Sabine Richter: Voll behindert, Alter!
Rezensiert von Dipl. Päd. Martin Zauner, 08.01.2026
Sabine Richter: Voll behindert, Alter! Ein Sommer am A ... . der Welt. Jugendroman - zufällig inklusiv. edition Riedenburg e.U. (Salzburg) 2025. 288 Seiten. ISBN 978-3-99082-179-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
Thema
In Sabine Richters Jugendroman „Voll behindert, Alter!“ erzählt die fünfzehnjährige Mia aus der Ich-Perspektive, wie es ihr ergangen ist, nachdem sie gegen ihren ausdrücklichen Willen und Widerstand mit ihrer Familie von Düsseldorf in ein sehr kleines Nest im Schwarzwald umziehen musste: 23 Häuser, zwei Straßenlaternen, ein Zigarettenautomat – Prost Mahlzeit! Na, wenigstens ist es Sommer und warm.
Welche Themen werden dabei behandelt, angeschnitten, gestreift? Nun, da geht es um einschneidende Veränderungen im Leben einer Jugendlichen, um neue Kontakte und Freundschaften, um Ver- und Misstrauen, um funktionierende und weniger funktionierende Kommunikation, um jugendliche Identität und deren Suche, um Selbstbewusstsein und Selbstzweifel, Selbstsicherheit und Unsicherheit, um Mut und mancherlei Befürchtungen und Ängste.
Daneben oder obendrein oder vielleicht auch zentral geht es um Behinderung, Teilhabe, Integration, Diversität und Inklusion. Mia ist nämlich wegen ihrer Spastik auf einen Rollstuhl angewiesen.
Und nicht ganz am Rande geht es auch noch um Kühe und Rehe, um Lagerfeuer- und Heubodenromantik und um Porzellankatzen.
Autorin
Sabine Richter wurde 1981 in Düsseldorf geboren, in derselben Stadt also wie Mia, ihre Protagonistin. Was möchte sie? Zwei Dinge, wie auf Seite 280 ihres Buches zu lesen ist: Zum einen möchte sie durch ihre Geschichten Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung auf ihrem Lebensweg unterstützend begleiten, zum anderen ein Bewusstsein im öffentlichen Raum schaffen. Sabine Richter ist eine Expertin mit viel beruflicher und privater Erfahrung. Sie arbeitet als examinierte Sonderpädagogin in Teilzeit und lebt mit ihrem Mann sowie vier teils mehrfach behinderten Pflegekindern im Rheinland.
Aufbau
Mia erzählt ihre Sommergeschichte in 26 kurzen Kapiteln. Daran schließt sich ein umfangreiches Begleitmaterial mit Aufgaben und Übungen an, die sich teils an einzelne Leser*innen, teils auch an Gruppen wie beispielsweise Schulklassen richten.
Und das Ganze gibt es gleich zweimal – nämlich auch noch in leichter Sprache, mit etwas anderen Aufgaben und Übungen.
Inhalt
Im Folgenden werden die einzelnen Kapitel inhaltlich kurz umrissen. Damit ist natürlich für alle, die sich vom Buch überraschen lassen wollen, die Lektüre dieses Abschnitts nicht empfohlen.
Kapitel 1 erklärt, wieso Mia, die Erzählerin, 17 Porzellankatzen besitzt, obwohl sie diese gar nicht sammelt, und dass „behindert“ ein Teekesselchen ist und sowohl behindert als auch bescheuert bedeuten kann, und dass die Protagonistin schwerbehindert ist.
In Kapitel 2 stellt sich Mia vor: 15 Jahre, Zehntklässlerin, Rollstuhlfahrerin. Sie möchte daraus keine Sache machen, da das sowieso sichtbar ist, außer für Blinde. Denen würde sie das dann doch erzählen. Mia stellt fest, dass es sich manchmal blöd anfühlt, die einzige Person im Raum mit Behinderung zu sein und deshalb besondere Beachtung zu finden. Ihre Arme und Hände können sich gut bewegen, nicht aber die Beine, wegen Spastik. Mia quatscht viel und gern, ist in der Schule fleißig, möchte das aber nicht so zeigen.
In Kapitel 3 erzählt Mia, dass die Familie wegen einer beruflichen Veränderung des Vaters von Düsseldorf nach Marienberg umziehen muss. Oh Gott, Marienberg! Eine Straße und ganze 23 Häuser, die auf Google Earth kaum zu entdecken sind. Der Umzug soll in den Sommerferien stattfinden. Mia möchte nicht umziehen, genau wie ihr Bruder Jan. Und genau das verbergen die beiden auch nicht vor ihren Eltern. Diese haben ein Haus in Marienberg gekauft, mit einem Treppenlift.
In Kapitel 4 beschreibt Mia die Fahrt in das Kaff am A…. der Welt, wie sie das nennt. Jan hat dafür passende traurig-wehmütige Lieder zusammengestellt. Es wird dunkel, die Straßen eng, die Landschaft bergig und waldig. Ein Reh steht plötzlich im Weg. Mia kennt so eines bisher nur aus dem Wildpark. Okay, die Luft ist wirklich gut. Schließlich zwei Straßenlaternen und keine mehr: Ziel erreicht.
In Kapitel 5 erwartet Mia und Jan ein zugegeben schönes Haus. Auch die beiden „Kellerzimmer“, die sie bekommen, entpuppen sich tags darauf als Schmuckstücke mit eigener Terrasse und wunderbarem Ausblick. Mia erzählt, dass sie gern Geschichten schreibt und diese später einmal einem Verlag anbieten möchte. Der Treppenlift erweist sich als brauchbar. Er macht Mia unabhängiger. So erkundet sie selbstständig den Garten, durch den sogar ein Bach fließt.
Im Grunde findet Mia das neue Haus super, wie Kapitel 6 informiert. Aber es steht eben nicht in Düsseldorf. Und gerade ist alles Scheiße! Genau so und nicht anders möchte Mia das hinausschreien, um vor Frust kein Magengeschwür zu bekommen. Sie hat sich nämlich, zurück in ihrem Zimmer, die Beine zwischen Rollstuhl und Bett eingeklemmt und kann nicht vor und nicht zurück. Jan hört sie und hilft.
In Kapitel 7 erkundet Mia mit ihrem E-Rolli übelgelaunt das Dorf: Ein übersichtlicher Fußgängerweg, ein paar Häuser, tatsächlich eine dritte Straßenlaterne und ein hölzernes Bushäuschen mit festgeschraubtem Tisch. Dort hält ein Bus und zwei Mädchen in Mias Alter steigen aus. Emily und Rebecca. Ohne auf Mias Rollstuhl zu achten, fangen sie mit ihr ein Gespräch an und laden sich auch gleich selbst für den Nachmittag zu Mia nach Hause ein.
Kapitel 8 erzählt, wie Mia und ihre neuen Freundinnen zusammen einen wunderschönen Nachmittag und Abend verbringen. Zum Abschluss fahren sie gemeinsam mit dem Treppenlift – eine wilde Fahrt im Schneckentempo. Mia erfährt, dass es im Dorf auch noch Emilys Freund Karl und Rebeccas Bruder Chrissi gibt, der seine Schwester am Abend auch abholt. Chrissi ist groß, etwas frech und ziemlich nett, findet Mia. Und Jan findet Rebecca ziemlich nett.
Rebecca, so erfährt man in Kapitel 9, wohnt mit ihrer Familie in einem alten und sehr gemütlichen Bauernhof mit vielen Tieren. Dort verbringen die drei Freundinnen den nächsten Tag. Mia darf ein Kälbchen mit der Milchflasche füttern. Daneben steckt sie Rebecca, dass Jan ein Auge auf sie geworfen hat, was wiederum Rebecca zu freuen scheint.
In Kapitel 10 erzählt Mia, wie sie und ihre neuen Freundinnen an einem Bach die Ruhe genießen. Rebeccas Bruder Chrissi kommt dazu und bringt Kirschen mit. Als er bemerkt, dass Mia nicht an die Kirschen kommt, hilft er unaufgefordert. Später gesellt sich auch noch Jan dazu, als willkommene männliche Verstärkung, wie Chrissi bemerkt.
Die beiden Jungen, so berichtet Kapitel 11, verstehen sich auf Anhieb. Sie gehen für ein Lagerfeuer Holz sammeln. Als Rebecca erfährt, dass sich Jan für Outdoor-Survival-Zeug interessiert, läuft sie spontan los, um ihren Feuerstahl zu holen (der in Wirklichkeit Chrissi gehört). Ihr gefällt Jan und sie möchte ihn damit beeindrucken. Emily wiederum möchte mit Mia und Chrissi einen Quarkölteig für Stockbrot zubereiten. Dazu müssen die drei zurück zum Bauernhof.
In Kapitel 12 geschieht einiges: Emily bereitet den Teig. Mia und Chrissi gehen in den Stall. Dabei stellen sie fest, dass sie nach den Ferien in dieselbe Klasse kommen. Mia ist froh, schon einen neuen Mitschüler zu kennen. In ihrer Schule in Düsseldorf war das mit der Inklusion nämlich keine Wohlfühlkiste. Chrissi erzählt, dass er ein Jahr später eingeschult wurde und die erste Klasse wiederholt hat. Es scheint ihm unangenehm zu sein. Zurück am Bach verbringen die Jugendlichen einen schönen Abend mit Stockbrot am Lagerfeuer. Mias Brote haben dabei die Form einer Nacktschnecke, sind aber deutlich knuspriger als Rebeccas Brote in Zopf-Form. Später gesellt sich noch Emilys Freund Karl dazu und hängt danach die meiste Zeit an Emilys Lippen – wortwörtlich. Auf dem Nachhauseweg stellen Mia und Jan fest, dass die Rückkehr nach Düsseldorf vielleicht noch etwas Zeit hat: Marienberg hat eine Chance verdient.
Am nächsten Vormittag beziehungsweise in Kapitel 13 fahren die Freunde zu einem nahegelegenen Stausee und mieten sich ein kleines Elektroboot. Wie tags zuvor am Bach ist Mias Behinderung weder Thema noch Problem. Jan trägt sie aufs Boot, Rebecca und Chrissi unterstützen ihn dabei. Gegen Mittag sind sie wieder zurück.
Kapitel 14: Am Nachmittag ist Zeit für einen Besuch in St. Blasien, einer Stadt mit Dom, in dem am kommenden Wochenende ein Konzert mit Filmmusik stattfinden wird. Spontan besorgen sich die Jugendlichen Karten. Außerdem gibt es dort einen Edelstein- und Mineralienladen, in dem sich Jan und Rebecca Feuerstein und Pyrit kaufen. Mia fährt mit ihrem Rollstuhl einen Ständer mit Flyern um – äußerst peinlich. Sie kommt sich mal wieder richtig behindert und unattraktiv vor, was sie spontan zu einer „Schubladentheorie der Liebe“ inspiriert – begehrenswerte Menschen in oberen Schubladen, Menschen wie sie in den unteren. Und Chrissi? Rebeccas attraktiver Bruder mit seinem „Beliebte-Leute-Lächeln“ verhält sich widersprüchlich. Was soll Mia von ihm halten?
Eine Woche später in Kapitel 15: Das Konzert im Dom ist der Wahnsinn, findet Mia. In der Pause kommt es aber zu einem Zwischenfall. Ein Mann stößt sich an Mias Rollstuhl und wird daraufhin sehr ausfallend. Da signalisiert ihm Chrissi, dass er besser ruhig ist, sonst … Mia ist zunächst traurig, aber Chrissi schafft es, dass sie auch den zweiten Teil des Konzertes genießen kann.
In Kapitel 16 erzählt Mia von einem erneuten Aufenthalt am Bach mit Chrissi, Rebecca und Jan. Die Letztgenannten sind unzertrennlich und es kann nicht mehr lange dauern, bis sie ein Paar werden. Chrissi fragt Mia, ob sie in Düsseldorf einen Freund hat. Was für eine blöde Frage, denkt die. Das sagt sie aber nicht, sondern sie sagt: „Ich hatte nur Idioten und Angeber in meiner Stufe. Auf sowas steh ich nicht.“ Chrissi möchte plötzlich nach Hause.
Am nächsten Tag, Kapitel 17, fahren die Freunde zu einem nahen Wasserfall. Chrissi ist wieder dabei und auch Emily und Karl. Die letzten Meter wird Mia von Chrissi getragen. Sie kommt mit ihrem Rollstuhl nicht weiter und Jan und Karl können oder wollen nicht. Chrissi ist sehr nett zu Mia, aber auch seltsam empfindlich heute.
In Kapitel 18, immer noch am Wasserfall, schwimmen die Jungs im kalten Wasser. Chrissi spritzt Mia nass. Das fühlt sich so normal an und Mia ist glücklich. Chrissi erzählt ihr, dass er Basketball in der Bundesliga spielt. Wow. Überhaupt ist Chrissi toll. Das bestätigen alle, auch Karl, der allerdings noch leise dazufügt, dass Chrissi noch toller wäre, wenn er ordentlich denken könnte. Mia hat das gehört. Was war das denn?
Kapitel 19 begleitet die Freunde in einen Wald. Dort verletzt sich Chrissi bei einer Kraxelei so schwer am Fuß, dass er nicht mehr gehen kann. Chrissi setzt sich also in Mias Rollstuhl und nimmt sie auf seinen Schoß. Das war Jans Idee! Chrissi schaut so gut aus, findet Mia. Und sie gesteht sich ein, dass sie sich in Chrissi verliebt hat. Gleichzeitig weiß sie, dass sich ein Junge wie Chrissi niemals für sie interessieren wird, leider.
In Kapitel 20 erzählt Mia, wie Chrissi ein paar Tage lang kaum gehen kann und sie ihn daher zuhause besucht, um ihm vorzulesen: Hobbit und Herr der Ringe. Das genießt Chrissi sichtlich. Jan fragt Mia einmal, ob sie Chrissi toll finde. Natürlich findet sie das, und wie. Aber das würde sie nie zugeben. Und so antwortet sie nur lapidar: „Ich finde ihn nett und das war es.“
In Kapitel 21 sitzt Mia im Gras. Sie schreibt an ihrem Buch, einer Fantasy-Trilogie. Und wie immer, wenn sie ein Kapitel fertig hat, lässt sie sich dieses gerade von ihrem Tablet laut vorlesen. So findet sie Fehler. Chrissi hat sich unbemerkt zu ihr gesetzt. Als er erfährt, dass die Geschichte kein Hörbuch ist, sondern von Mia selbst geschrieben, ist er schwer beeindruckt. Er schenkt ihr eine Holzkatze, die er für sie als Dankeschön geschnitzt hat. Mia möchte sich revanchieren und Chrissi den ersten Teil ihrer Trilogie zum Lesen geben. Das lehnt dieser aber ab.
Kapitel 22: Die Freunde wollen sich einen Actionfilm im Kino ansehen und vorher schnell etwas essen. Beim Italiener ist Aktionswoche und es gibt Spaghetti in vielen Formen und Farben. Es gibt NUR Spaghetti! Mia ist entsetzt, weil sie befürchtet, dass sie sich mit ihrer Spastik total vollkleckert. Ob Chrissi das bemerkt hat? Auf jeden Fall stellt er fest, dass er gerade mehr Lust auf Pommes an der Pommesbude hat. Er fragt Mia, ob sie ihn begleiten möchte. Natürlich möchte die. Anschließend besiegt Mia den ungeschlagenen Champion Chrissi noch im Autorennspiel-Simulator – der Wahnsinn. Schließlich treffen sie die anderen wieder im Kino.
Jan erzählt Mia in Kapitel 23 und im Vertrauen, dass Chrissi sehr in sie verliebt sei. Er fühle sich aber zu dumm für sie, weil er Förderschwerpunkt Lernen hat. Zunächst kann Mia das nicht glauben. Aber da gab es tatsächlich einige Situationen in den letzten Wochen, in denen Chrissi mit ihr allein sein wollte. Wie dumm sie doch war. CHRISSI! Mia nimmt sich ein Herz und schreibt einen Brief, in dem sie Chrissi ihre Liebe gesteht. Der schaut sich den Brief kurz an und bemerkt dann trocken: „Tolle Story!“ Mia muss weinen und lässt einen verdutzten Chrissi zurück.
Mia erzählt in Kapitel 24, wie Chrissi am nächsten Tag wieder zu Besuch kommt und so tut, als wäre nichts geschehen. Mia lässt ihn abblitzen und fährt mit ihrem Rollstuhl davon – in den Wald. Verzweifelt läuft Chrissi neben ihr her und möchte wissen, was los sei. Das wisse er sehr genau, entgegnet sie, er habe ja den Brief gelesen. Nein, hat er nicht! Chrissi gesteht Mia, dass er nicht lesen kann. Diese liest den Brief vor und bekommt den ersten richtigen Kuss ihres Lebens.
Jan, der Mia im Wald sucht, erfährt in Kapitel 25 als erster, dass Mia und Chrissi jetzt ein Paar sind. Kurze Zeit später wissen es, dank Jan, auch Rebecca, Emily und Karl – und Mias und Chrissis Eltern. Die sechs Freunde verbringen die Nacht auf dem Heuboden des Bauernhofs von Rebeccas und Chrissis Eltern.
Kapitel 26: Mia und Chrissi sind unzertrennlich und glücklich. Nebenbei hilft sie ihm beim Lesenlernen und er ihr beim Stehenüben. Beide machen Fortschritte. Ferienende: Mia besucht ihre neue Inklusionsschule. Natürlich sitzt sie neben Chrissi.
Diskussion
Hauptperson des Jugendromans „Voll behindert – Alter“ ist Mia, die wegen ihrer Spastik auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Hauptperson ist auch Chrissi, der wegen einer Lernschwäche nicht lesen und schreiben kann. Das wiederum kann Mia sehr gut. Sie liest viel und gern und schreibt einen Roman. Chrissi ist seinerseits ein Bewegungsass. Er ist supersportlich und spielt Basketball in der Bundesliga. Außerdem ist er auch noch stark. So ist das. Jede und jeder ist anders. Niemand ist folglich normal oder es sind eben alle. Wie zum Beispiel Rebecca, Emily und Karl – auch Hauptpersonen. Ihrer aller Sommergeschichte eröffnet einen Reigen verschiedener Thematiken wie Freundschaft, Zuneigung und Liebe, Sehnsucht und Schüchternheit, Neugierde und Enttäuschung, Pubertät, Identität und Diversität, Befürchtung, Hoffnung und Zuversicht. Und natürlich geht es daneben auch um Einschränkungen, Teilhabe, Ex- und Inklusion.
Sabine Richter lässt in ihrem Roman Mia aus der Ich-Perspektive erzählen. Auf diese Weise können die Leser*innen nicht nur an Mias Handlungen teilhaben, sondern sie bekommen auch einen sehr persönlichen und ehrlichen Einblick in ihr Innenleben. Und da Mia alles andere als unsympathisch ist und daneben wohltuend „normal“, fällt die Identifikation mit ihr leicht. Mia erzählt eine Sommergeschichte, die sich zu einem Sommermärchen wandelt. Sie erzählt lebendig und fesselnd, mal mit einer Portion Selbst- und Fremdironie, mal auch verletzlich, verletzt und traurig. Sie erzählt von ihren inneren und äußeren Erlebnissen und natürlich speziell auch ihrer körperlichen Einschränkung, die sie immer wieder mit gesellschaftlichen und infrastrukturellen Barrieren konfrontiert. Und Mia erzählt das weder besonders defizitorientiert noch besonders dramatisch, weder klischeehaft noch moralisierend, sondern einfach so, wie’s für sie war und ist.
Sabine Richters Jugendroman „Voll behindert, Alter!“ wird von Verlagsseite für eine Altersgruppe ab 12 Jahren empfohlen. Das kommt hin. Der Rezensent hat auch eine 17-Jährige nach ihrer Meinung gefragt. Auch ihr gefällt der Roman gut. Und selbst der Rezensent, dem Jugendalter doch schon des Längerem entwachsen, hat sich nicht sonderlich zur Lektüre zwingen müssen. Dennoch ist „Voll behindert, Alter!“ ein Jugendroman und nichts sonst. Und als solcher bietet er sich gleichermaßen als Freizeitlektüre für zu Hause wie auch beispielsweise als Klassenlektüre an. Dabei könnte dann auch das umfängliche Begleitmaterial mit Reflexionsfragen, kreativen Übungen, Rezepten und Spielen zum Einsatz kommen, wo das eben passt. Denn auch wenn sich der Roman für eine Leserschaft ab ca. 12 Jahren bis irgendwann anbietet, wendet sich das Begleitmaterial in erster Linie wohl eher an relativ junge Jugendliche.
Natürlich ist es ein Schnäppchen, wenn man mit dem Erwerb eines einzigen Buches im Grunde gleich zwei Bücher bekommt. Das Sommermärchen gibt es nämlich obendrein als Version in leichter Sprache, mit großen Buchstaben und entsprechendem Begleitmaterial. Wie schon gesagt, ein Schnäppchen, aber auch viel mehr als das!
Fazit
Mia, die Erzählerin, sitzt in einem Rollstuhl, der zwar eine wichtige, bei weitem aber nicht die wichtigste Rolle spielt. Vielmehr ist der Jugendroman „Voll behindert, Alter!“ von Sabine Richter eine lebendige und lebensbejahende Coming-of-Age-Geschichte mit Tiefgang und Humor, mit einem Treppenlift als Achterbahn und Stockbroten in Schneckenform. Es geht um viele Themen und auch um Inklusion. Ein Buch, das im besten Sinn wirklich „nett“ ist und daher gleichermaßen ein Tipp für Jugendliche wie eine Empfehlung an Lehr- und andere Fachkräfte.
Rezension von
Dipl. Päd. Martin Zauner
Dipl.Päd.(univ), Dipl.Sozialpäd.(FH), Mediator (BM), AkadOR an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (Lehrgebiete: Gruppenarbeit, Teamführung /-entwicklung, Mediation, Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit)
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