Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 30.09.2025
Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent. Pädophilie erkennen und behandeln : Ein Leitfaden für die psychosoziale Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2025. ISBN 978-3-525-40879-7. D: 23,00 EUR, A: 24,00 EUR.
Thema
Bis zu einem Prozent der männlichen Bevölkerung ist pädophil erregbar – eine Schätzung aufgrund erhobener Daten. das ist die geschätzte Häufigkeit auf der Basis bisher erhobener Daten. Für psychosoziale Fachkräfte bedeutet dies, dass sie mit Pädophilie viel häufiger konfrontiert sind als vermutet. Gleichzeitig haben viele psychosoziale Fachkräfte stigmatisierende Einstellungen gegenüber der sexuellen Präferenz Pädophilie und verfügen aufgrund dieser Ablehnung über unzureichende Kenntnis zum adäquaten Umgang mit hilfesuchenden Personen. Hier setzt dieses Buch an: Es will eine umfassende und anwendungsbezogene Aufarbeitung der Theorien und Praktiken im Umgang mit der pädophilen Störung bieten und widmet sich deshalb Themen wie Diagnose, Behandlungsansätze, ethische Überlegungen, Kommunikationsstrategien und Stigma-Management.
Autoren
Klaus M. Beier, Dr. med., Dr. phil., Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker, leitet seit 1996 das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin und dort seit 2005 das Forschungsprojekt ‚Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld‘ mit nachfolgend bundesweitem Ausbau. Maximilian von Heyden, M.Sc. Public Health, B.A. Soziale Arbeit, ist Wissenschaftler und Sozialunternehmer. Seine Tätigkeiten umfassen die Bereiche Medizinische Psychologie, Sexualwissenschaft und Sexualmedizin. Sein Schwerpunkt liegt in der praktischen Anwendung und Weiterentwicklung von evaluierten Konzepten der Prävention und Gesundheitsförderung.
Aufbau und Inhalt
Das Erste, was die Autoren klarstellen: Pädophilie ist alles andere als ein verschwindend geringes Phänomen. Schätzungen aufgrund von bisher erhobenen Daten gehen von 250.000 bis 300.000 Männern aus, was als Vergleichsgröße ungefähr Zahl an Parkinson Erkrankter entspricht. Deutlich wird trotzdem, dass das Wissen über diese sexuelle Präferenzstörung äußerst gering erscheint. Und deshalb startet dieses Buch zunächst mit einer Grundlagenschaffung. Und danach widmen sich die Autoren dem Kernthema: dem Verstehen von Pädophilie. Dabei geht es keineswegs darum, sich in die Gedanken eines betroffenen Menschen einzufühlen, sondern sich nicht von Emotionen leiten zu lassen und Fakten zu kennen. Zentral betont dabei: „Ein fundamentales Missverständnis (…) ist die häufige Gleichsetzung von Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch“ (S. 42). Denn – sowohl für die breite Öffentlichkeit als auch viele Fachkräfte unvorstellbar – Forschungsergebnisse zeigen, dass etwa 40 bis 50 Prozent der (unsagbar schlimmen) sexuellen Übergriffe von Täter:innen begangen werden, die eine pädophile Neigung haben. Und das bedeutet auch, dass eben rund die Hälfte der Taten von Menschen begangen werden, die andere Motive haben. Und es gibt pädophile Menschen, die nie ein Kind schädigen. Beier und von Heyden nennen aber auch andere Fakten, die aufrütteln. Am Berliner Standort des Projektes ‚Kein Täter werden‘ gaben 43 Prozent der Teilnehmer an, aktiv eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung eines Kindes begangen zu haben, wobei weit über drei Viertel davon nicht justizbekannt waren. Ähnlich lagen die Zahlen bei dort befragten 12- bis 18-Jährigen: 45 % Prozent hatten sexualisierte Gewalt gegen Kinder verübt, rund 60 Prozent davon waren nicht mit der Justiz in Berührung gekommen. Die Zahlen zeigen zweierlei: Zum einen – und das sind die guten Nachrichten daraus – wird offensichtlich wirklich ‚nur‘ die Hälfte zum Täter (in diesem Fall stimmt die nicht gegenderte Form): zum anderen, dass eine erschreckend hohe Zahl an Taten von Menschen im Umfeld der betroffenen Kinder eben nicht erkannt werden.
Einen breiten Raum nimmt die Prävention mit ihren Dimensionen ein. Dazu gehört zunächst einmal die universelle Prävention, für die Medienarbeit und eine entsprechend verantwortungsbewusste Berichterstattung, eine Bewusstseinsbildung bei Fachkräften aber auch die Förderung von Selbstregulierungskompetenzen eine Rolle spielen. Selektive Prävention meint im Sinne dieses Buches das Erkennen und Handeln, wozu eben auch wieder ein Wissen über statistische Häufigkeiten des Störungsbildes zwingend erforderlich sind. Verschiedene ‚potenzielle Risikogruppen‘ wie alleinerziehende Väter, Betreuer und Jugendhilfeeinrichtungen oder Kitas werden unter anderem in den Blick genommen. Konkreter für Leser:innen werden Checklisten zu Fakten, aber auch Risiko- und Schatzfaktoren, um das Vorgehen bei Verdachtsfällen in strukturierte Bahnen zu lenken. Die sogenannte indikative Prävention befasst sich mit der Behandlung von und der Unterstützung für Betroffenen, die entsprechend beschrieben werden. Auch Vernetzung und Qualitätssicherung werden beschrieben.
Unfassbar wichtig – gerade für Mitarbeiter:innen der Jugendhilfe – sind die Besonderheiten bei der Behandlung von Jugendlichen, deren sexuelle Präferenz in der Regel noch nicht voll entwickelt ist. Anhand eines Fallverlaufs beschreiben die Autoren, welche Möglichkeiten es dementsprechend gibt, was aber eben auch Herausforderungen sind. Wobei auch hier die gesellschaftliche Stigmatisierung, um die die Jugendlichen wissen, eine immense Rolle spielt. Aber auch für die Therapeut:innen ist diese Arbeit gerade im Hinblick auf Schweigepflicht oft eine Gratwanderung zwischen dem Schaffen von Vertrauen und der Informationspflicht gegenüber den Sorgeberechtigten.
Womit inhaltlich eine der bedrückendsten Erkenntnisse dieses Buches erreicht wäre: intelligenzgeminderte Jugendliche mit Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema – eine „bisher weitgehend vernachlässigte Gruppe“ (S. 171) oder auch „unsichtbare Hochrisikogruppe“ (S. 172). Dabei kann nach Hochrechnungen von bis zu 3000 jungen Menschen ausgehen, die in diese Gruppe fallen. Für sie ist den bestens im Feld vernetzten Autoren keine Spezialeinrichtung bekannt. Stattdessen werden sie in Einrichtungen der Jugend- oder Eingliederungshilfe betreut, die weder vom Wissen der Fachkräfte noch von entsprechenden Schutzkonzepten her auf diese Jugendlichen ausgerichtet sind; oder aber sie leben im familiären Umfeld, wo „häufig keine adäquate Kontrolle und therapeutische Begleitung gewährleistet werden kann“ (S. 172), was zu Gefährdungen für Kinder im Umfeld führen kann. Die üblichen Behandlungsansätze verfangen bei dieser Zielgruppe nicht aufgrund der kognitiven Einschränkungen, die häufig einen Transfer von abstrakt Erlerntem in den alltag verhindern. Darüber hinaus können durch fehlende Alltagsbegleitung potenzielle Risikosituationen nicht erkannt und ihnen entsprechend begegnet werden. All das führt dann letztlich zu einer Überforderung des Umfeldes dieser jungen Menschen, „das weder über das nötige Fachwissen noch über die zeitlichen und emotionalen Ressourcen verfügt“ (S. 173).
Diskussion
Ja, es stimmt, auch für Fachkräfte im psychosozialen Bereich scheinen Menschen mit einer pädophilen Neigung häufig kaum aushaltbar sein, ein neutrales Begegnen in der Arbeit scheint unvorstellbar. Und ja, das scheint auch daran zu liegen, dass auch für Fachkräfte, die es besser wissen wollten, Pädophilie mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder gleichgesetzt wird. Und genau deshalb ist dieses Buch so wichtig, leistet es doch wichtige Aufklärungsarbeit und räumt mit Mythen auf. Praxisnahe Beispiele und Fallstudien veranschaulichen die Inhalte, die so aufbereitet sind, dass sie nicht bloß wie eine Textwelle über die Leser:innen schwappen, sondern auch hängen bleiben. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung und Sensibilisierung von Fachkräften im Umgang mit pädophilen Personen und fördert ein professionelles Umfeld, das der Störung sowohl aus Sicht der Betroffenen als auch im Sinne des Kinderschutzes bestmöglich gerecht wird. Wünschenswert wäre gewesen, auch noch das Thema pädophile Frauen aufzugreifen, wobei die Datenlage hier noch schlechter ist als bei Männern. Aufrüttelnd ist der Hinweis, dass unsere Hilfesysteme nahezu nicht auf pädophile Jugendliche und schon gar nicht auf solche mit Intelligenzminderung ausgerichtet sind, es keine passenden stationären Angebote gibt, die am Ende nicht nur die Betroffenen unterstützen könnten, ihre Fantasien nicht auszuleben, sondern auch aktiver Kinderschutz sein könnten. Tragisch! Es sei dem Buch zu wünschen, dass es viele Leser:innen in Fachkreisen findet, denen es die Augen öffnet. Denn es bringt nichts, pädophile Menschen als Randerscheinung abzutun und sie zu verdammen. Denn, das muss noch einmal deutlich werden auch in dieser Rezension: Jede:r Täter:in, der einem Kind sexuelle Gewalt antut, muss bestraft werden, aber nicht jede:r Pädophile wird wird Täter:in – bei Weitem nicht!
Fazit
Das Buch will aufklären. Es richtet sich an Fachkräfte aus den Bereichen Psychotherapie, Medizin, Sozialpädagogik und Seelsorge.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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