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Mark Galliker: Vom Warentausch zur Tauschbeziehung

Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 23.03.2026

Cover Mark Galliker: Vom Warentausch zur Tauschbeziehung ISBN 978-3-8379-3434-2

Mark Galliker: Vom Warentausch zur Tauschbeziehung. Grundlagen sozialer Interaktion. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 275 Seiten. ISBN 978-3-8379-3434-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Diskurse der Psychologie.

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Thema und Entstehenshintergrund

Welche Rolle spielt Austausch in den unterschiedlichen Bereichen des menschlichen Lebens – etwa im wirtschaftlichen, interpersonalen und persönlichen Bereich sowie in der Berufs‑ und Alltagspraxis? Wie ist abstraktes menschliches Denken entstanden? Diesen Fragen geht Mark Galliker in seinem Buch „Vom Warentausch zur Tauschbeziehung“ nach. Er vertritt die These, dass der Austausch von Produkten eine zentrale Grundlage für die Entwicklung abstrakten menschlichen Denkens bildete. Ziel des Buches ist es, einen Beitrag zum Verständnis psychosozialen menschlichen Verhaltens zu leisten und zugleich praxisnahe Fragestellungen zu diskutieren. Das Buch ist 2025 im Psychosozial-Verlag erschienen.

Autor

Mark Galliker (geb. 1948) ist emeritierter Professor am Institut für Psychologie der Universität Bern und eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut. Er lehrte an den Universitäten Bern, Zürich und Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Themen der Sprachpsychologie, der Evaluation von Psychotherapien und der Geschichte der Psychologie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach einer kurzen Einleitung in acht Hauptkapitel mit zahlreichen Unterkapiteln und endet mit einer knappen Schlussfolgerung. Es umfasst mit Anhang knapp 300 Seiten. Im Folgenden werden die Kapitelinhalte zusammenfassend dargestellt. Aufgrund des Umfangs des Buches werden dabei jeweils nur Schwerpunkte gesetzt.

Einleitung

Wie ist abstraktes menschliches Denken entstanden? Als zentrale Grundlage für die Entwicklung logischen und mathematischen Denkens sieht der Autor Mark Galliker den Austausch von Produkten – eine Praxis, die bereits früh in der Menschheitsgeschichte entstanden ist. Um Waren oder Produkte austauschen zu können, müssen unterschiedliche Dinge qualitativ gleichgesetzt werden. Dieser Vorgang erfordert einen abstrakten Denkprozess. „Die wertmäßige Gleichsetzung ausgetauschter Produkte bedeutet Gleichheit des Verschiedenen in abstrakter Hinsicht. Vom Ende aus betrachtet: Sinnlich verschiedene Dinge werden übersinnlich, eben abstrakt, in Übereinstimmung gebracht“ (S. 12).

Kommunikativer Austausch

Mark Galliker beginnt auf der zwischenmenschlichen Beziehungsebene und veranschaulicht anhand fiktiver wie auch realer Beziehungen Beispiele sogenannter ausgeglichener und unausgeglichener Tauschverhältnisse. So betrachtet er die literarische Figur Jules Maigret von Georges Simenon, der eine sehr ausgeglichene Ehe mit Louise Maigret zu führen scheint, und stellt diese der deutlich unausgeglichenen freundschaftlichen Beziehung zwischen den beiden französischen Maler Édouard Manet und Edgar Degas gegenüber.

Darüber hinaus thematisiert Galliker die natürliche Eltern-Kind-Beziehung, die zu Beginn typischerweise unausgeglichen ist und mit zunehmendem Alter des Kindes schrittweise von Gegenleistungen geprägt wird – zunächst in Form kleiner Beiträge (etwa Mithilfe im Haushalt), später in tragenderer Weise (z.B. Übernahme oder Weiterführung des elterlichen Geschäfts oder die Pflege der Eltern im Alter). Tauschverhältnisse beginnen demnach bereits mit der Geburt und sind tief im psychosozialen Eltern-Kind-Verhältnis verankert.

Zugleich stellt sich die Frage, was für die Entstehung von Tauschverhältnissen entscheidend ist, mit welchen Bedingungen sie verknüpft sind und welche theoretischen Ansätze zu ihrem Verständnis beitragen. Tauschbeziehungen sind in erster Linie normativ bestimmt. So gilt nach Alvin W. Gouldner (1984): „Man hilft Personen, die einem geholfen haben, und von Personen, denen man geholfen hat, erwartet man meist auch, dass sie einem bei Bedarf ebenfalls helfen werden“ (Galliker 2025, S. 25). Der Austausch vollzieht sich dabei in der Regel nicht synchron, sondern überwiegend diachron – also zeitlich versetzt über längere Zeiträume hinweg.

Austausch von Produkten und Gleichwertigkeit

Wie im Falle des kommunikativen Austauschs kann auch der Warenaustausch gleichwertig oder ungleichwertig sein. Um einen ausgeglichenen Warentausch zu ermöglichen, werden ungleiche Waren wertmäßig einander gleichgesetzt. Wird etwa ein Armband gegen einen Bettbezug getauscht, gelten beide Produkte als ebenbürtig. Diese Ebenbürtigkeit kann auch durch unterschiedliche Mengen hergestellt werden, etwa indem zwei Armbänder gegen einen Bettbezug getauscht werden. Mark Galliker zeigt in diesem Kapitel zahlreiche Beispiele zunehmend komplexer und abstrakter Berechnungen: Wie viele Kilogramm Weizen erhält ein Milchbauer für eine bestimmte Menge Milch? Und wie verändert sich das Tauschverhältnis, wenn eine der beteiligten Personen keine oder weniger Erzeugnisse erwirtschaften kann? Aus solchen Fragestellungen entwickelten sich im Laufe der Zeit immer abstraktere Rechnungen und komplexere Gleichungen, die Galliker zufolge wesentlich zur Entstehung abstrakten menschlichen Denkens beigetragen haben.

Kommunikativer Austausch und Kognition

Voraussetzung für den Warentausch ist die Wertgleichheit der ausgetauschten Güter. Entsprechendes gilt für den kommunikativen Austausch, der stets als Wechselbeziehung angelegt ist. Warentausch ist zudem immer mit einer Form von Kommunikation verbunden. Mark Galliker verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung des Begriffs Wertschätzung, der sowohl die Einschätzung des objektiven Wertes einer Ware als auch soziale Anerkennung bezeichnet.

Kognitive Prozesse sind untrennbar mit Emotionen wie Scham, Neid, Eifersucht oder Ärger verbunden, auf die Galliker im Kapitel näher eingeht. Diese Emotionen entstehen aus sozialen Interaktionen und spielen im Kontext von Tauschbeziehungen eine zentrale Rolle, da sie Wahrnehmung, Bewertung und Handeln der Beteiligten wesentlich mitprägen.

Bedeutung und Sinn von Austauschprozessen

Auch bevor in der Menschheitsgeschichte Waren ausgetauscht wurden, bediente sich der Mensch bereits seiner kognitiven Fähigkeiten – nach Mark Galliker jedoch in deutlich geringerem Ausmaß als später. „Mit der Entstehung des Warentausches beginnen sich […] Bedeutung und Sinn voneinander zu lösen“ (S. 99–100), etwa dann, wenn der Tauschwert eines Gutes geringer oder höher ist als sein Gebrauchswert.

Ein vergleichbarer Prozess lässt sich auch in der Kommunikation beobachten: Ausgetauschte Worte können zwar formal gleich verstanden werden, ihnen wird jedoch unterschiedlicher Sinn zugeschrieben. Galliker formuliert hierzu: „Anscheinend gibt es vergleichbar mit dem Warentausch im Austausch zweier Personen einerseits zunächst die Gelegenheit und Übereinstimmung, wenngleich nur auf einer abstrahierenden, allgemeinen Ebene, und andererseits eben zwei Personen und damit auch Positionen mit diversem Sinnverständnis“ (S. 113–114).

Marktgemäße Kommunikation und Kognition

Die Gegenwart ist stark vom Warentausch geprägt. Denken, Verhalten und Kommunikation sind explizit oder implizit davon beeinflusst, und es fällt Menschen kaum möglich, sich diesen Logiken zu entziehen. Daraus können Leistungsdruck, Zwänge und Unsicherheiten entstehen – im Extremfall auch soziale Ängste. Mechanismen von Angebot und Nachfrage steuern dabei oftmals unbewusst Machtverhältnisse. Dies zeigt sich unter anderem in der Zusammensetzung von Gemeinschaften, etwa in Geschlechterverhältnissen. Mark Galliker spielt hierzu verschiedene Szenarien durch: „Wenn […] die Frauen in der zahlenmäßigen Minderheit sind, achten sie weniger auf die männlichen Präferenzen und ihre äußere Erscheinung und sind selbst wählerischer. Wenn ein Männerüberhang vorhanden ist, steigen entsprechende Ansprüche an. Die Männer müssen sich vermehrt anpassen und die Frauen geben nun eher den Ton an“ (S. 133).

Im weiteren Verlauf des Kapitels thematisiert Galliker die Bedeutung von Selbstwertschätzung, die bereits Adolph Freiherr Knigge als zentrale Voraussetzung dafür ansah, von anderen wertgeschätzt zu werden. Abschließend wendet sich Galliker den Themen Mobbing und Diskriminierung zu und stellt fest, dass Tauschdenken eine wesentliche Grundlage diskriminierender Praktiken bilden kann: „Diskriminiert werden vor allem vom Kapital nicht verwertbare Flüchtlinge aus südlichen Ländern, von denen kein ausreichender Gegenwert zum sozialen Aufwand im Sinne des Ausgleichs des Tauschwertes erwartet wird“ (S. 156).

Meinungstausch und Öffentlichkeit

Mark Galliker untersucht den Meinungsaustausch in unterschiedlichen Epochen – von der Antike über das Mittelalter und die Renaissance bis hin zur Briefkultur und dem intensiven Gedankenaustausch der Romantik, aus dem schließlich der Übergang zum öffentlichen Meinungsaustausch hervorging. In der Gegenwart, so Galliker, lässt sich eher von einem Leben in den Medien als von einem Leben mit den Medien sprechen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern mediale Wirklichkeitsdarstellungen von der jeweiligen wirtschaftlichen Formation abhängen. Galliker argumentiert, dass Meinungsmonopole eine erhebliche Marktmacht ausüben und „den Markt beherrschen, sodass von ›freier Marktwirtschaft‹ auch im Medienbereich nicht mehr die Rede sein kann“ (S. 181). Meinungen entsprächen demnach häufig dem Mainstream und stimmten weitgehend mit der Politik der jeweiligen Regierung überein. In einem Unterkapitel spricht Galliker in diesem Zusammenhang sogar von einer „Gleichschaltung von Meinungen“ (S. 183).

Psychopathologie und Tauschprinzip

Unsere Leben sind von Kindheit an vom Tauschprinzip geprägt. Dies zeigt sich nicht nur im Arbeitsleben oder bei der Stellensuche, sondern ebenso im alltäglichen Handeln, etwa beim Einkaufen. Abwehrmechanismen wie die Verleugnung lassen sich als Reaktionen auf dieses allgegenwärtige Tauschprinzip verstehen. Mark Galliker verweist hierzu auf das Märchen Hans im Glück, in dem der Protagonist das Tauschprinzip konsequent ignoriert, dadurch zwar objektiv Verluste erleidet, subjektiv jedoch glücklich bleibt. Hans wird damit zugleich Opfer des Tauschprinzips und ein Gegenentwurf zu dessen Logik.

Galliker fragt in diesem Kapitel auch danach, welche Personengruppen das Tauschprinzip stärker oder schwächer berücksichtigen. So orientieren sich Angehörige niedrigerer sozialer Schichten häufig weniger an Tauschlogiken als solche höherer sozialer Schichten. Im weiteren Verlauf widmet sich Galliker verschiedenen Krankheitsbildern und zeigt auf, wie ein Mangel an Austausch zur Entstehung oder Verstärkung psychischer Belastungen beitragen kann. Dies verdeutlicht er unter anderem am Phänomen des Stimmenhörens: „Oft ist die akustische Halluzination durch mangelnde Kontakte und Möglichkeiten eines wirklichen Austausches mit anderen Menschen, also durch Einsamkeit und/oder durch Stress bedingt. Die Isolation mag zuweilen auch eine Folge des Phänomens sein oder dieses verstärken. Die Stimmen können zu einem weiteren oder längeren Rückzug der betroffenen Person führen, wodurch sie in einen circulus vitiosus hineingerät. Einsamkeit begünstigt das Grübeln und in möglicher Folge auch das Auftreten von Halluzinationen“ (S. 218).

Psychotherapie und kommunikativer Austausch

Im letzten Kapitel seines Buches fragt Mark Galliker, wie psychischen Folgen des omnipräsenten Tauschprinzips mithilfe therapeutischer Maßnahmen begegnet werden kann. Er stellt verschiedene therapeutische Ansätze vor, darunter die Kognitive Verhaltenstherapie, die Systemische Therapie, die Psychoanalyse und die Gesprächspsychotherapie.

In seiner Schlussbemerkung verweist Galliker noch einmal auf die Vor‑ und Nachteile einer Gesellschaft, die dem Tauschprinzip folgt, und darauf, wie stark dieses unser tägliches Leben prägt. „So können sich viele Menschen ein Leben, in dem nicht Warenverhältnisse bestimmend sind und sich letztlich nicht alles um Geld dreht, nicht einmal mehr vorstellen“ (S. 253). Zugleich macht Galliker auf Ungerechtigkeiten aufmerksam, die aus dem Tauschprinzip entstehen können – etwa dann, wenn jemand etwas benötigt, jedoch nicht in der Lage ist, eine Gegenleistung zu erbringen.

Abschließend diskutiert Galliker die Frage, ob eine Post-Tauschgesellschaft denkbar wäre: eine reziproke Gesellschaft, in der das Wir im Zentrum steht. „Bei der Beachtung des Prinzips der Reziprozität geht es den Personen beidseitig der Interaktion gut und nicht wie bei kommunikativem (Quasi-)Warentausch der einen Seite immer besser und der anderen immer schlechter“ (S. 260). Mit diesem Ausblick auf eine alternative Gesellschaftsform endet das Buch.

Diskussion

Der Ansatz des Buches ist interessant, da es einen sehr plausiblen Gedanken verfolgt: die zentrale Rolle des Tauschprinzips für die Entstehung des abstrakten menschlichen Denkens. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass noch stärker auf die historischen Ursprünge des Tauschprinzips eingegangen wird – etwa wann und wie es tatsächlich begann und welche archäologischen oder historischen Quellen dafür existieren. Persönlich hat mich der Schreibstil des Autors nicht vollständig abgeholt. Galliker lässt immer wieder literarische Beispiele einfließen, was anschaulich ist, für mich teils jedoch zu sehr ausschweift. Die vielen Unterkapitel erzeugen zudem eine gewisse Unübersichtlichkeit. Aufgrund der umfangreichen psychotherapeutischen Inhalte würde ich das Buch eher einem Fachpublikum empfehlen. Dennoch enthielt das Buch für mich einige neue Erkenntnisse und Aha-Erlebnisse.

Fazit

Das Buch von Mark Galliker zeigt, dass das Tauschprinzip eine zentrale Rolle für die Entstehung abstrakten Denkens und auch für die Gestaltung menschlicher Beziehungen spielt. Es verdeutlicht, wie wirtschaftliche, soziale und kommunikative Austauschprozesse unser Denken, Verhalten und soziale Strukturen prägen.

Literatur

Gouldner, A. W. (1984). Reziprozität und Autonomie: Ausgewählte Aufsätze. Suhrkamp.

Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
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Es gibt 20 Rezensionen von Franziska Sophie Proskawetz.

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ISSN 2190-9245