Leon A. Brandt, Silja Hauß et al.: Junge Menschen
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 04.09.2025
Leon A. Brandt, Silja Hauß, Michael Kölch, Thomas Meysen, Christian Schrapper: Junge Menschen in stationärer Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wichtige Kooperation mit Risiken ? eine Fallstudie zum »Komplex Winterhoff«. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2025. 138 Seiten. ISBN 978-3-8188-0031-4. 29,90 EUR.
Reihe: Soziale Praxis.
Thema
Medienberichte haben Vorwürfe junger Menschen gegen Behandlungen des Bonner Kinder‑ und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff öffentlich gemacht. Dies war Anlass, die Verantwortung des Jugendamtes Bonn für betroffene junge Menschen zu untersuchen. Vorgestellt werden zum einen Fallanalysen zur Wahrnehmung und zu Kontroversen dieser Verantwortung. Sie zeigen, wie sehr junge Menschen darauf angewiesen sind, in ihren Rechten auf Aufklärung über Chancen und Risiken medizinischer Behandlungen entschieden informiert und vertreten zu werden, und wovon es abhängt, ob dies konkret gelingen kann. Zum anderen werden in zwei Expertisen der aktuelle rechtliche Rahmen sowie fachliche Grundlagen der Kooperation in diesem ebenso traditionsreichen wie spannungsreichen Verhältnis von Medizin und Pädagogik ausgeleuchtet.
Autor:innen
Alle Beteiligten sind Mitarbeiter:innen des Instituts für Soziale Arbeit Münster.
Aufbau und Inhalt
Die Stadt Bonn hatte seinerzeit das ISA damit beauftragt, eine Fallstudie zum „Komplex Winterhoff“ durchzuführen, deren Abschlussbericht im ersten Kapitel abgedruckt ist. Nach einer einführenden kritischen Einordnung der Person Winterhoff sowie des um ihn herum entstandenen Diskurses werden Auftrag, Zielsetzung, methodisches Vorgehen sowie die zentralen Befunde der Untersuchung dargestellt und erläutert. Der Bericht schließt mit Hinweisen und Empfehlungen zum Verständnis und zur Gestaltung der Verantwortung zwischen Jugendamt, freien Trägern und Kinder‑ und Jugendpsychiatrie im Rahmen der Gesundheitsfürsorge. Es folgt im zweiten Kapitel die Auseinandersetzung mit den Rechten junger Menschen, die sich in den Systemen der Jugendhilfe sowie der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie bewegen. Das dritte Kapitel beleuchtet ein heikles Thema, das in der Praxis häufig schwierig ist – nämlich die Kooperation zwischen Jugendhilfe und Kinder‑ und Jugendpsychiatrie.
Statt einer Beschreibung der Fallanalyse sollen an dieser Stelle die sechs Erkenntnisse aus dieser kurz referiert werden, die sich am Ende des ersten Kapitels finden:
- Wichtig scheint es zu sein, auf das zu hören, was Kinder sagen, aber auch Im Blick zu haben, worüber sie eben nicht sprechen können oder wollen. „Erst wenn Sie sich glaubhaft für die Selbst‑ und Welterklärungen der Kinder, Jugendlichen und jungen Volljährigen interessieren, können Zugang und Begleitung gerade in kritischen Lebensphasen gelingen“ (S. 48 f.)
- Unverzichtbar ist der Kontakt mit anderen Disziplinen, um „Erklärungswissen und Verstehens-Zugänge“ (S. 49) zu generieren – und zwar nur diese. Es geht nicht darum, aus anderen Bereichen Lösungen präsentiert zu bekommen, aber keine Lösungen. Wer auch für komplexe Problemstellungen einfache Antworten verspricht, sollte hinterfragt werden – erst recht, wenn diese Person keinerlei Zweifel an seinen Äußerungen zulässt.
- Selbstbewusstsein im eigenen Fachbereich spielt eine große Rolle, um sich zum Beispiel mit Klarheit und Sicherheit gegen Einmischung von anderen Disziplinen in die eigenen Aufgaben zu wehren.
- „Mit Uneindeutigkeit und Unsicherheit konstruktiv umgehen können, ist eine der Kernkompetenzen für die Förderung und Begleitung von Prozessen der Entwicklung und Erziehung von Kindern“ (S: 49). Und genau deshalb ist das Miteinander der Disziplinen so enorm wichtig, um Unsicherheiten bezüglich der Entwicklungen von Kindern zu besprechen.
- Strukturelle Kooperationen zwischen Kinder‑ und Jugendhilfe und Kinder‑ und Jugendpsychiatrie bedingen eine genaue Definition, „um welche Art der Zusammenarbeit es sich handelt und was hier strukturell geregelt werden muss, damit die Zusammenarbeit für das konkrete Kind gelingen kann“ (S: 49).
- Kritische Diskurse sowohl intern aber auch in der Öffentlichkeit sind von immenser Bedeutung, um falsche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und damit zu einer Weiterentwicklung zu führen.
Im zweiten Kapitel wird deutlich, dass auch in der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie Aufklärung und Einwilligung von großer (rechtlicher) Bedeutung sind. Und vor allem: Therapie ist ein Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und dem daraus resultierenden Recht auf medizinische Selbstbestimmung, was einen sorgfältigen Umgang damit erforderlich macht. In diesem Zusammenhang wird zum Beispiel auch beschrieben, wie es bei Minderjährigen überhaupt mit der Einwilligungsfähigkeit und ‑befugnis aussieht.
Der dritte Teil des Buches will Grundlagen schaffen, damit Die Expertise hat zum Ziel, die Grundlagen für gelingende Kooperation zwischen den Disziplinen zu ermöglichen. Im Blickpunkt stehen dabei grundsätzliche Aspekte von psychischen Störungen bei Minderjährigen, Epidemiologie und Risikofaktoren sowie die erhöhte Prävalenz von psychischen Störungen bei Kindern in Einrichtungen der Jugendhilfe. Es folgt ein Blick auf die Grundlagen des diagnostischen und therapeutischen Arbeitens sowie eine Beschreibung des psychiatrischen und psychotherapeutischen Systems in Deutschland. Den Abschluss bildet die Auseinandersetzung mit strukturellen und fallbezogenen Kooperationen zwischen den Systemen. Hier wird untersucht, wie diese gelingen können, und der Rahmen aufgezeigt, in dem sich ärztliches Handeln gesetzlich wie untergesetzlich bewegt. Daran anschließend wird das KJPP-Versorgungssystem in Deutschland dargestellt. Im dritten Teil der Expertise stehen die Kooperationsaspekte im Vordergrund, sowohl was struk turelle als auch fallbezogene Kooperationen angeht – gerade auch im Hinblick auf die schwierigen Einzelfälle, die gerne als ‚Systemsprenger‘ bezeichnet werden.
Diskussion
Wer es in der Praxis erlebt hat, weiß nur zu gut, dass die Kooperation zwischen Jugendhilfe und Kinder‑ und Jugendpsychiatrie schwierig ist, weil die Sprache oft nicht dieselbe zu sein scheint, was zu unnötigen Diskussionen und Reibungsverlusten sowohl strukturell als auch im Einzelfall führt. Umso wichtiger ist, dass dieses Buch Grundlagen für gegenseitiges Verstehen schafft und insofern hoffentlich etwas sät, was sich – gerne auch erst einmal in kleinen Schritten – irgendwann ernten lässt. Die Expertise der Autor:innen kann hier eine große Hilfe sein. Die Idee, diesen Ansatz mit der Aufarbeitung des „Komplex Winterhoff“ zu koppeln, ist nicht nur richtig, sondern auch großartig, wird doch hier deutlich, wie ein Einzelner mit seinem Auftreten dafür sorgt, dass kein Widerspruch, kein Hinterfragen möglich ist. Es gebührt dem Jugendamt Bonn Anerkennung für den Mut, das öffentlich zu machen und sich mit den Expert:innen des ISA jemanden ins Haus zu holen, der die Finger mit hoher Qualität in die Wunden legt. Aber nur so ist Lernen möglich.
Fazit
Ein wichtiges Buch, das eine Grundlage sein könnte, um das Verhältnis voller Missverständnisse zwischen Jugendhilfe und Kinder‑ und Jugendpsychiatrie zu verbessern.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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