Corine Pelluchon: Levinas verstehen
Rezensiert von Prof. Dr. Anton Schlittmaier, 29.08.2025
Corine Pelluchon: Levinas verstehen. Ein Philosoph für unsere Zeit. Verlag Karl Alber (Baden-Baden) 2025. 268 Seiten. ISBN 978-3-495-99092-6. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Thema
Es handelt sich um eine Einführung in das Denken des französischen Philosophen Emmanuel Levinas (1906 – 1995). Im Untertitel wird hervorgehoben, dass Levinas ein Philosoph für unsere Zeit ist. Das Buch basiert auf einem Seminar, das die Philosophin Corine Pelluchon im Wintersemester 2018/19 an einer Pariser Universität gehalten hat. Das Seminar wendet sich u.a. an Pflegekräfte, die einen Master in Philosophie absolvierten. Das Seminar verstand sich primär als ein Beitrag in einem Studienangebot „Geisteswissenschaften in der Medizin“. Ohne von der Autorin erwähnt zu werden, können auch Sozialarbeiter:innen/Sozialpädagog:innen sowie andere Personen, die einer helfenden Berufsgruppe zugehören (Psycholog:innen, Heilpädagog:innen, Ergotherapeut:innen usw.) als Zielgruppe des Buches gelten.
Warum ist gerade der Philosoph Levinas für diese Zielgruppen und unsere Zeit besonders relevant? Wir leben in einer Zeit fortgesetzter Kriege – auch gegen die Natur – und gleichzeitig wird unser Denken in den helfenden Berufen durch einen ökonomischen Zugang dominiert. Wie können Kosten gespart werden? Wie lassen sich Prozesse vereinheitlichen, um effizient zu sein? Dem Krieg zwischen Menschen und dem Krieg gegen die Natur wie auch dem reinen Ökonomiedenken liegen Auffassungen zugrunde, die uralt sind – bis in die Antike zurückgehen – und meist unbewusst unser konkretes Denken und Handeln bestimmen. Levinas deckte diese fundamentalen Denkmuster (wie sie auch von vielen großen Philosophen der Vergangenheit vertreten wurden) auf und kritisierte sie radikal. Gleichzeitig stellte er ihnen eine Alternative des Denkens entgegen: Eine Denkweise, die gegen den Egoismus, die Ethik als Fundament unseres Menschseins versteht. Die Offenheit für den Anderen war der übergreifende Bezugspunkt von Levinas, eine Weltsicht, die Kriege und eine Ökonomie um jeden Preis als Fehlformen des Menschseins bewertet.
Autor:in oder Herausgeber:in
Corine Pelluchon ist Philosophin und Professorin an der Universität Gustave-Eiffel nahe Paris. Sie ist durch zahlreiche Veröffentlichungen bekannt und verfolgt das Ziel, die Philosophie von Levinas – die Offenheit für den anderen Menschen – auch auf Tiere und die sonstige Natur zu übertragen.
Entstehungshintergrund
Wie oben erwähnt, basiert das Buch auf einem Seminar (11/2018 – 01/2019). Dabei waren nicht Fachphilosoph:innen das Zielpublikum, sondern Praktiker:innen aus helfenden Professionen, die an philosophischen Themen Interesse haben. Philosophie dient in diesem Zusammenhang der Fundierung und ggf. auch Infragestellung von Grundüberzeugungen (z.B.: der Mensch ist von Natur aus egoistisch), die die Praxis leiten.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in eine Vorrede sowie acht Teile mit je zwei Unterteilen. Der erste Teil kann nochmals abgegrenzt werden, da hier einige Grundlagen von Levinas Philosophie dargelegt werden. Zuerst erfolgt dabei eine Darlegung der Methode, d.h. bei Levinas der Phänomenologie. Es folgen kurze Skizzen zu Edmund Husserl (1859 – 1938) und Martin Heidegger (1889 – 1976). Das Werk dieser beiden Philosophen bildet die Grundlage für Levinas, insofern er aus ihren Werken Elemente übernimmt, aber auch fundamtale Kritik an ihnen übt.
Der zweite Teil erläutert den grundlegenden Begriff der „Andersheit“ sowie den der „Transzendenz“. Im dritten Teil wird insbesondere das Konzept der Verantwortung dargelegt. Es folgt im vierten Teil eine Darstellung zur Einbindung des Menschen in natürliche Sachverhalte wie Nahrung oder Genuss (die Levinas dem eigentlich Ethischen gegenüberstellt). In Teil 5. werden Bezüge zur Politik hergestellt. Diese vertieft die Autorin im sechsten Teil, wo es um die Gerechtigkeit geht. Im siebten Teil wird Levinas Philosophie als „anderer Humanismus“ ausgewiesen. Zentral ist für ihn nicht die Freiheit, sondern die Güte. Das Buch endet – achter Teil – damit, die Bezüge zur Religion darzulegen.
Inhalt
Um Levinas Philosophie zu verstehen, ist es auch wichtig, seine Biografie in Grundzügen zu kennen. Pelluchon führt hier im ersten Teil zentrale Daten an, die sie mit „Biobibliographische Angaben“ betitelt. Der französische Philosoph hat seine Kindheit in Litauen in einem gebildeten jüdischen Milieu verbracht. Nachdem im 1. Weltkrieg die Deutschen das Land besetzt hatten, zog die Familie in die Ukraine. Viele Jahre später arbeitete Levinas wissenschaftlich in Frankreich (im Deutschland der Weimarer Republik erhielt er keine Stelle) und wurde auch französischer Staatsbürger. Ab 1940 war er als französischer Soldat in deutscher Kriegsgefangenschaft. „Die Tatsache, dass Emmanuel Levinas die französische Nationalität hat, hat ihm das Leben gerettet“ (S. 26).
Das Erlebnis der Gefangenschaft, insbesondere die Tatsache, dass das menschliche Leben hier völlig entwertet wurde, hatte Levinas sicher zentral geprägt (es folgte auch die Weigerung Deutschland nach 1945 jemals wieder zu betreten). Die Frage, wie es in einer Gesellschaft, die die Freiheit als höchsten Wert einschätzte unter Hitler zu einer völligen Entwertung des Einzelnen kam, ist für Levinas als Frage zentral. Diese Frage schlägt durch auf alle Analysen zur Ontologie und Metaphysik. Immer steht im Zentrum die Frage, welche tiefergehenden Wurzeln das Versagen der bürgerlich-liberalen Gesellschaft hatte, Wurzeln, die bis in die Grundlagen der traditionellen Philosophie hineinreichen und die auch Husserl und Heidegger als Denker des 20. Jh. betreffen.
Die Kritik der Phänomenologie wird ebenfalls im ersten Teil dargelegt. Husserls Phänomenologie sollte die Philosophie Ende des 19 Jh. neu fundieren, d.h. auf evidente (absolut einleuchtende) Grundlagen stellen. Genau zu beschreiben, war der Kern dieser Erkenntnismethode. Alle Vorurteile sollten abgestreift werden. Husserl hatte auch die Erfahrung des anderen Menschen beschrieben. Warum erscheint mir der Andere als anderer Mensch und nicht als Ding bzw. Gegenstand? Husserl antwortete, indem er auf die Analogie verwies: Ich übertrage mein eigenes Erleben auf den Anderen. Der Andere ist – ganz grundsätzlich – wie ich! Nach Levinas bleibt man hier im Ego stecken. Man übersieht, dass der Andere grundlegend anders ist als ich. Levinas entdeckte hier das Phänomen der Alterität: Der Andere ist der ganz Andere. Er ist kein neutrales Faktum, sondern ein Anruf an mich: Hilf mir, töte mich nicht! Wenn man nach Levinas genaue Phänomenologie betreibt, wird deutlich, dass das Gesicht des Anderen, sein Blick eine unbedingte Forderung an mich ist, zu helfen. Diese Punkte hat Husserl in seiner Phänomenologie übersehen; Levinas entdeckte etwas fundamental Neues, etwas was die Grenzen des Egos bereits vom eigenen Erleben her deutlich machte. Es gibt etwas, was nicht nur Erleben ist: den Anderen! Er ist extraphänomenal.
Die Auseinandersetzung mit Heidegger (ebenfalls im ersten Teil) ist komplex. Heidegger hatte ja schon selbst in den 20er Jahren deutlich gemacht, dass er die traditionelle Philosophie – und auch seinen Lehrer Husserl – überwinden wolle. Levinas ging diese Überwindung nicht weit genug. Heidegger bleibt zu sehr in der Sorge um sich selbst stecken. Er übersieht die Heiligkeit des Anderen und kann ihn nur als Mitmenschen in der Masse fassen. Der Andere ist für Heidegger Hindernis bei der Selbstverwirklichung. Er ist nicht – wie nach Levinas – Anruf (hilf mir!), der mich erst eigentlich zum Individuum macht. Das Individuum entsteht für Levinas aus der Beziehung zum Anderen. Die Beziehung hat Vorrang. Sie ist aber nicht symmetrisch. Der Andere ist ein Ruf aus der Höhe (Asymmetrie).
Im zweiten Teil vertieft Levinas die genannten Punkte. Das Gesicht des Anderen wird hier deutlich herausgearbeitet. Das Gesicht ist kein Phänomen (mein Erleben). Das Gesicht ist radikal der Andere. Es ist Störung (S. 77) meinen Egos. Es ist Untersagung des Mordes (des Anderen) (S. 79).
Der dritte Teil akzentuiert unsere Verantwortung und Verletzlichkeit. Heidegger kennt keinen Körper, nur Dasein und Existenz. Gerade weil wir verletzlich sind, können wir – nach Levinas- die Verletzlichkeit des Anderen erfassen. Nicht unsere Freiheit hat das Primat, sondern die Verantwortung (S. 97). Levinas steigert hier noch: Wir sind nicht nur verantwortlich für den Anderen, wir sind Geisel des Anderen und wir sind Stellvertreter (117). Als Stellvertreter tragen wir die Schuld des Anderen. Die Schuld der Täter, die Levinas in der Gefangenschaft erlebte, soll von den Opfern getragen werden. Wie der Messias sollen wir die Schuld der Anderen auf uns laden!
Im vierten Teil wird das Leben vor der Ethik behandelt. Zentral sind hier die Nahrungen (S. 125). Hier zeigt Pelluchon Ansatzpunkte einer Erweiterung des Ansatzes von Levinas in Bezug auf eine ökologische Ethik. Den Rubikon bildet für Levinas der andere Mensch. Erst das Gesicht des Anderen begründet das Ethische. Pelluchon will hier früher einsetzen und z.B. auch die Tiere ethisch berücksichtigen.
Im fünften Teil erfolgt eine erneute Auseinandersetzung mit Heidegger. Letzterer hat das eigentliche Sein des Daseins in den 30er Jahren in der Herkunft verortet. Die „Gewesenheit“ (Vergangenheit) ermöglicht meinen Entwurf. Nach Heidegger bin ich faktisch und wenn ich angesichts des Verfalls der traditionellen Werte nicht ins Bodenlose fallen will, muss ich Halt in meiner Herkunft finden. Eine biologistische Interpretation (die Heidegger im Gegensatz zu den Nazis nicht machte) ist hier nur noch ein kleiner Schritt. Levinas begreift dagegen den Menschen von der Zukunft her. Der Andere ist der Einbruch in mein Ego, holt mich in die Verantwortung und löst auch das Problem der Langeweile, das Heidegger so sehr beschäftigte.
Der sechste Teil zeigt den Bezug zur Politik. Das Politische und die Gerechtigkeit sind nicht etwas, was sich einstellt, wenn die Konflikte zwischen den Individuen reguliert werden sollen. Wenn wir so beginnen – so Levinas – landen wir in der Zerstörung. Das Politische und der Staat müssen neu gedacht werden. Zentral ist das Gesicht des Anderen. Dieses verweist auf alle Menschen. Jeder hat ein Gesicht und ist ein Individuum, dass der Hilfe bedarf. Es ist leicht nachvollziehbar, dass diese Sicht bereits kritisch in Bezug auf bürokratische Gleichmacherei ist. Vollkommen abgelehnt wird damit jede Form der Gleichschaltung sowie jeglicher Totalitarismus. Levinas geht davon aus, dass seine Argumente gegen den Totalitarismus wirkungsvoller sind als die des Liberalismus, der das Nebeneinander autonomer Individuen zum Ausgangspunkt hat. Der Mensch ist dagegen für Levinas eingebunden in Beziehungen und der Ruf des Anderen hat Vorrang.
Im siebenten Teil werden die Begriffe „Friede“, „Güte“ und „Pluralismus“ entfaltet. Freiheit ist immer erhaltene Freiheit. Freiheit hat keine Priorität. Die Verantwortung gegenüber dem Anderen steht im Vordergrund. Ich werde ich, weil ich für andere Verantwortung übernehme. Ich kann nicht im reinen Kreisen um mich selbst existieren. Selbst der entschiedenste Wille, ich selbst zu sein (wie Heidegger es darlegte) führt nicht aus der Bodenlosigkeit (gibt keinen Halt).
Abschließend wird das Verhältnis zur Religion dargelegt. Levinas Denken bezieht sich ausgesprochen stark auf das Alte Testament. Es ist aber mehr – wie Pelluchon betont – als eine Übersetzung der Bibel ins Philosophische. Zentral ist der Gedanke, dass Gott für uns verborgen ist und dass das Gesicht des anderen Menschen die Spur Gottes oder des Unendlichen ist. Pelluchon macht aber deutlich, dass man Levinas Werk auch unabhängig von der Religion lesen kann. Die Verantwortung gegenüber dem Anderen kann auch säkular interpretiert werden.
Diskussion
Pelluchons Anspruch ist, auch Nichtphilosophen den Ansatz von Levinas verständlich zu machen. Über weite Strecken sind die Formulierungen sehr prägnant und können absolut gewinnbringend von einem breiteren Publikum gelesen werden. Manchmal sind die Sätze allerdings zu lange geraten und erst nach mehreren eher irritierenden Nebensätzen wird der ursprüngliche Gedanke zu Ende geführt.
Das Gesamtwerk von Levinas wird in Breite dargelegt (mit Ausnahme des Frühwerks), hauptsächlich die Bereiche, die für Professionelle helfender Berufe besonders interessant sind. Das Verhältnis zum anderen Menschen sowie die politischen Konsequenzen bilden den Kerninhalt des Buches. Sinnvollerweise (bezogen auf die Zielgruppe) bleiben rein ontologische oder metaphysische Darstellungen im Hintergrund. Allenfalls bei der Auseinandersetzung mit Heidegger nehmen die rein philosophischen Analysen – z.B. über Sein und Seiendes – etwas größeren Raum ein.
In Bezug auf Levinas könnte schnell der Gedanke der Überforderung kommen. Ist eine solche Ethik dem Menschen gemäß? Wird nicht zu viel Verantwortung für Andere verlangt und bleibt die Sorge um sich selbst nicht zu sehr oder ganz im Hintergrund?
Angesicht der weitverbreiten Denkweisen in unserer Gesellschaft, bei denen das Ego über alles geht, bildet Levinas Philosophie ein sehr nötiges Korrektiv. Gerade Kürzungen im sozialen oder medizinischen Bereich werden oft so begründet, dass diese Bereiche reine Kostenfaktoren wären und keinen Nutzen brächten. Liegen solchen Wertungen nicht grundlegend falsche Denkweisen zugrunde? Eine Auseinandersetzung mit Levinas kann zumindest gut begründete Grundauffassungen anführen, die sehr konträr zu gängigen neoliberalen Auffassungen stehen. Wer für den Ruf des Anderen sensibilisiert ist, wird kaum die gängigen Abbauparolen in Bezug auf den Sozialstaat mitschreien. Dies gilt auch für Forderungen zur Aufrüstung oder zur Abdichtung der Landesgrenzen (Gastfreundschaft war ebenfalls ein wichtiger Begriff bei Levinas).
Fazit
Pelluchons Buch führt vorzüglich in die Philosophie von Levinas ein. Es sensibilisiert exzellent für die Paradoxien einer Freiheit, die sich nicht maßgeblich als Geschenk einer Verantwortung für den Anderen begreift. Menschliches Leben braucht in Zukunft mehr Güte. Deshalb ist Levinas (vor 30 Jahren verstorben) ein Philosoph für unsere Zeit (2025). Dies zu zeigen ist der Autorin gut gelungen.
Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Professor i.R. für Philosophie und Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Sachsen
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