Ahmed el- Kordi: Wen therapieren und warum?
Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 25.02.2026
Ahmed el- Kordi: Wen therapieren und warum? Ethische, therapeutische und sozialrechtliche Aspekte der psychotherapeutischen Indikationsstellung.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
196 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3361-1.
D: 32,90 EUR,
A: 33,90 EUR.
Reihe: CIP-Medien.
Thema
Der Autor fächert das von ihm behandelte Thema der Indikationsstellung sehr breit auf. Er unterscheidet die medizinische von der psychotherapeutischen Indikation sowie patientenbezogene und therapeut:innenbezogene Aspekte und stellt Alternativen dar, wenn eine Richtlinienpsychotherapie nicht in Frage kommt.
Autor
Der Autor ist als verhaltenstherapeutischer Psychologischer Psychotherapeut und als Kinder‑ und Jugendlichen-Psychotherapeut in eigener Praxis sowie als Dozent an verschiedenen Ausbildungsinstituten tätig.
Entstehungshintergrund
Der im Titel des Buches (Wen therapieren und warum) und im Untertitel (psychotherapeutische Indikationsstellung) beim Rezensenten erzeugte Eindruck einer gewissen thematischen Offenheit wird vom Autor im ersten Kapitel (Begriffsdefinition und Gegenstandsbestimmung) eingeschränkt. Die Grundlage seiner Ausführungen sind die Anforderungen der Psychotherapie-Richtlinien an die ambulante kassenfinanzierte Psychotherapie. Durch sie werden unter anderem die Motivierbarkeit und die Umstellungsfähigkeit der Patient:innen und die Zweckmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit der Therapie zu entscheidenden Indikationskriterien gemacht.
Aufbau und Inhalt
Der Autor behandelt den komplexen einer ambulanten Psychotherapie vorangestellten Indikationsprozess aus verschiedenen Blickrichtungen. Er verweist darauf, dass in der Psychoanalyse die Entscheidungen vor und während der Therapie in einer vertieften fachlichen Diskussion geführt werden, dass in der Praxis die Entscheidung häufig pragmatisch zugunsten der Verhaltenstherapie getroffen wird, da psychoanalytische bzw. tiefenpsychologisch fundierte Therapieangebote zunehmend seltener zur Verfügung stehen. Dementsprechend wird von ihm hervorgehoben, „dass die Verhaltenstherapie als Psychotherapieverfahren für jeden und alle geeignet ist.“ (S. 39) Es schließt sich eine ausführliche Darstellung des durch die Richtlinien definierten Gegenstandskatalogs für Störungsbilder und der Kontraindikationen an.
Diskussion
Das Thema des Buches behandelt eine Frage, die sich jedem praktizierenden Psychotherapeut:innen regelmäßig stellt. Selbstredend kennt auch jede:r in der ambulanten Versorgung tätige Psychotherapeut:in mit einer kassenärztlichen Zulassung die ausführlich dargestellten Psychotherapierichtlinien. Ohne ihre Kenntnis wäre es kaum möglich, einen Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkassen zu stellen, der von Gutachter:innen geprüft werden muss.
Aus der Praxis gibt es auch Hinweise darauf, dass Symptome verschwimmen, sodass die Schilderungen der Patient:innen unklar bleiben. Das könnte auf einen durch die zunehmende Nutzung von digitalen Medien, aber auch durch den Verlust an Bindungs‑ und Beziehungssicherheit zunehmenden Verlust an innerpsychischen Strukturen hindeuten. Ein lohnendes Thema.
Ich hoffe, dass ich die Ausführungen des Autors nicht gründlich missverstanden habe.
Worin ich dem Autor zustimme, ist die Einschätzung, dass Erwartungen von Patient:innen im Sinne einer Lifestyle und Selbstoptimierung zurückzuweisen sind.
Letztlich bedeutend in einer Therapie ist die Beziehung zwischen Patient:in und Therapeut:in. Therapie hilft nur, wenn es hier eine gute, akzeptierende, aufrichtige Beziehung gibt. Wenn Therapeut:innen offen mit ihren Gefühlen umgehen, können sie ein Modell für die Patient:innen sein und zu einer größeren Offenheit beitragen. Wird die Beziehung aber dadurch geprägt, dass der:die Therapeut:in in einer obrigkeitsgläubigen Weise die Kriterien der Richtlinien versucht anzuwenden, nimmt diese Beziehung zwangsläufig Schaden, weil die Patient:innen merken, dass die Therapeut:innen nicht bereit sind, sich offen auf sie einzulassen. Verstehen wir Psychotherapie als „Heilkunst“, bedeutet das nichts anderes, als die Widerstände aus dem Weg zu räumen, die verhindern, dass das Streben nach Glück und Gesundheit wirksam wird.
Fazit
Da diese Widerstände oft nicht bewusst sind, besteht die „Kunst“ darin, einen Zugang durch die Beziehung zwischen Therapeut:in und Patient:in zu finden. Weil dieser Prozess sehr verschlungen sein kann, ist es weder aus fachlichen Gründen sinnvoll noch aus ethischen Gründen geboten, ihn durch Einschränkungen, die ausschließlich ökonomischen Motiven folgen, einzuschränken. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der kritischen Auseinandersetzung mit den Psychotherapierichtlinien.
Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Dipl.-Supervisor
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