Klaus Hurrelmann: Produktive Realitätsverarbeitung
Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 19.01.2026
Klaus Hurrelmann: Produktive Realitätsverarbeitung. Sozialisation in einer Welt voller Unsicherheiten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2025. 234 Seiten. ISBN 978-3-407-25955-4.
Thema
Das vorliegende Buch greift ein Thema auf, das vom Autor bereits 1983 konzipiert worden ist. Der Autor stellt in diesem Buch das von ihm so genannte „Modell der produktiven Realitätsverarbeitung“ vor, mit dem er verschiedene soziologische, psychologische und pädagogische Theorien kombiniert und zeigen will, wie es dem Einzelnen gelingen kann, in einer sich immer schneller wandelnden äußeren, gesellschaftlichen Realität innere und äußere Realität produktiv mitzugestalten. Diese gesellschaftliche Lebenssituation hat zwangsläufig Auswirkungen auf die innere Wirklichkeit und schafft vielfältige Unsicherheiten. In diese Welt wachsen junge Menschen hinein, und auch Ältere müssen sich notgedrungen neu orientieren.
Autor
Der Autor kann auf ein facettenreiches Berufsleben mit dem Schwerpunkt Sozialisation und Bildungsforschung zurückblicken. Derzeit ist er als Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School in Berlin beschäftigt. Zu den jüngeren Werken, in denen sich sein fachlicher Schwerpunkt widerspiegelt, gehören „Kindheit heute“ (2024) und „Sozialisation“ (2012).
Entstehungshintergrund
Der Autor ist durch seine Veröffentlichungen im Bereich der Bildungsforschung bekannt und hat sich früh für ein integriertes Schulsystem mit mehreren Bildungsgängen eingesetzt. In seinen bildungspolitischen Forderungen spiegeln sich reformpädagogische Kerngedanken wider. Sein wesentliches Antriebsmoment für dieses Buch ist die Überlegung, wie sich verhindern lässt, dass das Verschwinden alter Sicherheiten zu lähmender Unsicherheit führt und wie umgekehrt Menschen bei der dynamischen und aktiven Auseinandersetzung mit der aus den Fugen geratenen Gesellschaft der Gegenwart gefördert werden können.
Aufbau und Inhalt
Zunächst wirkt der Aufbau des Buches mit dem ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis klar und gut nachvollziehbar strukturiert: 1. Persönlichkeitsentwicklung…, 2. Entwicklungsaufgaben…, 3. Überforderung bei der Realitätsverarbeitung, 4. Die Familie…, 5. Die Schule…, 6. Die Arbeitswelt…, 7. Zukunftsfähigkeit…, 8. Dreizehn Botschaften zur Sozialisation. Im Vorwort wird „Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR)“ in zehn Prinzipien vorgestellt. Zwar wird im nächsten Schritt dem Leser vom Autor der inhaltliche Aufbau des Buches erläutert, jedoch schafft dies eher Verwirrung, als dass es dem Rezensenten einen einfach nachvollziehbaren roten Faden zur Orientierung bei der Lektüre an die Hand gibt. Daher werde ich im Folgenden eine gewisse Willkür bei der Darstellung des Inhalts walten lassen.
Die gesellschaftliche Lebenssituation wird nach Darstellung durch den Autor durch eine permanente Krisenhaftigkeit geprägt, rechtfertigt daher die Bezeichnung „Post-Risikogesellschaft“ und hat unterschiedliche Auswirkungen auf die junge Generation der unter 30-Jährigen, die mittlere Generation der 30- bis 60-Jährigen und die ältere Generation der über 60-Jährigen. Diese Auswirkungen stellt der Autor beispielhaft an den Folgen der existenzbedrohenden Covid-19-Pandemie ausführlich dar.
Das Leben in der Post-Risikogesellschaft werde von geringer Stabilität, der Schwierigkeit, verlässliche Prognosen zu erstellen, und eindeutige Wahrheiten zu erkennen bestimmt. Die Folge sei eine zunehmende Überforderung. An diese Analyse schließen die Überlegungen an, welche Fähigkeiten notwendig sind, um in einer Welt der Unsicherheiten zu bestehen. In diesem Zusammenhang rückt Hurrelmann die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben der drei Generationen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die von ihm mit den Stichworten Qualifizieren, Binden, Konsumieren und Partizipieren benannt werden.
Im nun folgenden Kapitel befasst sich der Autor mit der Belastung durch die ständige Atmosphäre der Unsicherheit und den gelungenen – gemeint ist ein aktives Handeln – und weniger gelungenen – im Sinne von Resignation – Bewältigungsstrategien. Den Familien kommt in unsicheren Zeiten eine besondere Bedeutung zu. Daher arbeitet Hurrelmann heraus, welche Auswirkungen die unterschiedlichen Erziehungsstile auf die Persönlichkeitsentwicklung der jüngeren Generation haben. In seiner Analyse kommt er zu dem Ergebnis, dass ein demokratischer Erziehungsstil eine ausgewogene Balance zwischen Autorität und Beteiligung fördert und empfiehlt zur Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz ein Elterntraining.
Auf die Überforderung der Eltern ist es zurückzuführen, dass die Schule inzwischen über ihre Kernaufgabe als Institution der Wissensvermittlung auch Aufgaben als Trainingsstätte für soziale Beziehungen und darüber hinaus wesentliche Komponenten der Persönlichkeitsbildung übernehmen muss. Hierzu zählt der Autor die Konsum-, Wirtschafts-, Medien- und Gesundheitskompetenz. Hierzu gehört schließlich auch die Vorbereitung auf den Übergang in die Arbeitswelt. Für diesen Aufgabenkomplex hält der Autor eine Neugestaltung in enger Zusammenarbeit mit Berufsagenturen und Unternehmen für notwendig.
Angesichts einer „Gesellschaft am Wendepunkt“ – so seine pointierte Analyse – hebt der Autor die Kompetenz zur produktiven Realitätsverarbeitung als „Schlüssel zur individuellen und kollektiven Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen“ hervor und stellt abschließend fest: „Die heutige Gesellschaft steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Entweder gelingt es ihr, die Fähigkeit ihrer Mitglieder zur produktiven Realitätsverarbeitung generationsübergreifend zu stärken und dadurch transformative Potenziale freizusetzen – oder sie rutscht wieder in die im ersten und dritten Kapitel beschriebene Spirale aus Überforderung, Angst und Resignation, die sich in gesellschaftlicher Spaltung, politischen Radikalisierungstendenzen und Innovationsblockaden manifestiert.“
Diskussion
Wir leben in einer Epoche, in der wir durch einen erschreckenden Verlust an demokratischen Kräften, durch völlig unzureichende Ressourcen in allen Bildungsbereichen, durch eine zunehmende Verrohung, durch eine ständig wachsende Entfremdung des Menschen und durch äußere physische Zerstörung bedroht werden. Ist es da verwunderlich, dass ein durch seine wissenschaftliche Forschung anerkannter Wissenschaftler, dessen Arbeitsschwerpunkt in der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik liegt, Gedanken um die Zukunft dieser Gesellschaft macht und mit einem eingängigen Titel – Modell der produktiven Realitätsverarbeitung, abgekürzt MpR – auf den Punkt bringen will?
Ich gebe zu, dass mich meine erste spontane Assoziation beim Lesen des Begriffs in eine völlig andere Richtung gewiesen hat. Ich erinnerte mich an den Ausdruck der produktiven Charakter-Orientierung, den Erich Fromm in seiner sozialanalytischen Charakterologie verwendet hat. Diese Assoziation wirkte bei der Lektüre des Buches als Hindernis, denn ich musste feststellen, dass Hurrelmann einem ganz anderen Konzept folgt.
Das Buch enthält eine Fülle an Informationen über die verschiedenen Facetten dessen, was unter Sozialisation zu verstehen ist. Liest man genauer, dann entstehen stattdessen Fragen. Ich will exemplarisch darauf eingehen.
In seiner Darstellung der zehn Prinzipien des MpR vertritt der Autor die Ansicht, dass „Persönlichkeitsentwicklung (…) als produktive Verarbeitung von zum großen Teil genetisch (…) angelegten körperlichen und psychischen Dispositionen und der äußeren Realität aus sozialer und physischer Umwelt verstanden (wird).“ (S. 9) Hier scheint der Autor eine unhistorische Position einzunehmen, nämlich dass es sich bei der Natur des Menschen um eine Substanz handelt, die bereits zu Anfang der Geschichte vorhanden gewesen ist. Andererseits vertritt er die Meinung, dass „Menschen (…) Produzentinnen und Produzenten ihrer eigenen Persönlichkeit“ sind und Sozialisation „kein Prozess der Prägung durch gesellschaftliche Verhältnisse“ sei, „sondern einer der aktiven Gestaltung, bei der Menschen ihren eigenen Weg der Auseinandersetzung mit Umweltanforderungen (…) suchen und einschlagen.“ (S. 9)
Dieser Widerspruch wird vom Autor jedoch nicht aufgelöst. Darin drückt sich eine relativistische Auffassung aus, dass die Natur des Menschen überhaupt keine Qualität an sich besitze und nichts weiter sei als ein selbst geschaffenes Produkt. Die Bewältigung lebenslaufspezifischer Anforderungen hänge „maßgeblich von den individuellen Wünschen und Bedürfnissen eines jeden Menschen ab.“ (S. 10)
Hier klammert Hurrelmann einen wesentlichen Aspekt aus: den Unterschied zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit sowie die Entfremdung als Kern moderner psychischer Problemlagen. Ebenso bleibt unbeachtet, dass menschliche Motivation häufig unbewusst ist und sich viele Handlungsmotive außerhalb des Bewusstseins befinden. Wenn Menschen Produzenten ihrer Persönlichkeit sind, übersieht der Autor, dass sie oft durch unbewusste, auch neurotische Konflikte gesteuert werden und somit nur bedingt frei gestalten können.
Im dritten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Überforderung bei der Realitätsverarbeitung und problematischen Strategien. Er erwähnt häufig die „großen Krisen der Gegenwart“ (S. 73), ohne jedoch eine grundlegende gesellschaftskritische Einordnung vorzunehmen. Dadurch wirken die Strategien stark individualisierend. Gesellschaftliche Entfremdungsprozesse bleiben weitgehend unberücksichtigt.
Im Kapitel fünf plädiert Hurrelmann für die Überwindung der Fachorientierung des Unterrichts und stellt fest: „Auf diese Weise kann es gelingen, jungen Menschen die Fähigkeit zu vermitteln, komplexe Krisenkonstellationen zu erkennen und zu verstehen, also zu lernen, diverse Perspektiven auf eine Krise zu entwickeln und alternative Handlungsoptionen abzuwägen.“ (S. 138) Dabei wird übersehen, dass existenzielle Krisen Ängste auslösen, denen Menschen ausweichen. Ein solches „Förderprogramm“ kann aus psychotherapeutischer Sicht nicht allein durch schulische Bildung geleistet werden.
Ein weiterer Einwand betrifft den Umfang mancher Empfehlungen: Schule als Trainingsstätte für soziale Beziehungen oder Medienkompetenz als kritische Auseinandersetzung mit der digitalen Welt erscheinen angesichts rechtspopulisistischer Realitäten schwer umsetzbar.
Auch der abschließende Hinweis, die Kompetenz produktiver Realitätsverarbeitung sei der Schlüssel zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen, muss kritisch gesehen werden. Der vom Autor postulierte „Kipp-Punkt“ ruft Zweifel hervor, da soziale und psychodynamische Prozesse nicht den Naturgesetzen folgen. Die Vorstellung eines irreversiblen Zustands sei historisch nicht haltbar.
Es bleibt die Frage: Kann die menschliche Natur ihre Sehnsucht nach Freiheit, Würde und Integrität vergessen? Oder besitzt der Mensch eine innere Dynamik, die auf Missachtung dieser Bedürfnisse mit Bestrebungen zur Humanisierung der Gesellschaft reagiert?
Fazit
Der Eindruck nach der Lektüre ist ambivalent, denn die Ausführungen des Autors stellen ein akademisches Konzept dar und wecken Zweifel an dessen praktischer Umsetzbarkeit. Sollte die Umsetzung möglich sein, dürfte sie deutlich mehr Zeit benötigen, als der Autor suggeriert. Bei der Lektüre gewann der Rezenten den Eindruck als blicke der Autor aus dem Elfenbeinturm, der trotz „QAnon“ und moralischem Verfall an die Aufklärung, d.h. rückblickend auf eine Schulzeit, in der Bildung noch mit Humanismus und klassischer Literatur verbunden war. Der im Buch nach Ansicht des Rezensenten zu kurz gekommene Ambivalenz möchte ich abschließen mit einem Zitat von James Baldwin: „In dieser Welt gibt es nicht so viel Menschlichkeit, wie man sich wünschen würde, aber es gibt genug.
Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Dipl.-Supervisor
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