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Margret Dörr, Barbara Neudecker: Blicke auf Unbewusstes und Emotionales

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 25.09.2025

Cover Margret Dörr, Barbara Neudecker: Blicke auf Unbewusstes und Emotionales ISBN 978-3-8379-3400-7

Margret Dörr, Barbara Neudecker:Blicke auf Unbewusstes und Emotionales in der pädagogischen Praxis. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 31. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 257 Seiten. ISBN 978-3-8379-3400-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

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Thema

Professionalisierung pädagogischen Handelns durch Aufmerksamkeit für unbewusste Konflikte in der Beziehung, die Lösungen verhindern.

Autor:innen und Herausgeber

Margret Dörr ist Prof. i.R. (katholische Hochschule Mainz: Fachbereich Soziale Arbeit/​Sozialwissenschaft) mit den Schwerpunkten Theorie Sozialer Arbeit/​Gesundheitsförderung.

Barbara Neudecker ist Bildungswissenschaftlerin, Psychotherapeutin in eigener Praxis und Lehrbeauftragte für Individualpsychologie und psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberatung an den Universitäten Wien und Innsbruck und der FH Campus Wien.

Weitere Mitarbeiter: Natascha Bousa, Vera Dangel, Natascha Florence Bousa,Marie Frühauf, Katja Frühwirth-Feist, Rolf Göppel, Hans-Walter Gumbinger, Anna Hartmann, Marian Kratz, Christin Reisenhofer, Jonas Rüppel, Lara Spiegler, Kathrin Trunkenpolz, David Zimmermann.

Entstehungshintergrund

Sind die in der pädagogischen Praxis gewonnenen Erkenntnisse, dass die Perspektive auf Konflikte verbessert werden kann durch die Wahrnehmung unbewusster Dynamiken.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Editorial der Herausgeberinnen folgende Beiträge:

- Rolf Göppel: Varianten des psychoanalytisch-pädagogischen Blicks.

- Marian Kratz: Die psychoanalytische Fallerzählung und das Konzept der Narrativen Identität.

- David Zimmermann: Verwicklung und Abstinenz in psychoanalytisch- pädagogischer Forschung und die Grenzen der Nutzung »fremder« methodischer Zugriffe.

- Kathrin Trunkenpolz & Christin Reisenhofer: »Alles klappt reibungslos!« Zur psychoanalytisch-pädagogischen Analyse von Eingewöhnungsprozessen in den Kindergarten und daraus erwachsende Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung im elementarpädagogischen Bereich.

- Vera Dangel, Jonas Rüppel & Lara Spiegler: Triadisch-szenische Rekonstruktionen als fragile Räume der Begegnung. Herausforderung und Potenziale psychoanalytisch orientierter Praxisforschung im Feld der Gemeindepsychiatrie.

  • Marie Frühauf: Der:die andere im Diversity-Diskurs. Zur Analyse sozialpädagogischer Reflexionspraktiken mit und über Lacan hinaus.
  • Anna Hartmann: Schulische Sexualerziehung im Fluchtpunkt von Psychoanalyse und Pädagogik.
  • Hans-Walter Gumbinger: »Sie schon wieder!« Die Arbeit an Rahmen und Setting in der Jugendhilfe – eine psychoanalytische Perspektive.
  • Katja Frühwirth-Feist: Geht Supervision auch psychoanalytisch-pädagogisch? Überlegungen zu psychoanalytisch-pädagogisch orientierter Supervision in pädagogischen Handlungsfeldern.
  • Natascha Florence Bousa & Barbara Neudecker: Der psychoanalytisch-pädagogische Blick auf pädagogische Praxis in wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten.

Marian Kratz: Die psychoanalytische Fallerzählung und das Konzept der Narrativen Identität. Psychoanalytische Anstöße im erziehungswissenschaftlichen Professionalisierungsdiskurs. (20 Seiten)

Thema ist die bildende Funktion des ‚Lesens‘ psychoanalytisch-pädagogischer Falldarstellungen (Datler 2004). Über Fallkasuistik soll eine Habitussensibilität angestoßen werden. Die Basis sind eigene Beziehungserfahrungen in der Therapie oder Pädagogik, exemplifiziert anhand der Fallgeschichte Katharina (Sigmund Freud) und rezeptionstheoretisch vertieft. Falldarstellungen mit einem erzählenden und autobiografischen Charakter öffnen einen selbstreflexiven Möglichkeitsraum für die Berufsidentität der Lesenden unter Einbeziehung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

David Zimmermann: Verwicklung und Abstinenz in psychoanalytisch-pädagogischer Forschung und die Nutzung »fremder« methodischer Zugriffe. (23 Seiten)

Eine kritische Auseinandersetzung mit psychoanalytischer Orientierung in der empirischen pädagogischen Forschung, da die Forscher selbst mit ihren vor- und unbewussten Anteilen Teil des beforschten Systems sind. Rekonstruktive Sozialforschung unterscheidet zwischen subjektiver Intention und latenter Sinnstruktur als tatsächlicher Realitätsebene. Die Herausforderung ist einerseits die Verwicklung, die kritisch reflektiert werden muss, und andererseits die Abstinenz. Anhand von zwei Frühpräventionsprojekten in Kindergärten mit erhöhter sozialer Problemlage und pädagogischer Arbeit (Thema soziale Beeinträchtigungen) im Jugendstrafvollzug wird detailliert die Komplexität der Beziehungen im Kindergarten (Kinder-Eltern-Betreuer-Forscher-Institution) und im Rahmen des Strafvollzugs (Klienten-Mitarbeiter-Forscher-geschlossene Institution) reflektiert und die Grenzen einer tiefenhermeneutischen Interpretation des komplexen Wechselspiels aufgezeigt. Wie können partizipative Anteile wahrgenommen und kommuniziert werden? Und kann aus beobachtbarem Verhalten auf die innere Welt inklusive der sinnlich-symbolischen Interaktionsformen geschlossen werden?

Kathrin Trunkenpolz & Christin Reisenhofer: »Alles klappt reibungslos!« Zur psychoanalytisch-pädagogischen Analyse von Eingewöhnungsprozessen in den Kindergarten und daraus erwachsenden Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung im elementarpädagogischen Bereich. (25 Seiten)

5 Monate lang wurde ein 3j. Junge beobachtet, der nachdem seine Mutter wenige Wochen zuvor Zwillingen bekommen hatte, trotz heftigen Widerstandes in den Kindergarten geschickt wurde, in dem bereits sein zwei Jahre älterer Bruder war. Sechs Tage lang zeigte der Junge seinen Schmerz über die Trennung von der Mutter. Dann unterband die Kindergärtnerin die körperliche Nähe zur Mutter und bot sich selbst, Stofftiere und Spielgefährten als Ersatz an. In der Folgezeit war der Junge relativ pflegeleicht, zeigte jedoch plötzlich heftige Gefühle als es um ein Gerangel mit dem Bruder um einen Platz neben einem Mädchen ging, ein Konflikt, der ungeklärt ‚reibungslos‘, d.h. angepasst, beendet wurde. Die Elementarpädagogin hat offensichtlich die äußerlich erzwungene Anpassung des Kindes – angesichts der Probleme von Trennung und Getrenntsein – nicht verstanden. Vorgeschlagen werden Work-Diskussion-Seminare mit dem Schwerpunkt auf Einfühlung.

Vera Dangel, Jonas Rüppel & Lara Spiegler: Triadisch-szenische Rekonstruktionen als fragile Räume der Begegnung. Herausforderungen und Potenziale psychoanalytisch orientierter Praxisforschung im Feld der Gemeindepsychiatrie. (21 Seiten)

Ethnografie und Tiefenhermeneutik zielen darauf ab, intersubjektive Bedeutungswelten und Interaktionsabläufe oder sozio-kulturelle Praktiken i. S. einer triadisch-szenischen Rekonstruktion zu analysieren. Das wird am Beispiel einer psychiatrieerfahrenen Person (PE), einer sozialpädagogischen Fachkraft (FK) und einem Mitglied des Forschungsteams (M). beschrieben. Die triadische Beobachtungssituation – insbesondere durch die Gegenwart eines ursprünglich nicht in den Konflikt involvierten Dritten – ermöglicht neue Reflexionsräume, enthält aber auch Herausforderungen und Fallstricke (zwei Fallbeispiele). Spannungen und Affekte betreffen nicht nur die am Konflikt Beteiligten (PE und FK), sondern auch die Forschenden (M), und müssen unter dem Aspekt einer triadischen Struktur analysiert werden.

Marie Frühauf: Der:die andere im Diversity-Diskurs. Zur Analyse sozialpädagogischer Reflexionspraktiken mit über Lacan hinaus. (19 Seiten)

Auf der Grundlage einer Studie zu Diversity-Sensibilität in sozialpädagogischen Beziehungen wird untersucht, ob eine feministisch-lacanianische Perspektive eine diversitätssensible und weniger vorurteilsbelastete Praxis ermöglicht (zwei Fallbeispiele).

Katja Frühwirth-Feist: Geht Supervision auch psychoanalytisch-pädagogisch? Überlegungen zur psychoanalytisch-pädagogisch orientierte Supervision in pädagogischen Handlungsfeldern. (19 Seiten)

Dies ist kein praktisch anschaulicher Bericht, sondern erläutert die Rahmenbedingungen für Probanden, die eine gewisse Kenntnis von Psychoanalyse mitbringen, um sich auf dieses Supervisionsverhältnis einzulassen (z.B. die Anerkennung unbewusster Motivationen, Widerstand, Verdrängung und Übertragung). Zusammen wird in der Supervision ein gemeinsames Verständnis über den Zugang zu eigenen Gefühlen für psychoanalytisch-pädagogisches Verstehen und Handeln entwickelt. Gelingt das im Rahmen eines Holding- oder Containingmodells (Winnicott (1969), Bion (1962/63), dann wird Fördern und Forschen im pädagogischen Feld gleichzeitig unterstützt.

Natascha Florence Bousa & Barbara Neudecker: Literaturumschau. Der psychoanalytisch-pädagogische Blick auf pädagogische Praxis in wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten.

Die Mitglieder der Redaktion (3 Seiten)

Lieferbare Bände des Jahrbuchs für Psychoanalytische Pädagogik im Psychosozial-Verlag (19 Seiten)

Diskussion

Dieses nicht leicht lesbare Buch ist vor allem interessant für Leser, die an der Entwicklung der Theorie der psychoanalytisch-pädagogischen Forschung in der Sozialarbeit interessiert sind. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sich mit den Theorien der zitierten Autoren bereits soweit auskennt, um den Überlegungen aufmerksam und kritisch folgen zu können. Die Beiträge werfen viele Fragen auf: Braucht es eine eigenständige ‚Theorie‘ für die Anwendung der Psychoanalyse in der Pädagogik? Oder ist nicht eher die Frage, wie sich die theoretischen Ergebnisse aus dem psychoanalysespezifischen Setting (Übertragung und Gegenübertragung, Abwehr, Widerstand und Inszenierung) in eine pädagogische Beziehung übertragen, in eine gemeinsame ‚Sprache‘ übersetzen und damit anwenden lassen? Praktiker, die bereits im (Selbst)Studium mit der Psychoanalyse vertraut sind, werden mit Sicherheit im pädagogischen Alltag immer wieder mit Situationen konfrontiert, die – wie in der ‚Psychopathologie des Alltagslebens‘ (S. Freud) – auf Vor- und Unbewusstes, Verdrängtes, Abgewehrtes vor allem im emotionalen und affektiven Bereich stoßen und auf Inszenierungen – ein Inszenesetzen vergangener oder aktueller Beziehungsstrukturen –, die in der psychoanalytischen Therapie gedeutet, aber im pädagogischen Feld eher durch anregende Fragen – seit Jahrhunderten das Werkzeug der Pädagogen – eine Möglichkeit zu Selbsterfahrungen und Selbstdeutungen anbieten. Jeder Pädagoge weiß, dass er zwar Wissen anbieten kann, aber der Schüler sich das vor allem selbst erarbeiten muss, was eine gesunde Neugier und Aufnahmebereitschaft voraussetzt, die geweckt werden muss.

Es geht also in verschiedenen Handlungsfeldern, ob Kindergarten, Schule, Strafvollzug oder Supervision, darum, wie psychoanalytisches theoretisches und praktisches Wissen im pädagogischen Setting unter aktiver Beteiligung der Adressaten angewandt und vermittelt werden kann. Wie und mit welchen Methoden kann diese ‚Übersetzung‘ so geleistet werden, dass sie von den Klienten als Bereicherung des Wissens über sich selbst und ihre Beziehungen erlebt wird. ‚Lernerfolge‘ in diesem Sinne wären ein vertieftes Wissen über sich selbst und Inszenierungen, bei denen man selbst Regie geführt hat oder der Regie von anderen (Eltern, Betreuer, Institutionen) ausgesetzt war. Der mehrfach erwähnte Film ‚Systemsprenger‘ bietet dafür Pädagogen ein reiches Anschauungsmaterial.

Eine psychoanalytisch-pädagogisch orientiertere Grundlagenforschung ist gut beraten, sowohl bei den Klassikern der psychoanalytischen Pädagogik (Sigmund Freud, Anna Freud, Bernfeld, Aichhorn) als auch bei den klassischen Pädagogen Anregungen zu suchen, wie man anknüpfend an die ‚Psychopathologie des Alltagslebens‘ mit Einfühlung, Witz und Humor Aufmerksamkeit, Neugierde und Nachfragen weckt (Brecht: Legende von der Entstehung des Buches Taoteking…)

Fazit

Ein sehr anregendes und zu kritischem Nachdenken hilfreiches Buch, zum Thema wie wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrung sinnvoll und verständlich in die verschiedenen pädagogischen Handlungsfelder übersetzt und eingebracht werden können.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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Es gibt 140 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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ISSN 2190-9245