Chris Jaenicke, Regine (Übersetzer) Strotbek et al. (Hrsg.): Veränderung in der Psychoanalyse
Rezensiert von Dipl.-Psych. Laslo Scholtze, 05.05.2026
Chris Jaenicke, Regine (Übersetzer) Strotbek, Elisabeth Vorspohl (Hrsg.): Veränderung in der Psychoanalyse. Selbstreflexionen des Analytikers in der therapeutischen Beziehung.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
180 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3442-7.
D: 29,90 EUR,
A: 30,80 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Thema
Im Kontext der intersubjektiven und relationalen Wende der Psychoanalyse, die sich seit den 1970er-/​80er-Jahren als Kritik an einem einseitig trieb‑ und strukturtheoretischen Verständnis entwickelt hat, sind Ideen unvermeidlicher Subjektivität, Wechselseitigkeit sowie Ko-Konstruktion von Übertragungs-Gegenübertragungsdynamik in den Fokus gerückt. Psychoanalyse wird hier wesentlich als beidseitig gestaltetes Beziehungsgeschehen verstanden. Wichtige Vertreter wie Robert D. Stolorow und George E. Atwood (intersubjektiver Ansatz) sowie Stephen A. Mitchell und Lewis Aron (relationale Psychoanalyse) sehen therapeutische Wirksamkeit weniger in der Deutung innerer Konflikte begründet als vielmehr in Beziehungserfahrung, Affektabstimmung und gemeinsamer Bedeutungsbildung.
Autor
Dipl.-Psych. Chris Jaenicke ist niedergelassener Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Supervisor und Dozent an der Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie, Berlin e.V. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Selbstpsychologie – Europäische Zeitschrift für Psychoanalytische Therapie und Forschung“. Von ihm ist bereits 2006 das Buch „Das Risiko der Verbundenheit: Intersubjektivitätstheorie in der Praxis“ bei Klett-Cotta erschienen (aktuelle Auflage 2021).
Aufbau und Inhalt
Chris Jaenickes Buch Veränderungen in der Psychoanalyse scheint sich als Standortbestimmung innerhalb einer psychoanalytischen Landschaft zu verstehen, die zunehmend von intersubjektiven, relationalen und prozessualen Denkweisen geprägt ist. Im Zentrum steht die Frage, wie psychische Veränderung zustande kommt und welche therapeutische Haltung einen lebendigen psychodynamischen Beziehungsprozess ermöglicht und fördert. Zunächst formuliert Jaenicke drei zentrale Thesen, die den theoretischen Rahmen des gesamten Buches bilden. Erstens postuliert er das Primat der wechselseitigen Beeinflussung: Psychotherapeutische Begegnung wird als Prozess verstanden, in dem sich Patient:in und Therapeut:in kontinuierlich gegenseitig affektiv, kognitiv und unbewusst beeinflussen. Veränderung ist in dieser Sicht kein einseitiger Vorgang, der sich ausschließlich im Inneren der Patient:innen vollzieht, sondern ereignet sich in einem gemeinsamen intersubjektiven Feld. Die zweite These, das Primat der Subjektivität, richtet sich gegen ein objektivierendes Verständnis psychoanalytischer Erkenntnis. Sowohl die Subjektivität der Patient:innen als auch jene der Therapeut:innen werden als unvermeidlich und konstitutiv für den therapeutischen Prozess begriffen. Jaenicke wendet sich entschieden gegen die Vorstellung, Therapeut:innen könnten ihre eigene Perspektive suspendieren oder neutral außerhalb des Beziehungsgeschehens stehen. Subjektivität wird von ihm nicht als Störfaktor konzipiert, sondern als Voraussetzung dafür, dass Bedeutung und Veränderung überhaupt entstehen können. Mit der dritten These, dem Primat der Ko-Determinierung, fasst Jaenicke diese Überlegungen zusammen. Therapeutische Prozesse werden als gemeinsam hervorgebracht verstanden: Symptome, Affekte, Übertragungs‑ und Gegenübertragungsphänomene entstehen nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel zweier Subjektivitäten. In längeren Behandlungen geraten damit nicht nur die inneren Organisationsprinzipien der Patient:innen, sondern auch jene der Therapeut:innen auf den Prüfstand. Jaenicke betont, dass nachhaltige therapeutische Wirkung nur dort entstehen kann, wo Therapeut:innen bereit sind, sich affektiv einzulassen und die eigene Verwicklung in den Prozess anzuerkennen. Veränderung entstehe dort, wo implizite emotionale Muster im Hier-und-Jetzt erfahrbar und in der Aufarbeitung von Enactments verstanden werden. Behandlungstechnik, insbesondere solche, die auf Deutung basiert, und deren zugrunde liegenden theoretischen Konzepte begegnet Jaenicke eher skeptisch und untersucht sie mit besonderem Augenmerk auf ihre Funktion als unbewusste Abwehrhilfe der Therapeut:innen, um sich gegen die Bedrängnisse der Nähe im therapeutischen Prozess abzusichern. Von diesem Standpunkt aus untersucht Jaenicke in einzelnen Kapiteln seines Buchs größere Themenkomplexe wie Aggression, „kollidierende Erfahrungswelten“ sowie auch die ödipale Dynamik. Letztere versteht er nicht als zu überwindende Entwicklungsstufe, sondern als etwas fortwährend Aktualisiertes; dabei sei entscheidend, dass erotische und aggressive Impulse weder übergangen noch pathologisiert, sondern als sinnhafte Ausdrucksformen von Beziehungserfahrungen begriffen würden. Jaenicke führt hier das Konzept des „postödipalen Objekts“ ein, das sich nicht durch Verzicht auf Begehren, sondern durch dessen Transformation auszeichnet. Erotische und idealisierende Fantasien seien nicht bloß regressiv, sondern Ausdruck eines lebendigen, entwicklungsrelevanten Beziehungsgeschehens. Dies würde Patient:innen ermöglichen, von symbiotischen Verschmelzungsfantasien hin zu einer reiferen Sexualität zu gelangen, die Differenz, Begrenzung und Eigenständigkeit des Anderen einschließt. Die Analytiker:in sei dann nicht mehr nur Träger:in ödipaler Projektionen (Elternfigur, idealisiertes Objekt), sondern werde in diesem Prozess zunehmend als realer Anderer erlebt, müsse in dieser Rolle allerdings auch ihre eigene Beteiligung am intersubjektiven Feld akzeptieren, was gerade auch hinsichtlich erotischer affektiver Resonanzen durchaus verunsichernd sein könne. Post-ödipale Entwicklung entstehe dort, wo beide Seiten imstande seien, die Spannung zwischen Wunsch und Realität auszuhalten, ohne in Idealisierung, Abwehr oder Kontrolle zurückzufallen.
Diskussion
Jaenickes Buch ist gut lesbar, lebendig und nahbar, eher redundant gestaltet, als dass es die Leser:innen theoretisch überfordern würde. Dazu tragen wesentlich auch die ausführlichen Verlaufsdarstellungen einzelner Behandlungen bei, mit denen er seine Ausführungen konkretisiert und fühlbar macht. Aber er geht noch einen (überraschenden) Schritt weiter und stellt ebenfalls recht ausführlich tiefgehende Selbstreflexionen mit Blick auf die jeweilige Behandlung dar. Dabei wird er sehr persönlich und offenbart auch etliche biographische Bezüge. Er macht damit deutlich, wie er sich das Zusammentreffen der persönlichen Erlebniswelten von Patient:in und Therapeut:in vorstellt, aus dem heraus das „therapeutische Feld“ entsteht. Da beide Beteiligte das Feld konstituieren, könne Veränderung nur geschehen, wenn beide sich – von der Dynamik des Feldes – verändern ließen. Ob Therapeut:innen Jaenicke in diesem Punkt folgen mögen, hängt wahrscheinlich auch davon ab, was genau unter „sich verändern lassen“ zu verstehen ist. Jaenickes Falldarstellungen machen deutlich, dass er diesem Involviertsein bis tief in eigene biographische Kontexte hinein nachspürt. Manch eine:r wird dies als Maßstab für jede einzelne Patient:innenbehandlung sehr ambitioniert finden. Gleichwohl kann gerade in Situationen von Blockaden oder therapeutischen Sackgassen die Frage nach dem eigenen Beitrag oder auch Nicht-Beitrag zur Dynamik des Prozesses zweifellos hilfreich sein. Jaenicke zeigt jedenfalls nachvollziehbar, wie unbewusste Schuldgefühle, Abwehrbewegungen oder Rückzüge der Therapeut:innen den Prozess blockieren können und wie dieser durch eine Neuausrichtung der Therapeut:innen wieder in Gang kommen kann. Ganz grundsätzlich entstehen seinem Verständnis nach Veränderungen weniger durch korrekte Deutung, sondern durch empathisches Zuhören und die Bereitschaft, sich affektiv einzulassen und die eigene Beteiligung an der Beziehungsdynamik durchzuarbeiten. Therapeutische Wirksamkeit wird damit eher an Haltung und Beziehungskompetenz gebunden, nicht an methodische Stringenz. Ob Jaenickes Thesen als herausfordernd-streitbar oder als fast schon selbstverständlich erlebt werden, mag sehr vom jeweiligen analytischen Standpunkt bzw. der eigenen analytischen Prägung abhängen. Es geht Jaenicke offensichtlich darum, Therapeut:innen zu ermutigen, sich ihrer eigenen Subjektivität in der Begegnung mit den Patient:innen bewusst zu sein und mit ihr auseinanderzusetzen, da seine Erfahrung als Therapeut und Supervisor ihm nahelegt, dass dies dem Prozess sehr zugutekommen könne. Sein Buch richtet sich an angehende wie auch erfahrene Praktiker:innen, die bereit sind, die eigene Rolle im therapeutischen Prozess kritisch zu reflektieren. Jaenicke plädiert für eine Psychoanalyse, die Unsicherheit nicht vermeidet, sondern als Bedingung von Entwicklung und lebendiger Begegnung bejaht.
Fazit
Jaenickes Buch versteht psychische Veränderung, im Anschluss an eine intersubjektive und relationale Psychoanalyse, nicht als einseitigen intrapsychischen Prozess, sondern als ko-determiniertes Geschehen in einem intersubjektiven Feld, das Patient:in und Therapeut:in gemeinsam hervorbringen, inklusive affektiver Beteiligung und Unsicherheiten beider Beteiligten. Ausführliche klinische Darstellungen zeigen, welchen Stellenwert der Autor der eigenen, tiefgehenden Selbstreflexion innerhalb seiner Konzeption des „therapeutischen Feldes“ beimisst. Das Buch fordert Therapeut:innen heraus, die eigene Verwicklung im Prozess ernst zu nehmen und sich persönlich involvieren zu lassen.
Conclusion
Jaenicke’s book, in line with intersubjective and relational psychoanalysis, conceptualizes psychic change not as a one-sided intrapsychic process but as a co-determined phenomenon emerging within an intersubjective field jointly created by patient and therapist, including the affective involvement and uncertainties of both participants. Detailed clinical material illustrates the extent to which the author integrates his own self-reflection into the concept of the “therapeutic field.” The book challenges therapists to take their own involvement in the process seriously and to allow themselves to become personally engaged.
Rezension von
Dipl.-Psych. Laslo Scholtze
Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Gruppenpsychotherapeut
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