Maria Jäger: Die Kindertransporte nach Großbritannien 1938/39
Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 26.08.2026
Maria Jäger: Die Kindertransporte nach Großbritannien 1938/39. Sequenzielle Traumatisierungen und psychosoziale Langzeitfolgen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 407 Seiten. ISBN 978-3-8379-3425-0. D: 46,90 EUR, A: 48,30 EUR.
Autorin
Maria Jäger, M.A. ist Sozialwissenschaftlerin und promovierte an der Ruhr-Universität Bochum am Lehrstuhl Sozialtheorie und Sozialpsychologie.
Entstehungshintergrund
Im Jahr 1938/39 wurden etwa 10.000 jüdische Kinder nach Großbritannien gebracht, um sie vor dem antisemitischen Terror zu retten. Ihre Erlebnisse, Traumatisierungen und Langzeitfolgen werden analysiert im Hinblick auf ihr subjektives Erleben in einem gesellschaftlichen Kontext.
Aufbau
Nach einer Einführung von Jürgen Straub und einer Einleitung von Maria Jäger folgen insgesamt vier größere Kapitel: I. Historischer Kontext und Forschungsperspektiven, II. Theoretischer Hintergrund, III. Methodologische Grundannahmen und methodisches Vorgehen, IV. Empirie, V. Schlussbetrachtungen, Diskussion und weiterführende Perspektiven und zum Schluss ein Fazit und Ausblick.
Inhalt
Jürgen Straub: Ein Leben lang Kind: Psychosoziale Langzeitfolgen gewaltvoller Geschichte/n. Geleitwort. (7 Seiten) Die Kindertransporte 1938/9 zählen auch zu den Opfern des Nationalsozialismus. Zwar war Großbritannien für die Kinder ein ‚Überlebensort in der Fremde‘, allerdings mit sehr unterschiedlichen guten und sequentiell zusätzlich traumatisierenden Erfahrungen. Der Fokus der Autorin liegt auf der individuellen Erfahrung, was Achtsamkeit, Anerkennung und Solidarisierung für die Erzählungen der – inzwischen erwachsenen – Kinder voraussetzt.
Einführung
Die Kindertransporte, ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Shoah, bekamen erst in den 1980er Jahren Aufmerksamkeit. Die Kinder waren einerseits Gerettete, zugleich aber auch Traumatisierte. Die Autorin benutzt methodisch eine kulturpsychologische Perspektive (Schnittstelle zwischen Kultur und Psyche) für die Interpretation und Rekonstruktion. Teil I befasst sich mit der Historie der Transporte, Teil II mit der Anwendung der kulturpsychologischen Perspektive, Teil III ist der Methodik gewidmet, Teil IV unterzieht das Datenmaterial einer vergleichenden Interpretation, Teil V gilt weiterführenden Perspektiven.
Teil I: Historischer Kontext und Forschungsarbeit
Jäger beginnt mit dem Alltag jüdischer Kinder in Nazideutschland und beschäftigt sich dann mit der britischen Flüchtlingspolitik. Sie gibt einen Überblick über die Holocaustforschung, insbesondere betreffend die ‚Child Survivors‘, für die der Transport zugleich eine Rettung und eine Traumatisierung war.
Teil II: Theoretischer Hintergrund
Es folgt eine Darstellung der theoretischen Grundannahmen der Kulturwissenschaft, insbesondere der Kultur als ein Handlungsfeld (zweckrational, regelgeleitet und narrativ), in dem, was mit Menschen, insbesondere mit Kindern, gemacht wird. Trauma, insbesondere das soziale Trauma, wird als ein komplexes, langanhaltendes Geschehen (in Anlehnung an Keilsons Studien über sequentielle Traumatisierungen bei Kindern) interpretiert. Weitere Überlegungen beschäftigen sich mit Erinnerung, Erzählung und Identitätsstiftung, Kontinuität und Kohärenz. Die Gedächtnisforschung beschäftigt sich auch mit dem autobiografischen Gedächtnis, dem Zusammenhang von Zeit und Erzählung als Konstruktionsleistung und Identitätsstiftung und deren Intergenerationalität. Zusammenfassend werden die Kindertransporte als ein ‚polyvalentes Erlebnis‘ bezeichnet.
Teil III: Methodologische Grundannahme und methodisches Vorgehen
Grundannahmen sind Verstehen und Interpretieren und speziell bei diesem Datenmaterial: Die Erhebung (Kontaktaufnahme, Durchführung, Aufbereitung und Auswertung/Interpretation).
IV: Empirie
Die unterschiedlichen Erzählungen von Kindern, die mit dem Kindertransport nach England kamen und dadurch die Shoah überlebten, werden unter der speziellen Perspektive von sequentiellen Traumatisierungen, sozialen Traumen und subjektiven Identitätskonstruktionen vorgestellt, beginnend mit dem Modus der Darstellungen, den Einzelfall‑ und komparativen Analysen: Elsa erlebt die Flucht nach England als ein ’absolutely marvelous thing‘ (jeweils ausführliche Darstellung und Interpretation), Julia als ‚most miserable time‘ und Beth ‚it‘s sad to separate kids from Families, but I think it’s better to keep them alives‘ – drei sehr unterschiedliche nachträgliche Betrachtungsweisen aufgrund der sehr verschiedenen Erfahrungen mit den Gasteltern, den erlebten Chancen, dem endgültigen Verlust der Familie oder auch der erneuten und nicht immer positiv erlebten Vereinigung nach Kriegsende. Ausführliche Zitate aus den Interviews und Interpretationen der Autorin werden vorgestellt.
Es folgt dann eine fallübergreifende Analyse unter dem Aspekt von sequentieller Traumatisierung (Keilson): Die unterschiedlichen Erfahrungen vor dem Kindertransport (Ausschluss und Diskriminierung, Verlust und Trennung), der Transport selbst und die Ankunft in Großbritannien (Isolation und Fremdheit) und nach 1945 nicht selten eine erneute Migration. Subjektiv geht es um die Bedeutung von Verlusten und um Dankbarkeit als ein soziales Gefühl, aber auch um Ablehnung der Erinnerung an das ‚Kindsein‘. Weitere Aspekte sind das Erleben von Macht und Ohnmacht, die Grenzen des Verstehens und die Unfähigkeit zu trauern. Hinzukommen Überlegungen zur Struktur der Erzählungen ‚zwischen Kontinuität, Kontingenz und Ambivalenz‘ und abschließend ein Blick auf intergenerationale, traumatisierte und traumatisierende Beziehungskonstellationen, u.a. aufgrund des Schweigens infolge von Schuldgefühlen als Überlebende (survivor guilt). Wiederholte Erzählungen ermöglichen auch Umdeutungen und ein jeweils ‚Neu-Verhandeln‘ der Erfahrungen.
V. Schlussbetrachtungen, Diskussionen und weiterführende Perspektiven
Überblick über das ‚komplexe und polyvalente Erlebnis‘ der Kindertransporte: Das latente Thema des Todes, die sequentiellen Traumatisierungen aus kulturpsychologischer Perspektive und das Potenzial des persönlichen und heilsamen Erzählens nach traumatischen Erlebnissen. Methodische Reflexionen betreffend die Grenzen des Verstehens, die Forschungsethik, Standortgebundenheit; ein kurzes ‚Fazit und Ausblick‘ beenden das Kapitel.
Diskussion
An ausgewählten exemplarischen Beispielen zeigt die Autorin anregend und nachvollziehbar im umfangreichen empirischen Teil, welchen individuell unterschiedlichen Erfahrungen diese Kinder ausgesetzt waren, und zwar nicht nur aus unterschiedlich äußeren, sondern auch inneren Gründen. Weder vor noch nach dem gelungenen Transport nach Großbritannien war es eine homogene Gruppe, vielmehr eine sehr unterschiedliche je nach Alter, Geschlecht, Vorerfahrungen und familiären Bindungen. Ebenfalls unterschiedlich waren auch die Erlebnisse, die sie mit ihren, mitunter auch wechselnden, Gasteltern machten. Die ausführlichen Darstellungen im Mittelteil empfehle ich zuerst zu lesen, da die theoretischen Überlegungen zu Beginn zwar wichtig sind, aber erst nachvollziehbar werden, wenn man schon einen Blick in die Forschungspraxis gewonnen hat.
Mit besonderem Gewinn habe ich den ausführlichen und zusammenfassenden Schlussteil (Kapitel V) gelesen, der noch einmal die Praxis und die Theorie zusammenfasst. Durch ihn wird insbesondere deutlich, warum der kulturspezifische Blick neue Aspekte zeigt, die einem ausschließlich psychologischen Blick verborgen geblieben sein könnten: Probleme, die auftauchen, wenn man eine andere Sprache spricht und sich, gerade wenn es nötig wäre, nicht verständigen kann. Kulturelle Unterschiede in jüdischen und christlichen Familien. Die unterschiedliche Bereitschaft, eine Bindung aufzubauen, deren Dauer ungewiss ist. Und – was mir das Wichtigste dieser Untersuchung zu sein scheint –: das Erzählen und Zuhören, das auch sehr traumatisierten Kindern ermöglicht, allmählich eine kohärente Lebensgeschichte und ein sicheres Selbstgefühl zu entwickeln.
Das Letzteregilt wahrscheinlich für alle traumatisierten Kinder, da das Trauma bestimmte geltende und für sicher geglaubte Zusammenhänge zerreißt, die zwar nicht ganz weg sind, aber mühsam erst wieder zusammengeflickt werden müssen, um Kohärenz und Kontingenz zu entwickeln. Auch dabei spielen kulturelle Aspekte eine wichtige Rolle. Anfänglich habe ich gedacht, das Buch liest sich wie eine Doktorarbeit und ist nur bestimmten Leser:innen zugänglich. Der Mittelteil und die Fallberichte haben diese Einschätzung korrigiert, insbesondere da auch der Schlussteil noch einmal auf die Praxis, verbunden mit der Theorie aus kulturspezifischer Perspektive, Bezug nimmt. Selbst wenn es sich um eine sehr spezielle Gruppe in einer spezifischen Situation während der NS-Zeit und der Shoah handelt, geben die Überlegungen und Ergebnisse darüber hinaus Anregungen zum Umgang mit traumatisierten Kindern: Sie bei ihren Erzählversuchen, was geschehen ist, zu unterstützen und zu ermutigen, belastende Erfahrungen in ihrer Lebensgeschichte als ein Vorher-Während-Danach kognitiv und emotional aufzunehmen und mitteilbar zu machen. Das ermöglicht ihnen, eine soziale und kulturelle Ausgrenzung zu überwinden und positiv Subjektivität und Zugehörigkeit zu entwickeln.
Fazit
Lesenswert für alle, die mit Kindern, und nicht nur mit offensichtlich traumatisierten, arbeiten und mit einem sensibel geschärften Blick auf mögliche Verletzungen im Kontext von Beziehungen und kulturellen Differenzen aufmerksam und anteilnehmend ein offenes Ohr anbieten können und wollen.
Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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