktur-Reflexivität). Die facettenreichen Beiträge des dritten Abschnitts liefern eine Menge an Erkenntnissen, anhand derer genau die eingangs aufgeworfenen Zweifel über den Stand der Professionalität(en) empirisch unterlegt sind. Bisweilen enthalten sie schockierende Botschaften, die angesichts der großen Nachfrage ignoriert werden und auch die ungeklärte Bedarfsdefinition im wohlfahrtsstaatlichen Setting ausgeblendet bleibt. Die kritischen Analysen öffnen aber auch den Blick für die Chancen von Sozialer Arbeit, wie sie sich u.a. eingebettet in aktuelle Professionstheorien, in der Behindertenhilfe (Beiträge von Müller und Schmidt) zeigen bzw. wenn die „Grenzstellenarbeit“ (Beitrag von Bauer et al.) beleuchtet wird. Insofern kann, was zu hoffen wäre, dieser Sammelband einen Energieschub auslösen, die Debatte um die Professionalisierung und Profession Soziale Arbeit von innen heraus zu beflügeln.

Fazit

Das Buch liefert eine für die Profession(alisierung) der Sozialen Arbeit wichtige Außenbetrachtung aus professionssoziologischer Sicht und enthält spannende feldspezifische Beiträge.

Rezension von
Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Es gibt 93 Rezensionen von Irmgard Schroll-Decker.

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ISSN 2190-9245