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Philipp Staab: Systemkrise

Rezensiert von Peter Flick, 05.11.2025

Cover Philipp Staab: Systemkrise ISBN 978-3-518-12823-7

Philipp Staab: Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus | Warum die grüne Transformation zu scheitern droht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2025. 221 Seiten. ISBN 978-3-518-12823-7. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
Reihe: edition suhrkamp - 2823. .

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Thema

Obwohl Waldbrände, Überschwemmungen und Dürren längst Teil des Klimalltags geworden sind, werden zur Zeit diejenigen politischen Akteure gestärkt, die die Rückkehr in ein fossiles Zeitalter vorantreiben. Wie ist das zu erklären?

Die Bedrohung durch den Klimawandel, so die These des Autors, hat die Zeitwahrnehmung spätmoderner Gesellschaften grundlegend verändert. An die Stelle eines liberalen Fortschrittsbegriffs mit seinen Versprechen von Selbstentfaltung und Freiheitsgewinnen tritt heute die Erwartung an eine staatliche Politik, dass sie die Selbsterhaltung der Gesellschaft zu ihrem Leitprinzip macht.

Staabs Zeitdiagnose zielt auf einen Abschied von falschen Fortschrittserwartungen, was einer liberalen Soziologie besonders schwer falle. Dabei hätten die kulturellen Milieus und Lebenswelten der Spätmoderne bereits auf die Klimakrise reagiert, indem sie als Reaktion darauf Fragen des existenziellen Überlebens der Gesellschaft als Ganzer Priorität einräumen. Der Rhetorik eines ökomodernen Aufbruchs zu neuen Ufern könnten sie nichts mehr abgewinnen. Eine vom liberalen Zukunftsversprechen zum Leitbild „restaurativer Modernisierung“ umgepolte Kultur will „die Gegenwart“ gewohnter Lebensformen „verlängern“. Die „Identitätskrise“ einer veränderungsunwilligen Spätmoderne wird so zum Schlüssel für ein Verständnis aktueller Legitimationsprobleme im „grüner Kapitalismus“.

Autor und Werk

Philipp Staab lehrt Arbeitssoziologie an der HU Berlin und ist Fellow des Einstein-Zentrums „Digitale Zukunft“. Forschungsschwerpunkte sind die sozialen Folgen der Digitalisierung („Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit“, 2019) und der kulturelle Wandel der Spätmoderne („Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft“, 2024). Im vorliegenden Buch variiert der Autor seine ältere Zeitdiagnose zum Thema Anpassung und bezieht sie dabei auf die aktuellen Legitimationsprobleme im „grünen Kapitalismus“.

Aufbau und Inhalt

1 Einleitung: Das Paradox der großen Transformation (9 ff.)

Der Autor erinnert zunächst daran, dass bis vor kurzem die ökologische Protestbewegung der „Generation Greta Thunberg“ (12) noch mit Rückenwind rechnen konnte. Wer damals forderte, dass sich die Klimapolitik an den Evidenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse zu orientieren habe, sei „mit“ und nicht „gegen den Strom der öffentlichen Beunruhigung“ (12) geschwommen. Inzwischen aber habe sich das Meinungsklima so gewandelt, dass selbst moderat formulierte sozialökologische Modernisierungsprojekte auf Ablehnung stoßen, weil sie mittlerweile im Widerspruch zu den „normativen Orientierungen der Bevölkerung“ (11) stünden. Im Anschluss an eine Kritik bestehender Erklärungsversuche von D. Eversberg u.a. (19), Ingolfur Blühdorn (21 ff.) und Ulrich Beck“ (25) knüpft Staab an Habermas‘ Krisentheorie in „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ (1973) an. Auf den neuesten Stand der ökologischen Krise gebracht, erscheint sie ihm auch heute noch als Zeitdiagnose brauchbar („Habermas im Anthropozän“, 29ff).

2 Permanenter Modernisierungsbedarf: Vom Spätkapitalismus in der Gegenwart (39 ff.)

Im Abschnitt „System und Lebenswelt (40 ff.) erläutert er, warum sich eine einfache Fortschreibung der Habermas-Thesen von 1973 bis in die Gegenwart hinein dennoch verbietet. Seinen keynesianisch und radikaldemokratisch gefärbten Steuerungsoptimismus hat Habermas selbst schon kurz nach Erscheinen des Buchs aufgegeben, nachdem die Wirtschaftskrise „mit Wucht“ (52) nach Europa zurückkehrte. Das Ende der 1970er Jahre mit zeitlicher Verzögerung in ganz Europa durchgesetzte neoliberale Programm „selbstregulierter Märkte“ hat ihn dann zu weiterenModifikationen seiner Krisentheorie gezwungen, auch wenn er (wie auf andere Weise Ulrich Beck) noch Mitte der 80er Jahre an der Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Zivilgesellschaft und des „politischen Citoyens“ (55) festgehalten hat. Noch 2019 konnte Andreas Reckwitz von einem liberalen Basiskonsens der Soziologie sprechen, der sich positiv auf die Grundbegriffe „Selbstentfaltung“ und „Öffnung der Gesellschaft“ (57) bezog.

3 Poröses Fundament und morsche Balken: Die Identitätskrise der Spätmoderne (59 ff.)

Zur Begründung zieht Philipp Staab die Ergebnisse einer aktuellen empirischen Untersuchung von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser (Triggerpunkte, 2023) zur sozialen Konfliktdynamik der deutschen Gegenwart heran. Die Studie legt für Staab nahe, dass die Konflikte in den dort beschriebenen Politikfeldern (Soziale Ungleichheit, Migration, kulturelle Identität, Ökologie) durch die alles überschattende „soziale Ontologie des Klimawandels“ (Staab) geprägt wurden. Staab entwickelt im Anschluss daran seine These einer „Identitätskrise der Spätmoderne“. Der „ökologische Gesellschaftskonflikt“ sei das „eigentliche, permanent latente Vorbild jener fundamentalen Angst, die sich nun auch in den anderen Konfliktfeldern artikuliert“ (77). Dies führe dazu, dass die Fortschrittsidee einem neuen kulturellen Leitbild gewichen sei, das auf eine imaginäre „Gegenwartsverlängerung“ und eine erfolgreiche Erhaltung partikularer Reproduktionschancen drängt. An die Stelle demokratischer Deliberation tritt ein politischer Kampf um Hegemonie („Hobbes returns“, 78 ff.).

4 Reparaturversuche: Widersprüche grüner Modernisierung und die Umpolung der Lebenswelt (81 ff.)

Vor diesem Hintergrund kann sich die Hoffnung auf eine „Selbstreparatur der kapitalistischen Spätmoderne“ (94) durch einen „New Green Deal“ nicht erfüllen. Einmal, weil das ökologische Ziel einer Stabilisierung des natürlichen Kreisläufe an einer dem Kapitalismus immanenten Tendenz zur wirtschaftlichen Expansion scheitere. Mit den „Mitteln des Marktes“ sei eine „nachhaltige Ordnung nicht zu bewerkstelligen“ (94). Dazu kommt vor allem aber, dass ökologische Modernisierungsforderungen, die in gewohnte Lebensformen eingreifen, einen vehementen Widerstand hervorrufen, da eine spätmoderne Lebenswelt „auf Veränderungen allergisch reagiert“ (95). Die „auf Beharrung gepolte kulturelle Sphäre“ (96) widersetzt sich selbst systemkonformen Anpassungsangeboten einer sozialökologischen Transformation. 

5 Restaurativer Kapitalismus: Der Aufstand der Lebenswelt (98 ff.)

Unter dem Begriff „restaurativer Kapitalismus“ sammelt der Autor empirische Belege für seine These, dass der „Aufstand der Lebenswelt“ nicht die von Bruno Latour und anderen anvisierte Richtung eines „ökologischen Aufstands“ angenommen hat. Die Revolte der „Gelbwesten“ in Frankreich, die massiven Proteste der Landwirte in verschiedenen europäischen Ländern, die sich gegen die Einschränkungen des Gebrauchs umweltschädlicher Pestizide richteten, die wachsende „Verständigungsaversion“ bürgerlicher Kreise, wenn es in kommunalen Flächennutzungsplänen um Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Einfamilienhäusern (104) oder die Nutzung privater PKW's (105) geht, und nicht zuletzt auch die antiökologischen Proteste in den Kohlerevieren der Lausitz (116 f.), in Polen oder im US-amerikanischen West Virginia sind für ihn Indizien dafür, dass die Lebenswelt zur „Quelle einer antiliberalen Bewegung im spätmodernen Kulturkampf“ (121) geworden ist; ob es nun um die Verteidigung bürgerlicher Besitzstände oder einen „populistisch abschöpfbaren Reststolz“ (118) einer Arbeiterkultur gehe.

6 Feuerwehr in der Sinnkrise: Die Fragmentierung der Ökomodernen (122 ff.)

Im interessantesten Abschnitt seines Essays zeigt der Autor anhand eigener Feldforschungen, wie sich regressive Formen einer konservativen Modernitätsskepsis auch in den „ökomodernen Milieus“ verbreitet haben. Was die von seinen Gesprächspartner:innen geäußerten „Motivationsprobleme“ (169) bei der Unterstützung einer sozialökologischen Politik angeht, so „ähnelten“ sie „erstaunlich“ denen der „antiökologisch Aufständischen“ (170). Auch „ihre Haltung“ interpretiert er als „Ausdruck der Inkompatibilität normativer Untersuchungen mit systemischen Steuerungsversuchen“ (170) und damit als Teil der spätmodernen Identitätskrise.

Staab unterscheidet drei Gruppen der „Ökomodernen“:

  • Unter der Rubrik „Lebenswelt der Abwehr“ (131 ff.) beschreibt er Milieus von Arbeitern und Handwerkern in grünen Wirtschaftsbranchen, die die eigene Autonomie und fossilbasierte Lebensweisen gegen Eingriffe des politischen Systems verteidigen.
  • Die „Lebenswelt des Kapitals“ (151 ff.) umfasst „grüne“ Technologie-Unternehmer und ihre Angestellten. Für sie sind das Steuerungsmedium „Geld“ und eine Vorliebe für technokratische Formen von Politik charakteristisch, die beide die entscheidenden Größen ihres normativen Sinnhorizonts darstellen.
  • Die dritte Gruppe der ökologisch „Engagierten“ (158 ff.) sei hingegen durch eine melancholische Dauerreflexion über den Widerspruch zwischen verinnerlichter Maxime der Selbstverantwortung und der Komplexität einer durch den Klimawandel verursachten Systemkrise gelähmt.

7 Politiken der Projektion (173 ff.)

Die drei Milieus der „Ökomodernen“ spiegeln so auf ihre besondere Weise die „Verständigungsaversionen“ (176) breiter Teile der Bevölkerung wider. Auch in „grünen Milieus“, so die deprimierende Erkenntnis, artikulierten sich nur noch „kolonialisierte Subjektivitäten“ (179). Von ihnen seien keine „Selbstrettungsimpulse der Spätmoderne zu erwarten“ (179). Das Projekt eines „grünen Kapitalismus“ mit dem Ziel der Selbststabilisierung des Systems hat für Staab keine politischen Adressaten mehr. Denn wie sollte angesichts „erstarrten“, dann wieder „panisch mobilisierter Lebenswelten“ eine gesellschaftliche Verständigung über gemeinsame ökopolitische Projekte möglich sein? Wo aber die Lebenswelt als „Treibstoff“ für eine „immer weitere Erneuerung und Ausdifferenzierung“ (177) der Gesellschaft ausfällt, dominieren Politiken der Projektion; einmal in Form einer „malignen“ bzw. aggressiven „projektiven Übertragung“ (187 f.), die von Feindbildern leben, sodann in Form einer „kompensatorischen Projektion (188 f.), die eine Entlastung der Politik durch die „Expertise“ einer „Technokratie“ ersehnt. Am Ende bleibt als Hoffnungsschimmer nur, dass im „Zeichen politischer Kipppunkte“ (192) kontingente Ereignisse kurzfristig auch Handlungschancen für eine ökologischere Politik eröffnen. Dann schlage auch die Stunde für taktisch versierte und „kompetente politische Unternehmer“(191). „Erstarrung gebiert Bewegung“ (192) – für den Autor ist das angesichts seiner illusionslosen Diagnosen eine „gute Nachricht“ (192).

Diskussion

Habermas im Anthropozän

Die Krisen und Protestpotenziale an der Nahtstelle zwischen System (Wirtschaft und administrative Macht) und Lebenswelt (kulturelle Reproduktion über Normen und Werte) erklärt Habermas mit dem Eindringen systemischer Imperative von Macht und Geld in das fragile „Netz kommunikativ vermittelter Kooperationen“ (Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns II, 223). Die Analysen von Protestbewegungen dürften, so Habermas, allerdings nicht durch „globale Begriffe“ eines Theoriemodells „vorentschieden“ werden, sie müssten bei der Beurteilung von Lebensweltpathologien eine „unvoreingenommene Untersuchung von Tendenzen und Gegentendenzen“ (Habermas II, 576) zulassen.

In dieser Hinsicht radikalisiert Philipp Staab die Grundbegriffe der Habermas'schen Krisentheorie auf problematische Weise, wenn er feststellt, dass die Klimakrise nicht nur die organischen Grundlagen der alltäglichen Lebenswelt antastet, sondern (zusammen mit dem „Steuerungsmedium Geld“) die Lebenswelt als Quelle kultureller und politischer Erneuerung vollends verstopft hat. Eine im Ganzen pathologisch deformierte Lebenswelt schließt für Philipp Staab eine kommunikative Verständigung über gemeinsame Ziele und normativer Sinnhorizonte schlichtweg aus und erklärt seine schwarz eingefärbte Sicht auf eine in „Abwehr“ erstarrte spätmoderne Kultur der „kolonialisierten Subjektivitäten“(179).

Rechte Proteste und grüne Motivationspobleme

Was die Plausibilität seiner Interpretationen der antiökologischen Protestbewegung und der Milieus der „Ökomodernen“ betrifft, so wird man insbesondere im Blick auf die Protestbewegungen der Kohlereviere, stärker als es der Autor in diesem Essay tut, zwischen regressiven Motiven einer „restaurativen“ Sehnsucht und einer legitimen Trauer über Modernisierungsverluste differenzieren müssen. „Kränkungen“ können nicht schnöde als „populistisch abschöpfbarer Reststolz“ (188) abgetan werden (vgl. zur Geschichte der beschädigten Selbstachtung Arlie Hochschild: Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten, 2025). Auch die in großen Teilen schlüssige Darstellung der widersprüchlichen Haltungen der „grünen Milieus“ (Kapitel 6) durch den Autor hinterlässt Zweifel, ob gegenläufige normativen Überzeugungen der Gesprächspartner:innen, die am „Weg zur Herstellung kollektiver Handlungsfähigkeit“ (163) interessiert sind, angemessen beachtet wurden.

Okkasionelle Politik

Wenn das Projekt der Selbststabilisierung eines „grünen Kapitalismus“ keine Perspektive hat und selbst grüne Milieus zu einer „restaurativen“ Haltung tendieren, wird verständlich, warum der Autor auf kontingente historische Ereignisse und einen dezisionistischen Politikstil „kompetenter politischer Unternehmer“ (191) setzt. Es bleibt allerdings unklar, wie diese Handlungsspielräume ausgerechnet von grünen Akteuren genutzt werden könnten, wo ihnen doch die Motive und Adressaten für eine Politik sozialökologisch Transformation fehlen.

Fazit

Das Buch lohnt sich insbesondere im Blick auf Kapitel 6, das deutlich macht, dass in den für eine sozialökologische Politik offenen „ökomodernen“ Milieus die Unterstützungsbereitschaft gesunken ist. Plausible Argumente, warum ausgerechnet „politische Unternehmer“ einer ambitionierten Klimapolitik Flügel verleihen könnten, bleibt der Autor indes schuldig. 

Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Es gibt 44 Rezensionen von Peter Flick.

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ISSN 2190-9245