Ludger Kolhoff: Finanzierung der Sozialwirtschaft
Rezensiert von Maik Arnold, 19.11.2025
Ludger Kolhoff: Finanzierung der Sozialwirtschaft. Eine Einführung.
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
(Wiesbaden) 2025.
3. Auflage.
251 Seiten.
ISBN 978-3-658-48703-4.
D: 34,99 EUR,
A: 35,97 EUR,
CH: 39,00 sFr.
Reihe: Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement.
Thema
Das vorliegende Buch von Ludger Kolhoff „Finanzierung der Sozialwirtschaft: Eine Einführung“, mittlerweile in seiner 3. Auflage, behandelt die zentrale Thematik der Finanzierung von „sozialen personenbezogenen Dienstleistungen“ (Klatetzki, 2010) in Deutschland. Das Lehrbuch richtet sich vornehmlich nicht nur an Studierende und Auszubildende, sondern auch an Fach- und Führungskräfte in der Praxis der Sozialen Arbeit sowie der Sozialwirtschaft und des Sozialmanagements allgemein. Die Finanzierung sozialwirtschaftlicher Organisationen hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem hochaktuellen und komplexen Feld entwickelt, das kontinuierlichen Wandlungsprozessen unterliegt: z.B. im Hinblick auf die nach wie vor bestehende Dominanz öffentlicher Mittel, die Bedeutung des sozialrechtlichen Dreiecksverhältnisses, die Etablierung der Sozialwirtschaft als sozialen „Quasimarkt“ (S. 231), die Einführung marktförmiger Steuerungsansätze und die Wettbewerbs- und Wirkungsorientierung bei der Mittelvergabe und -verwendung. Das Buch stellt einen systematisch aufgearbeiteten Navigator in dieser komplexen und dynamischen Finanzierungslandschaft dar und vermittelt notwendiges theoretisches Grundlagenwissen anhand von praktischen Beispielen.
Autor
Prof. Dr. Ludger Kolhoff hatte von 1993 bis 2025 die Professur für Soziales Management an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Braunschweig/Wolfenbüttel inne und leitete dort bis 2024 den postgradualen Masterstudiengang „Social Management“. Zu seinen aktuellen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. die Themen Entwicklung und Implementierung digitaler Bildungsangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen und das Social Entrepreneurship.
Entstehungshintergrund
Es handelt sich mittlerweile um die 3., aktualisierte und erweiterte Auflage dieses etablierten Lehrwerks. Die Erstveröffentlichung des Buches fand 2002 im Ziel Verlag statt. An dieser Auflage hat zudem Frau Lena Schönberg mitgewirkt. Als Teil der Lehrbuchreihe „Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement“ beim gleichen Verlag vermittelt das Buch zentrale Inhalte für Studium und Praxis im Berufs- und Tätigkeitsfeld Sozialmanagement in verständlicher, didaktisch sorgfältig aufbereiteter und kompakter Form.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in zwei systematisch zusammenhängende Hauptabschnitte gegliedert, die die verschiedenen Ebenen und Mechanismen der Finanzierung in Deutschland einerseits aus Perspektive der öffentlichen Träger und andererseits aus Perspektive der freien Träger beleuchten.
Im Teil I Öffentliche Träger wird zwischen der Einnahmeseite und Ausgabenseite unterschieden. Die Einnahmen der öffentlichen Leistungsträger speisen sich hauptsächlich aus vier Finanzierungsquellen (Kapitel 2): Sozialversicherungsbeiträge, Steuereinnahmen, Beiträge und Gebühren sowie Zuweisungen. Es wird auf unterschiedliche Steuerungsziele der verschiedenen öffentlichen Finanzierungssysteme eingegangen. Während das Sozialversicherungssystem sowohl auf dem Äquivalenzprinzip (Gegenleistung für Einzahlungen) und dem Solidaritätsprinzip (Leistungen nach Hilfebedürftigkeit) basiert, sind bei den Steuereinnahmen auf kommunaler, Länder- und Bundesebene insbesondere die Gebietskörperschaften die öffentlichen Kostenträger. Weitere Einnahmemöglichkeiten stellen die satzungsgemäßen Beiträge und Gebühren in der Kommune sowie die ihnen – im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs – von den Ländern zugewiesenen Finanzmittel dar.
Das Kapitel 3 fragt demgegenüber nach der Ausgabenseite der öffentlichen Träger und stellt als zentrales Finanzmanagementinstrument den öffentlichen Haushalt – traditionell gegliedert in laufende Verwaltungsausgaben und Vermögen wie z.B. Anlagevermögen und Investitionen – vor. Der Haushalt liefert nicht nur einen systematischen Überblick über erwartete und tatsächliche Einnahmen und Ausgaben, sondern dient auch der input- und outputorientierten Steuerung sowie Kontrolle des Mitteleinsatzes und der Mittelverwendung beim öffentlichen Träger. Darüber hinaus folgt die öffentliche Finanzierung den gesetzlichen Bestimmungen der Sozialgesetzen und EU-Vorgaben, z.B. Arbeitsförderung (SGB III), gesetzliche Krankenversicherung (SGB V), Pflegeversicherung (SGB XI), (aktuell noch) Bürgergeld (SGB II), Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII), Bundesteilhabegesetz (BTHG/SGB IX), Sozialhilfe (SGB XII), Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG), Betreuungsrecht (BGB) sowie EU-Strukturfonds (ESF Plus, EFRE).
Der Teil II des Lehrbuchs konzentriert sich auf die öffentlichen und privaten Finanzierungsquellen und damit die Einnahmeseite freier Träger (privatrechtliche Einrichtungen wie z.B. Vereine, Stiftungen, Genossenschaften oder GmbHs) in ihrem wettbewerbsintensiven Umfeld. Die öffentliche Finanzierung freier Träger wird in direkte (Objektförderung) und indirekte Förderung (Subjektförderung) unterschieden (Kapitel 4). Bei der Objektförderung handelt es sich um Zuschüsse (Zuwendungen), die zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben an Dritte vergeben werden (z.B. institutionelle und projektbezogene Finanzmittel). Die Subjektförderung erfolgt hauptsächlich über Leistungsentgelte, die durch die Sozialleistungsträger oder Klient:innen (z.B. individuelle Zusatzleistungen) selbst bereitgestellt werden. Der Kostenträger (z.B. Krankenkasse) schließt wiederum Verträge mit auf soziale personenbezogene Dienstleistungen spezialisierten Leistungserbringern über Sachleistungen (services-in-kind) für die Klient:innen ab (auf Basis des sozialrechtlichen Dreiecksverhältnisses), wobei Entgelte oft in regelmäßigen Aushandlungsverfahren zwischen einzelnen freien Trägern (oder auf Bundeslandebene) und Leistungsträgern festgelegt werden. Leistungsentgelte werden typischerweise als tagesgeldbezogene Leistungsentgelte (Pflegesätze) für stationäre/teilstationäre Einrichtungen oder als Fachleistungsstunden für ambulante sozialpädagogische Dienste vergütet. Darüber hinaus haben sich in den letzten Jahrzehnten weitere Finanzierungsformen entwickelt. Das sog. Einkaufsmodell ermöglicht es Klient:innen, anstelle von Sachleistungen Geldleistungen (wie z.B. Pflegegeld, persönliches Budget oder Gutscheine; services-in-cash) zu erhalten, um Dienstleistungen am „Sozialmarkt“ (S. 175) frei einzukaufen. Dies stärkt zwar die Selbstbestimmung der hilfebedürftigen Personen, führt aber auch zu marktwirtschaftlichen und wettbewerbsorientierten Tendenzen in der Sozialwirtschaft.
Ebenso werden in Kapitel 4 ausgewählte nichtöffentliche Finanzierungsquellen vorgestellt. Nichtöffentliche Mittel, die nach Innen- und Außenfinanzierungsformen unterschieden werden, spielen quantitativ vielleicht eine geringere, aber strategisch wichtige Rolle. Zur Innenfinanzierung zählen solche Finanzmittel, die intern durch die betrieblichen Leistungsprozesse generiert und direkt als Produkte und Dienstleistungen (z.B. durch Werkstätten) verkauft werden, Rückstellungen (für erwartete Kosten wie Instandhaltung) und Rücklagen (aus Überschüssen gebildet, zur Stärkung der finanziellen Stabilität und Kreditwürdigkeit) sowie Mitgliedsbeiträge (z.B. bei vereinsrechtlich organisierter Trägerschaft). Die Außenfinanzierung bezieht sich auf externe Mittelzuflüsse. Dazu zählen u.a. Sponsoringaktivitäten, also umsatzsteuerpflichtige, vertraglich geregelte Geld- oder Sachleistungen durch Unternehmen als Gegenleistung für deren Werbung und Imageförderung, aber auch die gezielte Beschaffung von weiteren privaten Mitteln und Ressourcen (z.B. Spenden und Stiftungsförderung). Den Schluss des Kapitels 4 bildet eine Auseinandersetzung mit dem Gemeinnützigkeitsrecht, das freien Trägern steuerliche Vorteile ermöglicht.
Die abschließende Schlussbetrachtung in Kapitel 5 setzt sich noch einmal mit der Komplexität der Finanzierung der Sozialwirtschaft in Deutschland auseinander, die in einem sozialen „Quasimarkt“ hauptsächlich durch öffentliche Mittel aus „Sozialversicherungsbeiträge[n] und Steuermittel […] ergänzt durch private Mittel“ erfolgt (S. 231). Im Vordergrund steht dabei immer die Herausforderung für Sozialmanager:innen, gleichzeitig die wirtschaftliche Effizienz und die Qualität der sozialen Dienstleistungen zu sichern, um den gesellschaftlichen Auftrag der Sozialen Arbeit aufrechtzuerhalten.
Diskussion
Das Buch bietet einen guten Überblick über die unterschiedlichen Bereiche der öffentlichen und privaten Finanzierung. Dabei werden im Sinne des sozialrechtlichen Dreiecksverhältnisses zunächst die Finanzierung der Leistungsträger und anschließend die Einnahmeseite der freien Träger differenziert dargestellt. Dies verbindet die Makro-, Meso- und Mikroebene der Finanzierung. Die Lesenden erhalten neben einer Vielzahl an Beispielen und Instrumenten für das Management von sozialen Organisationen ebenso ein gutes Begriffsverständnis über die Grundlagen und verstehen die Zusammenhänge insbesondere der öffentlichen Finanzierungsformen und des Fördermittelrechts.
Die im Buch dargestellte Evaluation verschiedener Finanzierungsinstrumente (z.B. Zuwendungsvergabe, Zuwendungsverträge und Leistungsverträge in Abschnitt 4.1.1) zeigt Wege auf, wie zukünftig stärker noch die latenten Macht- und Diskursverhältnisse zwischen begünstigten Personen (Individuen), den leistungserbringenden Einrichtungen (Organisationen) und dem Leistungsträger (Staat) stärker hinterfragt und zum Ausgangspunkt kritischer Analysen (z.B. in den hochschulischen Lehre des Sozialmanagements) gemacht werden können. Das Buch erläutert detailliert die Vergabeverfahren und die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Finanzierung von Personalkosten, welche die Wettbewerbssituation und die Arbeitsbedingungen bei Trägern der freien Wohlfahrtspflege bestimmen. Ein zentraler Kritikpunkt ist das Besserstellungsverbot (Novakovic, 2024; im Buch dargestellt auf S. 164), das verhindert, dass Mitarbeitende von Zuwendungsempfänger:innen besser bezahlt werden dürfen als Angestellte im öffentlichen Dienst. Das führt in der Praxis oft zu – sozialpolitisch wie sozialwirtschaftlich durchaus brisanten – Diskussionen über „gerechte Arbeitsbedingungen“ oder gar einer „Schlechterstellung von Mitarbeitenden“ bei freien Trägern.
Ebenso setzt sich das Buch mit dem Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftlichkeit auf der einen und sozialer Qualität auf der anderen Seite auseinander (z.B. bei der Ausarbeitung von Prüfvereinbarungen nach § 76 Abs. 3 SGB XII; im Buch auf S. 185 dargestellt). Ähnliche Herausforderungen stellen sich bei der in der Praxis gängigen Zuwendungsart der Fehlbedarfsfinanzierung, die kritisch hinterfragt wird, weil sie „falsche ökonomische Anreize“ (S. 157; zit. N. Teske, 2006, S. 63) setzt. Wenn Zuwendungsempfänger:innen bei Erwirtschaftung zusätzlicher Eigenmittel eine Reduktion ihrer öffentlichen Zuwendung erfahren, wird die Motivation zur Einwerbung von Drittmitteln oder zur Steigerung der Einnahmen gebremst. Das stellt in der Praxis häufig eine nur schwer lösbare Aufgabe dar. Kurzum: eine Diskussion dieser und weiterer Folgen einer „Ökonomisierung des Sozialen“ (Funcke & Krüger, 2023) und die Frage nach geeigneten (sozial-)politisch intendierten, sozialrechtlich legitimierten und nachhaltig wirksamen Anreizstrukturen stellen mithin eine weitere theoretisch wie praktische Schlussfolgerung und zugleich zukünftige Forschungsperspektive dar.
Obwohl nichtöffentliche Mittel quantitativ eine geringere Rolle spielen, sind sie bedeutsam für die Eigenmittelerbringung. Der Umgang mit diesen Mitteln (Sponsoring, Fundraising) wirft auch ethische und strategische Fragen auf, die im Buch andiskutiert werden. Es ist gar von einem „Produkt Mitgefühl“ (S. 199) die Rede, welches zur Handelsware gemacht wird, und den Weg zu einer kritischen Diskussion von „ethischen Grundsätzen“ des Helfens (S. 204) bahnt. Vor diesem Hintergrund zeigen sich relevante Schnittpunkte und Anknüpfungsstellen auch zu anderen betriebswirtschaftlichen Funktionsbereichen des Sozialmanagements, wie hier z.B. dem Sozio-Marketing, strategischen Management und allgemein der Unternehmensführung von Sozialbetrieben.
Fazit
Ludger Kolhoffs Finanzierung der Sozialwirtschaft bietet eine fundierte und zugleich praxisnahe Einführung in die komplexen Finanzierungsmechanismen sozialer personenbezogener Dienstleistungen in Deutschland. Das Lehrbuch überzeugt durch eine klare Systematik, die Verbindung von theoretischen Grundlagen mit realitätsnahen Beispielen und liefert damit ein Kompendium für die hochschulische Lehre der finanziellen Grundlagen im Sozialmanagement.
Verwendete Literatur
Funcke, D., & Krüger, F. (2023). Die Ökonomisierung des Sozialen: Vergesellschaftungsdynamiken in der Familie (1. Auflage). Beltz Juventa.
Klatetzki, T. (2010). Zur Einführung: Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisation als Typus. In T. Klatetzki (Hrsg.), Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen (S. 7–24). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92474-8_1
Novakovic, A. (2024). Das Besserstellungsverbot im Zuwendungsrecht. https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Fachinfos/2025-05-05-Besserstellungsverbot-Handreichung-aktualisiert.pdf
Teske, W. (2006): Welchen Stellenwert haben öffentliche Zuwendungen für die zukünf tige Finanzierung der Sozialwirtschaft? In B. Maelicke (Hrsg.), Finanzierung in der Sozialwirtschaft (S. 58–65). Baden-Baden: Nomos.
Rezension von
Maik Arnold
Mailformular
Es gibt 1 Rezension von Maik Arnold.





