Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel et al. (Hrsg.): Militarisierung der Gesellschaft
Rezensiert von Johannes Schillo, 11.09.2025
Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel, Benjamin Lemke, Conny Strahmer-Weinandy (Hrsg.): Militarisierung der Gesellschaft. Von der Glückssüchtigkeit zur Kriegsbereitschaft. Promedia Verlag (Wien) 2025. 240 Seiten. ISBN 978-3-85371-555-0. D: 24,00 EUR, A: 24,00 EUR.
Thema
Im Anschluss an den NGfP-Kongress vom Frühjahr 2025 thematisiert der Sammelband unterm Stichwort „Militarisierung“ die Auswirkungen der veränderten geopolitische Lage (vor allem im Blick auf Osteuropa und Nahost), die Steigerung von Rüstungsproduktion und -export in der Bundesrepublik, die damit in Gang gesetzte Politik der Kriegsvorbereitung sowie die mentalen Veränderungen in der Gesellschaft. Der Untertitel zum Abschied „von der Glückssüchtigkeit“ spielt dabei auf eine Forderung an, die Bundespräsident Gauck 2012 in der Führungsakademie der Bundeswehr erhob.
HerausgeberInnen/AutorInnen
Die vier Herausgeber und Herausgeberinnen sind Mitglieder der NGfP, Lemke deren erster Vorsitzender. Die 26 Beiträge stammen vorwiegend von Kongress-Mitwirkenden aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, mit Schwerpunkt auf Psychologie/Psychotherapie, sowie aus dem Kultur- und Medienbereich.
Entstehungshintergrund
Das Buch dokumentiert Beiträge, die im Zusammenhang mit dem Kongress „Krieg und Frieden“ vom April 2025 entstanden sind. Die Neue Gesellschaft für Psychologie e.V., die regelmäßig solche Veranstaltungen organisiert, ist ein Zusammenschluss von WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen aus Psychologie und Nachbarprofessionen; ihr gemeinsames Ziel (siehe die Website: https://www.ngfp.de/) ist die methoden- und gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit psychologischen Themen.
Aufbau/Inhalt
26, meist nur wenige Seiten lange Beiträge bilden den Inhalt des Sammelbandes. Ein Vorwort erinnert an die Zielsetzung des Kongresses und gibt einen Überblick über die Positionen der Mitwirkenden, die in einer abschließenden Notiz vorgestellt werden. Eröffnet wird der Band mit einem Grußwort von Laura von Wimmersperg, der Gründerin der Berliner Friedenskoordination im Jahr 1980. Daran schließt ein „Lichtbildvortag zur Kriegstauglichkeit“ des Kabarettisten Arnulf Rating an, der ähnlich wie seine Vorrednerin das neue Leitbild der Kriegstüchtigkeit ins Visier nimmt.
Es folgen drei Beiträge aus dem Herausgeberteam, die die Position der NGfP verdeutlichen und speziell auf die psychologischen Prozesse der Massenbeeinflussung zielen. Lemke thematisiert das „Phantasma der Macht“, die „Unbewusst-machung der Widersprüche“ (S. 28), die im politökonomischen System des Kapitalismus ihre Grundlage haben. Hier versage meist der wissenschaftliche Betrieb, denn: „Was als Analyse-Ebene fehlt, ist die gesellschaftliche Dimension.“ (S. 26) Stahmer-Weinandy erinnert an den Psychologen der antiautoritären Bewegung Peter Brückner, der den für die Militarisierung erforderlichen Mentalitätswandel untersuchte. „Man muss erst das unbefangen Menschliche zerstören“ (S. 38), so dessen These, die im Einzelnen erläutert und auf die aktuellen Entwicklungen bezogen wird. An diese Diagnose schließt der Hochschullehrer und NGfP-Mitbegründer Bruder an, nennt dabei auch die einschlägigen Imperative zum Aufbau von Resilienz, wie er von der Bundesregierung zur Einleitung eines „Mentalitätswechsels“ für nötig erachtet wird (S. 41), und legt zudem auf die Vorgeschichte, die in der Pandemiephase (autoritäre Maßnahmen von Politik und Medien) zu verorten sei, besonderen Wert.
Die folgenden fünf Beiträge konzentrieren sich auf die (welt-)politische Lage und die Triebkräfte der heutigen Unfriedlichkeit. Der Politikwissenschaftler und Pädagoge Wolfgang Effenberger konfrontiert diese mit Kants Schrift zum Ewigen Frieden und mit der Gründungsidee der Vereinten Nationen, deren Friedensimperativ jedoch durch die geostrategischen Interessen der USA, vor allem das Setzen auf eine unipolare Weltordnung, systematisch konterkariert werde. Die Menschheit brauche daher „nach dem gescheiterten Völkerbund und der korrumpierten UN – beide gezeugt im Geist des Krieges – … eine im Geist des Friedens gebildete Völkergemeinschaft“ (S. 59); diese dürfe nicht im Dienst der US-amerikanischen Machtinteressen stehen. Auf diese Interessen geht der Beitrag des Publizisten Werner Rügemer näher ein und nennt als Konstante der Politik seit Präsident Woodrow Wilson: „Den US-Kapitalismus nicht nur in den USA installieren, sondern weltweit.“ (S. 61). Die daraus resultierende Verbindung von militärischer und ökonomischer Expansion erläutert der Autor in einem Abriss anhand von fünf Stationen – vom Ersten Weltkrieg bis zu der mittlerweile unter Führung Chinas entstehenden Gegenbewegung einer multipolaren Weltordnung.
Der Hochschullehrer Rudolf Bauer greift Rügemers Thesen über den „US-Kapitalismus als Kriegstreiber und die Neuordnung der Weltgesellschaft“ auf (S. 75) und fordert zu entschiedenem Einspruch gegen die hiesige Kriegsvorbereitung auf, verweist aber auch auf Defizite der (Rest-)Friedensbewegung in Deutschland. Ritualisierte „Gedenktage wie der Antikriegstag am 1. September“ (S. 76) seien eher Dokumente der Anpassung und Preisgabe von Kritik. Bauer: „Den Frieden beschwörend zu fordern, verhindert keine Kriege.“ (S. 76). Solche Fehler im friedensbewegten Protest kritisiert – nach einer Gedicht-Einlage des Hochschullehrers Tamil Orage – ausführlich der Erziehungswissenschaftler Freerk Huisken. Er geht auf die offiziell angesagten Legitimationen ein, die fast allseits, selbst in friedensbewegten Kreisen, geteilt werden und somit zur entscheidenden Erklärung für die Abwesenheit von Protest – in Form von politischer Apathie bis hin zum selbstbewussten Mitmachertum – hinführen: Landesverteidigung müsse im Prinzip sein wegen der ‚bösen Nachbarn‘, sei also kein aggressiver Akt, und Rüstung für Abschreckung stelle eine effektive Methode der Kriegsverhinderung dar, die dann durch diplomatische Flankierung vor dem Abgleiten in eine ‚Aufrüstungsspirale‘ zu schützen sei, wobei die Ergänzung durch Rüstungskontrolle bekanntlich dafür sorgen soll, dass die prekäre militärische Machtbalance nicht zufällig zum Krieg führt.
Der Dekonstruktion dieser Legitimationen folgen fünf Beiträge, die sich mit den Schwierigkeiten von (System-)Kritik und Protest (nicht nur) in Deutschland befassen. Christiane Reymann, Mitbegründerin der Partei „Die Linke“, konstatiert ein dramatisches Versagen der parteipolitisch organisierten bzw. gesellschaftlichen Linken in „sämtlichen Großkonflikten der letzten Jahre – Corona-Krise, Migration, Ukraine-Krieg“ (S. 101), wobei die Autorin zugesteht, dass sie mehr Fragen als Antworten hat. Das genannte Versagen kulminiere zur Zeit in der Durchsetzung eines unhinterfragbaren antirussischen Feindbildes. Dass hier Gegenkräfte fehlen, verdanke sich der Entwicklung hin zu einer theorie- und diskussionslosen Opposition, die auf Systemkritik verzichte (S. 110).
Der Kommunikationsforscher Michael Meyen stellt das Selbstbild der Leitmedien in Frage, für Objektivität und unabhängige Urteile in der Berichterstattung zu sorgen. Faktisch seien sie die Instanz, die im Wechselspiel von Propaganda und Zensur die maßgebliche Öffentlichkeit herstelle – die die gültigen Informationen von Desinformation scheide und die Zulassungsbedingungen für die Beiträge zum öffentlichen Diskurs verbindlich mache. Dabei agierten sie als „Sprachrohre der Macht“ (S. 111). Diese totalitäre Entwicklung liege allgemein darin begründet, „dass Staat und Konzerne gemeinsame Sache machen“ (S. 119), zeige aber ihre eigentliche Virulenz seit dem Beginn des Internetzeitalters bzw. seit den Nuller-Jahren, als die traditionellen Medien unter staatlichem Beistand den Konkurrenzkampf mit den ‚social media‘ aufnahmen.
Exemplarisch wird dies im Beitrag der freien Journalistin Karin Leukefeld am Beispiel des Gazakriegs verdeutlicht. In Deutschland gebe es geradezu einen politischen Konsens, die Verwüstung der Palästinensergebiete nicht zum öffentlichen Thema zu machen: „Stimmen für Frieden und Dialog werden diffamiert. Das internationale Recht wird missachtet und verkommt.“ (S. 128)
Die Orientalistin Sarah El Bulbeisi hält fest, dass die von Palästinensern und Palästinenserinnen seit der Nakba erlebte Gewalt im kollektiven Gedächtnis des Westens keinen Platz hat, ja „als gerechtfertigt (erscheint).“ (S. 134)
Die Antikriegsaktivistin Doris Pumphrey nimmt die deutsche Friedensbewegung im Spannungsfeld zwischen alter NATO-dominierter und sich neu entwickelnder multipolarer Weltordnung unter die Lupe. Die Schwäche der Bewegung sieht sie vor allem darin begründet, dass man sich dem regierungsoffiziellen Extremismuskonzept anschließt und unbotmäßige Wortmeldungen ausgrenzt, wenn sie die geforderte Parteilichkeit (gegen Russland und für den Westen mit seiner ‚wertebasierten Ordnung‘) vermissen lassen.
Die folgenden 11 Beiträge – mit literarischen Einlagen von Orage, Michael Schneider und Connie Kunze ausgeschmückt – behandeln verbreitete (Un-)Bewusstseinszustände unter der neuen Vorgabe der Kriegstüchtigkeit. Ingrid Pfanzelt steuert „psychoanalytische Reflexionen einer Ärztin und Friedensaktivistin“ zur „Zeitenwende“ bei (S. 151). Dabei kommen offen angesagte Vorhaben wie das „Gesundheitssicherstellungsgesetz“ zur Sprache (S. 154), vor allem aber die „Hysterisierung“ der Massen, die mit einem „unbewussten Skript“ (S. 155) betrieben werde. Aus ihrer fachlichen Perspektive hält die Autorin dagegen: „Die pathologischen, unbewussten Prozesse müssen benannt werden.“ (S. 160)
Der Pädagoge und Psychologe Christian Derwanger bringt Erkenntnisse aus Psychoanalyse und Humanistischer Psychologie zusammen, um gängige Vorstellungen vom hierzulande (noch) herrschenden Friedenszustand in Frage zu stellen: Unter den gegebenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen werde ein beständiger „Krieg gegen das Subjekt“ (S. 164) geführt.
Die Historikerin Corinna Oesch führt diese Überlegungen fort, indem sie auf das „Omniwar-Konzept“ des britischen Wissenschaftlers David A. Hughes zurückgreift. Dieser Krieg im Frieden werde von der Friedensbewegung in unterschiedlicher Weise zur Kenntnis genommen bzw. ignoriert, wozu ein kurzer Überblick zur Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfolgt.
Die Psychologen Maik Galliker und Daniel Weimer stützen eine derartige Diagnose, indem sie sich auf die berühmte Schrift „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) des abtrünnigen Freud-Schülers Wilhelm Reich beziehen, aber auch Alfred Adlers Individualpsychologie berücksichtigen und Anleihen bei der Theorie vom autoritären Charakter machen. Die auf Konkurrenz geeichten Subjekte im Kapitalismus sind demnach Objekte warenförmiger Beziehungen, somit von vornherein Gewaltverhältnissen unterworfen. Die beiden Autoren ziehen zudem eher kognitionspsychologisch orientierte Medienanalysen heran und verweisen auf Anne Morellis Schema zu den „Prinzipien der Kriegspropaganda“.
Der Konfliktforscher Leo Ensel geht der Frage nach, wieso heute, im Unterschied zur Situation der 1980er Jahre, die (Atom-)Kriegsgefahr in Europa nur wenige Menschen alarmiert, ja eher auf eine „beklemmende Apathie“ (S. 201) trifft. Als besonderen Grund identifiziert der Autor den „Cognitive Warfare“, der eine „nahezu gleichgeschaltete (öffentliche und private) Medienlandschaft“ (S. 206) mit Feindbildern und „Ablenkängsten“ schaffe.
Der Erziehungswissenschaftler Armin Bernhard plädiert für eine „Pädagogik der Kriegsuntüchtigkeit“ (S. 211ff). Die damit gemeinte friedenspolitische Bildungsarbeit habe ihre „Kritik auf das kapitalistische Weltsystem“ zu richten, „in dem Friedlosigkeit strukturell angelegt“ sei (S. 214).Bernhard thematisiert auch, dass politische Aufklärung hierzulande schnell an ihre Grenzen stoße, wobei Feindbilder eine wichtige Rolle spielten.
Das, was gegenwärtig an „Indoktrination des kindlichen Geistes und der kindlichen Seele“ zu verzeichnen sei, nennt die Erziehungswissenschaftlerin Eva Borst einen „Krieg gegen die Kinder“ (S. 221). Dabei scheut sie nicht davor zurück, die „Corona-Maßnahmen“, die angeblich die „Mär von der todbringenden Krankheit aufrecht erhalten“ sollten (S. 221), mit der Wehrerziehung in der Hitlerjugend oder der heutigen BRD auf eine Stufe zu stellen. Bei Letzterem stützt sie sich auf offizielle Dokumente wie etwa das „Weißbuch der Bundeswehr“, in dem die „strukturelle Neuausrichtung der Gesellschaft an den Prinzipien einer militärischen Logik“ (S. 224) propagiert werde.
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann von der Redaktion des alternativen Online-Mediums „Neue Rheinische Zeitung“ zeigen die Tradition der Kriegspropaganda auf, wie sie etwa mit der „Creel-Kommission“ im Ersten Weltkrieg begann und heute als gesteuerte PR ihre Fortsetzung findet. Dabei kommt auch die Ausgrenzung unerwünschter Positionen im Bereich der Alternativmedien oder der Friedensbewegung zur Sprache.
Bevor mit einem satirischen Text frei nach Goethes „Faust“ ein literarischer Ausklang erfolgt, liefert der Psychotherapeut Walter Schumacher das inhaltliche Schlusswort: „Was tun?“ fragt sein Beitrag. Schumacher antwortet darauf mit der Zielbestimmung, aus Deutschland einen militärisch neutralen Staat zu machen, hält deswegen antimilitaristische Klärungsprozesse für notwendig und bilanziert Schwachstellen der bisherigen Friedensbewegung(en) im Blick auf diese Herausforderung.
Diskussion
Die Beiträge, die weitgehend vor den neuen Entwicklungen im transatlantischen Verhältnis und der militärpolitischen Aufwertung Europas verfasst wurden, bringen zahlreiche Gesichtspunkte zur historischen bzw. aktuellen Vorherrschaft der Militärlogik und vor allem ein breites Spektrum an Versuchen, die scheinbar unaufhaltsame Militarisierung im NATO-Gebiet und die Passivität der Bevölkerung angesichts einer heraufziehenden (nuklearen) Weltkriegslage zu erklären. Dabei spielen natürlich – der Orientierung der NGfP entsprechend – psychologische und psychoanalytische Ansätze eine besondere Rolle, sind aber mit ihren theoretischen Zugängen nicht auf einen Nenner zu bringen. Eher werden neue Fragen aufgeworfen, die etwa tiefenpsychologische Kontroversen (Freud, Adler, Reich) betreffen. Dagegen liefern die Beiträge der beiden Nicht-Psychologen Huisken und Meyen – ohne Rückgriff aufs Unbewusste – eine brauchbare Grundlage, um die Konstituierung des Massenbewusstsein theoretisch zu erfassen (und damit auch, was Anliegen der meisten Beiträge ist, die Praxis des Protests zu befördern). Huisken fokussiert auf die von Staatslenkern und Fußvolk geteilten Auffassungen über die Notwendigkeit von Verteidigung und die Leistungsfähigkeit von Abschreckung. Dass die Selbstverständlichkeit dieser Positionen nicht gegeben ist, weist er nach, besteht aber darauf, dass sie ein Ergebnis politischer Urteilsbildung (und nicht das Werk klandestiner Psycho-Techniken) sind. Ihre Dominanz, die Tatsache, dass eine Unterordnung der Meinungsbildung unter bestimmte, mit Feindbildern versehene Narrative stattfindet und sich als unwidersprechliche Grundlage des öffentlichen Diskurses behauptet, nimmt Meyen ins Visier. Gegen die verbreitete, gerade auch für die Feindbildproduktion nützliche Idealisierung ‚unserer‘ Meinungsfreiheit als Gegenbild zur ‚autokratischen‘ Praxis setzt er die medienkritische Erkenntnis, dass die Öffentlichkeit ein Resultat politischer Formierung ist: Staatliche und ökonomische Interessen benutzen Medien als „Sprachrohre der Macht“ (S. 111).
Aber auch an dieser Stelle, wo es um das „Mediensystem in der Krise“ geht – so der Titel einer ähnlich gelagerten Publikation, die im socialnet (https://www.socialnet.de/rezensionen/32496.php) vorgestellt wurde –, zeigen sich Differenzen im analytischen Zugang, die zwar teilweise einer Blickerweiterung dienen können, die aber auch auf Abwege führen. Problematisch ist zum Beispiel die in mehreren Beiträgen (auch bei Meyen) zu findende Einreihung des offiziell verordneten und medial gesteuerten „Mentalitätswandels“ in einen Prozess, der mit der Corona-Pandemie begonnen haben soll: Das Covid-Virus habe der Staatsgewalt als Feindbild gedient, um gegenüber politischen und akademischen Autoritäten Fügsamkeit herzustellen – ein staatsstreichartig nach einem geheimen „Drehbuch“ (S. 48) erzieltes Ergebnis, das seitdem fürs neue Russland-Feinbild verwertet werde. Die Banalität, dass Medien gesteuert werden und dass zur Demokratie ein Notstandsrecht gehört – was vor gut 50 Jahren die antiautoritäre Bewegung skandalisierte –, wird hier quasi als Erfindung der Pandemiebekämpfer hingestellt. Bruder etwa sieht in der „Corona-Inszenierung“ einen regelrechten „Epochenbruch“ und spricht außerdem von der „weltumspannenden Inszenierung einer vorgeblichen tödlichen Pandemie“ (S. 44f). Dabei macht er jedoch mit seiner Bezugnahme auf Brückners Sozialpsychologie aus der Apo-Zeit zugleich deutlich, dass der ins Auge gefasste autoritäre Charakter überhaupt kein Novum der letzten Jahre darstellt; dass in dieser Zeit auch kein spezieller Bedarf nach seiner Einführung gegen ein unbotmäßiges Fußvolk entstanden ist. Zudem ist unerfindlich, wie Bruders Diagnose mit Lemkes Analyse zusammenpasst, die den weltumspannenden „Zwang der Konkurrenz“ (S. 27) konstatiert. Alle Staaten auf dem Globus sollen sich abgesprochen haben, um ihre jeweilige Bevölkerung mit einem pandemischen Feindbild zu beeindrucken? Um sie von Ungehorsam und Widerstand abzuhalten? Und zum Zweck ihrer Herrschaftssicherung sollen die unversöhnlich und gewaltbereit gegeneinander konkurrierenden Mächte in einem – auch noch klandestin betriebenen – Gemeinschaftswerk zusammengefunden haben? In einem global abgesprochenen „Staatsstreich“, den sie „lange vorbereitet“ (S. 48) haben?
Fazit
Der Sammelband, verfasst von einem interdisziplinären Team, entschlüsselt das neue Postulat der „Kriegstüchtigkeit“ samt seiner Vorgeschichte als Einleitung eines Prozesses, der auf die massive Militarisierung der gesellschaftlichen Beziehungen hinausläuft. Im Blick sind die politischen Weichenstellungen und medialen Steuerungsprozesse mit ihren Folgen fürs Massenbewusstsein sowie, der psychoanalytischen Tradition des Herausgeberkreises folgend, fürs (kollektive) Unbewusste.
Rezension von
Johannes Schillo
Sozialwissenschaftler und Autor
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