Mareen Heying, Nina Kleinöder et al. (Hrsg.): Verschwiegener Alltag
Rezensiert von Dr. Sebastian Weinert, 09.09.2025
Mareen Heying, Nina Kleinöder, Sebastian Knoll-Jung, Alexandra Jaeger, Sebastian Voigt (Hrsg.): Verschwiegener Alltag. Gewalt am Arbeitsplatz seit dem 19. Jahrhundert.
Verlag J.H.W.Dietz
(Bonn) 2025.
240 Seiten.
ISBN 978-3-8012-4298-5.
38,00 EUR.
Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte - 115.
Thema der Publikation
In den letzten Jahren haben Probleme wie Mobbing, Machtmissbrauch oder sexuelle Belästigungen, kurz gesagt Gewalt in beruflichen Kontexten an Aufmerksamkeit gewonnen. Der Sammelband „Verschwiegener Alltag. Gewalt am Arbeitsplatz seit dem 19. Jahrhundert“ widmet sich diesem bedrückenden Phänomen aus historischer Perspektive. Durch seine Multiperspektivität eröffnet der Sammelband einen anregenden und im historischen Längsschnitt aufschlussreichen Blick auf unterschiedliche Facetten von Gewalt am Arbeitsplatz.
Vorstellung der Herausgeber:innen
Der Sammelband wird von insgesamt fünf Herausgeber:innen herausgegeben: Nina Kleinöder, Juniorprofessorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bamberg; Sebastian Knoll-Jung, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Nina Kleinöder an der Universität Bamberg; Alexandra Jaeger, wissenschaftliche Referentin für Arbeitsbeziehungen und Gewerkschaftsgeschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung; Mareen Heying, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für soziale Bewegungen in Bochum sowie Sebastian Voigt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München/Berlin.
Entstehungshintergrund
Der Sammelband Verschwiegener Alltag geht auf die Tagung aus der Reihe „Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte“ der Hans-Böckler-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung vom 23. und 24. November 2023 zurück, die von den fünf Herausgeber:innen mitorganisiert wurde. Aus diesem Entstehungshintergrund erklärt sich, warum die Mehrzahl der Beiträge von Historiker:innen geschrieben wurden. Durch die thematische Begrenzung auf das Thema Gewalt am Arbeitsplatz weist der Sammelband eine hohe innere Konsistenz auf, was für derartige Publikationen keine Selbstverständlichkeit darstellt.
Aufbau
Der Sammelband umfasst insgesamt 12 Beiträge, die eine Zeit vom 19. bis ins 21. Jahrhundert umspannen. Nach der Einleitung und einer systematischen Einführung in das Thema durch Klaus Weinhauer über „Interdisziplinäre Perspektiven auf Gewalt am Arbeitsplatz im 20. Jahrhundert“ (S. 21–36) beschäftigen sich die ersten fünf Beiträge mit Themen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Die nächsten drei Beiträge behandeln die 1970er und 1980er Jahre, während sich die letzten drei Beiträge der Gegenwart widmen.
Inhalte
Die zwölf Beiträge im Sammelband „Verschwiegener Alltag“ fächern eine große Bandbreite an Themen und Einzelbefunden auf – zu viele, um sie in einer kurzen Rezension ausführlich würdigen zu können. In ihrer Gesamtheit zeigen die Beiträge sehr eindrücklich, wie sich vom 19. Jahrhundert an bis in die Gegenwart Gewalt am Arbeitsplatz unter wechselnden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen verändert hat, welche Kontinuitäten aber auch bestehen.
Deutlich machen alle Beiträge, dass aufgrund der Informalität von Gewalt am Arbeitsplatz eine schwierige Quellenlage besteht. Gewalt entfaltet sich insbesondere in Alltagssituationen, die nur in seltenen Fällen dokumentiert und dauerhaft überliefert werden. Quellenmaterial wie die Berichterstattung über sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz in den Zeitschriften „Emma“oder „Courage“, die Sophia Kuhnle (S. 167–184) für ihren Beitrag analysiert, oder der Nachlass des Pflegekritikers Claus Fussek, den Pierre Pfütsch (S. 205–221) in seinem wichtigen Artikel über Gewalt in der Pflege vorstellt, sind daher für die Geschichtsschreibung von unschätzbarem Wert. Während sich Pfütsch in erster Linie auf die Gewalt an Klient:innen in der Pflege konzentriert, nimmt Matthias Weber in seiner soziologischen Analyse Gewalt gegen Mitarbeitende des Rettungsdienstes, aber auch des Ordnungsamtes in den Blick (S. 185–203).
Ein zentraler Befund ist die Herausarbeitung der Bedeutung von formellen und informellen Macht- und Statusstrukturen: Arbeitsweltliche Gewalt resultiert häufig aus Hierarchien, Rollenzuschreibungen und Abhängigkeiten. Dies trifft umso stärker auf gesellschaftlich marginalisierte Gruppen zu. In dem Sammelband zeigen dies insbesondere die Beiträge von Mareen Heying über Gewalt gegen Kellnerinnen um 1900 (S. 77–93), von Mareike Witkowski über Gewalt gegenüber Hausangestellten und Dienstmädchen in den 1960er und 1970er Jahre in Deutschland (S. 95–110), der Artikel von Mona Rudolph über Gewalt gegen Prostituierte in den 1950er Jahren (S. 111–127) sowie abschließend ein bedrückender Beitrag über die gegenwärtige Situation von Erntehelfern in der Bundesrepublik von Christoph Lorke (S. 223–238). Das Thema Sexarbeit wird darüber hinaus noch von Alisha Edwards aufgegriffen, die die feministischen Perspektiven auf Gewalt und migrantische Sexarbeit im deutsch-britischen Vergleich analysiert (S. 151–166). Sebastian Knoll-Jung wiederum zeigt mit seiner Untersuchung über Gewalt am Arbeitsplatz im Kaiserreich und der Weimarer Republik, in welchem Maße die Hierarchie eine Ursache für Gewalt am Arbeitsplatz gewesen ist (S. 37–58).
Der Sammelband nimmt aber auch Gegenmaßnahmen gegen Gewalt am Arbeitsplatz in den Blick. So begibt sich Johanna Wolf auf eine „arbeitsrechtliche Spurensuche“ zum Thema Gewalt in den Betrieben um 1900 und zeichnet dabei in erster Linie die Entstehungsgeschichte der Gewerbegerichte nach, vor denen erstmals das Thema Gewalt am Arbeitsplatz verhandelt wurden, sodass die Gewerbegerichte als Vorläufer heutiger Arbeitsgerichte verstanden werden können (S. 59–75). Jacopo Ciammariconi wiederum untersucht gewerkschaftliche Strategien gegen betriebliche Gewalt in Italien in den 1970er Jahren (S. 129–149).
Diskussion
Der Sammelband Verschwiegener Alltag widmet sich einem bisher unbeachteten Forschungsfeld in einer beachtlichen thematischen Breite, die vom Arbeitsrecht über Gewalt in der Fabrik bis hin zu üblicherweise mit Gewalt verbundenen Phänomenen wie sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen, Gewalt im Zusammenhang mit Prostitution oder Gewalt in der Pflege reichen. Die Beiträge sind durchweg auf einem guten Niveau, aufgrund ihres zum Teil eher explorativen Charakters teilweise jedoch nur recht deskriptiv.
Die beeindruckende Breite der im Sammelband behandelten Themen – von der Industriearbeit über den Dienstleistungssektor bis zu Care-Arbeit und Sexarbeit – verweisen jedoch darauf, dass Gewalt in der Arbeitswelt kein isoliertes Problem einzelner Branchen ist, sondern ein strukturelles und gesellschaftlich verankertes Feld darstellt. Alleine für diese Erkenntnis ist der Sammelband absolut lesenswert.
Fazit
Die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Gewalt am Arbeitsplatz beginnt gerade, sodass es nicht verwunderlich ist, wenn einzelne Beiträge sich noch darauf konzentrieren, das Feld zu erschließen und empirisches Material zum Thema zusammenzutragen. Die inhaltliche Breite des Sammelbandes, die trotzdem immer wieder bestehenden Bezüge zwischen den einzelnen Artikeln sowie der vielschichtige – verschiedene methodische Ansätze und geschichtswissenschaftliche Teildisziplinen vereinende – Zugang zum Thema machen Verschwiegener Alltag zu einem lesenswerten Band, dem eine breite Rezeption zu gönnen ist.
Rezension von
Dr. Sebastian Weinert
Promovierter Historiker; Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin
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