Daniel Kieslinger, Maja Graeber: Profession und Professionalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 11.06.2026
Daniel Kieslinger, Maja Graeber: Profession und Professionalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe. Anforderungen inklusiver Weiterentwicklung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2025. 350 Seiten. ISBN 978-3-7841-3802-2. 28,00 EUR.
Thema
Das Buch blickt ausgehend von den Änderungen und Anforderungen im Kinder‑ und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) und im Hinblick auf das noch ausstehende Inklusive Kinder‑ und Jugendhilfegesetz, wozu gerade im Frühjahr 2026 ein neuer Referentenentwurf der Bundesregierung vorgelegt wurde, darauf, wie sich die Kompetenzen von Fachkräften in der Kinder‑ und Jugendhilfe weiterentwickeln müssen. Die Kinder‑ und Jugendhilfe befindet sich in einem fundamentalen Wandel. Durch das KJSG 2021 haben sich die rechtlichen und fachlichen Voraussetzungen für Professionelle in der Kinder‑ und Jugendhilfe geändert. Während die Bedarfe junger Menschen einerseits immer komplexer werden, werden qualifizierte Fachkräfte immer weniger. Neben Bedarfsplanung und Qualitätsentwicklung stehen die Auswirkungen der Weiterentwicklung auf die unterschiedlichen Arbeitsfelder der Kinder‑ und Jugendhilfe und die darin professionell Tätigen im Fokus.
Herausgeber:in
Daniel Kieslinger ist Geschäftsführer der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz und war bis 2024 stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbandes Caritas Kinder‑ und Jugendhilfe (BVkE) und Leiter des Modellprojekts Inklusion jetzt! Maja Graeber ist Referentin beim Bundesverband Caritas Kinder‑ und Jugendhilfe e.V. (BVkE). Unterstützt werden sie von zahlreichen Autor:innen mit ausgewiesener Fachexpertise.
Aufbau & Inhalt
Das Buch ist in drei inhaltliche Themenblöcke unterteilt. Im ersten Teil Professionsentwicklung und Professionalisierung im Kontext einer inklusiven Kinder‑ und Jugendhilfe liegt der Fokus auf analytischen Beiträgen zur Professionsentwicklung im Rahmen einer inklusiven Kinder‑ und Jugendhilfe. Im Fokus stehen dabei statistischen Einordnungen, die Zusammenarbeit mit Selbstvertretungen und verständlichen Beteiligungsformaten bis hin zu Anforderungen im inklusiven Kinderschutz, in Kita, Ganztag und Erziehungsberatung. Im weiteren Verlauf folgen Beiträge zur Rolle der Verfahrenslots:innen, zur Jugendhilfeplanung und Qualitätsentwicklung sowie zur Weiterentwicklung von Fallkonstruktion und Leitungskompetenz als Schnittstellen von Recht, Organisation und Profession. Dabei werden Fragen diskutiert, die perspektivisch zu beantworten sind: sowie zur Weiterentwicklung von Fallkonstruktion und Leitungskompetenz beleuchten dabei die Schnittstellen von Recht, Organisation und Profession. Ganz konkret setzt sich zum Beispiel Tobias Bernasconi mit der im SGB VIII an mehreren Stellen explizit verankerten Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in verständlicher, nachvollziehbarer und wahrnehmbarer Form auseinander. Dazu werden Instrumente vorgestellt, die im inklusiven Kontext die Umsetzung dieses Rechtsanspruchs gewährleisten können. Dazu gehören zum Beispiel die Unterstützte Entscheidungsfindung, Partizipations-Ziel-Planung und Talking Mats. Es wird erklärt, wie Beteiligung auch bei eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeiten umgesetzt werden kann, schließlich ist Partizipation eine Grundlage professionellen Handelns „und ist Schlüssel zu echter Inklusion“ (S. 60).
Wesentlich mehr in die Praxis taucht der zweite Teil mit dem Titel Einblicke in die Praxis ein, in dem beschrieben wird, mit welchen konkreten Anforderungen Fachkräfte und Organisationen in der Praxis konfrontiert sind. Nadja Harm stellt hier unter dem Titel Inklusion bedeutet Passgenauigkeit das Projekt „Erfolgreich in Ausbildung“ als Praxisbeispiel für eine inklusive Berufsorientierungsmaßnahme vor. Die Autorin berichtet dabei unter anderem, welchen Herausforderungen die Fachkräfte regelmäßig begegnen, um eine inklusive Jugendberufshilfe umzusetzen und wie sie mit diesen umgehen. Deutlich wird, dass sich der Wege zu einer inklusiven Jugendhilfe mit all ihren Facetten nicht mal „so eben“ meistern lässt, sondern von Herausforderungen und auch Fehlern geprägt sein kann. Entscheidend dabei: Wie gehen die Fachkräfte und auch die Organisation mit solchen Misserfolgen um. In diesem Abschnitt werden Entwicklungsprozesse ausgewertet, von Erfolgen aber auch Misserfolgen berichtet sowie anhand konkreter Beispiele erläutert, wie inklusives Arbeiten gelingen kann: von Jugendberufshilfe über inklusive Inobhutnahme und Eltern-Kind-Einrichtungen bis zur multiprofessionellen Zusammenarbeit. Dabei wird der Zusammenhang zwischen fachlichen Leitbildern wie Beteiligung, Lebenswelt-, Ressourcen‑ und Sozialraumorientierung mit rechtlichen Neuerungen, zum Beispiel Verfahren, Zuständigkeiten oder Qualitätssicherung, korrelieren und wo Reibungen entstehen, die professioneller Aushandlung bedürfen.
Im dritten Teil Perspektiven auf die Weiterentwicklung einer inklusiven Kinder‑ und Jugendhilfe diskutieren die Autor:innen unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven, welche Anforderungen an Profession(en) und Professionalisierung durch eine inklusive Kinder‑ und Jugendhilfe gestellt werden. So steht zum Beispiel im Blickfeld, inwieweit die Perspektive der Adressat:innen zu handlungsleitenden Bezugspunkten in Hilfeplanung, Übergangsgestaltung und Nachbetreuung werden. Hierzu kommt Angelina Kaiser als Careleaverin zu Wort und beschreibt aus ihrer Sicht, was Fachkräfte brauchen, damit inklusive Jugendhilfe gelingen kann. Denn für sie beginnt Inklusion bereits sehr früh – nämlich dort, „wo junge Menschen als eigenständige Rechtssubjekte anerkannt werden – nicht als Objekte pädagogischer Fürsorge. Beteiligung wird dabei nicht als Methode, sondern als demokratisches Grundprinzip verstanden“ (S. 381). Aus Perspektive der Eingliederungshilfe wird die Bedeutung von heilpädagogischer Förderung sowie medizinisch/​pflegerischer Kompetenz dargestellt, was im Zuge einer vorrangigen Gesamtzuständigkeit der KJH für alle junge Menschen die Notwendigkeit des Einbezugs weiterer Disziplinen und den Anspruch an Multiprofessionalität unterstreicht. Schließlich wird aus Perspektive der Kinder‑ und Jugendhilfe reflektiert, welche Anforderungen die Weiterentwicklung des Systems an Profession und Professionalisierung stellt und wie diesen begegnet werden kann.
Diskussion
Eine nachvollziehbare Struktur mit einer sehr differenzierten Auseinandersetzung mit dem, was da kommen mag: Dieses Buch überzeugt mit einer klaren Positionierung sowohl im Hinblick auf die Chancen als auch die Herausforderungen, die die Neugestaltung der Jugendhilfe mit sich bringen. Gerade im Hinblick auf den soeben vorgelegten Referentenentwurf der Bundesregierung für die gesetzlichen Regelungen einer inklusiven Jugendhilfe ‚aus einer‘ Hand ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag.
Fazit
Wie auch immer das neue SGB VIII am Ende aussehen wird, klar ist: Es wird sich vieles ändern für die Fachkräfte der Jugend‑ und Eingliederungshilfe. Das Buch ist diesbezüglich ein wichtiger Beitrag und zeigt sowohl Chancen als auch Herausforderungen auf.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
Mailformular
Es gibt 245 Rezensionen von Wolfgang Schneider.





