David Aderholz, Johanna Bröse et al. (Hrsg.): Autoritäre Entwicklungen, extrem rechte Diskurse und demokratische Resonanzen
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 01.09.2025
David Aderholz, Johanna Bröse, Georg Gläser, Gudrun Hentges, Daniel Keil u.a. (Hrsg.):Autoritäre Entwicklungen, extrem rechte Diskurse und demokratische Resonanzen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 267 Seiten. ISBN 978-3-7799-9080-2. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Die Kakophonien der extremen Rechten
In den Zeiten des Ego-, Ethnozentrimus, des rassistischen, nationalistischen, rechtsradikalen und populistischen Denkens und Handelns ist Widerstand und freiheitlich-demokratisches Bewusstsein gefordert. Es ist der Anspruch, dass jedes Individuum und jede Gesellschaft Auftrag und Verantwortung mit sich trägt, eine humane gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der Menschheit zu ermöglichen. Es sind die Polykrisen von Heute, die nicht Diktaturen, sondern Demokratien erfordern.
Entstehungshintergrund und Herausgeberteam
Es waren die Analysen in den 2000er Jahren über die „deutschen Zustände“, die an der Universität Bielefeld (Wilhelm Heitmeyer) Aufmerksamkeit und Anforderungen erzeugten, von der Universität Köln weiterentwickelt, im Kölner Graduiertenkolleg „Rechtspopulismus“ diskutiert und mit den Leipziger Studien zur gesellschafts-politischen Kommunikation und Macht“ergreifung“ bestätigt wurden, dass sich die autoritären Bedürfnisse und die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit durch alle Bevölkerungsschichten zogen“ (und ziehen). Die Bedrohung der Demokratie geht von der Mitte der Gesellschaft aus. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit wird vom Forschungsverbund der Universität Köln und dem Else-Frenkel-Brunswik-Institut der Universität Leipzig aufgenommen und im Sammelband dokumentiert. Er wird herausgegeben von David Adelholz, Oliver Drechsler, Johanna Maj Schmidt (Leipzig) und Johanna Bröse, Georg Gläser, Gudrun Hentges und Daniel Keil (Köln).
Aufbau und Inhalt
Neben der Einführung wird der Sammelband in vier Kapitel gegliedert: Internationale Perspektiven – Populistische und extreme Rechte: Organisationsformen, Themen und Agitationsfelder – Agitationsfeld: Corona-Pandemie – Strategien gegen autoritäre Entwicklungen. Es sind Fragen und Analysen, ob in der politischen Krise der EU sich eine europäische Rechte bildet und wie sich die Suche nach einem zukunftsfähigen Europa-Konzept entwickeln sollte (Keil).
Im ersten Kapitel setzt sich der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli von der Ruhr-Universität Bochum mit der türkischen Politik auseinander und fragt nach den Bürgerrechten der Kurden. Die Sozialwissenschaftlerin Magdalena Marsovsky thematisiert mit dem Betrag „Kosmisches Magyarentum“ die gesellschaftspolitische Entwicklung in Ungarn und fragt, „wie es möglich war, die Grundidee der Aufklärung … in dessen Gegenteil zu verbiegen“.
Im zweiten Kapitel analysiert Felix Korsch von der Universität Köln die Auseinandersetzung über das Demonstrations- und Versammlungsverbot von Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes), in Dresden. Der Autor begründet diesen administrativen Akt gegen eine islam- und fremdenfeindliche, völkische Organisation mit sicherheitsrechtlichen Argumenten, gibt aber zu bedenken, dass damit auch legitime Zusammenkünfte und Proteste betroffen sind. Johanna Maj Schmidt wendet sich in ihrem Beitrag „Extrem rechte Meme-Krieger“ gegen die Heroisierung des rechten Denkens und verweist auf die Gewaltphantasien und -taten von Rechtsradikalen. Georg Gläser und Gudrun Hentges informieren über die AfD-nahe Desiderius-Stiftung und deren Ziele und Wirkungen. Sie fordern eine fach- und sachliche Veränderung der Stiftungsgesetzgebung hin zum Verbot zur Finanzierung von demokratiefeindlichen Einrichtungen. Der Sozialwissenschaftler Saloua Mohammed Oulad M’Hand von der Hochschule Düsseldorf setzt sich mit „Ungleichwertigkeitsideologien in der Sozialen Arbeit“ auseinander. Sie ist nicht nur damit konfrontiert, sie ist auch darin involviert.
Das dritte Kapitel „Agitationsfeld Corona-Pandemie“ beginnt Marieluise Mühe mit dem Beitrag „Die formalisierte Zivilgesellschaft im Modus der Krisenverdichtung“. Sie vermittelt einen Überblick über die aktuellen Auseinandersetzungsprozesse im Kontext der Zivilgesellschaft und zeigt Widerstandsstrategien auf. Thorsten Eggers (DLR) nimmt mit dem Beitrag „Der Begriff Radikalisierung und die Entwicklung des Protestes gegen die Corona-Maßnahmen“. Am Beispiel der Protestkundgebung der „Freien Sachsen“ am 3.12.2021 stellt er fest, dass es dabei sowohl um eine inhaltliche wie kontextualisierte Begriffsverschiebung geht. Der Leipziger Politikwissenschaftler Felix Sassmannshausen betrachtet „Verschwörungsideologien und ethnische Ausnahmezustände“ am Beispiel der extrem rechten niederländischen Parteien PVV und FvD und zeigt auf, dass Krisen wie die Pandemie einen besonders fruchtbaren Boden für die extreme Rechte bilden. Johanna Bröse thematisiert „Diskurse um Solidarität und Freiheit im Kontext der Corona-Pandemie“. Sie stellt fest, dass der Wert „Solidarität“ zu einer andauernden, immer wieder neu zu bestimmenden Herausforderung wird.
Im vierten Kapitel werden Strategien gegen autoritäre Entwicklungen dargestellt. Der Hannöversche Musik- und Medienwissenschaftler Thorsten Fehlberg stellt mit dem Beitrag „Zwischen Marginalisierung und Aktivismus“ seine Forschungsergebnisse über das gesellschaftspolitische Engagement von Rom:anja und Sinti:ze in Deutschland vor. Er arbeitet drei Typen/​Methoden heraus, „wie Aktivist:innen ihre Motivation aus der Familiengeschichte, der eigenen Biographie und gesellschaftlicher Marginalisierung ableiten“. David Aderholz analysiert die „Thematisierung von Nationalsozialismus und extremer Rechter in der IG Metall-Mitgliederzeitschrift“. Er verweist auf die distanzierte Fingerzeig-Methode und vermisst eine objektive, wahrheitsgemäße Berichterstattung.
Die Schwarz-Weiß-Abbildungen im Sammelband sind der Video-Installation „We Must Be Mistaken“ von Johanna Maj Schmidt entnommen. Sie vermitteln den Konflikt zwischen unterschiedlichen Begehrensmustern: „Während die einen sich nach Gleichberechtigung sehnen…, teilen andere zynische Memes zur Verteidigung der ‚Meinungsfreiheit‘ und ihrer Vorstellung von Männlichkeit“.
Diskussion
Normal- und Ausnahmezustände sind faktische Lebensverläufe. Um ihnen gerecht zu werden und sie als „normal“ und handhabbar zu begreifen, bedarf es der Auseinandersetzung mit antidemokratischen, populistischen Entwicklungen.
Fazit
Extremistisches Denken und Handeln entsteht und wirkt aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Ihnen muss deshalb auch allgemein, individuell, kollektiv und intellektuell entgegengetreten werden!
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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