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Kurt Franz, Claudia Maria Pecher et al. (Hrsg.): Erzählen gegen das Vergessen

Rezensiert von Dr. Torsten Mergen, 02.09.2025

Cover Kurt Franz, Claudia Maria Pecher et al. (Hrsg.): Erzählen gegen das Vergessen ISBN 978-3-8340-2271-4

Kurt Franz, Claudia Maria Pecher, Maximilian Mihatsch (Hrsg.): Erzählen gegen das Vergessen. Das Jahr 1933 in Geschichte und Gegenwart. Schneider Verlag Hohengehren (Bielefeld) 2025. 174 Seiten. ISBN 978-3-8340-2271-4. 19,80 EUR.
Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur: Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach e.V. - Band 57 (2025).

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Thema

Die Jahrestagung der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur war 2023 dem Thema „Erzählen gegen das Vergessen. Das Jahr 1933 in Geschichte und Gegenwart“ gewidmet. Anlass für die Tagung war die Erinnerung an die Bücherverbrennungen infolge der Machtübernahme der Regierungsgeschäfte durch eine Koalition unter Führung der NSDAP und der Ernennung Adolfs Hitlers zum Reichskanzler. Dem auf der Jahrestagung basierenden Sammelband geht es einerseits um eine kritische Musterung der kinder- und jugendliterarischen Werke, die der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, respektive den Verfolgungen bzw. Repressionen gegenüber den jeweiligen Autorinnen und Autoren. Andererseits thematisieren unterschiedlich lange Beiträge von Politikerinnen und Politikern, Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Leitfrage, wie Literatur dazu beitragen kann, dem Vergessen vorzubeugen, das Erinnern an die Verbrechen lebendig zu halten, ferner einen Beitrag dafür zu leisten, dass zukünftige Generationen aus der Vergangenheit lernen können.

Herausgeber:innen

Prof. Dr. Kurt Franz, geb. 1941, arbeitete als Lehrer für Deutsch, Geschichte, Geografie und Kunsterziehung. Er promovierte über mittelalterliche Spruchdichtung und habilitierte über J. P. Hebel an der Ludwig-Maximilians-Universität München; von 1993 bis 2006 war er Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Regensburg. Zudem ist er Ehrenpräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur und stellvertretender Vorsitzender der „Märchen-Stiftung Walter Kahn“.

Maximilian Mihatsch, geb. 1996, ist katholischer Theologe und Bildungsreferent in der Landesfachstelle für Büchereien und Bildung im Sankt Michaelsbund sowie Mitglied des Präsidiums der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Dr. Claudia Maria Pecher, geb. 1976, ist Literaturwissenschaftlerin und Präsidentin der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Nach dem Studium der Neueren Deutschen Literatur, Linguistik und katholischen Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München promovierte sie über „Das Weltkonzil von Trient in franziskanischer Vermittlung“. Im Anschluss war sie Geschäftsführerin der „Märchen-Stiftung Walter Kahn“ und Geschäftsführerin der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, ferner war sie Lehrbeauftragte am Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seit 2020 ist sie Leiterin der Landesfachstelle für Bibliotheken des Sankt Michaelsbunds in Bayern.

Entstehungshintergrund

Die 1976 gegründete Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur veranstaltet regelmäßig Tagungen zur Erforschung einschlägiger Themen und gibt die „Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach e.V.“ heraus. Als Ergebnis der Tagung von 2023 zu „Erzählen gegen das Vergessen. Das Jahr 1933 in Geschichte und Gegenwart“, die als Kooperationsveranstaltung mit dem Sankt Michaelsbund und der Bayrischen Staatsregierung durchgeführt wurde, ist als Band 57 der Schriftenreihe der gleichnamige Sammelband erschienen. Finanziell unterstützt wurde die Drucklegung durch Mittel des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband besteht aus zwei Grußworten und einem Vorwort sowie 14 Textbeiträgen unterschiedlicher Länge. Im ersten Grußwort betont der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck die Bedeutung der Aufklärung über die deutsche Vergangenheit, um aktuellen Entwicklungen von Antisemitismus und Rassismus zu begegnen. Gudrun Brendel-Fischer, Integrationsbeauftragte der Bayrischen Staatsregierung, hebt die Arbeit an der Haltung zukünftiger Generationen hervor sowie die Bedeutsamkeit der Tagungsthematik für die Erinnerungskultur.

Das Vorwort des Herausgeberteams des Sammelbandes stellt die Intentionen des Projektes vor: Es fokussiert die Art und Weise, wie Literatur gegen das Vergessen der Vergangenheit gestaltet und eingesetzt werden kann. Ferner wird nach dem Beitrag zur Ermöglichung einer weltoffenen Gesellschaft durch Literaturschaffende, Pädagoginnen und Pädagogen, Büchereiteams und weitere Akteure des Bildungs- und Kulturbetriebs gefragt.

Darauf folgen zwei Redebeiträge. Im ersten thematisiert Josef Schuster, Präsident der Zentralrats der Juden in Deutschland, die Kernfrage: „Wie kommt jemand eigentlich auf die Idee, Bücher zu verbrennen? Und dies auch noch als ‚Aktion wider den undeutschen Geist‘ zu feiern?“ (S. 2) Detailliert geht er auf den sukzessive erfolgten Ausschluss und die Segregation von Jüdinnen und Juden im Allgemeinen und Kindern bzw. Jugendlichen jüdischen Glaubens aus der Gesellschaft nach 1933 ein. Am Beispiel verschiedener Textdokumente und Kurzgeschichten, etwa von Isaac Bashevis Singer, Ronen Steinke oder Amos Oz, verdeutlicht Schuster, welche Folgen die Repressalien evozierten. Ferner fragt er nach den Grundlagen und Herausforderungen der sogenannten wehrhaften Demokratie in Deutschland. Die Rede des Historikers Michael Wolffsohn, der 2024 den „Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur“ für die Vermittlung jüdisch-israelischer Themen in Medien und Gesellschaft erhielt, beinhaltet bereits im Titel eine Provokation: „Hinweg mit der deutschen Erinnerungskultur“ (S. 12). Wolffsohn führt Monita gegen eine Gedenkkultur als „inflationiertes Ritual“ (S. 14) aus und kritisiert: „Je ferner und fremder und abstrakter die zu Betrauernden, desto geringer die echte, innere Anteilnahme.“ (S. 14) Er plädiert hingegen für eine „‚bunte‘ Gedenkkultur“ (S. 18), die multidirektional ausgerichtet ist und sich „der mehrdimensionalen, ‚bunten‘, heterogenen neudeutschen Demographie“ (S. 19) durch Integration vielfältiger Gruppen in den Erinnerungsprozess anpasst.

Daran schließen sich sechs Fachbeiträge mit (literatur-)historisch-rekonstruierender Schwerpunktsetzung an: Der in Aberdeen lehrende Historiker Thomas Weber untersucht die Krisen der späten Weimarer Republik und die Erkenntnisse, die für die Gegenwart aus der Machtübertragung im Jahre 1933 zu ziehen sind. Der Slawist und Politologe Marc Stegheer beleuchtet die Rezeption und Folgen des Jahres 1933 in der Sowjetunion. Die KJL-Forscherin Gabriele von Glasenapp geht ausführlich und multiperspektivisch auf die Rolle der Kinder- und Jugendliteratur im Kontext der Bücherverbrennungen im Jahr 1933 ein – genauer konstatiert sie eine weitgehende „Ausblendung kinder- und jugendliterarischer Werke“ (S. 60) im zeitgenössischen Erinnerungsprozess. Um das recht breite Korpus zu ermitteln, analysiert sie die sog. Schwarzen Listen der Nationalsozialisten und listet „alle Namen kinder- und jugendliterarischer Autorinnen und Autoren, deren Werke von den Nationalsozialisten im April/Mai 1933 unter Jugendschriften rubriziert wurden“ (S. 50), auf, ergänzt um weitere Texte mit KJL-Bezug. Es wird deutlich, dass viele heute nur noch in Expertenkreisen bekannte Autorinnen und Autoren darunter sind wie Anija Barto, Helena Bobinska, Emil Sonnemann, Carl Dantz, Annie Geiger-Gog, Kurt Kläber, Maria Leitner oder Bruno Schönlank. Das weitgehende Vergessen der Texte und ihrer Urheber führt von Glasenapp einerseits auf die Rezeptionsprozesse in der Nachkriegszeit zurück, darüber hinaus aber auch auf die besondere Rolle Erich Kästners im Kontext der Bücherverbrennung, dessen Texte nach 1945 „fast noch populärer als vor 1933“ (S. 57) waren. Vertieft wird die Stellung Kästners im Beitrag von Uwe Wittstock, der sich kritisch mit der Studie Tobias Lehmkuhls zu „Erich Kästner im Dritten Reich“ aus dem Jahr 2023 befasst und manche Autorenfeststellungen hinterfragt. Jana Mikota von der Uni Siegen widmet sich in ihrem Beitrag verschiedenen Autorinnen und ihren Romanen – Lisa Tetzner, Adrienne Thomas, Erika Mann und Alex Wedding – und zeigt, welche Rolle entsprechende Texte für den Deutschunterricht spielen können, um sich nicht nur „mit Literaturgeschichte auseinanderzusetzen, sondern auch mit Demokratie und Fragen der Gegenwart“ (S. 71). Die Gießener Geschichtsdidaktikerin Monika Rox-Helmer betrachtet am Beispiel von Ursula Flackes historischem Jugendroman „1933. Feuer!“, der zwischen Februar 1933 und Winter 1933/34 spielt und die Stationen der sog. Gleichschaltung fiktionalisiert, Formen der Perspektivenübernahmekompetenz und der Identifikation mit Romanfiguren, um bei jugendlichen Leserinnen und Lesern Geschichtsbewusstsein anzubahnen.

Die folgenden sieben Beiträge verfolgen divergente Zielsetzungen: Der Schriftsteller Robert Domes gewährt für den Roman „Nebel im August“ Einblicke in die Textgenese und die Recherche für diesen historischen Jugendroman. Ferner schildert er die Faktoren des Erfolges und der Rezeption, bis hin zur Kinoverfilmung 2015. Der Medienwissenschaftler Marcus Stiglegger widmet sich der filmischen Reflexion des Holocausts seit 1946 und analysiert Kinder- und Jugendfilme über den Holocaust im Speziellen. Besonders die Verfilmung von „Der Junge im gestreiften Pyjama“ wird insoweit als Coming-of-Age-Film kategorisiert: „Wir als Publikum sollen reifen und erkennen.“ (S. 121) Der Pädagoge Reiner Engelmann betont das Potenzial von Zeitzeugenbiografien für historisch-politisches Lernen, indem er sechs konkrete Auszüge vorstellt und knapp didaktische Impulse erläutert. Harald Parigger beschreibt persönliche biografische Berührungspunkte mit Leben und Werk des österreichischen Autors und Literaturkritikers Friedrich Torberg (1908-1979), dessen Werke 1933 in Deutschland verboten wurden und der 1938 ins Exil ging, sowie mit Ilse Weber (1903-1944), die Märchen, Lieder und Erzählungen für Kinder schrieb und in Auschwitz starb. Beide repräsentieren für Parigger „die Auslöschung der ganzen großartigen ungarisch-tschechisch-österreichischen jüdischen Kultur“ (S. 146). Die Journalistin Iris Schürmann-Mock stellt Skizzen einer umfangreichen Recherche auf „den Spuren vergessener Schriftstellerinnen“ (S. 150) vor, exemplarisch geht sie auf Adrienne Thomas, Alma Johanna Koenig und Selma Merbaum ein. Franz Ritter erläutert markante Stationen einer Ausstellung im Bayerischen Schulmuseum Ichenhausen, die sich mit der Auslöschung der örtlichen jüdischen Gemeinde befasste. Besonders widmet er sich dem Lebensweg Anneliese Rotenbergs, der Facetten und Konsequenzen der Verfolgung an einem Einzelfall deutlich werden lässt. Abgerundet wird der Sammelband durch die Täterperspektive, vorgestellt von Henning Schroedter-Albers in dessen Beitrag „Der gute, verblendete SA-Mann 1933/1934“, in dem die Rolle der SA bei der Bücherverbrennung exemplarisch beleuchtet und die Rivalität von SA und SS herausgearbeitet werden.

Diskussion

Der Sammelband „Erzählen gegen das Vergessen“ bietet eine abwechslungsreiche und fundierte Auseinandersetzung mit der Thematik Bücherverbrennung 1933, Stationen und Folgen der Gleichschaltung 1933/34 sowie Nachkriegsrezeption dieser markanten Phase der deutschen Geschichte in Literatur und Film. Dazu vereint er Perspektiven aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (u.a. Geschichte, Germanistik, Medienwissenschaft und Bildungswissenschaft), aus der Publizistik sowie der schulischen wie außerschulischen Bildungsarbeit. Den Bücherverbrennungen von März bis Oktober 1933 fielen auch KJL-Texte zum Opfer, was meistens nur peripher in der Öffentlichkeit beachtet wird. Die Beiträge reflektieren mit je genuiner Schwerpunktsetzung, wie Kinder- und Jugendliteratur Erinnerung an das Jahr 1933 im Speziellen generieren kann, aber auch Wissen und Sachinformationen über das NS-Unrechtssystem im Allgemeinen anbahnen, bewahren und vertiefen kann. Zugleich zeigen die Beiträge sorgfältig und mit fachlichen Bezügen die Gegenwartsbedeutsamkeit auf, wenn es darum geht, die Demokratie zu stärken und zur Gestaltung einer offenen Gesellschaft durch Identitätsstiftungs- und Perspektivenvielfalt anzuregen.

Fazit

Der facettenreiche Sammelband „Erzählen gegen das Vergessen. Das Jahr 1933 in Geschichte und Gegenwart“ beinhaltet die Vorträge und ergänzende Beiträge der Jahrestagung 2023 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Der Band thematisiert die Rolle der Kinder- und Jugendliteratur bei den Bücherverbrennungen im Jahre 1933, denen auch mehrere Werke für Kinder und Jugendliche zum Opfer fielen. Zugleich macht er an vielen Einzelbeispielen deutlich, welche Konsequenzen die von den Nationalsozialisten so bezeichnete „Aktion wider den undeutschen Geist der Deutschen“ unmittelbar für die Werke und den Lebensweg von jüdischen, marxistischen, neusachlichen und pazifistischen Schriftstellerinnen und Schriftstellen hatten. Auch die Rezeption der betroffenen Texte in der Nachkriegszeit und die Verarbeitung der Bücherverbrennung in der Gegenwartsliteratur mit Schwerpunkt KJL wird kritisch beleuchtet, auch mit Fokus auf die deutsche Erinnerungskultur und die Demokratiebildung in der Schule.

Rezension von
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Es gibt 45 Rezensionen von Torsten Mergen.

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ISSN 2190-9245