Dietmar Langer: Erziehung zur Vernunft
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 13.08.2025
Dietmar Langer:Erziehung zur Vernunft. Irrtümer in der Theorie der Personwerdung und inwieweit wir uns langsam empor irren. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2025. 240 Seiten. ISBN 978-3-339-14402-7. D: 88,90 EUR, A: 91,40 EUR.
Reihe: Schriften zur Pädagogischen Theorie - 25.
Thema
Der Mensch als vernunftbegabtes Lebewesen ist aufgefordert, den eigenen Verstand zu benutzen (Immanuel Kant). Dass diese Aufforderung immer wieder misslingt, ist die Frage der Fragen. Sie hat zu tun mit der Vielfältigkeit der Antworten; mit Irrungen und Wirrungen; mit Ge- und Misslingen; mit Wahrheit und Lüge (Angela Janssen, 2018). Erziehung, so die Definition der „Empfehlung über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Frieden in der Welt, sowie die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ (UNESCO, 1990), „umfasst den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“. Erziehung als „Wachsen-Lassen“, als „Führen“, ist immer auch – und in erster Linie – Selbstbildung: „Sich selbst besser machen!“ (Kant). Die vermeintliche Alternative „Führen oder Wachsen lassen“ in Bildungs- und Erziehungsprozessen (Theodor Litt) kann nur mit „und“ anstelle von „oder“ gelingen.
Inhalt
Die Frage nach der „Erziehung zur Vernunft“ ist wie ein Griff in einen Haufen von Stecknadeln, oder wie ein blindes Tasten nach „Was ist das?“. Die Ergebnisse können alltäglich wie schmerzhaft sein, Antworten geben und Fragen, Fragen, Fragen stellen. Der Psychologe und Psychoanalytiker Dietmar Langer ist überzeugt: „Persönlichkeit braucht vernünftige, mündige, aufgeklärte, ganzheitliche Bildung“. Sie ist nicht per Ordre du mufti, nicht durch Diktat und Macht, sondern durch Selbsteinsicht zu haben. Er widmet seine Überlegungen dem Andenken seiner Lehrer und Gesprächspartner: Gottfried Bräuer (1929 – 2024), Walter Eisermann (1922 – 2017), Wolfgang Hinrichs (1929 – 2024), Rudolf Lassahn (1928 – 2024). Die zwei unabhängig-abhängigen, körperlich-geistigen, anthropologischen Strukturen des Humanen bilden die moralischen Grundlagen der Geistesgeschichte (Antonio Damasio,2011). Es sind die Geisteseinfälle und Geistesblitze, die den humanen Alltag bestimmen (Manfred Geier, 2013). Und es sind die individuellen und kollektiven Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt (Maxi Berger, u.a., 2012). Der „Universalgelehrte“ ist niemals „Alleswisser“.
„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – dieser sokratische Spruch drückt ja aus, dass Wissen begrenzt und eingeschränkt ist, vor allem beim Anspruch, alles richtig, wahr und in seiner Ganzheit erkennen zu können. Die Analyse über „Erziehung zur Vernunft“ beginnt der Autor mit der Auseinandersetzung über die Frage(n), was Erziehung und Bildung ist, warum Erziehung so schwierig, aber notwendig ist. Es ist ein Griff in die historische Entwicklung des menschlichen Geistes von der Antike bis heute: er verdeutlicht, dass geistig-kulturelles Denken und Handeln sich mehrseitig vollzieht; dass mit der Wiedergeburt des Individuellen neues, postmodernes Wissen gefordert ist; wie sich in diesem Zusammenhang die Ansprüche an Freiheit und Vernunft in Beziehung zur Macht verhalten. Der Autor setzt sich auseinander mit den Gegnern und Feinden des freiheitlich-demokratischen Denkens; er thematisiert die metaphysische Geist-Gehirn-Debatte. Er fragt nach den Unterschieden des „geistigen Körpers“ und des „verkörperten Geistes“; über den freien Willen (Joachim Bauer, 2015); über rationales und irrationales Wollen und Sollen; über Mündigkeit; über religiöse, weltanschauliche Bildung; über Demokratie.
Diskussion
Mit den aussagekräftigen Abbildungen – Bildungsgeschichtlicher Überblick, Pädagogischer Aufriss, Historisch-philosophische Zusammenfassung, Seins-Auslegung, Zusammenhang von Willensfreiheit und Mündigkeit – wird die Einsicht konkretisiert, dass „in der Welt nur so viel Vernunft vorkommt, wie wir Menschen dort angewendet haben“. Hier aber hapert es an allen Ecken und Kanten. Die ego-, ethnozentristischen, rassistischen und populistischen Entwicklungen in unserer individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Zeit rufen nach einem neuen, ethischen und verantwortungsvollen Humanismus, der Verstand und Vernunft dialektisch zusammen bringt: Der Mensch kommt durch Selbstbildung und Selbsterziehung zur Vernunft!
Fazit
Der kluge, umfassende, ganzheitliche, rationale und emotionale Versuch, eine „Erziehung zur Vernunft“ zu begründen, führt, wie es im Sprichwort heißt, „vom Hölzchen zum Stöckchen“. Weil Identität Persönlichkeitsbildung ist, kommt es darauf an, Vernunft durch Selbstbildung zu entwickeln und zu einer menschenwürdigen, ethischen, moralischen, demokratischen Werthaltung zu kommen.
Dr. Jos Schnurer
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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